Patrick Rabe

Das Verbrechen oder Wie die Bullen tanzen lernten

Diese Kurzgeschichte würde ich wegen mancher explizit sexueller Worte und Gewaltdarstellungen (letztere sind in dieser Geschichte ironisch überzogen dargestellt) ab 16 Jahren empfehlen. Sie ist aus meiner Sicht als Schulstoff geeignet für Jugendliche, die gut deutsch können. Am besten aus meiner Sicht für Realschul-und Abiturklassen. Für Opfer von sexueller Gewalt kann sie triggernd und erschreckend sein. Daher empfehle ich auch Lehrer*innen, sie vorher aufmerksam zu lesen, und erst dann zu entscheiden, ob sie etwas für den Unterricht sein kann.

 

Patrick Rabe, Donnerstag, 20. Januar 2022, Hamburg.

 

© by Patrick Rabe

 

Die Kurzgeschichte darf ausgedruckt, kopiert, und als Download und auf Papier vervielfältigt, aber nicht in ihrem Wortlaut verändert werden. Das gilt für alle meine auf e-stories veröffentlichten Werke.

Patrick Rabe

 

Das Verbrechen

oder

Wie die Bullen tanzen lernten

 

(ein Krimi-Märchen für Erwachsene, frei nach Friedrich Dürrenmatt, in der hellichten Nacht geschrieben)

 

 

Der Diakon Samuel von Gunten war oft etwas schrullig. Und er hatte merkwürdige Methoden, sich im Leben durchzuschlagen. Vor seiner Kirchenlaufbahn war er unter anderem einmal Hausierer gewesen, der an den Haustüren von kleinen Schweizer Dörfern von 1966 bis 1969 Rasiermesser und Scheren verkaufte, ein Job, der sehr undankbar gewesen war, und in der Ära Ludwig von Moos und Hans-Peter Tschuder eher schlecht bezahlt, und manchmal sogar verfolgt wurde, unter anderem damals immer noch wegen des Dürrenmatt-Filmes „Es geschah am hellichten Tag“ von 1958.

 

Wegen erhöhter Stress-Symptome wanderte er nach Deutschland aus, und promovierte auf der Ludwig-Humbold-Universität erst zum Pastor, dann zum Diakon, was in der Wirren der späten 60er ganz normal war. Aufgrund mehrerer an ihm gegen seinen Willen vollzogenen Straßentaufen von pfingstlich-evangelikalen Predigern, war er zeitweilig auch etwas in high spirits, gehörte der Jesus-People-Bewegung an, und gelangte 1970, nach gefühlt 10 Endzeiten endlich…äh…schließlich nach Hamburg, wo er diakonischer Pastoralprediger und Putzmann wurde (man nannte das früher auch Küster.). Im Jahr 1989 wurde er wegen schlechter Führung wieder zum Diakon heraufgestuft. Das hatte einen einfachen Grund. Nach der Lektüre des „Räuber Hotzenplotz“ war er davon überzeugt, zaubern zu können, und galt deswegen als idealer Seelsorger für die damals um sich greifende Satanisten-und Gläserrück-Szene.

 

In den 1990ern musste er seinen pubertären Sohn Johannes oft von einer Dorfdisco namens „Traffic“ abholen. Um 22:00 war dort Schicht für Leute unter 18, und Johannes war damals 15. Natürlich war die offizielle Version, dass man dort ab 16 bis in die Puppen feiern konnte,  aber was kümmerte das eine Diakonsfamilie? Um 22:00 Uhr erschallte  erschallte auf der Tanzfläche lediglich immer ein gefakter Polizeialarm, und eine Stimme rief: „Achtung, achtung, hier spricht die Polizei! Alle Personen unter 16 müssen unverzüglich die Discothek verlassen!“ . Dann ging kurz das Licht an, und die Stimme rief: „Nee, nur ein Scherz! Wir sind’s, euer Traffic!“. Genau deswegen ärgerte sich Johannes auch, wenn sein Vater ihn immer mit Diakonspingeligkeit um 22:00 Uhr abholen kam, weil das oft geschah, wenn er gerade ein Mädchen anbaggerte. Sein Vater blieb dann aber manchmal auch noch da, und feierte ein bisschen mit.

