Anna-Maria Wachtel

Love can change anyone

Beacon Hills war die Hölle auf Erden. Keine andere Stadt, konnte diese Geschehnisse ansatzweise aufbringen oder sogar überbieten. Vor einem Jahr war ich in diese Stadt gekommen um meinem Sohn Chris im Kampf gegen diese Monster zu unterstützen. Doch alles kam anders, anders als ich es mir jemals vorstellen hätte können. Ich hatte nicht nur meine Tochter, meine Schwiegertochter und meine über alles geliebte Enkelin an diese Monster verloren. Nein, was noch viel mehr schmerzte war der Verrat. Der Verrat meines eigenen Fleisch und Blutes. Chris hatte sich öffentlich gegen mich gestellt und sich auf die Seite des Möchtegern weltrettenden Werwolfes Scott McCall geschlagen. Doch ich wusste, dass diese Allianz niemals für die Ewigkeit bestimmt war. Chris würde früh genug selbst herausfinden, dass Derek Hale und Scott ihn nur für kurze Zeit brauchen würden, und dann würde er seine tote Frau schneller wiedersehen als im lieb war. Müde von dieser ganzen Tirade goss ich mir einen Whiskey ein, um wenigstens für eine Nacht Ruhe zu finden. In Gedanken ging ich jedoch immer wieder verschiedene Mordgedanken durch, doch keine passte perfekt für den Tod dieser beiden Werwölfe. Nach fünf Gläsern war immer noch keine Besserung eingetreten. Vielleicht konnte der Schlaf ja etwas retten, dachte ich und begab mich in das Schlafzimmer. 

 

Doch auch der Schlaf sollte mir keine Ruhe verschaffen. In meinen Träumen suchten mich Scott und Derek heim. Immer wieder sah ich ihre unmenschlich glühenden Augen, und besonders Derek’s rote Augen hefteten an mir. Je schneller ich rannte, desto näher kamen die Augen. Wenn ich versuchte auf sie zu schießen, standen sie plötzlich hinter mir und versuchten mich zu erwürgen. Schweißgebadet fuhr ich nach oben und schnappte nach Luft. Dieser Traum war anders als alle bisherigen, noch nie hatte es sich so real angefühlt. Langsam füllten sich meine Lungen wieder mit Sauerstoff und mein Körper kam wieder zur Ruhe. Meine Seele jedoch würde noch etwas Zeit benötigen, bis alles wieder wie früher war. Ein wie früher wird es niemals wieder geben, ging es mir durch den Kopf. Noch immer erschöpft schlurfte ich ins Badezimmer. Im Spiegel blickte ich in ein Gesicht, dass mir eigentlich bestens bekannt sein sollte. Jedoch hatte ich mein früheres Feuer verloren, jeder hätte sein Feuer verloren, nachdem was dir passiert ist Gerard, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Als mein Blick sich auf einen Hals senkte, konnte ich deutlich einen frischen Abdruck eines Würgemals erkennen. War es also kein Traum gewesen? Waren Derek und Scott hier gewesen und haben sie versucht mich zu töten? In Beacon Hills war es fast unmöglich zur Ruhe zukommen. Chris würde seine Meinung in der nächsten Zeit sowieso nicht ändern. Was hielt mich also noch hier? Ich brauchte dringend einen Tapetenwechsel, und wenn genug Gras über die Sache gewachsen war, oder wenn Chris mich brauchen würde, würde ich stärker den je zurückkehren. 

 

Die ganze restliche Nacht hatte ich Bücher und Zeitungsartikel gesichtet. In Großbritannien überschlugen sich die Meldungen von Tier angriffen. Ich spürte ein Ziehen in meinem Bauch und wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis mein inneres Feuer wieder erwachte. Vielleicht war Großbritannien ja genau der richtige Ort, um langsam wieder ins Geschäft einzusteigen. Und wenn ich dort fertig war, würde ich Beacon Hills von seinen Monstern befreien. Denn dieses Mal würde kein Einziger übrig bleiben, es war an der Zeit für Gerechtigkeit. 

 

Das Flugzeug landete pünktlich 6:20 Uhr in London Heathrow. Diese Reise hatte mich einen Tag gekostet, aber bevor ich auch nur den ersten Fuß auf britischen Boden setzte, wusste ich bereits, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Bereits vor meiner Abreise hatte ich Kontakt zu den in London tätigen Jägern aufgenommen. Die Anzahl der Mitglieder war sehr überschaubar und ich wusste sofort, dass sie einen richtigen Anführer brauchten. Eines der Mitglieder, ein junger Mann namens Stanley hatte sich bereiterklärt mich abzuholen, und mich zum Waffengeschäft zu begleiten. Denn meine eigenen Waffen konnte ich nicht mitnehmen, zu groß war das Risiko, dass mich die Menschen für einen Terroristen halten würden. Und dabei wollte ich doch nur helfen und sie von dieser Plage befreien. Aber sie würden mir noch dankbar sein, nur wussten sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 

Die Fahrt zum Waffenhandel verlieft sehr ruhig. Ich bemerkte schnell, dass Stanley ein sehr loyaler Mensch war, er erinnerte mich an Chris. Chris, der seine Loyalität der falschen Seite geschenkt hatte. Mein Sohn verfolgte mich also auch ins Ausland, ob ich mich wohl jemals von ihm lösen konnte, müde schob ich diese Gedanken zur Seite. Chris war ein erwachsener Mann, ich sollte mich nicht mehr um ihn scheren. Und doch war er der Letzte der mir geblieben war. 

„Mr. Argent wir sind da, folgen Sie mir bitte“, sagte Stanley und holte mich zurück in die Realität. Meine Gedanken konnte ich später immer noch an meinen verräterischen Sohn verschwenden, aber nun wartete der langersehnte Neustart auf mich. 

 

Voller Vorfreude folgte ich Stanley in die heiligen Hallen, und mein Herz schlug automatisch schneller. Wie lang war es wohl her, dass ich mir die neusten Waffen angesehen habe. Chris hatte diese Aufgabe übernommen, als wir uns vor der Zeit in Beacon Hills getrennt hatten. Und schon wieder war er in meinen Gedanken präsent. 

„Gestern Abend ist eine neue Lieferung eingetroffen, Sie haben also die Qual der Wahl. Lassen Sie sich Zeit und wählen sie die Sachen aus, für die Ihr Herz am höchsten schlägt.“ 

Vorsichtig ließ ich meinen Blick über die enorme Auswahl schweifen. Von Pistolen bis Pfeil und Bogen über Schwerter und Dolche war alles dabei. Ich befand mich in meinem persönlichen siebten Himmel und niemand konnte mir dieses Gefühl nehmen. Nicht einmal mein Sohn. Vor den Schwertern blieb ich stehen und begutachtete diese argwöhnisch. Welches konnte mir nur gerecht werden? Ich war so in das Betrachten der Schwerter vertieft, so dass ich die klackenden Absätze der sich nähernden Frau erst mitbekam, als diese fast direkt vor mir stand. Ich blickte zu dieser nach unten, da sie unglaublich klein war. Aber der Ausdruck in ihren blauen Augen zeugte von unglaublicher Größe. 

„Sie interessieren sich für die Schwerter?“, fragte sie aufgeschlossen.

„Ja, ich bin mir nur noch nicht sicher, welches sich am Besten für mich eignet“, erwiderte ich ruhig. 

„Sie sind gemeinsam mit Stanley gekommen. Ich gehe davon aus, dass sie auch ein Jäger sind, warum sollten Sie sonst hier sein?“ 

Skeptisch schaute ich sie an. Wie viel wusste sie? Unter den Jägern gab es keine einzige Frau, dessen war ich mir sicher. Aber warum sollte sie sonst in solch einem Geschäft unterwegs sein. Als ich ihr keine Antwort gab fuhr sie fort: „Ich stehe mit den Jägern im regen Kontakt, eigentlich bin ich sogar so etwas wie die Auftragsgeberin, oder auch Sponsorin wie Sie möchten.“

„Wenn das so ist, ja ich habe Kontakt zu einem Ihrer Jäger aufgenommen. Ich selbst bin Anführer einer Jägergruppe in Kalifornien. Durch verschiedene Zeitungsartikel bin ich auf den Zustand in London aufmerksam geworden, und ich dachte, dass Sie vielleicht Hilfen brauchen würden.“ 

„Nun ja, ein Schwertkämpfer fehlt uns in der Tat, und wenn ich ehrlich bin sind unsere Jäger nicht unbedingt die erfolgreichsten. Ich empfehle Ihnen das Silberschwert mit der 100 cm Klinge, ich selbst besitze dieses auch, und glauben Sie mir, die Werwölfe hassen diese Waffe, vor allem wenn man dieses hier nimmt“, sagte sie und zog aus einem der unteren Regale die angepriesene Waffe hervor, „es besteht nicht nur aus Silber, sondern das Silber wurde in Wolfswurz geschmolzen und anschließend in die Form gegossen. Es ist also eine Waffe in einer Waffe.“ 

Ich hatte die kleine zierliche Frau definitiv unterschätzt. Sie war gut informiert und mindestens genauso begeistert diese Monster zu vernichten wie ich. Ohne lange nachzudenken nahm ich ihr das Schwert ab. Meine Finger umschlossen den Griff und es fühlte sich direkt richtig an. Es war so als wäre dieses Schwert nur für mich angefertigt worden. 

„Vielen Dank, Miss.“

„Umbridge, Dolores Umbridge. Ich freue mich auf eine gelungene Zusammenarbeit mit Ihnen.“

„Gerard Argent. Sie dürfen mich gerne Gerard nennen, so nennen mich alle Jäger.“

„Ich bin aber keine Jägerin. Ich bin viel stärker als ein Jäger jemals sein wird“, sagte sie und verschwand noch im gleichen Atemzug. 

Wow, was für eine unglaubliche Frau. 

 

Nach dem großzügigen Einkauf, war ich um tausende Dollar ärmer, aber bestens ausgerüstet um jeglicher Gefahr zu trotzen. Stanley verstaute meine neuen Spielzeuge im Kofferraum, und zögerlich sah ich ihn an. 

„Was können Sie mir über Miss Umbridge sagen?“

Überrascht schaute er mich an. „Woher kennen Sie denn Umbridge? Sie sollten doch erst später Bekanntschaft miteinander machen. Es ist ein feierliches Abendessen nur für Sie geplant. So viel Aufwand hat diese Frau noch nie für einen Jäger aufgebracht. Mr. Argent, Sie müssen etwas ganz besonderes sein.“

Oh ja, ich war die Besonderheit in Person. Nur hatte das bisher niemand wirklich bemerkt. Aber wie konnte er sie vorhin nicht gesehen haben? Besonders leise waren wir nicht gewesen. Vielleicht konnte sie es mir am Abend erklären. 

„Ich fühle mich sehr geehrt. Ich werde eine Bereicherung für Ihr Team sein. Denn Sie werden meine Expertise brauchen, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen“, erwiderte ich selbstbewusst. Und zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie richtig ich doch mit dieser Aussage lag. 

Die Fahrt zum Anwesen dauerte schiere Ewigkeiten, letztendlich waren es nur 20 Minuten. Doch diese kamen mir wie die Endlosigkeit vor. In diesen 20 Minuten waren meine Gedanken wieder einmal nur bei meinem Sohn und diesen schrecklichen Kreaturen Derek und Scott gewesen. Ich würde schon eine Möglichkeit finden, um Chris aus dieser Gehirnwäsche zu befreien. Und dann würde ich mich um dieses Teenager-Rudel kümmern. Um diese negativen Gedanken, wieder in eine hintere Ecke zu verdrängen, dachte ich an die Begegnung mit Dolores Umbridge. Vor meinen Augen sah ich die schönsten Augen, die ich bisher jemals gesehen habe. Sie waren von einem so klaren Blau, dass ich fast darin ertrinken könnte. In diesen Augen konnte ich Hass und Verachtung erkennen, es war genau der selbe Hass den ich auch in meinen Augen sah. Aber da war noch mehr, ich konnte die versteckte Hoffnung sehen. Hoffnung die ich ihr verschaffen konnte, wenn sie es zuließ. 

 

Als wir schließlich in die Auffahrt des Anwesens einfuhren, konnte ich nicht anders als zu staunen. Es handelte sich um ein altes Landhaus, was durch einen großen Garten von den anderen Gebäuden abgegrenzt wurde. Hier könnte ich mich für immer zur Ruhe setzten, ging es mir durch den Kopf. Schnell bemerkte ich die vorgenommenen Sicherheitsvorkehrungen. Die Überwachungskameras waren für Menschen die hier nichts erwarteten, nicht zu erkennen. Außerdem erkannte ich die Eberesche sofort, kein übernatürliches Wesen, würde jemals dieses Haus betreten können, es sei denn die Hausherrin wünschte dies. An der Tür wartete Dolores Umbridge bereits auf mich. Auf ihrem Arm hielt sie eine Katze, die sich von ihrer Besitzerin streicheln ließ. In diesem Augenblick, erinnerte sie mich an einen Stereotypischen Bösewicht eines schlechten Filmes. 

„Stanley, bringen Sie Gerard’s Koffer bitte in das leere Gästezimmer. Und Sie erzählen mir von Ihrer Vergangenheit. Leider konnte ich bisher nichts über Sie in Erfahrung bringen“, sprach sie an mich gewandt. Wie ein kleiner Junge folgte ich ihr in einen Salon. Als sie die Katze absetzte, rannte diese sofort in ihr Körbchen und ich sah mich in dem seltsamen Raum um. Es war nicht zu verkennen, dass sie die Farbe Rosa liebte, aber diese mädchenhaften Elemente gepaart mit den abgetrennten Werwolf- und Kanimaköpfen, wirkten auf mich sehr skurril. 

„Fühlen Sie sich wie zuhause Gerard. Möchten Sie einen Tee? “, fragte sie. 

Sie war clever, aber das wusste ich bereits. Niemals sollte man von Menschen die einem unbekannt waren Essen oder Trinken annehmen. Vor allem nicht von einer Person, die mir ähnlich war. 

Dankend lehnte ich ab und setzte mich auf das Sofa. Sie selbst goss sich eine Tasse Tee ein und nahm mir gegenüber Platz. 

„Was hat Sie nach London verschlagen?“

„Nun ja, ich brauchte einen Tapetenwechsel. Beacon Hills, die Stadt, in welcher ich gelebt habe, ist nicht mehr zu retten. Diese Monster haben mir meine Familie genommen“, sagte ich mit einem Kloß im Hals. 

„Das kann doch aber nicht alles sein. Sie kommen mir nicht wie der Typ vor, der einfach wegläuft.“

„Ich brauche Abstand, um wieder objektiver an die Problematik heranzugehen. Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass London in einer ähnlich schlechten Lage ist. Hier kann ich deutlich objektiver handeln. Und wenn ich hier fertig bin, kann ich zurückkehren und diesem Rudel ein Ende bereiten. Und mein Sohn wird endlich verstehen auf was für Monster er sich eingelassen hat. Sie haben also recht. Ich laufe nicht weg, ich sammle nur neue Kraft um stärker als jemals zuvor zurückzukehren. Und da bin ich bei Ihnen doch genau an der richtigen Stelle, Dolores.“

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich, als ich ihren Namen aussprach. Ihre Augen wurden lieblicher und auch ihre harten Kanten verschwanden. Ihre Mundwinkel deuteten ein schmales Lächeln an. Ihr Lächeln verzauberte mich augenblicklich. Sie sollte öfter lächeln.  

