Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 5)

Meine Mutter teilte es mir am nächsten Morgen mit. Es war ein warmer, strahlend heller Tag, die Andeutungen der bevorstehenden Mittagshitze schwellten bereits wie gebündelte Energiekugeln in der Luft herum, als sie vom Supermarkt zurückkehrte und mit unserem VW Kombi auf den Hof fuhr. Ich war bereits wach und am Fegen – ich wollte es hinter mich bringen, bevor es zu heiß wurde –, während mein Vater im Holzschuppen damit beschäftigt war, an unserem Rasenmäher die Zündkerzen zu wechseln. Meine Mutter stieg aus dem Auto und schüttelte fassungslos den Kopf, in der rechten Hand mit der Morgenzeitung am Winken.

»Abscheulich«, sagte sie. »Einfach nur abscheulich.«

Wie sich herausstellte, hatte es im Verlauf der Nacht einen Zwischenfall auf dem Nordfriedhof von Hartsville gegeben, einem kleinen Städtchen zwischen Greensburg und Colombus. Im Artikel stand, dass mehrere Grabsteine »rücksichtslos zerschlagen und beschmiert worden waren«, mit Pentagrammen und Hakenkreuzen sowie anderen obszönen Zeichnungen. Manche Grabsteine seien umgestoßen oder ihre Inschriften mit einem spitzen Gegenstand zerkratzt worden, es habe auch Einbruchsspuren an der Krypta gegeben. Das wirklich entsetzliche war jedoch, dass jemand eines der Gräber geöffnet und den Leichnam entnommen hatte. Es handelte sich um einen vor kurzem an einem Herzanfall verstorbenen Mann mittleren Alters, dessen Bestattung noch keine zwei Wochen zurücklag. Offenbar hatte sich der Verantwortliche mit einem Spaten bis zum Sarg vorgegraben und diesen dann mit einem spitzen Gegenstand aufgebrochen. Spuren von Erde zeigten, dass der Täter den Leichnam Richtung Haupteingang geschliffen hatte, dass er sich also offenbar sehr sicher gewesen sei, unentdeckt zu bleiben. Die Anwohner und die Gemeinde seien entsetzt ob dieses bestialischen Aktes des Vandalismus und der Totenruhestörung, die Verwaltung appellierte im Namen aller Betroffenen an die Polizei, dass den Verantwortlichen schnellstmöglich und mit aller Härte und Entschlossenheit das Handwerk gelegt werde.

»Das ist ja heftig«, sagte ich, weil ich nicht so recht wusste, wie ich mich sonst dazu äußern sollte. Meine Mutter schüttelte noch einmal den Kopf und eilte dann zu meinem Vater, um auch ihm die schockierende Nachricht zu überbringen.

Ich dachte ehrlich gesagt nicht groß darüber nach. Es war bestürzend, es war in nicht allzu großer Entfernung passiert, doch es erreichte mich nicht in einem solchen Ausmaß, dass ich mit meiner Fassung rang; in dieser Hinsicht kam ich wohl eher nach meinem Vater, der über diese Sache auch nur ein Grunzen verlor und beim Mittagessen schon gar nicht mehr darüber sprach (was vielleicht auch daran liegen mochte, dass zwischen ihm und meiner Mutter noch immer ein wenig frostige Stimmung herrschte). Auch ohne derlei Gräueltaten im Hinterkopf zu haben, wurde der Tag hart und lang und zäh, wurde so trocken wie die Luft, die sich am frühen Nachmittag wie eine Decke über die Maisfelder legte und den Horizont zum Flimmern brachte. Unsere Terrasse wurde so heiß, dass man sich förmlich die Zehen verbrannte, sobald man sie betrat, und am Nachmittag musste mein Vater die Arbeiten in seinem Schuppen abbrechen, weil das Verbleiben in jener Melange aus Hitze, Motoröl und Fett schiere Übelkeit und Kopfschmerzen heraufbeschwor. Als es endlich Abend wurde, hatte ich bereits fast vier Liter Wasser getrunken und fächerte mir in meinem Zimmer frische Luft mit einer Pappmappe zu, trotz des surrenden Ventilators auf meinem Schreibtisch.