 

Vielleicht sahen sie da auch mal mich –nennen wir mich den Erzähler-, der ich damals schon ein paar Jahre älter als Johannes war, nämlich 18, und mich schon seit drei Jahren in Dorf-und Innenstadtdiscos herumtrieb.  Möglicherweise tanzte  ich damals gerade heiß mit meiner Jugendliebe Maria Moser zu „No One“ von 2 Unlimited, oder flirtete mit der Tresenbedienung Maya, die ich noch aus meinen Konfirmandenjahren kannte. Eigentlich hieß sie nicht Maya – so nannten wir sie nur, weil sie uns zu „Pearl Jam“ ins Nirvana vögelte- sondern Solange Trista Bratbecker, was ihr immer etwas peinlich war. Sie machte außer ihrem Job im „Traffic“ auch noch Werbung für Mc.Donalds. Ich aber auch. Sie war das Mädchen mit der braunen Tüte, die immer von Burger King rüberkam, um einen Clown frühstücken zu sehen, und ich habe im Synchronstudio Henstedt-Ulzburg die Stimme von Frau Bratbecker typisch hühnermäßig hysterisch eingelacht. Diese Lache hatte  mir der Darsteller von Ronald Mc.Donald beigebracht, der manchmal auch auf dem Hamburger Dom vor dem Labyrinth saß, und dort lachte, bevor er aus Altersgründen durch eine mechanische Plastikpuppe ersetzt wurde. Später wurde er bekannt als der „Is cool, man“-Opa, der auch immer mal wieder mit einer Technoversion seines Werbehits im „Traffic“ auftrat. Man konnte halt auch immer einige Promis im „Traffic“ treffen, die dort verkehrten.(Darum hieß es übrigens auch so.). Zum Beispiel Auto-Scooter oder Dieter Hohlen. Oder auch Top-Acts wie die beiden Animateure, die sich am Oktoberfest dort immer gegenseitig Bier über die Köpfe gossen, oder Stimmungskanone Axel. Halt so die richtig guten, niveauvollen Musiker.

 

Hohlen hatte im Jahr 1994 gerade seinen neuen Song ‚Sweet dreams of rythm and dancin‘ “ – gesungen von einer Sängerin namens La Bouche – dort zum Antesten eingeschleust- der zwar gut abging, aber textmäßig einfach nur aus allem bestand, was Werbestrategen und Meinungsforscher Hohlen als „in“ empfohlen hatten. Unter anderem paraphrasierte der Titel den Eurythmics-Klassiker „Sweet dreams“, der damals seinen zweiten Frühling erlebte, weil er- obwohl aus den 80ern- gut in die Techno- und Euro-Dance-lastigen 90er passten. Der Song variierte auch Zeilen von Snap, DJ Bobo, Haddaway und  Dr.Alban, in denen oft Worte wie „Rythm“ und „Dancing“ vorkamen. In dem Song von La Bouche lief trotzdem alles rund, weil er stilsicher war, und keiner es merkte. Das Einzige, was überhaupt nicht hineinpasste, war ein afrikanisch anmutendes „Ola,ola, hey!“.

 

Johannes Vater trat, als es ertönte, nah an Johannes‘ Ohr und brüllte hinein: „Dazu tanzen also die Dorfdiscokühe! Ola,Ola,Hey!“. Johannes erschrak fürchterlich. Wie immer war ihm sein Vater furchtbar peinlich.  Er zog seinen Daddy am Ärmel aus dem „Traffic“, denn er hatte gerade wieder ein Girl kennengelernt gehabt- ein Punkmädel, mit der er vorher wie wild zu Nirvanas „Come as you are“ abgetanzt hatte,  und hatte Angst, sie hätte es gehört, weil sie sich, als dann ärgerlicher Weise wieder ein Dancefloor-Lied kam, außer Atem und lachend bei ihm eingehakt hatte, und direkt neben ihm stand. Umso irritierter war sie, als dieser Bengel mit den ultrakurzen, blondierten Haaren dann plötzlich mit dem Typen, den er ihr als seinen Vater vorgestellt hatte, rauslief, ohne ein „Wann sehen wir uns wieder“, einen Kuss, oder ein Austauschen der Telefonnummern.