„So hat mich lange niemand mehr genannt. Sie haben mich wirklich überrascht Gerard. Doch bevor wir eine engere Bindung eingehen, müssen Sie noch die Wahrheit über mich erfahren. Und glauben Sie mir, dann möchten Sie mich auch nicht mehr Dolores nennen.“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte ich und lehnte mich nach vorn um nach ihrer Hand zu greifen. Meine Hände umschlossen ihre, „Ich habe schon das Schlimmste und Grausamste der Welt gesehen. Nichts kann mich mehr erschüttern, glauben Sie mir.“ 

Und trotz dieser Worte zögerte sie noch immer. Ich lehnte mich weiter zu ihr nach vorn, um ihr noch einmal zu verstehen zu geben, dass ich es ernst meinte. Vor mir brauchte sie sich nicht zu verstecken und ich würde alles dafür geben, dass sie mir vertraute.

„Meine eigene Tochter ist das größte Monster, das ich jemals zu Gesicht bekommen habe. Bisher habe ich es noch nicht geschafft, sie dem Erdboden gleich zu machen. Aber ich werde dies noch schaffen. Es sollte schließlich keinem Elternteil leichtfallen sein eigen Fleisch und Blut zu töten. Denn sonst würden wir selbst auch zu Monstern werden.“ 

Zögerlich und verunsichert blickte sie mich aus ihren blauen Augen an. Ich konnte ihr mehr als deutlich ansehen, wie sie mit sich selbst haderte. Schließlich zog sie ihre Hand aus meiner und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. 

„Sie möchten es wirklich wissen nicht wahr? Warum sollten Sie mir sonst Ihre schwierige Beziehung zu Ihrer Tochter präsentieren?“ Für eine kurze Sekunde hielt sie inne um mich prüfend anzusehen. 

„Nun gut, ich bin nicht viel anders als ihre Tochter. Ich bin eine Hexe. Von dieser Art von Übernatürlichen Wesen haben sie sicherlich noch nichts gehört, denn wir haben uns über viele Jahrhunderte angepasst. Ich selbst war Lehrerin an der berühmten Hogwarts Schule für Zauberei, eine der Besten Schulen auf der ganzen Welt. Aber ich wusste schon immer, dass ich für größeres bestimmt war, denn heute arbeite ich für das Zaubereiministerium. Für Sie ist diese Institution sicherlich gleichzusetzen mit der Regierung in ihrem Bundesstaat. Und neben meiner Tätigkeit im Ministerium habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, alle anderen übernatürlichen Wesen, die sich nicht so sittsam verhalten wie wir, zu vernichten.“

Ich hörte ihr mit Begeisterung zu. Von Hexen hatte ich tatsächlich noch nie etwas gehört. Ich ging immer davon aus, dass es diese Wesen tatsächlich nur in Erzählungen gab, welche spätestens durch die Hexenverbrennungen ausgelöscht wurden. Aber tatsächlich schockierte mich diese Offenbarung nicht, ich hätte selbst auf die Idee kommen können, dass es so etwas wie Zauberei wirklich gab. 

Voller Spannung betrachtete sie mein Gesicht, darin konnte sie nichts anderes als pures Verständnis und vor allem Faszination sehen. Sie war kein Monster, sie selbst sorgte dafür, dass es weniger davon auf der Welt gab. Ich würde darüber hinweg sehen können. Auch ich konnte ihre Erleichterung deutlich anmerken, sie entspannte sich wieder und nippte an ihrer Teetasse. 

„Sie sind wirklich nicht schockiert Gerard. Ich hätte wirklich mit jeder Reaktion gerechnet nur nicht damit, dass Sie überhaupt nichts von sich geben. Sie sehen mich einfach an und Ihr Blick sagt alles. Da ist kein Fünkchen Hass oder Verachtung, sondern nur vollstes Verständnis.“ 

„Warum sollte ich Sie für etwas hassen, das Sie einfach nicht sind. Sie sind meilenweit davon entfernt ein Monster zu sein. Sie sind sogar so mutig und stellen sich dem Kampf gegen die Bestien. Sie verdienen meinen höchsten Respekt, Dolores.“ 

Wir unterhielten uns noch lange und ausgiebig über die Mission, die noch vor uns lag. Und ich war mir sicher, dass wir diese gemeinsam perfekt meistern würden. 

 

Am Abend aßen wir zusammen mit den anderen Jägern an einer riesigen Tafel. Dolores stellte mich allen förmlich vor und sie bat um den nötigen Respekt, da ich der Experte auf dem Gebiet der Werwölfe war. Ihre Anhänger hingen förmlich an ihrem Lippen und versuchten jede Information, die sie offenbarte aufzusaugen. Einige stellten interessante Rückfragen, andere waren irritiert. Nahezu jede Reaktion fand sich in den Gesichtern der anderen Jägern wieder. Aber alle vereinte letztendlich ihre Begeisterung die Monster zur Strecke zu bringen. Anschließend tauschten wir uns über die schlimmsten Begegnungen mit dem Übernatürlichem aus. 

„Ich habe einen gesehen, der einer alten Frau den Kopf abgerissen hat und sich dann über ihre Enkel hergemacht hat. Das war wahrlich kein schöner Anblick. Am nächsten Tag bekam ich dann endlich die Chance ihn in Stücke zu zerlegen“, begann Stanley die Konversation. 

„Was haben Sie schon gesehen, Mr. Argent?“, fragte Dolores interessiert. 

Für einen kurzen Moment hielt ich inne und überlegte ob ich wirklich bereit war, die ganze Wahrheit auszupacken, schließlich würde ich mich dadurch angreifbar machen, aber auf der anderen Seite würden mich diese Menschen nur noch mehr schätzen. 

„Nun ja, meine Heimatstadt ist wirklich ein Hotspot für das Übernatürliche, und es gibt viele Geschichten zu erzählen, eine schlimmer als die andere. Aber nichts übertrifft die drei Werwölfe die mein Leben für immer veränderten“, begann ich und nun hingen die Jäger auch an meinen Lippen. 

„Eine der bekanntesten Familien in Beacon Hills bestand völlig aus Werwölfen, meine Tochter legte ein Feuer in deren Anwesen, um sie ein für alle mal auszulöschen, doch natürlich lief nicht alles nach Plan. Ein großer Teil der Familie fand ihren Tod durch dieses Feuer, nur Peter Hale und sein Neffe Derek konnten das ganze überstehen. Ersterer sah seiner Familie dabei zu wie sie alle in Flammen aufgingen, doch er konnte auf wundersame Weise überleben. Sein Neffe selbst war zur Zeit des Feuers nicht in der Stadt, was wir erst später erfuhren. Peter selbst erholte sich ziemlich schnell und wollte ein neues Rudel aufbauen, und so kommen wir zu Werwolf Nummer drei: Scott McCall, ein Teenager den ich leider unterschätzt habe. Durch diese Verwandlung wurde Peter stärker, und diese Stärke nutze er, um meine Kinder zu jagen. Meine Tochter Kate schaffte es nicht und Chris kam zu spät. Peter riss ihr mit seinen Klauen die Kehle auf. Wir alle dachten, sie wäre daran gestorben, aber Peter hatte es geschafft sie durch diesen Kratzer zu verwandeln. Nun ist meine geliebte Tochter selbst ein Monster, und ich bin noch nicht bereit sie zu töten.“

Ich blickte in faszinierte Gesichter, auch hier konnte ich unterschiedliche Emotionen wahrnehmen, von Erstaunen über Entsetzen bis hin zu purer Fassungslosigkeit konnte ich alles sehen. Als ich jedoch in Dolores Augen blickte, sah ich tiefe Betrübnis. Obwohl sie die Geschichte heute bereits zum zweiten Mal hörte, war sie immer noch tief betroffen. Selten hatte ich eine so einfühlsame Frau wie sie getroffen. Sie stand auf und lief auf mich zu. Mit einem Wink gab sie den anderen zu verstehen, dass sie verschwinden sollten. Wie artige Kinder folgten sie ihrem Befehl. 

„Ich bin wahrlich beeindruckt, dass Sie sich vor allen so geöffnet haben. Dieser Schmerz den Sie ausstrahlen wird sich äußerst positiv auf die anderen auswirken. Denn nun haben sie alle Angst. Angst davor, dass ihren Liebsten etwas ähnliches passieren könnte. Ich danke Ihnen für Ihre Worte, sie waren weise gewählt, auch wenn Sie nur aus Ihrem Herzen gesprochen haben.“ 

„Das einzige was ich damit bezwecken wollte, ist das Sie mir vertrauen. Und das habe ich anscheinend geschafft. Ich hatte einen langen Tag, bitte entschuldigen Sie mich“, sagte ich und nahm ihre Hand um diese zu küssen. Daraufhin errötete sie leicht und wandte sich von mir ab. 

„Schlafen Sie gut Gerard.“

 

Am nächsten Morgen erwachte ich durch den intensiven Geruch von Kaffee, der über dem gesamten Anwesen zu liegen schien. Voller Euphorie Dolores wiederzusehen zog ich mich an und begab mich in den Speisesaal. Dort traf ich jedoch nur auf die anderen Jäger, die sich angeregt über der Morgenzeitung gebeugt unterhielten. Als sie mich bemerkten schoben sie mir die Zeitung zu und das Titelthema handelte von erneuten Tieranfällen in der Stadt. Konnten die Menschen wirklich so dumm sein und glauben, dass sich ein Wolf in London verirrt hatte und plötzlich Menschen anfiel? Ich musste den Artikel gar nicht lesen, um an die benötigten Informationen zu kommen, letztendlich waren solche Artikel alle gleich. Aufgebracht griff ich nach der Kaffeekanne und goss mir eine Tasse ein. Nach einem Kaffee sah die Welt gleich schon etwas besser aus. Und als hätte ich es geahnt betrat Dolores den Raum. Der Duft ihres Parfums wehte nahezu durch den Raum als sie ihn durchschritt und sofort besserte sich meine Laune schlagartig. Diese Frau schaffte es immer wieder mich komplett aus dem Konzept zubringen. Jedem im Raum schenkte sie ein Lächeln, als unsere Blicke sich kreuzten, hielt sie Sekunden inne. Konnte auch sie unsere Verbindung spüren? Oder bildete ich mir das alles nur viel zu gut ein? 

„Ich saß die ganze Nacht ein einem grandiosen Plan“, begann sie fröhlich während sie sich von Stanley eine Tasse Tee einschenken ließ, „bevor wir jedoch damit starten können, muss ich einige Dinge im Zaubereiministerium erledigen. Diese inkompetenten Lackaffen wollen nun wirklich einen Experten auf dem Gebiet der Tierwesen herholen, der das Problem ohne Aufsehen zu erregen  lösen soll. Und aus diesem Grund brauche ich Sie, Gerard. Sie müssen mich ins Ministerium begleiten und alle davon überzeugen, dass Sie der richtige Mann für diese Aufgabe sind“, sagte sie schließlich an mich gerichtet. 

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Ich kenne Ihre Welt doch gar nicht, wie soll ich denn dann von mir überzeugen können? “

„Sie kennen mich. Und das wird mehr als nur ausreichen, um einen Eindruck zu hinterlassen. Und je weniger Sie über uns Zauberer wissen, desto sicherer werden sie sich fühlen. Überzeugen Sie einfach mit ihrem Fachwissen über die Exekution der Werwölfe.“ Siegessicher schaute sie mich an. Konnte es wirklich so einfach sein?  An der ganzen Sache musste es einen Hacken geben, denn sie mir absichtlich nicht verriet. Aber dennoch vertraute ich ihr, auch wenn ich sie nicht wirklich kannte. Das Gefühl unserer Verbundenheit war so stark, sodass ich wusste, dass sie mir niemals schaden würde. Auch ich musste ihr wichtig sein, so etwas konnte ich mir einfach nicht einbilden.

„Nun gut, wenn Sie das sagen, wird es auch schon stimmen. Wann brechen wir auf?“

„Ich danke Ihnen für ihr Vertrauen. Und aus diesem Grund sollten wir auch das nervige gesiezte lassen. Nach dem Frühstück kommst du bitte in meine Gemächer und dann erzähle ich dir alles weitere.“ 

Jetzt war ich vollkommen perplex, ich hätte mir im Leben nicht ausgemalt das wir so schnell aus dieser seriösen Ebene herauskamen. Gewünscht hatte ich es mir zwar, es war aber ein völlig anderes Gefühl wenn ein solcher Wunsch dann Realität wurde. 

 

Nach dem Frühstück begab ich mich wie gewünscht zu ihren Gemächern. Ich war nervös, fast schon wie ein kleiner Junge. Du bist gut darin, Gerard, sonst hätte sie dich nicht ausgewählt. Du wirst nicht scheitern, das liegt nicht in deiner Natur. Du schuldest es deinem Sohn und deiner Enkelin, versuchte ich mich etwas zu beruhigen. Als ich mich wieder etwas gefasst hatte trat ich nach vorn und klopfte. 

„Komm herein“, erklang es aus dem Inneren des Raumes. Ihre Stimme schaffte es meine Nervosität wieder in neue Höhen zu befördern.  Hinter der Tür befand sich wahrscheinlich der Traum eines jeden Mädchens, ein perfekt eingerichtetes Schlafzimmer in verschiedenen Pink Tönen. Sie besaß einen kitschigen Schminktisch, auf welchem verschiedene Tinkturen und Puderdosen standen. Unter ihrem Fenster befand sich das wohl luxuriöseste Katzenkörbchen, dass ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Sie selbst stand vor einem Kamin, wie am vorherigen Tag trug sie ihr Pinkes Kostüm und hielt ihre Katze auf dem Arm. War es wirklich nur ein Tag her? Es fühlte sich so viel länger an, fast schon so als ob ich sie bereits mein ganzes Leben lang kennen würde. 

„Bist du bereit?“, fragte sie und setzte die Katze ab. 

Nervös nickte ich. Am liebsten hätte ich ihr die Wahrheit gesagt, das ich weiten davon entfernt war bereit für eine Mission zu sein, über die ich nicht am Ansatz bescheid wusste.

„Du musst nicht nervös sein. Alles wird perfekt ablaufen. Es gibt überhaupt keinen Grund sich Sorgen zu machen. Wir werden jetzt mit dem Flohnetzwerk reisen. Sprich ich verteile etwas Flohpulver in meinen Kamin und dann werden wir in den Kamin steigen und innerhalb von Sekunden befinden wir uns dann im Ministerium.“

Interessiert sah ich zu wie sie das eben genannte Pulver verstreute und war mehr als nur überrascht, als der Kamin plötzlich in grünen Flammen stand. 

„Nimm meine Hand und lass sie nicht los. Das erste Mal so zu verreisen wird mehr als nur magisch sein“, sagte sie und reichte mir ihre Hand, die ich mit Freude ergriff. Gemeinsam schritten wir auf den Kamin zu und in dem Moment als wir die Flammen berühren sollten befanden wir uns auch schon an einem völlig anderem Ort.