Leila kontaktierte mich gegen halb elf. Sie schrieb ihr klassisches Hey :), doch dass sie es diesmal bei WhatsApp tat, dass ich ihre Worte diesmal auf meinem Smartphone las statt auf meinem Rechnermonitor, erweiterte unser Ritual um eine neue Kerbe, beschrieb eine neue Seite unseres gemeinsamen Buches, und aus irgendeinem Grund fühlte sich das seltsam aufregend an. Ich schrieb ein Hey zurück und wedelte mir mit der Mappe stärker Luft zu.

»Ist suuuper langweilig hier :D«, schrieb sie nach ein paar Sekunden.

Ich grinste. Obwohl ein Teil von mir sich sträubte, nahm ich ihre Worte von gestern als Grundlage, um ein wenig zu scherzen. »Noch keine Opfer entdeckt? :P«

»Heute ist ziemlich tote Hose«, schrieb sie zurück. »Aber wer weiß, vielleicht kommt ja noch jemand ;)«

»Hast du von der Sache in Hartsville gehört?« Es kam mir spontan wieder in den Sinn.

Leilas Antwort fiel knapp aus: »Jup.«

»Und? Was hältst du davon?«

Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Antwort abgetippt hatte. »Vermutlich irgendwelche Möchtegernrebellen, die sich für ganz cool halten. Das klingt alles so gewollt provokant. So gewollt vulgär. Und kindisch. Schwänze und Vaginen zu zeichnen war bei uns schon in der achten Klasse nicht mehr lustig.«

Ich war ein wenig überrascht. »Die haben nen Leichnam gestohlen, Leila.«

»Vielleicht wars ne Mutprobe.«

»Oder ein Satanskult. Es gab Pentagramme.«

»Ein ziemliches Klischee, findest du nicht?« Wieder eine längere Pause, bis ihr Text fertig war. »Das erste, woran Ausstehende bei Satanismus denken, ist doch das Feiern Schwarzer Messen, das blutige Opfern von Jungfrauen oder eben das Vandalieren auf Friedhöfen.«

»Genau aus diesem Grund könnte es ja so sein. Deine Möchtegernrebellen sind vielleicht Möchtegernsatanisten ;)«

»Mag sein.« Dann, nach ein paar Sekunden: »Wart mal eben …«

Ich wartete. Zwei Minuten vergingen, und als sie sich wieder meldete, schickte sie ihren Worten ein Bild hinterher.

»Jetzt bin ich auch Möchtegernsatanistin :D«

Auf dem Bild darunter hatte sie mit dickem schwarzem Filzstift ein Pentagramm auf etwas gemalt, das wie die Wand einer Toilettenkabine aussah. Die Linien des Pentagramms waren ausgesprochen akkurat.

Ich ertappte mich dabei, dass ich mich zum Lächeln zwang. »Kriegst du dafür keinen Ärger?«

»Ist auf dem Gäste-WC. Warte.«

Wieder dreißig Sekunden, wieder ein Bild.

»Damit du mal ne Damentoilette zu Gesicht bekommst xD«

Sie hatte ein Selfie von sich in dem großen Spiegel über den Waschbecken geschossen. Die Räumlichkeiten waren hell und sauber, und Leilas Spiegelbild lächelte frech in die Kamera. Ihre Arbeitskleidung bestand aus einer weißen Bluse, einem schwarzen kurzen Rock und blickdichten Strumpfhosen; an den Füßen trug sie normale, leicht abgenutzte Chucks. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Ich grinste, als ich eine Antwort tippte. »Trügerisch ordinär :D«

»Ich hab noch drei Minuten Pause«, schrieb sie. »Nenn mir einen Spruch, mit dem ich dich verewigen soll :)«

Ich zögerte. »Schon gut, das muss nicht sein.«

»Zwei Minuten. Komm schon, du kriegst auch ne Belohnung ;)«

Ich seufzte. Mir missfiel die Vorstellung, dass man sie erwischte, aber andererseits war heute Mittwoch, und um diese Zeit waren dort womöglich nicht mehr so viele Gäste, dass in genau diesem Moment einer hereinplatzte.

So ließ ich mich drauf ein. »Schreib „Heil Satan und habt einen schönen Tag.“« Es war einer der Sprüche, die ich auf Tumblr gelesen hatte.

Es dauerte keine volle Minute, bis sie mir das Beweisfoto schickte. Sie hatte den Spruch in die linke untere Ecke des Spiegels gekritzelt, unübersehbar für jeden, der hereinkam. »Ein echter Möchtegernsatanist :D«, schrieb sie.

