Klaus Mattes

Der Sinn. Das Glück. Das Ende.


Ein einzelner Grashalm auf einer Blumenwiese im frühen Sommer. Du erwartest nicht, dass sein Dasein einen Sinn hat. Du hast dich nie gefragt, wie lange lebt er, muss er sterben, macht ihn das traurig, kommt er irgendwann wieder. Aber da ist er auch so und ohne dich. Du könntest mit genauerer Untersuchung seinen Zweck bestimmen, ja bewerten, im Rahmen von etwas viel Größerem, eines gewaltig komplexen Systems. Bloß ist sein Zweck extrem winzig. Ähnlich blickst du auf die Zwecke jedes einzelnen Regenwurms und jeder Ratte. Es muss und darf sie sicher alle geben, so wie es dich geben muss. Allerdings würdest du nicht annehmen, dass je ein Konstrukteur eine Minute mit Grübelei über den Zweck eines Brennsessellebens am Bach zugebracht hat. Wurm, Ratte, Nessel und Halm, sie alle dürften vornehmlich dazu da sein, dass es alles zusammen immer wieder weitergeht. Wo aber willst du die Gewissheit hernehmen, dass dein eigenes Dasein in irgendeiner Beziehung bedeutender wäre? Weil du drei andere Nesseln erzeugt und am Leben erhalten hast, darum etwa?

Der Sinn unserer Existenz ist immer nur für und in einzelnen Momenten erfassbar. Das Glück ist nur ein Moment inmitten von sehr viel Einerlei und sattem Unglück, Leiden nicht zu knapp. Die einzige Ewigkeit, die ein lebender und also demnächst gestorbener Mensch jemals erfassen wird, ist die in einem gewissen Moment enthaltene und erfahrene.

Dieser eine Nachmittag auf jener Wiese mit den Kindern. Diese eine Nacht mit dem Verrückten. Und manch anderes, was schon war und nicht mehr wiederkommt. Und einiges, das womöglich doch noch kommen mag. Alles andere ist, war und wird Matsch, Staub und Asche. Zwischendrin und leider nicht, das nur ist es, was wir sind und was wir sehen.

Wir wollen die Zukunft, aber wir schaffen sie nie. Wir haben alles verloren, alles ist schon wieder Vergangenheit und war nicht von Dauer. Wir brauchen den Moment. Leider lässt er sich so schlecht planen, einrichten, herstellten, herbeiführen. Er kommt über dich. Es gibt ihn. Jeder kennt ihn.

Das rührt an grundsätzliche Probleme der Psyche des Menschen. Irgendwann in der langen Geschichte dieser Spezies erfüllten gewissen Haltungen wohl eine Funktion, sonst hätte die Evolution sie nicht hervorgebracht:

Der Mensch kann selten, sehr selten richtig glücklich sein.

Die Menschen können einander nur in Ausnahmefällen ungebrochen und aufrichtig lieben.

Der Mensch kann auf die Dauer keinen Frieden aushalten.

Zumindest auf einen Menschen, nämlich mich, treffen alle drei Punkte zu. Man wird sich von Zeit zu Zeit ganz bewusst und absichtlich Mühe geben müssen, sich als Glücklichen zu begreifen.

In absehbarer Zeit wird die Menschheit sich selber abschaffen. Während viele von uns noch an eine Wiederkehr und ein paar schöne Wiedersehen nach dem Tod glauben, ahnen doch alle auch, dass die menschliche Rasse sich in weniger als zweihundert Jahren größtenteils ausgerottet haben wird, wie so viele andere Tiere und Pflanzen zuvor.

Wir wissen nicht absolut sicher, ob unsere Seelen aus dem Grab auferstehen. Viel sicherer steht fest, dass sämtliche Hinterlassenschaften sämtlicher Atomkraftwerke dieser Erde uns in den nächsten Millionen Jahren niemals tödlich vergiften werden. Ebenso sicher ist, dass jeder Angehörige einer entwickelten, demokratischen Gesellschaft, der das ganze Jahr zu seiner Arbeit und gelegentlich in den Urlaub gelangen sollte, sowie Woche für Woche seine Getränke einkaufen und irgendwann im Leben auch mal umziehen muss, immerdar das Anrecht auf ein Fahrzeug des individuellen Straßenverkehrs besitzen wird.

Fast so sicher ist, dass der freie Verkehr von Finanzmitteln rund um den Globus gewährleistet bleiben wird. Dass alle, wenn sie womöglich auch nicht mehr viel hinzubekommen, all das behalten können, was sie jetzt schon haben bzw. in absehbarer Zeit hinzu erben werden. Somit ist allzeit ausgeschlossen, dass die himmelschreienden Ungleichgewichte zwischen den Super-Besitzenden und den Milliarden übriger Menschen sich je merklich ändern. Ebenso ist ausgeschlossen, die Herstellung von Rüstungsgütern und deren Verkauf zu stoppen, denn Krieg braucht man letztlich immer weiter und immer wieder, wie Afghanistan, Mali, Ukraine, Serbien, Syrien, Irak, Haiti und so weiter uns gezeigt haben dürften. Die Zeiten des Kinderglaubens sind vorüber. Fasst euch bei den Händen, nehmt euch in den Arm, dann fasst die bei den Händen, die sich irgendwo anders die Köpfe einschlagen und die Glieder abtrennen!

Auch ist uns bekannt, dass ein einziges Handy für ein ganzes Leben nie und nimmer ausreichen kann. Wir wissen aber auch, dass sämtliche Bodenschätze des Planeten das hierfür nötige Material in den kommenden 200 Jahre unmöglich hergeben werden. Das und vieles andere wissen wir. Folglich wissen wir, dass wir innerhalb einer Handvoll kommender Generationen uns alle erledigen werden. Wir sehen ein, dass wir uns, bis dieses sich vollzogen haben wir, erst einmal gegenseitig die Gurgeln zudrehen und abschneiden. Es kann nicht anders sein.

Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass wir uns im Jenseits wieder treffen und es sehr friedlich, ruhig und lauschig sein wird. Daher könnten wir uns zu den ernsthaften Christen gesellen, die längst wissen, dass nichts mehr getan werden muss und kann, als zu glauben und zu beten. Denn das Wahre war nie hier, es wartet unser dort.

Was uns aber noch gelingen könnte, bevor wir granatenmäßig abstürzen: dass wir Maschinen erzeugen, die uns rundum kopieren und simulieren. Die sich von da an selbstständig verbessern, sodass sie sehr schnell keine Wartung und keinen Ressourcenverbrauch mehr benötigen und mit wenig Energie Jahrhunderte weitermachen und sich gegenseitig einen Globus vorspielen, wie er ohne Individualverkehr, Fleischverzehr, Verschleißkonsum, Krieg, Hunger, religiösen Hass, Bildungsmangel und wirtschaftliche Armut auskommen wird.

Natürlich werden selbst dann noch irgendwo ein paar von uns mit schlagenden Herzen und gezählten Tagen übrig sein. In den Tälern Neuseelands, in den Steppen Grönlands. Gewiss nicht in den verstädterten Gürteln zwischen Liverpool und Krakau oder zwischen Boston und Atlanta.

Sie werden Wilde sein und täglich um ihr Leben kämpfen. Vielleicht war von Anbeginn her genau dies der höhere Plan. Wir werden zur Linken und Rechten unseres Schöpfers sitzen und mit ihm in jenen 3-D-Amusement-Park hinaus blicken, den die Zockerprogramme der Erde miteinander spielen. Welche Intelligenz, die sich ab- und eine bessere Welt erschaffen hat.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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