 

Das Zaubereiministerium war sicherlich das prächtigste Gebäude, was ich mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen hatte. Nachdem wir gemeinsam Dolores Büro verlassen hatten, bestaunte ich die verschiedenen Zauberer und auch jeder Gang zog mich in seinen Bann. Erst als uns einige Zauberer verwirrt anschauten bemerkte ich das ich immer noch Dolores Hand hielt. Es hatte sich die ganze Zeit über richtig angefühlt und auch sie schien diese Geste nicht im geringsten zu stören. Sie selbst achtete nicht im geringsten auf die anderen und zog mich schließlich zu Aufzügen. Mit vielen anderen quetschten wir uns in den kleinen Aufzug, was zur folge hatte, dass wir noch näher aneinander gedrückt wurden. Ich konnte erneut den Duft ihres Parfums wahrnehmen, von dem ich niemals genug bekommen würde. Der Aufzug lehrte sich bis wir schließlich allein waren. Langsam rückte ich von ihr ab, um ihr etwas Freiraum zu gewähren. Müde lächelte sie mir aufmunternd zu. 

Ihre Kollegen schienen ihr nicht sonderlich gut zu tun, wenn sie bereits nach so kurzer Zeit schon aussah als hätte sie eine Woche nicht geschlafen. Aber vielleicht lag es auch einfach an einem möglichen Konkurrenzkampf wie es sonst unter Politikern üblich war. Letztendlich wollte doch jeder der Beste sein, und das stärkste Konzept hervorbringen. Vielleicht unterschieden sich Hexen ja doch nicht so weit von Menschen. 

Das Halten des Aufzuges holte mich aus meinen Gedanken in die Realität zurück. Ich ließ Dolores den Vortritt und mit zügigem Schritt lief sie auf eine riesige Tür zu. Mithilfe ihres Zauberstabes öffnete sie diese und wir traten ein. Der Raum war wie ein Antikes Theater aufgebaut, vereinzelt hatten sich Zauberer eingefunden und diskutierten. Als sie uns bemerkten verstummten sie und betrachteten mich argwöhnisch. Dolores ging zielgerichtet in die Mitte des Raumes. Ich fühlte mich wie ein Spanferkel, dass auf einem Silbertablett serviert wurde, bereit um von den Anwesenden verzerrt zu werden. Möglichst ruhig folgte ich ihr, eher als Kind anstelle eines Mannes der mehrere Wolfsrudel vernichtet hatte. 

„Meine Herren, ich freue mich wirklich sehr, dass Sie die Zeit gefunden haben um einen großartigen Mann kennenzulernen. Wir alle sind uns dem Werwolfsproblem mehr als nur bewusst, und ich habe die perfekte Lösung gefunden. Wir brauchen keinen Magiezoologen um das Problem zu lösen. Gerard Argent ist einer der begabtesten Werwolfjäger auf der ganzen Welt. Ich habe ihn glücklicherweise in dieser schlimmen Zeit kennengelernt und konnte ihn überzeugen uns zu helfen. Und damit sie sich auch von seiner Qualität überzeugen können, habe ich einen ausgehungerten Werwolf aufgetrieben, um den sich Gerard jetzt kümmern wird.“ 

Voller Überzeugung zeigte sie auf mich, ich jedoch schaute sie nur irritiert an. Wie zur Hölle sollte ich mit einem ausgehungerten, aggressiven Werwolf ohne meine Waffen klar kommen? Dieses Ding würde mich innerhalb von Sekunden zerfleischen. Ich griff nach ihrem Arm und zog sie etwas zur Seite. 

„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wie soll ich ohne Waffen irgendetwas ausrichten? Innerhalb kürzester Zeit werde ich tot auf dem Boden liegen. Ist es das was du wolltest?“

„Wer hat denn gesagt, dass du den Werwolf ohne Waffen ausschalten sollst“, erwiderte sie und schwang ihren Zauberstab, „Hier hast du deine Armbrust und dein Schwert. Zeig den Männern wie man es richtig macht“, sagte sie sanft und übergab mir meine geliebten Waffen. 

„Ich werde mein Bestes geben, um dich nicht zu enttäuschen“, sagte ich deutlich zuversichtlicher. 

Sie schupste mich leicht zurück in die Mitte des Raumes. Leicht beängstigt und dennoch voller Vorfreude, gleich ein Monster zu vernichten, schaute ich zu der großen Tür, die sich langsam öffnete. 

 

Leuchtend goldene Augen blickten angriffslustig in meine Richtung. Als mich der Werwolf lokalisierte sprintete er direkt auf mich zu. Ich zögerte keine Sekunde und richtete die Armbrust auf ihn und drückte ab. Der Pfeil traf ihn direkt in die Magengrube und sofort spannte ich den nächsten Pfeil ein und zielte auf sein Bein. Es folgten weitere Pfeile in die Arme und weitere in die Beine. Schließlich sackte er zu Boden. Unauffällig zeigte Dolores auf das Schwert. Ich wusste sofort, was sie von mir wollte. Ich sollte den Werwolf bei lebendigem Leibe zerteilen. Nichts tat ich lieber als das. Schnell legte ich die Armbrust ab und griff nach dem Schwert. Der Werwolf selbst lag röchelnd am Boden und würde sich nicht mehr währen können. Mit sehr viel Ruhe und Selbstvertrauen schritt ich auf das Monster zu. Mit einem breitem Grinsen holte ich mit dem Schwert aus und trennte den Oberkörper vom Unterkörper ab. Das Blut spritze in alle Richtungen und der Boden färbte sich innerhalb von Sekunden rot. Dolores kam mit einem aufrichtigem Lächeln auf mich zugelaufen.

„Du hast es geschafft. Sie sind alle von dir beeindruckt und du darfst die Mission mit mir leiten. Ich bin dir ja so dankbar“ sagte sie und fiel mir um den Hals. Mühelos hielt ich sie in meinem linken Arm, während in meiner rechten Hand das blutverschmierte Schwert lag. Langsam löste sie sich wieder von mir. Ihr Gesicht war sich nun nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. Ich verlor mich erneut ihn ihren tief blauen Augen, die heller als sonst strahlten. In diesem Moment realisierte ich, dass ich mich hoffnungslos in sie verliebt hatte. Mit meinem linken Arm zog ich sie wieder näher zu mir heran und auch sie beugte sich deutlich in meine Richtung. Unsere Gesichter nährten sich weiter an, bis unsere Münder schließlich aufeinander trafen. Ihre Lippen streiften sanft die meinen, es fühlte sich wie ein warmer Sommerregen an, der einem vollständig einhüllte. Ich fühlte mich automatisch stärker und wohler. Dieser Kuss vertreib die Sorgen meiner Vergangenheit und auch den Hass auf Derek und Scott. Ich fühlte mich endlich wieder vollkommen. Vorsichtig lösten wir uns von einander. Ihr Atem ging deutlich schneller. Mit meiner linken Hand berührte ich ihre gerötete Wange und strich sanft darüber. Ihre Augen fanden wieder die meinen und für einen Moment blickten wir uns einfach nur an. 

„Wir haben Zuschauer Gerard“, sagte sie und die Seifenblase um uns herum platze. 

„Wir sind doch sicherlich nicht das erste Paar, das sich geküsst hat. Ich bin mir sicher, dass diese Männer schon öfter küssende Menschen gesehen haben.“

„Das ist es nicht Gerard. Sie haben mich noch nie so gesehen. Ich zeige sonst keinerlei menschliche Emotionen, noch würde ich jemals auf die Idee kommen jemanden zu küssen. Aber mit dir ist alles anders. Einfach alles“, sagte sie zaghaft und schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln. 

„Ich hätte auch niemals gedacht, dass ich zu so etwas noch fähig wäre. Ich bin ein gebrochener Mann Dolores und du gibst mir das Gefühl wieder heilen zu können. Seit dem ich dir begegnet bin, hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht.“ 

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, liebevoll wischte ich ihr diese aus dem Gesicht. 

„Ich hatte schon immer einen Faible für das Gebrochene, sei es ein Porzellan-Set das einen Sprung hat oder eine Katze der ein Bein fehlt. Vielleicht ziehen sich gebrochene Menschen und Dinge einfach an. Denn auch ich bin gebrochen, und das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Aber du hast recht, seit dem du Teil meines Lebens bist, hat sich einiges verändert. Ich sehe die Menschen nun mit völlig neuen Augen. Ich bin gespannt wo uns unsere Verbindung hinführen wird.“

„Das bin ich auch. Lass uns eine fantastische Geschichte schreiben.“

 

Die nächsten Tage fühlten sich nicht real an. Wir lebten in unserer eigenen kleinen Welt. Eine Welt die nur uns gehörte. Von morgens bis abends verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Wir schmiedeten verschiedene Pläne, verworfen sie wieder und kamen letztendlich wieder darauf zurück. Ich lernte viel über die magische Welt, mit jedem Tag an dem ich dazulernte wuchs meine Faszination. Auch ich erklärte Dolores alle möglichen menschlichen Geräte, sie kannte keine Mikrowelle und war von dieser Erfindung sofort begeistert. Wir teilten die schönen Erfahrungen aber auch die schlechten, wir wollten ein möglichst reelles Bild unserer Welten vermitteln. Und nun kollidierten unsere Weltvorstellungen und unsere Blickwinkel veränderten sich mit ihnen. Immer mehr verdrängte ich mein altes Leben und verstärkt bildete sich die Vorstellung für immer in London zu bleiben heraus. Bis zu dem Tag, an dem ich einen Anruf bekam. Seinen Namen hatte ich soweit zurückgedrängt wie es nur möglich war. Aber als ich seinen Namen auf dem Handydisplay sah, kam alles wieder hoch.

„Das du noch einmal diese Nummer wählen würdest hätte ich im Leben nicht gedacht. Es muss aber einen wichtigen Grund für diesen Anruf geben. Was willst du Chris?“

„Vielleicht wollte ich auch einfach die Stimme meines Vaters hören“, antwortete er und legte eine kurze Pause ein, „Aber du hast recht, ich, wir brauchen deine Hilfe. Ich weiß, dass ich dich verletzt habe, ich weiß, dass du die Familie über alles stellt und ich wollte einfach nur das Richtige tun.“

„Deine Entschuldigungen kannst du dir sparen Chris, du warst vielleicht mein Sohn, aber als du dich auf die Seite von Derek gestellt hast, ist etwas in mir zerbrochen und das kann keine Entschuldigung wieder kitten“, von meinem anfänglich ruhigen Tonfall war nichts mehr übrig. Ich war wütend und enttäuscht. 

„Du bist der Einzige, der hier etwas ausrichten kann Gerard.“ Er war auf die förmliche Ebene gewechselt. Er hatte immer noch den nötigen Respekt vor mir. Und es schien wirklich ernst zu sein. „Selbst Derek und Scott haben nach dir verlangt. Wenn nicht einmal Werwölfe etwas gegen diese schreckliche Kreatur anrichten können, wer sollte es schaffen, abgesehen von dir? Du könntest für Gerechtigkeit kämpfen, Kate und meine Frau und auch Allison hätten es so gewollt. Wenn du es nicht für mich tun willst, dann vielleicht für sie. Aber bitte hilf uns, wir wissen nicht was es ist, aber es ist größer als alles was ich bisher gesehen habe“, sagte er verzweifelt. 

„Ich bin hier auch in eine große Mission verwickelt. Ich muss erst mit dem Team sprechen, aber ich werde versuchen euch zu helfen. Auch wenn ich das verdammt noch mal nicht gutheiße was du damals getan hast. Du bist schließlich das Letzte bisschen was mir von der Familie bleibt. Ich verspreche dir alles zu tun, was in meiner Macht steht.“

„Danke Vater, ich wusste, dass ich in schweren Zeiten trotz allem immer auf dich zählen kann. Wir werden wieder Seite an Seite kämpfen“, sagte er und legte auf. 

Wütend warf ich mein Handy gegen die Tür. Es folgten Stühle und Bücher. Letztendlich hatte ich das komplette Gästezimmer kurz und klein geschlagen. Kraftlos sank ich neben dem zerbrochenen Spiegel zu Boden. Ich war emotional völlig durchgedreht. Zaghaft klopfte es an der Tür. Ich hatte keine Kraft mehr um zu antworten, aber das musste ich auch nicht. Dolores steckte schon ihren Kopf in den Raum. 

„Geht es dir gut? Ich habe Glas brechen und Holz zersplittern gehört“, sagte sie besorgt und öffnete die Tür einen Spalt weit, damit sei eintreten konnte. Ihre Augen suchten den Raum ab und blieben schließlich an mir hängen. Schnell schloss sie die Tür und setzte sich neben mich. 

„Was ist passiert?“, fragte sie immer noch besorgt. Mühselig zog ich sie in eine Umarmung. 

„Mein Sohn. Er hat angerufen und er braucht meine Hilfe. Aber ich weiß nicht, ob ich ihm wirklich vertrauen und helfen kann“, erwiderte ich leise. Jedes kleinste bisschen Stärke war verschwunden, nur der Schmerz und die Enttäuschung waren geblieben. 

„Du bist verletzt Gerard, aber vielleicht ist das deine Möglichkeit mit der Vergangenheit abzuschließen und mit Chris ganz von vorn anzufangen. Er ist schließlich dein Sohn und so wie es aussieht scheint er dir noch immer eine Menge zu bedeuten.“ 

„Chris war immer ein guter Sohn, ich erinnere mich an jedes seiner Weihnachtsgeschenke und an seinen Ganzen Kummer. Aber was ist das schon wert, wenn er mich verachtet? Warum kann ich nicht so einfach mit ihm brechen? “ 

„Siehst du, all diese Erinnerungen zeigen, was für ein wunderbarer Vater du warst und es heute noch bist. Und wenn er das nicht mehr sieht, dann solltest du es ihm umso mehr zeigen. Zeig ihm, dass er die wichtigste Person deines Lebens ist und dann wird er sicherlich wieder auf deiner Seite stehen“, sagte sie und berührte meine Wange. „Es wäre so schade, wenn Chris nicht sieht, was ich in dir sehe.“ Mit diesen Worten schaffte sie es mir eine Gänsehaut zu verpassen. 

„Womit habe ich dich eigentlich verdient? Du bist seit Ivette die erste Frau, die sich wirklich um mich zu sorgen scheint. Du löst in mir Gefühle aus, die ich viel zu lange nicht mehr gespürt habe und ich möchte das, was wir uns hier aufgebaut haben nicht wegen Chris zerstören.“ 

„Wir kümmern uns noch heute um das hier ansässige Rudel und dann begeben wir uns so schnell es geht nach Beacon Hills. Du musst das nicht allein durchstehen. Wir sind jetzt ein Team, und zusammen können wir alles bewältigen.“ 

Vorsichtig legte ich meine Lippen auf ihre und ein Schwall von Glücksgefühlen überkam mich. Mit ihr an meiner Seite würde ich auch den stärksten Sturm überstehen können. 

„Aber bevor wir aufbrechen sollte ich mich um das Zimmer kümmern. Reparo!“ Sie wirkte einen Zauber und alle Glasscherben fügten sich wieder zusammen. Jedes Möbelstück begab sich an seinen ursprünglichen Platz. Es war als hätte ich niemals einen Zusammenbruch gehabt. Ob es auch einen Zauberspruch gab, der meine Seele wieder flicken konnte? 