»Wir sind richtig bösartig«, schrieb ich zurück.

»Bösartig und cool.«

»Was ist die Belohnung?« Ich grinste bei der Frage.

»Gibt’s, wenn ich zuhause bin ;)«, antwortete sie. »Jetzt muss ich leider erst weiterarbeiten :/«

Die zwei Stunden würde ich überleben. »Okay, dann bis später :)«

Sie antwortete, indem sie mir ein Herz schickte. Dann ging sie offline und ließ mich mit einem Magenkribbeln zurück, dass ich in seiner Intensität nicht mehr leugnen konnte. Doch das war in Ordnung, befand ich. Es sprach nichts dagegen.

Zweieinhalb Stunden später kam sie online. Ich hatte die Zeit damit verbracht, im Internet zu surfen und mir immer wieder ihr Selfie anzusehen; aus irgendeinem Grund fand ich das ihr bisher hübschestes Bild, und genau das wollte ich ihr auch schreiben. Ich hatte sie jedoch noch nicht einmal begrüßt, als sie meine Pläne mit einem neuen Bild bei WhatsApp augenblicklich wieder revidierte.

»Die Belohnung. Wie versprochen ;)«

Erneut hatte sie ihr Handy benutzt, diesmal in Hochformat. Zu sehen waren die leicht angezogenen Beine eines Mädchens, das bei schummrigem Kerzenschein in einer Badewanne lag. Nur ein dürftiger weißer Schaumflaum bedeckte den Schritt und einen Teil ihres Bauches. An der rechten Hüfte, in Höhe des Nabels, die Andeutungen ihres Tattoos.

»Gefällt’s dir?«, tauchten ihre Worte auf.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, wobei ich mir nicht sicher war, ob er noch allein von jener kolossalen Hitze rührte. »Von wann ist das?«, fragte ich, obschon diese Frage womöglich so dumm war wie das Grinsen, das gerade auf meinem Gesicht erwuchs.

Von jetzt gerade :), antwortete sie.

Ich beugte mich näher ans Display und kniff die Augen zusammen. Die Vorstellung, mit ihr zu chatten, während sie ein Bad nahm, befeuerte meine Fantasie, dass es einem Kurzschluss gleichkam, mein Magen schlug Purzelbäume. Das gesamte Bild besaß etwas Eigentümliches, Verzauberndes: Durch die Kerzen wurde alles, was sich jenseits des Badewannenrands befand, in schummrige Dunkelheit gehüllt, sodass es wirkte, als bade Leila in einer geheimnisumwobenen, unterirdischen Grotte. Ihre Beine waren schön; vielleicht ein bisschen zu blass und dünn, dafür aber ebenso lang und glatt. Wasserrinnsale überzogen ihre Oberschenkel mit glitzernden feinen Verästelungen, das Kerzenlicht betonte sanft die Straffheit ihrer Wadenmuskeln. Durch den wenigen Schaum schien es fast, als müsse man seinen Blick nur angestrengt fokussieren, um durch die Spiegelung hindurch zwischen ihre Beine sehen zu können. Als ich mich dabei erwischte, genau dies zu tun, wurden meine Wangen ganz heiß, und ein Verdacht beschlich mich, dass Leila eine solche Reaktion bewusst hatte herbeiprovozieren wollen.

»Das sieht sehr gemütlich aus :)«, schrieb ich und kam mir im selben Moment wie der letzte Volltrottel vor.

»Hast du auch eine Badewanne zuhause?«, fragte sie mich.

»Klar«, schrieb ich. »Wieso? :D«

In meinem Kopf stellte ich mir das Platschen vor, als sie mit ihren nassen Fingern auf ihrem Handy herumtippte. »Quid pro Quo ;)«

Diese Nacht versprach etwas. Wie eine schlichte, nüchterne Tatsache ereilte mich dieser Gedanke und setzte sich in meinem Kopf fest, so unerschütterlich und selbstverständlich, dass ich nicht eine Sekunde an seinem Wahrheitsgehalt zweifelte. Es stimmte. Der nächste Schritt stand nun bevor. In dieser Nacht würden sich die Weichen stellen, in dieser Nacht würde sich die Richtung offenbaren, in die wir unsere gemeinsame Reise fortsetzen würden. Es gab kein Zurück mehr, und ein Teil von mir stellte fest, dass ich auch überhaupt nicht mehr zurück wollte. Ich war bereit.

