Kristine Lohmann

22 Mädchen - 1

Freitagabend
Die Sonne ist bereits untergegangen. Der Regen von heute Morgen macht noch immer keine Anstalten aufzuhören. Schwere Tropfen prasseln auf das Fensterbrett und erzeugen einen dumpfen, fast hypnotisierenden Klang. Das Geräusch von Regen hat etwas Beruhigendes. Der Gedanke gleich hinaus zu müssen eher weniger. Ich entscheide mich dafür die Akten zu verstauen und nach Hause zu gehen. Es ist ohnehin schon viel zu spät und die letzten Mitarbeiter sind bereits seit einigen Stunden daheim. Bis auf Tom natürlich. Und obwohl sein Ehrgeiz schon fast lächerlich ist, finde ich ihn auf eine gewisse Weise sympathisch. Warum er ausgerechnet mich für den Papierkram auserwählt weiß ich nicht. Vermutlich sieht man mir mein nicht vorhandenes Sozialleben bereits an.
Ich blicke ein letztes mal zur Verabschiedung zu ihm rüber, doch er scheint mich garnicht zu sehen. Hektisch blättert er in den alten, schon porösen Akten ohne den Blick auch nur eine Sekunde von ihnen abzuwenden. Die aufgeregt flackernde Schreibtischlampe über ihm scheint ihn ebenfalls nicht aus seiner Trance zu holen. Wortlos öffne ich die schwere Glastür und trete in die kalte Nachtluft. 

Lanciton
Als ich aus dem Fenster blicke ist der Mond durch den dichten Nebel kaum zu sehen. Die Stadt versinkt in Dunkelheit. Auch die blass leuchtenden Laternen können das endlose Schwarz nicht brechen. Was finden die Leute nur an dieser Stadt? Ich frage mich ob man freiwillig hier her kommt, oder ob diejenigen die ihr Dasein hier fristen einfach Pech hatten ausgerechnet in Lanciton geboren zu sein. Die einzige Touristenattraktion ist ein Feld mit einer kleinen unscheinbaren Gedenktafel, die an die hier stattfindenden Hexenverbrennungen erinnern soll. Nachdem dieser Fund durch Historiker publik gemacht wurde, scharrten sich die Touristen wie die Motten um das Licht. Nichts zieht Menschen mehr an als Leid. Jeder will glücklich sein, aber die höchsten Einschaltquoten haben immernoch Sendungen die den Schmerz Anderer vor die Kamera zerren. Ich bin ein Paradebeispiel. Das was ich gesucht habe war Hoffnung und Glück. Und wohin bin ich gegangen um das zu finden? Richtig, nach Lanciton. 
In Lanciton lebt jeder für sich. Niemand spricht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Wenn jemand auf die Idee kommt ein nettes Pläuschchen zu halten, dann kann man davon ausgehen dass man es mit einem Touristen zu tun hat. Ich mag das. Meine Heimatstadt war geprägt von Klatsch und Tratsch. Kein Supermarktbesuch blieb unbemerkt. Ein neuer Haarschnitt, ein zu kurzer Rock, oder das Liebesleben, jeder wusste alles. Die Anonymität hier ist wie Balsam auf meiner Seele. Ich weiß, dass ich hier nicht ewig bleiben kann, aber fürs Erste bin ich zufrieden mit meinem Einsiedlerdasein.
Ich wende meinen Blick von Draussen ab und schließe die dicken, schwarzen Vorhänge. Ein Fenster ohne geschlossene Gardinen sucht man hier vergeblich. Höchstens im Reichenviertel von Lanciton kann man einen Blick in das Leben der Menschen erhaschen. Hier wird mit dem Reichtum geprahlt und in Kauf genommen, dass das Privatleben dann nicht mehr ganz so privat ist. 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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