„Bist du bereit?“, fragte sie euphorisch. 

„Mit dir an meiner Seite jederzeit.“

 

Langsam fuhr ich die Auffahrt zu einem alten verlassenen Haus entlang. Dolores suchte immer wieder meinen Augenkontakt und die ganze Fahrt über hielt ich ihre kalte Hand um diese zu wärmen. 

„Du bist dir sicher, dass sie sich in diesem Haus befinden?“ Ich musste sofort an Kate denken, die Situation ähnelte der in Beacon Hills viel zu sehr. Was wenn hier ein Werwolf ebenso überleben würde?

„Ja, ich habe heute Morgen Stanley vorbei geschickt und er hat allen eine ordentliche Portion Wolfswurz verpasst. Es wird ein leichtes sie alle in Flammen aufgehen zusehen.“ 

Für einen kurzen Augenblick überlegte ich ihr erneut von Kates Tat zu erzählen, aber letztendlich würde es nichts ändern. Der Plan musste ausgeführt werden und er würde funktionieren, das redete ich mir jedenfalls gut ein. Es würde keinen zweiten Peter Hale geben. Auf keinen Fall. Entschlossen holte ich die Benzinkanister aus dem Kofferraum. Dolores ließ diese in die Höhe steigen und verteilte den Inhalt über dem ganzen Haus. Ich griff nach meinem Feuerzeug doch Dolores gab mir zu verstehen, dass dies keine gute Idee war. Sie selbst griff nach ihrem Zauberstab und wirkte einen Zauber. Innerhalb weniger Sekunden stand das Gebäude lichterloh in Flammen und wir konnten die quälenden Schreie der Werwölfe hören. Nein es würde keinen Peter Hale geben, dessen war ich mir nun sicher. Keine dieser erbärmlichen Kreaturen würde auch nur ein Stück ihrer Gliedmaßen aus diesem Haus bewegen können. Dieses Rudel war ausgelöscht. Erleichtert zog ich Dolores in meine Arme. 

„Wir haben es wirklich geschafft“, sagte ich und küsste ihren Kopf. 

„Ich sag doch, dass wir gemeinsam alles schaffen. Du solltest mir einfach glauben“, erwiderte sie neckend. 

„Das sollte ich wohl wirklich. Bereit für das nächste Abenteuer? “ 

„Mit dir an meiner Seite bin ich für alles bereit, komme was wolle. Ich brauche dich nur anzusehen und dann weiß ich, dass ich bei dir sicher bin.“ 

„Durch dich fühle ich mich stärker als ich eigentlich bin. Nach Wochen kann ich wieder in den Spiegel schauen und sehe nur mich. Dolores, ich weiß es ist viel zu früh, aber ich habe mich in dich verliebt. Jeden Morgen bist du die Person, an die ich zuerst denke und am Abend bist du das Letzte, dass ich sehe bevor ich meine Augen schließe. Tagsüber schweifen meine Gedanken immer ab und ich kann vielen Gesprächen nicht richtig folgen, weil ich immerzu an dich denken muss. Und jede Minute, in der ich nicht weiß ob es dir gut geht fühlt sich wie die Hölle auf Erden an.“ Nervös schaute ich sie an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihr Griff um meine Arme verstärkte sich deutlich. Vorsichtig versuchte ich die Tränen wegzuwischen, doch sie ließ es nicht zu. 

„Ja, es ist eindeutig zu früh, aber das bedeutet ja nicht, dass es falsch ist. Vor allem nicht wenn wir das Gleiche fühlen. Du hast mich zum positiven verändert, mein Hass über die Menschen hat meinen Blickwinkel auf die wichtigen Dinge im Leben verblassen lassen, aber du hast mich gelernt wieder sehen zu können. Du hast mir gezeigt, dass es sich lohnt für Menschen zu kämpfen die einem etwas bedeuten. Ich werde immer für dich kämpfen Gerard, weil ich dich liebe.“ 

Ich fühlte mich in meine Vergangenheit zurück katapultiert. Ich fühlte mich wieder wie der fünfzehnjährige Teenager der Ivette damals seine Liebe gestanden hatte und auch sie hatte damals meine Gefühle erwidert. Bis zu ihrem Tod hatten wir Seite an Seite gekämpft und nun würde ich diese Geschichte mit einer anderen Frau fortführen. Hoffentlich würde diese Geschichte schöner Enden als die von Ivette. Ivette, die erste Frau, die mein Herz höher schlagen ließ, und ich war es der ihr Herz zum stillstand brachte. Ihr Tod war einzig und allein meine Schuld. Ein Wort und sie wäre heute noch am Leben. Mit Dolores würde alles anders sein. Sie ist nicht Ivette, sie ist stärker und mächtiger, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ich würde es nicht noch einmal aushalten den wichtigsten Menschen meines Lebens zu verlieren. Von diesem Schmerz würde ich mich nie wieder erholen können. 

„Du machst mich zum glücklichsten Mann in diesem Land, weißt du das eigentlich?“ 

„Ich kann es mir vorstellen, aber wir haben jetzt deutlich wichtigeres zu erledigen. Wenn das alles hier vorbei ist, werden wir noch genug gemeinsame Zeit haben“, sagte sie und lief in Richtung des Autos. 

„Ich nehme dich beim Wort. Ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen, und ich hoffe das wir noch viele Jahre beieinander sein können.“ Mit einem Lächeln blickte ich ein letztes Mal zu dem in flammenstehenden Haus anschließend folgte ich Dolores. 

 

Schon am Abend ging der Flug. Dolores hatte sich um First Class Tickets gekümmert. Noch nie hatte ich einen so angenehmen Flug wie diesen. Von den Stewardessen wurden wir nahezu stündlich mit Leckereien verwöhnt, aber nichts konnte das gemeinsame Filme schauen mit Dolores toppen. Als sie schließlich eingeschlafen war, öffnete ich das Dokument, was Chris mir zukommen ließ, damit ich mich vorbereiten konnte. Die Informationsdichte war ernüchternd, er hatte nicht viel herausfinden können, es würde also auf ein Blind Date mit einem Monster herauslaufen. Chris hatte versucht Fotos zuschießen, aber auch diese ließen auf nichts schließen, alles was zuerkennen waren Schatten, keine Silhouette, keine leuchtenden Augen, einfach nichts. Wie sollte man einen Schatten bekämpfen. Ich klickte mich weiter durch die Bildergalerie und ein Bild erregte besonders meine Aufmerksamkeit. Die Leichen waren auf das Übelste verstümmelt, einigen fehlten Gliedmaßen und es war deutlich zuerkennen, dass dieses Ding sich von seinen Opfern nährte. Vielleicht wurde es dadurch stärker. Dolores wachte neben mir auf und warf mir einen fragenden Blick zu. 

„Bitte frag nicht. Ich habe selber keine Ahnung was das für ein Ding ist, aber ich fürchte wir werden es früher als uns lieb ist herausfinden.“

„Mach den Laptop jetzt aus und ruh dich aus. Du wirst jedes bisschen Stärke brauchen, dass du aufbringen kannst“, sagte sie und klappte den Deckel nach unten. Müde griff sie nach meiner Hand und drückte sie leicht bevor sie wieder einschlief. Ich selbst konnte keine Ruhe finden. Jedes Mal wenn ich meine Augen schloss sah ich nur den furchteinflößenden Schatten, hinter ihm die glühenden Augen von Derek und Scott. War es vielleicht doch möglich, dass Chris und diese Abscheulichkeiten mich hereingelegt hatten? Vielleicht hatten sie meine Vernichtung von Anfang an geplant und ich war direkt in ihre Falle getappt. Chris traute ich diese Tat nicht zu, aber den anderen beiden dafür umso mehr. Den restlichen Flug über versuchte ich immer wieder an schöne Dinge zu denken, doch auch das half nicht wirklich. Schließlich schaffte ich es in einen traumlosen Dämmerzustand überzugehen. Die Landung bekam ich nur nebenbei mit. Sofort schaltete ich mein Handy ein und Chris hatte mir eine Nachricht hinterlassen. Ich warte am Flughafen auf dich, lautete diese. Ich hoffte inständig, dass er keinen seiner Freunde mitgebracht hatte. Mein Hoffen schien sich gelohnt zu haben, Chris wartete allein vor seinem Auto. Als er mich sah konnte ich ein Lächeln auf seinen Lippen erkennen, er schien mich wirklich vermisst zu haben. Mit schnellem Schritt lief ich auf ihn zu, Dolores konnte nicht mehr mit mir Schritt halten. Auch ich hatte meinen Sohn vermisst, umso glücklicher war ich, als er mich in eine feste Umarmung zog. 

„Gerard, ich bin ja so froh, dass du da bist.“

„Ich freue mich auch dich wiederzusehen Chris. Ich möchte dir gerne Dolores vorstellen“, sagte ich und deutete auf sie. „Sie hat mir geholfen dir zu verzeihen und letztendlich ist sie auch der Grund weshalb ich heute hier vor dir stehe.“

„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen Dolores. Die Freunde meines Vaters sind auch meine Freunde“, sagte er und reichte ihr seine Hand. 

„Die Freude ist ganz meinerseits. Gerard hat mir so viel von Ihnen erzählt, jetzt kann ich mir endlich ein eigenes Bild von dem sagenhaften Chris Argent machen“, sagte sie und erwiderte den Händedruck. 

Die ganze Fahrt unterhielten sich Dolores und Chris angeregt über Gott und die Welt, sie schienen sich gut zu verstehen. Immerhin etwas, vielleicht würde Chris dann ja auch diese Beziehung akzeptieren. Letztendlich ging ihn das Ganze nichts an, ich war zwar sein Vater, aber er war alt genug um damit klar zukommen, dass ich wieder einen Menschen in mein Leben gelassen hatte. Und dennoch wünschte ich mir, dass er sich für mich freuen würde und sie mit offenen Armen in der Familie begrüßen würde. Eine Familie die nur noch aus uns beiden bestand. Chris hielt vor einem Wohnblock und drehte sich zu mir um. 

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du jemanden mitbringen könntest. Ich habe das Zimmer von Allison zu einem Gästezimmer umfunktioniert, dort könnten Sie unterkommen Dolores“, sagte er an sie gewandt, „Gerard du könntest dann in meinem Schlafzimmer schlafen und ich nehme das Sofa.“ 

„Chris, dass ist wirklich sehr höflich von Ihnen, aber Gerard und ich, wir können uns das Zimmer auch wirklich teilen. Sie sollten in ihrem eigenen vier Wänden nicht auf dem Sofa schlafen. Nicht wahr Gerard?“

„Sie hat vollkommen recht Chris. Du brauchst eine ordentliche Portion Schlaf und ich weiß wirklich nicht, ob da ein Sofa die richtige Wahl ist.“

Mürrisch nickte er und stieg aus, wir folgten ihm langsam nach drinnen. 

 

Schlecht gelaunt schaute ich in den Spiegel. Heute würden wir ein Treffen mit Derek und Scott abhalten, mein morgendlicher Appetit hatte sich bei diesem Gedanken sofort verabschiedet. Warum konnten zwei Männer mir nur immer wieder den Tag verderben? Bevor ich etwas tun konnte, was ich im Nachhinein bereuen würde, betrat Dolores den Raum. Sie schien immer genau zu spüren wenn ich sie am dringendsten brauchte. 

„Hey, alles wird Guten werden. Mach dir nicht immer so viele Gedanken über diese Leute. Sie haben deine Zeit gar nicht verdient“, sagte sie und lehnte sich an den Türrahmen. Im Spiegel kreuzten sich unsere Blicke und ich konnte nicht anders als zu lächeln. 

„Siehst du, mit einem Lächeln sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Versuch so oft es geht an die schönen Dinge zu denken. Und wenn all das nicht hilft, werde ich immer da sein um dich aus diesen Tiefen herauszuholen.“ 

Wie schaffte sie es immer die richtigen Worte zu finden um mich aufzuheitern? Womit hatte ich sie verdient, ich konnte ihr so etwas nie zurückgeben. Und dennoch konnte ich mir keine Sekunde mehr ohne sie vorstellen. 

„Danke, du bist wirklich die Einzige, die es immer wieder schafft, dass ich wenigstens für einen Moment glücklich sein kann. Und genau dafür liebe ich dich“, flüsterte ich und schloss sie in meine Arme. Ich hätte den Rest des Tages mit ihr in diesem Badezimmer stehen können, doch das Klopfen an der Tür kündigte das anstehende Treffen an. Hoffentlich hatten diese Idioten endlich etwas brauchbares vorzuweisen. 

Wie eine kleine Familie saßen sie an dem gedeckten Frühstückstisch. Dieser Anblick ließ mein Herz schmerzen, erst jetzt viel mir auf wie sehr mir meine Familie fehlte und dass ich sie nie wieder sehen würde. Verflucht seien diese Monster! Derek und Scott waren nicht allein gekommen, sie hatten den Sohn des Sheriffs mit an den Tisch gezerrt und er beugte sich über zahlreiche Blätter und schien tatsächlich etwas herausgefunden zu haben. Ruhig atmete ich ein und aus und betrat schließlich den Raum dicht gefolgt von Dolores. 

„Guten Morgen“, sagte ich und sofort richteten sich alle Blicke auf mich. Derek und Scott schauten deutlich überrascht und auch Stilinski schien nicht mit mir gerechnet zu haben. 

„Warum hast du nicht gesagt, dass er auch Teil des Treffens ist?“, zischte Derek. 

„Weil ich gewusst habe, das ihr dann auf keinen Fall kommen würdet. Ihr selbst habt doch niemals daran geglaubt, dass er zurückkommt und jetzt steht er hier und ihr braucht seine Hilfe“, erwiderte Chris ruhig. 

„Ich weiß, was ich dir damals am Telefon gesagt habe Chris, aber denkst du wirklich, dass das Hier funktionieren wird? Kannst du uns versprechen, dass er uns nicht bei der erst besten Situation abschlachten wird?“, fragte Derek aufgebracht. 

„Derek, jetzt halt einfach nur mal ganz kurz deine Klappe“, unterbrach Stilinski den wütenden Werwolf, „vielleicht kann er uns ja wirklich helfen, weil ich komme langsam echt nicht mehr weiter. Und glaub mir auch ich habe nicht sonderlich viel Lust mit ihm zusammenzuarbeiten, aber was bleibt uns anderes übrig? Wenn wir jetzt nicht handeln sind wir alle innerhalb von Tagen unter der Erde und das willst du ja wohl auch nicht.“ 

„Wenn das hier nicht gut ausgeht, mache ich dich dafür verantwortlich Stiles. Hast du mich verstanden?“ 

„Klipp und klar, Gerard bitte setzten Sie sich, denn das was Sie jetzt hören werden, werden Sie nicht glauben“, sagte Stiles an mich gerichtet. Ich ließ mich auf den erst besten Stuhl fallen und schenkte mir eine große Tasse Kaffee ein, anschließend nickte ich ihm zu, damit er starten konnte. 