»Okay«, schrieb ich. »Aber ich muss leise sein, meine Eltern schlafen.«

»Sag mir Bescheid, wenn du soweit bist. Und stell dein Handy auf Vibration ;).«

Ein Gefühl größter Unwirklichkeit überkam mich, als ich zwei Minuten später über den dunklen Flur schlich, größte Unwirklichkeit und eine erregende Mixtur aus Vorfreude und Furcht. Ein Gefühlscocktail, der mein Herz zum Rasen brachte. Als ich das Badezimmer erreichte – meine Eltern besaßen ihr eigenes, das sie von ihrem Schlafzimmer aus betreten konnten, und das wiederrum befand sich glücklicherweise auf der anderen Seite der Etage –, ließ ich das Licht aus und benutzte lediglich mein Handy als Taschenlampe. Ich drehte den Wasserhahn nicht komplett auf, damit sich die Wanne leiser füllte, erst ein wenig heißes, und dann umso mehr kaltes Wasser. Nach fünf Minuten war die Wanne zu einem Drittel gefüllt, und ich legte mein Handy auf den Fliesenboden und zog mich aus. Meine Erektion war riesig. Langsam stieg ich über den Wannenrand und ließ mich ins Wasser sinken; die lauwarme Temperatur ließ einen wohligen, kühlen Schauer über meine Haut fahren. Einen Moment saß ich nur da. Schließlich nahm ich mein Smartphone, stellte Vibration- und Blitzlichtfunktion ein, und schoss ein Foto. Genau wie Leila, achtete ich darauf, nicht zu viel zu zeigen; ich hielt mir einfach die Hand über den Schritt.

Dann schickte ich das Bild ab.

»Bin bereit.«

Sie rief mich an. Mit klopfendem Herzen nahm ich den Anruf entgegen, meine Zunge fühlte sich wie trockener Pelz an.

»Hallo, Steven.« Ihre leise, rauchige Stimme.

»Hey Leila.« Ich schluckte.

»Mach die Augen zu und tu, was ich dir sage. Ich werde genau dasselbe machen. Als wären wir in einem Körper.«

»Okay.« Ich war plötzlich nervös.

»Nimm den linken Zeigefinger und berühr deinen Kehlkopf. Drück die Fingerspitze ganz sanft darauf.«

Ich tat, was sie sagte. Hörte das Platschen durch die Leitung, als sie dieselbe Bewegung ausführte.

»Streich langsam bis auf dein Brustbein hinab. Bis ich Stopp sage.«

Ihr Körper, nass und funkelnd im Kerzenschein, und wie ihre Hand zwischen ihre Brüste glitt.

»Stopp.«

Ich leckte mir den Schweiß von der Lippe, wartete.

»Berühr deinen rechten Nippel.«

In meinem Unterleib zog sich alles zusammen. Langsam bewegte sich mein Finger über die Haut, das Wasser schwappte, weil ich leicht zitterte. Ihr Plan ging voll auf, denn mit jeder Sekunde stellte ich mir fester vor, dass ich ihren Körper berührte. Ihre Brust. Ihren Nippel.

»Kneif hinein.«

Gleichzeitig schnappten wir nach Luft. Ich hörte das Wasser bei ihr platschen, weil sie sich unruhig bewegte, und erst da fiel mir wieder ein, was sie mir gebeichtet hatte. Über Nadeln. Über spitze, hauchfeine Stiche, die sie erregten.

»Fester.« Ihre Stimme klang leicht kehlig.

Ich kniff fester zu, so fest, bis ich die Zähne zusammenbiss und das Gesicht verzog. Leila atmete heftig ins Telefon.

»Jetzt die andere Seite. Links.«

Ich stellte mir vor, wie ich ihr mit meinen Fingern in die Brustwarze kniff, so fest, dass sie sich unter mir wand und stöhnte. Ihr echtes Stöhnen in diesem Moment zu hören ließ mich beinahe selber Winseln, meine Hüften zuckten und das Wasser schwappte laut in der Wanne.

