Hans Fritz

Rote Burg im Meer

Auf dem neuesten Globus gibt es keine weissen Flecke mehr. Der letzte Winkel der Erde ist erschlossen und sorgfältig kartiert. Sollten wir meinen. Doch könnte es nicht weit draussen im Indik eine bisher unentdeckte Insel geben, weitab von den üblichen Schifffahrtsrouten? Kleiner als Helgoland, genau genommen ein Felsplateau, gekrönt von einer Burg europäisch-mittelalterlichen Zuschnitts.

Die achtköpfige Besatzung einer Jacht kommt dem Eiland bedenklich nahe. Zu ihrem Glück verzichten die Seefahrer auf ein Anlegen am schroffen Ufer mit hohem Wellenschlag und kehren um.

Drei Männer jener Jachttruppe, Tillman, Enzio und Ander, sind mit einer gehörigen Portion Abenteurerflair ausgestattet und arbeiten im Auftrag eines Boulevardblatts, das allein schon seiner Sensationsmeldungen wegen gerne und häufig gelesen wird. Die drei haben den Auftrag jene kleine Insel in Augenschein zu nehmen und ausführlich zu beschreiben. Sie seilen sich aus einem Helikopter der Extraklasse ab und landen zielgenau auf dem kleinen Anger im Burghof. Ein kümmerlicher Rasen, bestückt mit ein paar Krüppelweiden. Hinter der Säulenreihe vorm Haupttrakt entdecken die Abenteurer eine Grabplatte mit der Inschrift

R.I.P.
MDCCCXXVII [also 1827]

Bemerkenswert ist, dass kein Name angegeben ist.

Im Halbschatten zweier haselähnlicher Büsche befindet sich ein grob behauener Fels mit einer angerosteten Metallplatte, in die die Buchstabenfolge cgvrt eingraviert ist. Was die fünf kleinen Buchstaben bedeuten könnten, mögen später Experten herausfinden.

Ein aus derben Planken gezimmertes Tor gestattet den Zugang zum Inneren des Bauwerks. Es sind sieben in ihren Ausmassen fast gleiche Räume vorhanden. Ein Raum zeigt eine gut erhaltene Täfelung. In der Mitte steht ein offenbar fest im Boden verankerter steinerner Tisch. Eine Reihe zementfarbener Bänke füllt ein gutes Drittel des Raums. Es könnte sich um einen Ort der Andacht oder Besinnung gehandelt haben. Die restlichen Gemächer zeigen hauptsächlich Bruchstücke eines ehemaligen Inventars. Wertvolles weil nützliches Gerät dürften Vorgänger unseres Trios weggeschafft haben. Sämtliche Fenster scheinen die gleichen Abmasse zu haben. Eine Verglasung gibt es nicht, oder ist abhandengekommen. Das obere Stockwerk stellt einen einzigen grossen Saal ohne jegliche Spur einer Einrichtung dar. Könnte der Versammlungsraum für eine Art von Stehandacht gewesen sein. Der Zugang zum imposanten Hauptturm befindet sich hinter einem eher unscheinbaren Seitentor. Beim Anblick der Stiege mit den hohen, teils ausgetretenen Stufen verzichten die Abenteurer auf den Aufstieg. Das leicht gewölbte schiefergraue Dach trägt zwei kleine Nebentürme, deren Zugang den Erkundern verborgen bleibt. Zur zünftigen Burg gehört ein Verlies oder sonstiges unterirdisches Gewölbe. Hier fehlt es, oder ist verschüttet und somit unzugänglich geworden. Eroberer Tillman fragt sich, wo die Bewohner der Burg wohl den Wein gelagert hatten.

Waren schon vor über hundert Jahren Menschen hier gelandet? Etwa mit einem Ballon? Wohl kaum. Der Meeresspiegel lag damals zwei bis drei Meter tiefer, sodass ein Anlegen von Booten an einer Landzunge möglich war. Doch wer waren die Eroberer der bislang namenlosen Burg? Piraten, Abenteurer, Forscher? Und wer erst waren die Erbauer? Verirrte Kreuzritter, die eine Ordensburg errichten wollten? Die Auswertung des vom Trio vorgelegten Materials weist auf ein Alter des Bauwerks von 750 bis 800 Jahren hin. Das Baumaterial besteht überwiegend aus einem roten Sandstein, der wohl auf Wegen voller Gefahren in primitiven Wasserfahrzeugen (Flössen?) über hunderte oder gar tausende von Seemeilen herangeschleppt worden war. Möglicherweise wurden die Steine irgendwo auf dem indischen Subkontinent gebrochen.

Eine Grabung am Rande der Grasfläche legt fünf Skelette frei. Die erste Einschätzung des mit speziellen Merkmalen des menschlichen Knochenbaus vertrauten Enzio ergibt, dass es sich offensichtlich um Männer von jungem bis mittlerem Alter handelte. Ordensbrüder? Fachleute werden später anhand eines umfangreichen Fotomaterials eine detaillierte Beurteilung liefern können. Wer unter der Grabplatte seine letzte Ruhe fand, bleibt im Dunkel. Der Respekt vor der Totenruhe eines möglichen Grossen hält die Erkunder vom Anheben der Platte ab.

Ein in dieser Region selten günstiges Wetter gestattet am folgenden Tag die problemlose Bergung der Glücksritter, wie sie sich von nun an selbst nennen.

Monatelange Archivarbeit liefert in groben Zügen Kenntnisse über die Burg und ihre Bewohner. Es waren tatsächlich Mönche, Angehörige einer bisher unbekannten christlich geprägten Glaubensrichtung. Zwei Namen können eruiert werden: Galip und Rumid, auf die sich zwei jener fünf Kleinbuchstaben beziehen könnten. Vielleicht soll die Kleinschrift auf Demut und Bescheidenheit der Namensträger hinweisen.

Erkenntnisse der Wissenschaft geben häufig zu Ernüchterungen und Enttäuschungen Anlass. An Hominiden als Marsbewohner darf solange geglaubt werden, bis deren Nichtexistenz nachgewiesen ist. Um auf der Erde zu bleiben: Die Suche nach unentdeckten Zauberinseln scheint von Tag zu Tag weniger von Erfolg gekrönt zu sein. Doch steht es jedem frei irgendwo auf der guten alten Erde sein fiktives Utopia zu finden und sei es der Hort einer Glaubensgemeinschaft längst dahingeschwundener Zeiten.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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