„Nächte lang habe ich durch Bücher geblättert und Internetseiten durchsucht, bis ich dann vorletzte Nacht endlich gefunden habe, was wir alle schon Tage suchen. Bei diesem Ding da draußen handelt es sich um einen Widergänger.“ 

Fragend schaute ich in die Runde, von so etwas hatte ich noch nie gehört. Auch Chris und Scott schauten deutlich verwirrt, sie hatten also auch keine Ahnung mit was wir es eigentlich zu tun hatten, sehr gut. 

Stiles fuhr schließlich fort: „Bei Widergängern handelt es sich um tote Menschen, die durch den Wunsch auf Rache oder dem Bedürfnis noch etwas zu erledigen, wieder zum Leben erweckt werden. Dafür sind sie selbst verantwortlich, sie befreien sich selbst aus ihrem Grab und erliegen dann völlig ihrer Rache. Der Mensch selbst besitzt seine kompletten Erinnerungen und auch zu Emotionen ist er noch fähig. Im Ersten Stadium ist er nichts mehr als ein Schatten, doch mit jeder geopferten Seele wird er stärker und kann schließlich sein früheres Aussehen wieder annehmen. Jede Nacht muss sich der Mensch aber wieder vergraben, um neue Kraft zu schöpfen, in dieser Zeit ist er am verwundbarsten.“ 

„Also suchen wir in der Nacht einfach nur ein Loch und bringen dann das Ding um? Komm schon Stiles, so einfach kann es doch nicht sein“, sagte Derek genervt. 

„Theoretisch kann es so einfach sein, wir müssen nur sein Herz pfählen und ihn dann in Brand setzen. Aber dann ist da dieses Problem.“

„Was ist das verdammte Problem Stiles?“, fragte Derek und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er war definitiv mehr als nur sauer. 

„Nun ja, wir brauchen einen bestimmten Dolch dafür, und ich habe keine Ahnung wo wir den auftreiben sollen. Aber vielleicht hat ja einer von euch von Luju Celico gehört.“ 

Als Stiles den Namen des Dolches aussprach hielt ich für einen Moment die Luft an. Ich kannte diesen Dolch. Ich hatte ihn damals bei Ivettes und meiner Hochzeit getragen und ich wusste auch wo sich dieser befand. Chris sah mich direkt an, er wusste das ich etwas wusste. 

„Ich kenne diesen Dolch und ich weiß, auch wo wir ihn finden werden“, sagte ich und stand auf. Diese Information musste ich erst einmal verdauen. Als ich den Raum verlassen wollte, stand Dolores bereits an meiner Seite. Angespannt griff ich nach ihrer Hand und zog sie in den Flur. 

„Was ist denn los Gerard, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte sie besorgt. 

„Ich weiß auch nicht, alles scheint mit mir verbunden zu sein.“ 

Nervös löste ich meine Hand aus ihrem Griff und lief aufgebracht durch den Raum. Immer wieder fasste ich mir an den Kopf. Ich konnte mir einfach keinen Reim auf diese abstruse Situation machen. Was hatte ich nur getan? 

„Ich besitze Luju Celico. Meine Frau und ich brauchten diesen Dolch für unser Hochzeitsritual. Seit ihrem Tod liegt der Dolch gut verstaut in einem Container mit ihren Sachen. Ich habe es nie geschafft ihre Sachen für immer aus meinem Leben zu verbannen. Immer wenn ich sie vermisst habe, bin ich zum Hafen gefahren und habe ihre Sachen durchwühlt um ihr wieder Nahsein zu können. Und jetzt werde ich durch diesen Widergänger wieder an meine dunkelste Zeit erinnert. Ich schaffe das einfach nicht Dolores.“ 

Verzweiflung machte sich in mir breit und ich sank an der Wand zu Boden. Jeder im Nachbarraum erwartete von mir, dass ich eiskalt agieren würde und diese Mission ohne zu Zögern durchführen würde. Aber konnte ich das wirklich, war ich noch einmal dazu in der Lage mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen? 

„Schschsch, du bist nicht allein, und wir stehen das gemeinsam durch. Wenn dich die Dunkelheit einholt, werde ich das Licht sein, welches dich wieder zurückbringt. Du wirst nicht darin versinken, du bist stärker als diese Dämonen der Vergangenheit. Und wenn du dich doch für einen kurzen Augenblick verloren fühlen solltest werde ich da sein und dich wieder auf den richtigen Weg führen. Hörst du niemand wird dir jemals wieder wehtun.“ 

Während sie sprach schloss ich meine Augen, sie hatte recht, ich war nicht allein, auch wenn Scott und Derek nicht unbedingt meine erste Wahl waren, waren sie stark und sie würden alles dafür tun um Beacon Hills zu retten. Als ich meine Augen wieder öffnete blickte ich in das Gesicht, dass ich mehr als alles anderes liebte. Ihre Hand glitt über meine Wange und verharrte dort für wenige Sekunden, bis sie mir schließlich zu verstehen gab, dass ich aufstehen sollte. 

„Holen wir uns den Dolch und beenden dieses Trauerspiel, damit wir unser Leben weiterleben können.“ Ich war nie bereiter das Böse zu vernichten wie an diesem Tag. Was mich aber nicht los lassen konnte, war die Frage, was ich mit dieser Situation zu tun hatte. Es musste in unserer Familie eine Verbindung mit Widergängern geben die ich nicht kannte, aber ich würde es sicherlich bald selbst herausfinden. 

 

„Wenn du mir verraten würdest, wo du den Dolch genau versteckt hast, dann hole ich ihn für dich daraus und du musst den Container nicht betreten.“ 

Ich wusste Dolores Angebot sehr zu schätzen, aber diesen Schritt musste ich selbst gehen. Es wäre der erste Schritt mich meiner Vergangenheit zustellen und der Verbindung des Widergängers auf die Spur zu kommen. 

„Schon gut, ich muss das allein tun. Es würde sich sonst falsch anfühlen.“ 

Der Dolch musste von mir geführt werden, es war mein Schicksal dem Widergänger gegenüber zu treten und niemand konnte mich von diesem erlösen. Dolores würde noch früh genug von diesem inneren Gefühl erfahren. Das Widergänger Problem war ein sehr persönliches, auch wenn ich immer noch nicht wusste, wo die Verbindung herkommen sollte. 

Für Sekunden verharrte ich vor dem verschlossenen Container. Dolores stand ruhig hinter mir und ließ mir die Zeit die ich brauchte. Sie war eindeutig zu geduldig. Schließlich schaffte ich es die benötigte Kraft aufzubringen um den Container zu öffnen. Sofort schlug mir Ivettes Duft entgegen, beim letzten Mal hatte ich ihr Parfum über die verschiedenen Säcke geschüttet, und sofort wurden alte Erinnerungen in mir wach. Ich sah sie lachend beim kochen und schließlich sah ich uns beide während unserer Hochzeit, wir waren glücklich. Dann aber kamen die schlechten Erinnerungen, ich sah Ivette im Wald sie hielt ihren Bogen und zielte auf einen Werwolf. Ich wollte schreien doch kein Laut entkam meiner Kehle, ich konnte nur zusehen wie Deucalion ihr von hinten das Herz herausriss. Dafür konnte ich heute schreien, ich schrie so laut, so dass Dolores den Container betrat. 

„Du musst verschwinden, so solltest du mich niemals sehen. Ich habe mich nicht unter Kontrolle, ich könnte dich verletzten“, versuchte ich hervorzubringen, aber meine Stimme brach immer wieder. 

„Ich kann und ich werde dich in so einer Situation gewiss nicht allein lassen. Gerard, sieh mich an“, sagte sie sanft und trat näher. „Du musst dich von deiner Vergangenheit lösen, was passiert ist kannst du nicht ändern. Alles was zählt ist das Hier und Jetzt. Deine Frau würde sicherlich nicht wollen, dass du immer wieder an ihr zerbrichst. Ich kann dir da raushelfen, aber nur wenn du es auch zulässt.“ 

Sie stand nun dicht vor mir, in ihren Augen sah ich nur Liebe. Sie wollte mir wirklich helfen. Aber jede Sekunde die ich länger in diesem Container verbrachte, desto weniger wollte ich, dass mir geholfen wird. Ich wollte in meiner Trauer versinken, ich wollte Ivette wiedersehen. Ich wünschte ich hätte ihr helfen können. Wenn ich damals geschrien hätte wäre heute vielleicht alles anders. Dann hätte ich nicht zu dem Monster werden müssen, zu dem ich kurz nach Ivettes Tod geworden war. 

„Ich bin nicht mehr zu retten Dolores. Seit Ivettes Tod bin ich verloren und auch du wirst daran nichts ändern können“, sagte ich kalt, „und jetzt geh, bitte.“ 

Schockiert über meine Worte drehte sie sich um und ging. Ich hatte es wirklich geschafft, den letzten Menschen der mir etwas bedeutete zu vergraulen. Aber vielleicht war es auch besser so. Aufgebracht durchwühlte ich die Säcke voller Klamotten. Dieser verdammte Dolch musste doch hier irgendwo sein, ich hatte ihn doch unter das Hochzeitskleid gelegt. Und tatsächlich unter der zweiten Tüllschicht erblickte ich den Holzgriff und zog ihn hervor. Als ich das Holz berührte kamen erneut die gesamten Erinnerungen an unsere Hochzeit hoch. Ivette war die Liebe meines Lebens, Dolores würde diese Lücke niemals füllen können. Es war schon immer Ivette gewesen und sie würde es auch immer sein. Ich sollte diese Beziehung beenden, ehe Dolores sich eine Zukunft an meiner Seite ausmalen konnte. 

 

Die Rückfahrt über herrschte eiskalte Stimmung. Ich hatte Dolores verletzt und sie zeigte es mir deutlich. Verübeln konnte ich es ihr nicht, wir hatten uns doch erst wenige Tage vorher unsere Liebe gestanden und jetzt schloss ich sie direkt aus. Sie konnte mich nicht retten, wenn ich nicht gerettet werden wollte. 

„Was ich vorhin gesagt habe, tut mir wirklich Leid, aber es ist leider die Wahrheit“, sagte ich vorsichtig. Ihre Augen suchten die meinen, doch ich konnte ihrem Blick nicht standhalten, zu groß war der Schmerz der sich darin spiegelte. „Ich weiß nicht mal, ob ich es überhaupt wert bin gerettet zu werden.“ 

„Jeder verdient zweite Chancen Gerard, sogar du. Und ob du es glaubst oder nicht, selbst wenn du mich so verletzt, wie du es vorhin getan hast, wirst du mich nicht verlieren. Ich sehe immer noch das Gute in dir,“ sagte sie zögerlich und drückte meine Hand. „Und ich glaube fest daran, dass ich dich retten kann Gerard, egal wie viel Zeit und Kraft ich dafür aufbringen muss. Du verdienst es endlich glücklich zu sein“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu. 

Wie konnte sie mir so schnell verzeihen? Wie konnte sie immer noch etwas in mir sehen, das niemals da war? Sie kannte mich nicht so gut, wie sie es zu glauben schien. Wenn sie die ganze Wahrheit erfahren würde, dann würde auch sie erkennen, das es nicht einmal einen winzigen Funken geben würde, der es wert war gerettet oder gar geliebt zu werden. Mit Ivettes Tod war all das Gute in mir gestorben und ich bin letztendlich zu dem Monster geworden, das ich heute bin. 

„Ich wünschte, ich könnte genauso optimistisch in die Zukunft blicken wie du. Ich wünschte, ich könnte dir all das zurückgeben, was du mir gibst, aber das kann ich einfach nicht. Es tut mir so Leid.“

„Du musst mir nichts zurückgeben, du allein reichst völlig aus. Der Tag im Waffenhandel hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt, und dafür werde ich dir den Rest meines Lebens dankbar sein. Deine pure Existenz ist ein Geschenk und dich kennengelernt zu haben hat einfach alles verändert. Und nun möchte ich auch dein Leben zum positiven verändern.“ 

Während sie dies sagte fingen ihre Augen zu leuchten an und ich spürte ihre Liebe mehr als nur deutlich. Ich hatte sie nie verdient, sie verdiente einen Mann, der sie jeder Zeit zum strahlen brachte und nicht einen der sie schlecht fühlen ließ. 

„Du hast mein Leben bereits verändert, aber ich weiß nicht, ob ich jemals so fühlen kann wie du. Ich weiß, dass ich dich liebe, aber diese Liebe ist anders. Sie wird niemals auf dem gleichen Level sein, wie die Liebe die ich für Ivette empfand, und das ist dir gegenüber nicht fair. Du verdienst es nicht nur die zweite Wahl zu sein und davor habe ich am meisten Angst, dass ich dich nur als Ersatz für Ivette sehe. Ich wünschte wir hätten uns früher getroffen, dann wäre alles anders.“ 

Anstatt sie mit diesen Worten zu schocken nickte sie nur und verstand. Sie war die verständnisvollste Person die ich kannte. Ich hatte sie wirklich nicht verdient. 

„Auch das ist in Ordnung Gerard. Es gibt verschiedene Arten von Liebe und ich kann mir vorstellen, dass Ivette deine erste große Liebe war. Diese Art von Liebe die man niemals vergisst, vor allem nicht wenn sie einem aus dem Leben gerissen wird. Unsere Liebe ist da anders, wir sind Seelenverwandte Gerard, deswegen fühlt es sich anders an. Ich kann damit umgehen, dass Ivette immer einen Teil deines Herzens für sich beanspruchen wird. Aber bitte denk auch an dich, vergiss nicht zu leben. Ich bin geduldig und werde auf dich warten bis du bereit bist dich wieder zu binden“, sagte sie und lehnte sich im gleichen Atemzug zu mir rüber um mir einen leichten Kuss auf die Wange zu geben. Es fühlte sich wie ein Abschiedskuss an. Ich hielt das Auto an und zog sie in meine Arme. Unsere Lippen berührten sich und in meiner Bauchgegend kribbelte es. Ich liebte diese Frau, konnte aber immer noch nicht vollständig zu ihr stehen. Ich würde mein Problem mit Ivette lösen und dann würden wir glücklich sein, hoffentlich für den Rest unseres Lebens. Dolores löste sich langsam aus dem Kuss und schaute mich traurig an. 

„Es ist besser, wenn wir uns erst einmal weniger sehen, ich möchte es dir nicht unnötig schwer machen, auch wenn es mir das Herz bricht, dich nicht den ganzen Tag zusehen. Wenn du mich brauchst, ruf mich an und ich bin sofort da“, sagte sie und schnallte sich ab. Als ihre Hand die Tür berührte hielt sie für einen kurzen Moment inne. „Und vergiss niemals das ich dich liebe. Hörst du Gerard, du wirst geliebt und das jeden verdammten Tag.“ 

Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und stieg aus. Ich saß noch Minuten in dem leeren Auto und versuchte die Situation zu verdauen. Dolores hatte richtig gehandelt, aber nicht nur ihr Herz war gebrochen, auch meines wurde in Mitleidenschaft gezogen, vielleicht hatte sie es aber auch direkt mitgenommen. Ich vermisste sie jetzt schon. Die nächsten Tage würden die Hölle werden.