»Schhh, schhh.« Sie rang selbst ein wenig nach Luft. »Streich mir jetzt über den Bauch. Bis hinab an mein rechtes Knie.«

Ich tat, was sie sagte. Mein Finger wanderte hinab, unter die Wasseroberfläche, über ihren Nabel und an der Innenseite ihres Oberschenkels entlang. Zitternd hörte ich sie den Atem ausstoßen. Mein Finger wanderte weiter, erklomm ihr angewinkeltes Bein und erreichte ihr Knie.

Leila schluckte. »Jetzt vom linken Knie wieder hinauf. Bis zwischen meine Beine.«

Mein Herz trommelte wie wild. Langsam fuhr mein Finger die Bahn zurück, die er gekommen war, wieder hinab ins Wasser, wieder über ihren Schenkel, über die glatte, straffe Haut, die sie besaß. Bevor er ihre Hüfte erreichte, hielt ich jedoch inne, in der Feuchtigkeit und Wärme unter Wasser.

Nun wechselte sie die Pronomen wieder. »Umfass deinen Schwanz.«

Allein die Aussicht, sich bei dem Bevorstehenden nun gegenseitig anzutreiben, ließ mich beinahe kommen. Das Blut pulsierte heftig durch meine Adern, sämtliche meiner Muskeln waren gespannt.

»Sag mir, was ich tun soll.« Leilas Stimme, beinahe abwesend.

Ich erkannte mich selbst kaum wieder. »Schieb einen Finger in dich rein.«

Als ich das Schwappen von Wasser hörte, wurde mir heiß. »Worein?«, fragte sie – flüsternd, herausfordernd.

»In dich.«

»Worein?«

Ihr aggressiver Tonfall schlug sofort auf meinen über. »In deine Fotze. Steck deinen Finger in deine …«

Es beschlich mich langsam, kroch mir selbst wie ein Finger in den Kopf. Doch es bereitete mir eine Gänsehaut, dass ich die Augen wieder öffnete und in die Dunkelheit des Raumes starrte.

Leilas Stimme klang etwas irritiert. »Steven?«

»Woher wusstest du das«, hörte ich mich sagen. Erst jetzt merkte ich, wie sich die Finger um mein Gemächt gelockert hatten, dass ich mich aufgesetzt hatte. »Woher kanntest du dieses Detail?«

»Was? Wovon redest du?«

»Schwänze und Vaginen«, wiederholte ich ihre grobe Wortwahl. »Woher wusstest du, dass auf den Grabsteinen in Hartsville Geschlechtsteile gemalt wurden?«

Stille.

Ich stand auf, schwang mich aus der Badewanne. »Das stand nicht in der Zeitung, Leila.«

»Um Himmels willen. Was soll denn sonst drauf gemalt sein, wenn von obszönen Zeichnungen gesprochen wird?«

»Du hast nicht geklungen, als seist du einfach davon ausgegangen. Du hast geklungen, als hättest du … als hättest du es gesehen.«

Sie schwieg. Ein seltsames Schwindelgefühl hatte von mir Besitz ergriffen, zum ersten Mal, seit Tagen, war mir kalt.

Als sie noch immer nichts sagte, bohrte ich nach. »Leila –«

»Ich war da«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich war da, okay? Heute, bevor ich zur Arbeit gefahren bin. Ich wollte es mir ansehen.«

»Du wolltest es dir ansehen«, wiederholte ich, wie ein Vater, der sich das Vergehen seines Kindes noch einmal vor Augen hält. »Und warum … warum hast du mir das dann nicht gesagt?«

Diesmal war sie es, bei der das Zögern deutlich war. Ich konnte kaum fassen, dass wir diese Unterhaltung tatsächlich führten, in diesem Ton, in diesen Rollen.

»Leila?«

»Hättest du mir geglaubt?«, fragte sie leise zurück.