 

Die Hölle war eine deutliche Untertreibung. Ich vermisste Dolores mit jedem Tag der ins Land zog mehr. Was sollte ich ihr aber sagen, wenn ich wieder vor ihr stand? Ich vermisse dich schrecklich, aber meine tote Frau schwirrt mir immer noch im Kopf herum, damit würde ich wohl eher nicht punkten können. Über den Widergänger hatten wir bisher auch nicht viel mehr herausgefunden, Derek fand im Wald zwar einige Löcher, aber diese waren so willkürlich aufgetaucht, das kein Muster zu erkennen war. Aber heute würde der Tag sein, an dem wir mehr erfahren würden. Der Vollmond würde uns eine große Hilfe sein. Derek und Scott würden stärker sein und auch Chris und ich waren vorbereitet, was aber war mit Dolores? Ich musste sie anrufen, und sie auf den neusten Stand bringen, auch wenn das nicht der Grund für den Anruf sein sollte. Sie würde es wie immer verstehen und mir wahrscheinlich nicht einmal böse sein, aber ich fühlte mich furchtbar schlecht. Nach diesem Tag würde ich mich von Ivette lösen und Dolores das geben, was sie verdiente. Wir verabredeten uns für 20 Uhr am alten Hale Anwesen, von dort aus würden wir in den Wald ausschwärmen und hoffentlich etwas finden. 

Der Abend kam viel schneller als gedacht, ich verspürte ein leichtes Angstgefühl, was wäre wenn wir diese Nacht nicht überleben würden? Beacon Hills wäre hoffnungslos verloren und der Widergänger würde sicherlich andere Städte heimsuchen, falls seine Mission nach der Vernichtung dieser Kleinstadt nicht beendet war. Dolores wartete schon vor dem Hale Anwesen auf uns, ich konnte nicht anders als sie in meine Arme zuschließen zu lang waren die vergangenen Tage ohne sie gewesen. Der Duft ihres Parfum umhüllte mich und ich fühlte mich wieder angekommen. Sie war bereits zu meinem Zuhause geworden, ohne das ich es gemerkt hatte. Nach dieser Umarmung fühlte ich mich deutlich stärker, vielleicht konnte ich dem Widergänger ja doch trotzen. Schließlich trafen auch Derek und Scott ein, ohne ihren Möchtegern angehenden Sheriff Stilinski. 

„Warum habt ihr Stilinski nicht mitgebracht“, fragte ich die beiden interessiert. 

„Weil es zu gefährlich für ihn wäre, wir wissen unsere Liebsten lieber in Sicherheit“, erwiderte Derek ruhig. 

Nun das machte tatsächlich Sinn, mir wäre es auch lieber Dolores würde in Chris seinem Apartment warten. Sie waren gute Freunde die aufeinander acht gaben. Ich würde Dolores auch so beschützen können, und außerdem konnte sie sich selbst sicherlich auch sehr gut verteidigen, schließlich war sie eine mächtige Hexe. Stilinski war schließlich nur ein Teenager, er brauchte den nötigen Schutz.

„Dann habt ihr alles richtig gemacht, ich würde auch alles tun, um meine Liebsten in Sicherheit zu wissen, heute ist das aber leider nicht möglich, ich hoffe für euch, dass ihr zu Stilinski zurückkehren werdet.“ 

Nach einer kurzen Beratung machten wir uns gestaffelt auf den Weg in die Tiefen des Waldes hinein. Dereks Onkel Peter kam spontan vorbei um uns bei dem Vorhaben zu helfen, weshalb wir zweier Teams bildeten. Dolores und ich machten uns in Richtung des Friedhofes auf. Ein inneres Gefühl sagte mir, das wir dort fündig werden würden. Mein inneres Gefühl hatte sich noch nie getäuscht. Der Weg zum Friedhof wurde immer nebeliger. Es wurde sogar so schlimm, dass wir letztendlich nicht mehr die eigene ausgestreckte Hand sehen konnten. All dies führte mich zu dem Entschluss, dass wir hier richtig lagen, wir waren auf dem richtigen Weg. Gerade als ich Dolores dies mitteilen wollte konnte ich sie hinter mir nicht mehr ausmachen, sie musste mich verloren haben. Kein Wunder bei der geringen Sichtweite. Hoffentlich ging es ihr gut, ging es mir durch den Kopf. Ich konnte nicht noch einen Menschen in meinem Leben verlieren nicht sie. Am liebsten hätte ich ihren Namen gerufen, doch ich realisierte schnell, das dies keine gute Idee wäre. Sollte der Widergänger wirklich hier in der Nähe sein, dann würde ich ihn vielleicht direkt zu Dolores führen und das wollte ich in keinem Fall riskieren. Ich marschierte schließlich weiter in die Richtung des Friedhofes, langsam begann sich der Nebel wieder zu lichten. Es wirkte schon fast so, als wollte der Widergänger das eine einzelne Person auf ihn treffen sollte. Der Nebel verzog sich letztendlich vollständig, so dass ich das Friedhofstor aus weiter Entfernung erkennen konnte. Doch vor dem Tor befand sich eine dunkle wabernde Masse. Ich hatte den Widergänger gefunden und er versteckte sich. Er war nur ein harmloser Schatten, versuchte ich mir einzureden. 

 

Nervös näherte ich mich dem Schatten. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Das Etwas mir gegenüber tat es mir gleich. Je näher wir einander kamen, desto menschlicher wurde die Silhouette. Ich blicke in grüne Augen. Augen die mir mehr als nur bekannt waren. In einer Menschenmasse würde ich diese Augen sofort erkennen. Es waren die schönsten Augen, die ich jemals gesehen hatte und es waren auch zugleich die Augen, welche mein Herz für einen Moment zum stehen brachten. Es waren die Augen in die ich mich als Teenager verliebt hatte. Ivette lief weiter auf mich zu und blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen. Für Sekunden vergaß ich zu Atmen und ihr schien es ähnlich zu gehen. Geschockt und fasziniert sahen wir uns an. Zitternd streckte ich meine Hand nach ihr aus und streifte ihre Wange. 

„Bist du wirklich real?“, fragte ich und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Haut war noch immer so weich wie früher und auch ihr Geruch hatte sich nicht geändert. 

„Natürlich bin ich das Gerard. Ich habe dich und die Kinder so vermisst. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr ich euch vermisst habe.“ Auch ihre Augen füllten sich nun mit Tränen und ich konnte nicht anders als sie in eine Umarmung zu ziehen. 

„Ich habe dich auch jeden Tag vermisst. Ich fasse es nicht, dass du wirklich real bist Ivette.“ Ich konnte nicht aufhören sie zu berühren, zu groß war die Angst, dass sie einfach wieder verschwinden könnte. 

„Ich bin wieder da Gerard, jetzt wird alles gut werden. Unsere Familie ist wieder vereint und ich werde dich auch nie wieder verlassen, versprochen.“ 

„Aber wie kann das sein Ivette? Ich habe dich sterben sehen, Deucalion hat dir dein Herz herausgerissen, das kannst du nicht überlebt haben“, ich verdrängte das es sich bei ihr um den Widergänger handelte. Ivette wäre zu so etwas nicht fähig. Das war unvorstellbar. Und dennoch stand sie leibhaftig vor mir. 

„Deucalion wird dafür bezahlen was er mir, was er uns abgetan hat. Und auch alle anderen die unserer Familie schaden wollen oder es auch nur könnten, verdienen es bestraft zu werden. Das ist der Grund weshalb ich hier bin, erstens um Rache an dem Monster zu nehmen, das uns trennte und zweitens um dich und unsere Familie zu beschützen“, sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Oh wie hatte ich ihr Lächeln vermisst. Wenn sie lächelte strahlten ihre Augen und ich konnte nicht anders als ihr Lächeln zu erwidern. 

„Um Deucalion musst du dich nicht mehr kümmern, ich habe ihm schon das Schlimmste angetan, er leidet genug. Er verdient seine Ruhe, wenn er erfahren würde, dass du noch lebst, dann würde er sicherlich einen Amoklauf in Beacon Hills stattfinden lassen.“ 

In Gedanken kehrte ich an den Tag zurück, an dem ich Deucalion zur Rede stellte. Ich hatte ein vermeintliches Friedenstreffen arrangiert und er hatte mit Freude zugesagt, das war sein erster Fehler gewesen. Er hatte wirklich geglaubt, dass wir bereit waren ein Friedensabkommen zu unterschreiben und das obwohl die Hälfte unserer Teams nicht mehr unter uns weilte. Sein zweiter Fehler war es mich zu provozieren und mir mitzuteilen, dass der Tod von Ivette ihm leid tat, er aber sein Rudel beschützen musste. Ich machte anschließend den größten Fehler meines Lebens. Deucalion lag vor mir auf dem Boden, einer meiner Männer hatte in überwältigen können und ich nutze meine Chance  um ihm eine Lektion zu erteilen. Aus meinem Köcher zog ich zwei von Ivettes Pfeilen heraus. Er sollte durch ihre geliebten Pfeile leiden, die ich nun führen würde. Verzweifelt versuchte Deucalion weg zu robben, doch er war zu langsam, auch seine flehenden Worte konnten mich nicht von meinen Plänen abhalten. Er verdiente es zu leiden, so wie ich jeden Tag seit er mir Ivette geraubt hatte litt. Seine Beteuerungen prallten an mir ab, sie machten mich sogar noch wütender. Schließlich beendete ich diese traurige Farce in dem ich ihm die Pfeile in die Augen rammte. Seine Schreie waren fürchterlich, aber so fühlte ich mich auch. Er hatte dafür gesorgt dass sich mein Dasein veränderte und nun erntete er die ersten Früchte seiner eigenen Kreation. An diesem Tag fühlte ich mich das erste Mal nach langer Zeit wieder lebendig und mächtig. Und niemand konnte mir dieses Gefühl von Macht rauben. 

„Wäre das denn so schlimm? Ich weiß, was diese Menschen in dieser verdammten Stadt dir jeden Tag angetan haben. Ich habe all das gesehen. Diese Stadt verdient es dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Und zusammen werden wir das auch schaffen“, sagte sie und brachte mich zurück in die Realität. „Ich muss jetzt verschwinden, wir werden uns wiedersehen und dann können wir den Plan genauer besprechen. Ich liebe dich Gerard, vergiss das niemals.“ 

Der Nebel um sie herum nahm zu und letztendlich verschwand sie völlig. Es war fast so, als wäre sie nie hier gewesen. Hatte ich mir die Konversation nur eingebildet? Nein, Ivette war real, ich hatte sie berührt und ihre Augen haben so geleuchtet. Sie war hier gewesen, meine Frau war endlich wieder zurück. 

„Gerard? Verdammt, er kann doch nicht verschwunden sein“, ertönte Chris seine Stimme aus weiter Entfernung. 

„Er wollte in Richtung Friedhof, aber dann tauchte plötzlich aus dem Nichts dieser Nebel auf und dann habe ich ihn verloren. Was ist wenn ihm etwas passiert ist? Dann ist das alles meine Schuld.“ Dolores klang mehr als nur verzweifelt, sie war völlig durch den Wind und am Boden zerstört. Sie traf keine Schuld, niemand konnte es ihr verdenken, dass sie sich in diesem Nebel verlaufen hatte, schließlich kannte sie sich in der Gegend nicht aus.

„Ich bin hier. Es ist alles in Ordnung.“ 

Mit erleichterten Blick kamen die beiden auf mich zu. Dolores flog mir förmlich in die Arme. Noch immer war ich von dem Aufeinandertreffen mit Ivette völlig überwältigt, dennoch schloss ich Dolores in eine Umarmung und ließ sie auch nicht mehr los. Sie in meinen Armen zu spüren fühlte sich anders an, als die vorherigen Berührungen die ich mit Ivette ausgetauscht hatte. Ich war so froh, dass sie mich gefunden hatte. Dolores würde alles verstehen und sie würde mich auch gehen lassen, damit ich wieder glücklich sein konnte. Wenn sie mich wirklich liebte wäre sie dafür bereit. 

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Du warst plötzlich verschwunden und dann bin ich durch den Wald geirrt, hatte ich nur meinen Zauberstab dabei gehabt, wäre das sicherlich nicht passiert.“ 

„Hey, mir geht es wirklich gut. Du solltest dir nicht so viele Sorgen um mich machen“, sagte ich und drückte sie noch etwas enger an mich. „Ich habe den Widergänger gefunden.“ 

Schockiert löste sich Dolores aus meinen Armen, nervös wanderte ihr Blick zu Chris, in der Hoffnung er würde etwas sagen. Aber auch er musste diese Information erst einmal verarbeiten. Hatten die beiden wirklich so wenig vertrauen in unseren Plan gehabt? Sollten sie sich nicht riesig freuen, dass wir nun endlich einen Schritt weiter waren? 

„Das ist großartig. Dann sollten wir jetzt schnell nach Hause fahren und den Dolch holen. Vielleicht ist der Widergänger dann immer noch hier oder wenigstens in der Nähe. Wir können es endlich beenden.“ 

„Ich weiß nicht ob es so einfach ist Chris. Es gibt da ein kleines Problem. Ich glaube nicht das wir den Widergänger töten können“, sagte ich leise. 

„Was meinst du damit? Natürlich können wir das Ding töten. Jetzt rede verdammt.“ 

„Der Widergänger, es ist nicht irgendjemand. Es ist Ivette.“ 

Damit ließ ich die Bombe platzen, Chris  begann zu lachen und Dolores erstarrte zu einer Salzsäule. Chris lachte so hysterisch, er wusste auch nicht wie er sich verhalten sollte. 

„Verstehst du es jetzt Chris? Ich kann meine Frau nicht noch einmal verlieren. Ich musste nur in ihre Augen sehen und alles kam wieder zurück. Ich habe ihren Schmerz und ihre Trauer gesehen, aber als sie mich erkannt hat, ist all das verschwunden und ich habe nur noch ihre Liebe zu mir gesehen. Ich halte schon allein den Gedanken, sie wieder zu verlieren, nicht aus. Lieber würde ich sterben als sie noch einmal gehen lassen zu müssen.“ 

Dolores hatte sich wieder gefangen, sie wirkte mehr als nur traurig. Sie wusste, dass unsere Liebe nun keine Chance mehr hatte. Sie wusste auch, dass sie niemals gegen Ivette ankommen könnte. 

„Ich weiß, dass du sie nicht töten möchtest, aber das Ding da draußen ist nicht mehr deine Frau. Es mag vielleicht so wie sie aussehen und auch ihre Stimme besitzen, doch da ist nichts Gutes mehr in ihr. Ich weiß, dass du sie über alles liebst, aber sie ist nicht mehr dazu in der Lage Liebe zu empfinden.“ 

„Dolores du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe. Ivette ist genau die selbe Person wie vor ihrem Tod, sie ist kein Monster und sie wird auch niemals eins sein. Sie ist so rein, sie möchte doch nur ihre Familie beschützen.“ 

„Merkst du denn nicht, dass sie dich nur manipuliert und benutzt. Sie macht dich zu ihrer eigenen Waffe, ohne das du es bemerkst, weil du ihr nicht wehtun kannst. Aber ich kann es Gerard, lass mich helfen, dich ein für alle mal von ihr zu trennen, damit du endlich heilen kannst.“ 

Ruhig machte sie einige Schritte auf mich zu. Doch ich blockte ihren Annäherungsversuch ab. Was viel ihr verdammt noch mal ein Entscheidungen für mich zu treffen, die sie absolut nichts angingen?

„Hör verdammt noch mal auf damit. Wie oft soll ich es dir denn noch sagen?“ Ich war verdammt wütend, was fiel ihr ein meine Entscheidung nicht zu akzeptieren. Sie würde Ivette kein einziges Haar krümmen. „Das mit uns hätte auf Dauer eh nicht funktioniert, und dank deiner Einstellung meiner Frau gegenüber habe ich das Ganze auch noch rechtzeitig mitbekommen. Vielleicht hattest du ja doch recht und du bist das größte Monster, was mir jemals begegnet ist.“ 

Aufgebracht verschwand ich in den Wald und ließ meinen Sohn mit Dolores allein zurück. Ich konnte Dolores stechenden Blick auf mir spüren, doch ich warf keinen Blick zurück, das war sie mir nicht mehr wert. Alles was für mich jetzt noch zählte war Ivette. 

 

Die darauffolgenden Nächte suchte ich Ivette immer wieder im Wald, aber ich fand sie nie. Vermutlich versteckte sie sich, weil sie fühlte das etwas hier vor sich ging. Vielleicht wusste sie, dass einige Menschen sie tot sehen wollten. An ihrer Stelle würde ich mich auch verstecken. Aber warum versuchte sie nie mich zu kontaktieren? Wenn sie mich nur halb so sehr vermisste wie ich sie, hätte sie alles dafür getan mir nahe zu sein. Wenn sie mich wirklich so sehr liebte, wie sie behauptete, hätte sie dann nicht einiges riskiert? Jeden Morgen kam ich todmüde nach Hause und jedes verdammte Mal wartete Dolores im Flur auf mich um mir einen bemitleidenden Blick zuzuwerfen. Ich aß kaum etwas und Ruhe zu finden war kaum mehr möglich. Meine Gedanken kreisten immer um Ivette. Und wenn es nicht Ivette war, dann ging es um Dolores. Sie bereitete mir jeden Morgen eine kleine Mahlzeit zu, und jeden Morgen versuchte ich etwas davon zu essen, doch nach zwei Bissen verschwand mein Appetit und sogar der Kaffee schmeckte nur noch nach Erde. Ich wusste nicht, ob sie mein Essen einfach verzauberte, damit ich mich noch schlechter fühlte, oder ob es einfach an mir lag. Ich hatte die Misere welche sich mein Leben nannte mehr als nur verdient. 

Eine Woche nach dem Treffen mit Ivette setzte Dolores sich schließlich mit an den Tisch und schob mir einen Teller voller Pancakes zu. Diese rochen furchtbar gut, und ich bekam zum ersten Mal wieder Hunger. 

„Wollen wir uns jetzt wirklich für den Rest der Mission anschweigen und ignorieren? Gerard wir sind doch erwachsene Menschen und können miteinander sprechen.“

„Können wir das wirklich? Eigentlich möchte ich mit Leuten die meine Frau töten wollen nichts zu tun haben, aber wenn ich ehrlich bin habe ich deine Anwesenheit schon etwas vermisst“, sagte ich und schnitt mir etwas von dem genüsslichen Pancake ab. Wie konnte diese süße Köstlichkeit noch besser schmecken als sie roch? Sie musste einfach Magie eingesetzt haben, anders konnte ich mir diesen intensiven Geschmack nicht erklären. 

„Nun ja, du hast mich da draußen ziemlich verletzt, aber auch darüber kann ich wohl hinwegsehen. Du hast kurz davor deine Frau wiedergesehen, wahrscheinlich hätte ich in deiner Situation genauso gehandelt. Aber hinsichtlich Ivette haben wir eindeutig zu verschiedene Meinungen. Ich habe darüber nachgedacht wie es weiter gehen soll. Ich habe in den vergangenen Nächten so viel gegrübelt wie lange nicht mehr und dieser Entschluss fällt mir wirklich nicht leicht. Aber du wirst Ivette niemals töten, deine Liebe für sie ist zu stark dafür. Aber wegen ihr sind bereits zu viele Menschen gestorben und es werden noch mehr folgen. Ich kann das einfach nicht mitansehen. Für mich gibt es keinen Grund mehr hier zu bleiben. Ich werde nach London zurückkehren und dann kannst du das Leben leben, was du dir schon immer gewünscht hast, mit Ivette an deiner Seite.“ Tränen liefen über Dolores Wangen. Der Pancake in meinem Mund verwandelte sich schlagartig in einen riesigen Klumpen, den ich fast nicht herunterschlucken konnte. Ich fühlte mich schrecklich dafür, dass es Dolores so schlecht ging. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und schob diesen wieder an den Tisch. 

„Dolores warte“, sagte ich und legte die Gabel auf den Tisch. 

Sie hielt in ihrer Bewegung inne und starrte mich an. Der Schmerz in ihren Augen raubte mir fast den Atem, ich musste etwas tun. Kraftlos stand auch ich auf. Sie durfte mich nicht verlassen, ich hatte zwar Ivette gewählt, aber ich konnte Dolores nicht verlieren. Sie war es doch, die mich wieder lebendig fühlen ließ. 

„Bitte geh nicht.“ 

Langsam schloss ich die Leere zwischen uns und nahm sie in meine Arme. Zärtlich strich ich über ihr Haar und sog ihren Duft ein. Dolores weinte noch immer und begann schließlich zu zittern. 

„Du hast gesagt, dass du mein Licht sein würdest, welches mich aus der Dunkelheit hinausführen würde. Du sagtest auch, dass du mein Anker sein würdest, und das wir Gemeinsam alles schaffen können. Ich brauche jetzt dieses Licht und auch den Anker, denn ich glaube, dass mich die Dunkelheit mehr als nur eingeholt hat. Dolores ich brauche dich. Wenn du jetzt gehst, dann wird mich die Dunkelheit komplett verschlingen und ich bin für immer verloren.“ 

Sie hielt für einen Moment ihren Atem an. Sacht löste sie sich aus meinen Armen um mir in die Augen sehen zu können. Nun sah ich unter dem Schmerz auch einen Funken Hoffnung. 

„Gerard, bist du dir auch ganz sicher? Bist du wirklich bereit deine geliebte Frau ein zweites Mal zu verlieren?“ 

Sie zweifelte, aber wer konnte es ihr verdenken? Ich hatte sie mehrfach verletzt und noch immer stand sie an meiner Seite. 

„Ja, das bin ich. Ich liebe Ivette und daran wird sich auch nichts ändern, aber deine Worte haben mich die ganze letzte Woche beschäftigt. Und als ich Ivette im Wald gesucht und nicht gefunden habe, habe ich angefangen deinen Worten zu glauben und ich bin jetzt davon überzeugt, dass du recht hast. Du hattest von Anfang an recht. Ivette ist nicht mehr die liebevolle reine Seele von früher. Sie ist besessen von Rache und sie ist bereit alles zu opfern, nur damit sie mit mir zusammen sein kann. Und das ist auf keinen Fall das Leben, das ich mir vorstelle. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein Leben an deiner Seite. Du allein bist die Person die mich glücklich macht, das ist es was ich in der letzten Woche gelernt habe. Und ich kann dieses Leben nicht genießen, wenn Ivette noch da draußen ist. Erst wenn sie wieder in ihrem Grab liegt kann ich endlich anfangen zu heilen.“ 

Schockiert hielt sie ihre Hände vor ihren Mund. Hatte sie wirklich nicht damit gerechnet, dass ich meine Meinung ändern würde? 

„Ist das wirklich dein Wunsch? Ich kann das einfach nicht glauben. Letzte Woche warst du doch so überzeugt, was das Richtige für dich ist.“ 

Aufgeregt lief sie durch den Raum und murmelte vor sich hin. In der vergangenen Woche hatte ich gelernt, was ich an der Beziehung zu Dolores wirklich schätzte, es waren unsere Gespräche. Unsere Gespräche und wie ich mich in ihrer Nähe fühlte. 

„Hör auf meine Entscheidung in Frage zu stellen. Vor einiger Zeit hast du mir mal gesagt, dass ich dir einfach glauben soll, in dem was du da von dir gibst. Und wieder einmal hattest du einfach recht. Ich liebe dich Dolores und zwar nur dich, und jetzt komm her und lass mich dich küssen.“ 

Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Diesmal war sie es, die die Leere zwischen uns schloss. Als sich unsere Lippen berührten fühlte ich mich Zuhause. 

„Ich habe dich wirklich vermisst“, hauchte ich an ihre Lippen. 

„Und ich dich erst. Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ 

Je näher der Abend rückte, desto nervöser wurde ich. Was wäre wenn wir Ivette heute nicht finden würden. Sie könnte sich für den erst ihres Daseins verstecken und Menschen ermorden nur um in meiner Nähe sein zu können. Das würde ich ihr jedenfalls zutrauen. Immer wieder griff ich nach dem Dolch. Dieser Dolch hatte mir den schönsten Moment meines Lebens geschenkt und nun würde er für etwas schreckliches herhalten müssen. Von dem Dolch würde ich mich niemals trennen können, kein Gegenstand verband mich mehr mit Ivette als dieser. Nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte, wird er einen wundervollen Platz in einer Vitrine bekommen und mich für den Rest meines Lebens an die Mutter meiner Kinder erinnern. 

Ich hatte Chris im Laufe des Tages meine Entscheidung mitgeteilt, er zog mich daraufhin nur in eine kräftige Umarmung und sagte, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. In seinen Augen spiegelte sich stolz, ich wusste nicht mehr wann ich meinen Sohn jemals stolz gemacht hatte. Aber das alles würde sich ändern. Ich selbst hatte mich geändert, vor Monaten hätte ich niemals gedacht, das ich mich noch einmal ändern könnte. Doch bereits die erste Begegnung mit Dolores hatte den Grundstein für mein besseres Ich gelegt. Nun konnte ich endlich wieder der Vater sein, den Chris so brauchte als seine Frau und seine Tochter von uns gegangen sind. Ich wusste, dass ich die vergangenen Jahre nicht ändern konnte, aber die kommenden Jahre würde ich für ihn da sein. Chris verdiente mehr als jeder andere eine intakte und vor allem glückliche Familie, er verdiente es mehr als ich. Und um ihn das zu schenken würde ich Ivette vernichten, auch wenn es mir das Herz brach. 

„Du denkst schon wieder zu viel nach“, sagte Dolores und betrat das Gästezimmer. 

„Ich hätte dich mit Chris wegschicken sollen. Du solltest mich so nicht sehen.“

„Ich habe dich schon in deutlich schlimmeren Situationen gesehen, erinnerst du dich daran, wie du mein Gästezimmer in Großbritannien kurz und klein geschlagen hast? Ich würde sagen, dass hier sieht viel besser aus“, sagte sie lächelnd. 

Ihr Lächeln warf mich komplett aus der Bahn. Sie sah bezaubernd aus, wie sie da halb verloren am Türrahmen lehnte. Erst jetzt merkte ich wie sehr ich sie wirklich liebte. Ihr Lächeln verschaffte mir eine innere Ruhe und vor allem brachte es mir Frieden. Keinen weiteren Tag mehr würde ich ohne diese Frau verbringen. 

„Habe ich dir jemals gesagt, dass du das schönste Lächeln der Welt hast? Nicht einmal Ivette hat es mit ihrem Lächeln geschafft, das ich fühle, was ich gerade in diesem Moment fühle.“

„Was fühlst du denn?“

„Frieden und die Hoffnung auf einen Neuanfang“, antwortete ich ehrlich. „Ich kann es gar nicht abwarten, dass dieser Abend endlich vorbei ist. Ich freue mich jetzt schon nach Hause zu kommen und dich in meine Arme zu schließen.“ 

„Dann möchte ich dich nicht aufhalten. Tu was du tun musst. Du schaffst das, ich glaube ganz fest an dich. Ich werde genau hier auf dich warten.“ 

Sie trat einen Schritt zur Seite, so dass ich den Raum verlassen konnte. Im Vorbeigehen drückte ich sanft ihre Hand. Es würde alles gut ausgehen, es musste gut ausgehen. Wir beide hatten ein Happy End mehr als nur verdient. 

Der Weg zum Friedhof war dunkel und verlassen, ich hatte Scotts Angebot mich zu begleiten abgelehnt. Das war einzig und allein meine Angelegenheit, niemand sollte mehr verletzt werden, nicht einmal Scott und Derek. Die beiden besaßen auch eine Familie und ich wusste nun, wie wichtig Familie sein konnte und wie schwer ein solcher Verlust zu ertragen war. Auch die beiden verdienten es glücklich zu sein. Jeder in dieser verdammten Stadt verdiente es. Der Friedhof war in Nebel gehüllt, aber ich konnte Ivette nirgends ausmachen. 

„Folg dem Nebel“, flüsterte eine Stimme kalt und emotionslos. 

Diese Stimme klang nicht mehr wie Ivette, ihre ganze Lieblichkeit war verschwunden und zurückgeblieben war nur Kälte. Meine Hand umschloss den Griff des Dolches fester. Sie wollte das ich zu ihr kam, dass sollte sie haben. Der Nebel umschloss mich nun vollkommen, orientierungslos ließ ich mich durch den Wald führen. Was hatte Ivette nur vor? Wusste sie, dass ihre letzte Stunde angebrochen war? Nach einem langen Fußmarsch lichtete sich der Nebel. Sie hatte mich zu einer Kapelle geführt, unserer Kapelle. Augenblicklich konnte ich Ivette in ihrem Hochzeitskleid sehen, sie schritt den Weg zum Altar entlang und mir stockte bei ihrem Anblick der Atem. Sie war eine wunderschöne Braut, sie war meine Braut. Diese Erinnerungen würden mir immer bleiben. Doch als ich Ivette jetzt ansah stockte mir immer noch der Atem. Wie konnte sie immer noch so fantastisch aussehen? Vielleicht verbarg sich unter dieser kalten emotionslosen Seele, ja doch noch irgendwo der Kern meiner Frau, etwas das es wert war gerettet zu werden. 

„Wie schön das du mich gefunden hast“, sagte sie erfreut. 

Nun klang ihre Stimme wieder wie sie selbst. Ich bekam eine Gänsehaut und Schauer durchzuckten meinen Körper. Ich reagierte immer noch so stark auf sie. Zögerlich lief ich weiter auf sie zu. Ich durfte mich jetzt nicht von ihr täuschen lassen. Ich musste dieses Kapitel meiner Vergangenheit endgültig schließen um ein neues beginnen zu können.

„Ich habe diese Kapelle so geliebt. Umso glücklicher war ich, als wir die Zusage des Pfarrers bekamen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft ich in den letzten Jahren hierher gekommen bin. Oft habe ich mir gewünscht, dass du auch her finden würdest, aber du hast diesen Ort wie keinen zweiten gemieden.“ 

„Nach deinem Tod, hat mich einfach alles verletzt, was mich nur im entferntesten an dich erinnerte. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt hierher zurückzukehren und mit dem Pfarrer zu sprechen, aber ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht. Warum wolltest du mich ausgerechnet hier sehen“, fragte ich vorsichtig. 