»Natürlich«, sagte ich. »Warum denn nicht?«

»Du hättest Zweifel gehabt«, fuhr sie unbehelligt fort. »Du hättest dich gefragt, ob ich tatsächlich einfach nur dort gewesen sei, um mir das Ganze anzusehen, oder ob ich nicht … ob ich nicht etwas damit zu tun hätte. Und dann wären wir genau dort gelandet, wo wir jetzt sind.«

»Dass du es mir nicht gesagt hast, ist der Grund, weshalb wir jetzt hier sind. Ich …«

»Du zweifelst.« Sie sagte es ganz ruhig, ganz nüchtern, und ihr Tonfall ließ keine Widerworte zu. »Ich kann es dir nicht verübeln, schätze ich. Schließlich bin ich diejenige, die behauptet hat, auf derlei Dinge abzufahren, die behauptet hat, keine Grenzen zu respektieren. Und dass du den Faden weiterspinnst …«

»Nun hör schon auf. Leila –«

»Um Himmels willen Steven, mach mir doch nichts vor.« Ich war mir nicht sicher, aber ich meinte zu hören, dass ihre feste Stimme in diesem Moment Risse bekam. »Ich wusste, würde ich dir von meinem Besuch dort erzählen, würdest du annehmen, ich hätte was damit zu tun. Und das wollte ich nicht riskieren. Noch nicht, zumindest. Ich wollte nicht riskieren, dass das hier … und jetzt ist es zu spät. Schon wieder hab ich’s verbockt.«

Als ihre Stimme in diesem Moment brach, tatsächlich brach und jeglichen verführerischen Glanz verlor, überkam mich wieder diese jähe Unwirklichkeit, das Gefühl, dass diese Situation nicht in die Realität passte. In der Realität verlor die Leila, die ich im Verlauf der letzten Wochen kennengelernt hatte, nicht ihre Kontenance, nicht ihre Selbstsicherheit. Ich war mir nicht sicher, was hier gerade passierte – aber es war unabänderlich in Gang gesetzt.

»Ich wäre nicht zwingend davon ausgegangen«, sagte ich, obwohl ich mehr als unschlüssig klang.

»Oh bitte.« Nun schwang Wut in ihrer Stimme mit. »Als hättest du es noch nicht in Betracht gezogen …«

»Ich …«

»Bei allem, worüber wir schon gesprochen haben, was wir miteinander geteilt haben … bei allem, was ich dir anvertraut und gezeigt habe, ist es dir da nie auch nur einmal in den Sinn gekommen, dass ich … speziell bin? Anders ticke? Einen Sprung in der Schüssel habe?«

Diese Gegenfragen trafen mich mit Vollkaracho. »Ich …«

»Beschönige nichts«, sagte Leila. »Weder mir, noch dir zuliebe, beschönige nichts. Lüg dir nicht selbst ins Gesicht, Steven. Natürlich hast du das gedacht. Und deshalb hast du auch diese Friedhofssache in Betracht gezogen.«

Jetzt lag es an mir, zu schweigen. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

Als Leila erneut das Wort ergriff, schwang etwas Zerbrochenes in ihrer Stimme mit, etwas verletztes. »Ich habe mich nie verstellt. Ich habe mir immer vorgenommen, meinem Gegenüber zu zeigen, wer ich wirklich bin. Bei dir hatte ich das Gefühl, endlich einmal Glück zu haben. Bei keinem Jungen habe ich mich bisher so gefühlt. Ich wollte das … ich wollte mit meinem Besuch bei diesem Friedhof nichts kaputt machen. Ich wollte warten.«

»Ich hätte es verstanden.«

»Hättest du?« Sie konnte ihr Schluchzen nicht mehr unterdrücken, ich vernahm es durch das Handy. »Hättest du mir überhaupt geglaubt, Steven?«

Ich wollte bejahen, instinktiv bejahen – doch als ich den Mund bereits geöffnet hatte, um ebendies zu tun, kam kein Laut heraus. Bei aller Aufrichtigkeit, die sie an mir schätzte, wäre ein Bejahen das unaufrichtigste gewesen, was ich hätte tun können. Das wurde mir klar. Genauso wie ihr.

»Danke.« Ich hörte, wie sie ihre Tränen wegwusch. »Ich wollte dir heute Abend nur eine Freude machen, ich wollte dich nur kennenlernen … aber wenn du unsere bisherigen Gespräche insofern deutest, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun hätte, dann sei es so. Das ist mir nichts Neues.«

Damit legte sie auf. Nackt stand ich in der Dunkelheit des Badezimmers, schlotternd, mit Wasserrinnsalen, die an meinem Körper hinabrannen.

Die Nacht, in der die Weichen gestellt wurden. In der wir unsere neue Richtung einschlugen.

Ich hatte mich noch nie so scheußlich gefühlt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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