„Ich dachte es wäre Zeit unsere Eheversprechen zu erneuern. Wenn wir jetzt wieder zusammen sind sollten wir uns auch noch einmal unsere Liebe füreinander eingestehen und welcher Ort eignet sich besser als unsere Kapelle?“ 

„Ich fürchte, dass ich dir nicht geben kann was du dir wünscht. Ich wünschte es wäre alles anders gelaufen Ivette. Nicht du hättest damals im Wald sterben sollen, mich hätte es treffen müssen. Ich hätte dich damals nicht ins Familiengeschäft mit reinziehen sollen. Ich trage diese Schuld bis heute in mir“, sagte ich traurig. 

Langsam lief ich weiter auf sie zu. Jeder Schritt schmerzte und ich fühlte mich nur noch schlechter. Sie verdiente es endlich Frieden zu finden. Wenige Zentimeter vor ihr blieb ich stehen. Meine Augen trafen ihre und ich versank ein letztes Mal in den Tiefen des schönsten Grüntones. 

„Was redest du da Gerard, es ist völlig in Ordnung. Es ist wirklich okay das ich damals gestorben bin. Es ändert nichts an uns. Ich liebe dich wie damals und ich kann es nicht erwarten meine Zukunft mit dir zu verbringen. Und ich weiß auch das es dir ähnlich geht. Ich spüre, dass unsere Herzen immer noch im gleichen Takt schlagen.“ 

„Das ist es ja Ivette, dein Tod hat alles verändert. Ich habe lange gebraucht um alles zu verdauen. Und ich habe angefangen zu heilen. Ich habe in den letzten Wochen wieder angefangen zu leben. Aber als du wieder aufgetaucht bist, bin ich in alte Muster verfallen. Ich habe wieder aufgehört zu leben. Ich habe Menschen verletzt die mir viel bedeuten. Ich habe von einer Wunschvorstellung von dir geträumt, die nicht mehr da ist.“

„Stopp Gerard. Du weißt nicht was du da sagst. Ich spüre doch deine Liebe zu mir. Ich spüre sie in jeder Faser deines Körpers. Ich habe so lange darauf gewartet um wieder bei dir zu sein. Was ist mit dir passiert? Wo ist der Gerard den ich so gut kannte?“ 

Zitternd streckte sie ihre Hand nach mir aus und berührte meine Brust. Mit der linken Hand umschloss ich ihre.

„Dieser Gerard ist mit dir gestorben. Ich habe niemals aufgehört dich zu lieben, aber unsere Beziehung würde heute nicht mehr funktionieren. Wir sind zwei völlig verschiedene Menschen Ivette und das weißt du auch, du möchtest es nur nicht wahrhaben. Unsere Herzen mögen einst im gleichen Takt geschlagen haben, aber auch das ist längst vorbei.“ 

„Du wirst es tun nicht wahr? Du wirst mich töten“, murmelte sie leise und begann zu schluchzen. „Warum? Was ist es, was fehlt dir“, fragte sie traurig. 

„Es tut mir so leid, aber ich muss dich gehen lassen, damit ich endlich Leben kann. Ivette ich habe eine unfassbar tolle Frau kennengelernt, die mir die schönen Seiten des Lebens gezeigt hat. Durch sie kann ich wieder lächeln. Du bist perfekt so wie du bist.“

„Unsere Liebe stand schon immer unter einem schlechten Stern. Und dennoch hat sich jede Sekunde gelohnt. Ich weiß, dass du es tun musst. Aber bitte schenk mir noch einen allerletzten Moment mit dir. Ich möchte dich ein aller letztes Mal ansehen.“ 

Wie konnte ich ihr diesen letzten Wunsch verwehren. Ihre außergewöhnlichen Augen füllten sich mit Tränen. Ich löste ihre Hand aus meiner und strich ihr Haar ein letztes Mal hinter ihr Ohr. Mit der rechten Hand zog ich den Dolch aus meinem Ärmel. 

„Ich hoffe, dass du jetzt endlich Frieden finden wirst Ivette. Du bist, du warst meine erste große Liebe und ein Teil meines Herzens wird immer dir gehören.“ 

„Wir werden uns in ein paar Jahren auf der anderen Seite wiedersehen. Bis dahin wünsche ich dir ein Leben ohne Sorgen an der Seite deiner neuen Liebe. Ich liebe dich Gerard, vergiss das niemals.“ 

Alles in mir sträubte sich den Dolch zu heben. Doch Ivettes Nicken gab mir den letzten Schubs. Mit einem kräftigen Stoß rammte ich den Dolch in ihr Herz. Sie starb mit einem Lächeln auf den Lippen. 

„Ich liebe dich auch Ivette.“ 

Minuten lang hielt ich ihren toten Körper in meinen Armen. Tränen strömten über meine Wangen. Wann hatte ich wohl das letzte Mal so intensiv geweint? Ich wusste, dass ich ihren Körper noch verbrennen musste, doch ich brachte es einfach nicht übers Herz. 

„Lass mich dir helfen Vater“, sagte Chris leise. „Du musst das nicht allein durchstehen, wir machen es gemeinsam und dann kann ich wenigstens richtig Abschied nehmen.“ 

Chris zog aus seiner Jackentasche ein Feuerzeug. Ich legte Ivette vorsichtig auf den Boden. Chris wollte das Feuerzeug direkt fallen lassen, doch ich hielt ihn zurück. 

„Ich möchte noch etwas sagen Chris. Damals bei ihrer Beerdigung habe ich nicht die richtigen Worte gefunden. Heute werde ich sie höchstwahrscheinlich auch nicht finden, aber sie hat ein paar Worte verdient, findest du nicht?“ 

Er nickte mir nur zu und schloss anschließend die Augen. Ich hatte Chris lange nicht so emotional gesehen. Er hatte damals nicht die Chance bekommen sich von seiner Mutter zu verabschieden, er verdiente diesen Abschied mehr als ich. Für ihn würde ich wohl die richtigen Worte finden können.

„Ivette war eine unfassbar starke Frau, sie war eine liebende Mutter und sie war eine mutige Jägerin. Sie hat alles dafür gegeben unsere Familie zu beschützen. Sie hat immer im besten Sinn für uns gehandelt Chris, und ihr einziger Wunsch war es ihr Leben mit ihrer Familie zu verbringen. Selbst als Widergänger hat sie nur an unsere Familie gedacht. Sie liebt uns bedingungslos und nun hat sie hoffentlich den Frieden gefunden, den sie schon ihr ganzes Leben lang verdient hat.“ 

Ich gab Chris schließlich das Zeichen das es Zeit war Ivette für immer zu verlassen. Bevor das Feuerzeug ihren Körper berührte zog ich noch schnell den Dolch aus ihrer Brust. In nur wenigen Sekunden stand ihr Körper in Flammen. Wir hatten es geschafft, Beacon Hills war gerettet und vor mir lag eine Zukunft mit Dolores. Aus meiner Jackentasche zog ich ein großes Stofftaschentuch, darin wickelte ich den Dolch ein. Ich machte Anstalten aufzubrechen, doch Chris starrte weiterhin auf Yvettes brennenden Körper. 

„Geh Vater, Dolores wartet auf dich, ich kümmere mich um den Rest. Du hast dir jetzt deine Auszeit mehr als nur verdient.“ 

„Danke Chris, falls du Hilfe brauchen solltest, ruf Scott an, er hat seine Hilfe angeboten. Er würde sich sicherlich riesig freuen.“ 

 

Als ich das Apartment betrat umhüllte mich Dunkelheit. Angst schnürte mir die Kehle zu, konnte Dolores etwas passiert sein? Sie wollte doch hier auf mich warten. 

„Dolores? Liebes“, rief ich besorgt. 

Ich erhielt keine Antwort. Schnell zog ich meine Jacke aus und legte den Dolch auf die Kommode neben dem Kleiderständer. Langsam öffnete ich die Tür zum Esszimmer. Innerlich bereitete ich mich auf das Schlimmste vor, umso überraschter war ich über den Anblick, welcher sich mir bot. Das Esszimmer war in Kerzenschein gehüllt, der Esstisch war verschwunden und Dolores kam mit einem Tablett aus der Küche. 

„Du bist ja schon zurück. Ehrlich gesagt habe ich noch gar nicht mit dir gerechnet. Alles sollte perfekt sein, aber ich trage nicht mal das Outfit, welches ich für diesen Anlass geplant habe“, sagte sie nervös und kicherte leicht. 

Ich konnte nicht anders als auf sie zuzustürmen. Noch nie hatten meine Lippen ihre so schnell gefunden. 

„Gerard, der Kuchen“, flüsterte sie noch immer kichernd. 

Atemlos löste ich mich von ihr und sah sie an. Der Moment war mehr als nur perfekt. Sie war perfekt. 

„Du siehst fantastisch aus. Und all das hier ist mehr als ich mir jemals wünschen könnte. Womit habe ich all das verdient?“ 

„Als ob du das nicht wüsstest“, sagte sie neckend, sah mich dann aber wieder ernst an, „Du hättest da heute auch draufgehen können, dass ist dir doch hoffentlich bewusst. Ich habe mir den ganzen Abend Sorgen gemacht. Ich hatte ja solche Angst, Angst davor, dass du nicht nach Hause kommen würdest.“ 

Sie drehte sich aufgebracht um und stellte den Kuchen auf das nächstbeste Sideboard. Ich konnte spüren wie all ihre Sorgen und Ängste von ihr abfielen. 

„Bleib genau da stehen Gerard, ich muss noch kurz etwas aus der Küche holen. Und wag es nicht dich auch nur einen Millimeter zu bewegen.“ 

Natürlich gehorchte ich sofort. Für diese Frau würde ich nahezu alles tun, und warten war da wohl die leichteste Aufgabe die sie mir geben konnte. Wenig später kam sie erneut durch die Tür. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Gegenstand. 

„Gerard, der heutige Abend hat mir mehr als nur gezeigt was ich für dich empfinde. Ich möchte keinen Tag, keine Stunde und auch keine Minute mehr ohne dich sein. Ich möchte jeden Tag neben dir einschlafen und am nächsten Morgen möchte ich auch wieder neben dir aufwachen. Ich möchte meine Zukunft mit dir teilen und deswegen habe ich heute eine spontane Entscheidung getroffen. Ich habe im Zaubereiministerium gekündigt, ich habe auch mein Haus zum Verkauf angeboten. Ich bin für dich all in gegangen und nun möchte ich dich fragen, ob du bereit bist das Gleiche für mich zu tun. Möchtest du, Gerard, mich Heiraten und mit mir gemeinsam in ein Haus ziehen?“ Im gleichem Atemzug öffnete sie die kleine Schachtel und zeigte mir zwei Hausschlüssel. Die Schlüssel für unser gemeinsames Zuhause. 

„Natürlich möchte ich dich heiraten Dolores. Allerdings bin ich etwas sauer, dass du mir zuvor gekommen bist.“ 

„Ich weiß das es sehr früh ist, aber das Leben hat uns mehr als nur einmal gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Und ich bin mehr als nur bereit unsere Liebe mit der ganzen Welt zu teilen. Wenn du mir jetzt noch die Ehre erweisen würdest und mit mir tanzt, dann machst du mich zur glücklichsten Frau in der ganzen Stadt.“ 

„Nichts lieber als das. Ich liebe dich“, flüsterte ich und zog sie in meine Arme. 

Ich hatte viel zu lange nicht mehr mein Tanzbein geschwungen. Die ersten Anläufe waren mehr als nur steif, aber mit jedem Song wurde ich sicherer und schließlich wirbelten wir durch das Esszimmer. Wir tanzten die ganze Nacht und ich fühlte mich lebendiger als jemals zuvor.

 

 

5 Wochen später

Nervös zupfte ich an meinem Anzug. Die vergangenen Wochen hatten sich nur um die Hochzeit gedreht und heute war der Tag endlich gekommen. Meine Emotionen legten eine Achterbahnfahrt nach der anderen ein und ich war mal wieder ein komplettes Wrack. 

„Warst du damals auch so verdammt nervös“, fragte Chris lachend. 

Ich griff nach dem an nächsten liegenden Gegenstand, glücklicherweise war es ein Kissen, und bewarf Chris. 

„Mach dich nur über deinen Vater lustig. Das hat ein Nachspiel mein Freund, mach dich darauf gefasst“, erwiderte ich neckend. 

Ich warf einen Blick in den Spiegel und richtete meine Krawatte. Ich konnte es nicht erwarten Dolores zu sehen, dann wären wir endlich Mann und Frau. Vor Monaten hätte ich in feinster Weise gedacht, dass ich in diesem Leben noch einmal vor den Traualtar treten würde, aber die Liebe ließ mich völlig neue Wege gehen. 

„Du siehst gut aus, Vater. Dolores kann gar nicht anders als Ja zusagen.“

„Das will ich doch hoffen, ich kann mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Aber wem sage ich das hier eigentlich? Wäre es nicht auch für dich langsam Zeit mit Melissa McCall den nächsten Schritt zugehen? “ 

„Ich trage den Ring seit Wochen mit mir herum, aber ich weiß einfach nicht ob sie schon so weit ist. Und dann ist da ja auch noch Scott. Die Risiken, dass sie Nein sagen könnte sind mir einfach zu groß.“ 

„Chris, wenn es etwas ist, dass ich gelernt habe, dann das das Leben einfach viel zu kurz fürs Zweifeln ist. Wenn du sie wirklich liebst, dann riskiere es und ich bin mir mehr als nur sicher das sie Ja sagen wird. Du bist schließlich der Hauptgewinn der eine Frau bekommen kann.“ 

Gemeinsam verließen wir das Ankleidezimmer und begaben uns in die Kapelle. Chris nahm in der ersten Reihe neben Melissa platz und ich stellte mich neben den Pfarrer. Mein Blick glitt über die vielen zahlreichen Gäste, die alle gekommen waren um unsere Liebe zu zelebrieren. Ich sah Derek und Stiles die sich angeregt unterhielten und lachten, auch die beiden waren ein fantastisches Paar. Bei Chris blieb ich letztendlich hängen, er sprach mit Scott und ich wusste, das er ein fantastischer Stiefvater für den Jungen sein würde. Sie alle waren gesund und glücklich. Schöner hätte ich mir meinen Hochzeitstag auch nicht ausmalen können. 

Nach der Zeremonie suchte ich mir mit Dolores ein ruhiges Plätzchen. Wir liefen in den Garten, Lichterketten verbreiteten eine romantische Stimmung und der wolkenlose Himmel ließ uns die Sterne sehen. 

„Darf ich um diesen Tanz bitten“, forderte ich meine Frau auf. 

„Nichts lieber als das.“ 

Ich wirbelte sie über den Rasen und wir befanden uns in unserer eigenen Seifenblase. Niemand konnte mir diesen Moment nehmen. Alles was für mich zählte war meine Familie. Eine Familie die ich über alles liebte. 

„Es wird Zeit, dass wir deine Tochter aufspüren, du solltest ihr verzeihen, denn schließlich ist sie auch ein Teil unserer Familie.“

„Können wir das Thema Kate, bitte auf einen anderen Tag verlegen. Ich möchte die Zeit jetzt gerne mit dir verbringen, um Kate können wir uns auch morgen noch kümmern.“ 

Ich besiegelte unsere Liebe mit einem Kuss. Dolores machte mich wirklich zu einem besseren Menschen. Ich war ihr mehr als nur dankbar. Und diese Dankbarkeit konnte ich ihr nun für den Rest unseres Lebens jeden Tag zeigen. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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