 

Draußen fuhr keine AKN-Bahn mehr – die kleine Regionalbahn, die damals Hamburg und die kleinen schleswig-holsteinischen Trabantenstädten verband- was sie heute noch tut - , denn es war mittlerweile schon nach Null Uhr. Johannes und sein Vater gingen den weiten Weg von Kaltenkirchen nach Hamburg nun zu Fuß zurück, denn Samuel von Gunten hatte beschlossen, sein Auto vorm „Traffic stehen zu lassen, weil er ja auch etwas getrunken hatte. Er bestand darauf, über die Wiesen und Koppeln nach Hause gehen zu wollen, und nicht, wie normale „Traffic“-Gänger das machten, an den Bahngleisen entlang.  Johannes rief immer wieder: „Vadder, da können doch Kühe und Bullen sein!“. Samuel lachte schallend: „Na und? Dann singen wir einfach ‚Ola,Ola,hey!‘. Du weißt doch. Dann tanzen die Dorfkühe. Und die Bullen sind hier nirgendwo. Die hauen doch schon immer um 22:00 Uhr ab!“.

 

Da streifte ein eisiger Wind den Diakon von hinten. Eine Bratpfanne sauste auf seinen Kopf nieder.  „Stirb, du Pfaffe!“, schrie eine Stimme. Es war die Stimme von Gritli Matthäi, dem Punkmädel – Szenename: Jacquier de Zackque- das Johannes an diesem Abend in der Disco kennengelernt hatte. Er hatte ihr, wie es seine aufschneiderische Art war, erzählt, dass er immer von einem Pfaffen zur Disco gebracht und wieder abgeholt wird, der ihn bei sich zuhause sexuell missbrauchte. Da auf dem Auto von Samuel tatsächlich der berühmte, christliche Fisch prangte, glaubte das Mädchen ihm dies, und rief nach Johannes‘ und Samuels überstürztem Aufbruch noch ein paar Punkfreunde-und Freundinnen zusammen, um Johannes aus der Gewalt des angeblichen Vergewaltigers zu befreien. Sie war selber einmal als kleines Mädchen von Pastoren missbraucht worden. Jetzt war sie angehende Sozialarbeiterin, und wollte Johannes natürlich helfen. Als von Gunten nach dem Schlag mit der Bratpfanne sofort zu Boden ging, warf Gritli diese zu Boden, und stürzte sich voller Hass und Abscheu auf den im Gras liegenden Kirchenmann. Mit eisernem Würgegriff packte sie ihn am Hals und zischte: „Sag das noch einmal mit den Dorfkühen, die über Wiesen tanzen, dann sage ich auch zu dir wie Joker zu den Eltern von Batman: „Hast du schon einmal im Mondschein mit dem Teufel getanzt!?“. Merk dir meinen Namen. Ich heiße No-Wonder-Woman!“.

 

„Halt die Schnauze, Punkweib!“, kreischte Johannes. „Ich bin rechts!“. Da sie ja bereits am Boden lag, um von Gunten niederzuringen, hatte sie mit dem, was nun geschah, nicht gerechnet. Johannes trat ihr mit seinen Springerstiefeln ins Rückgrat. Im selben Moment heulten Sirenen und sich schnell drehendes Blaulicht flammte auf. Mindestens fünf Polizeiautos umkreisten die Wiese. Durch ein Megaphon brüllte ein Polizist: „Gebt auf, ihr dreckigen Punks! Lasst die armen Leute in Ruhe!“. Da Johannes aber nicht aufhörte, auf das Mädchen einzutreten, stürmten die Polizisten die Wiese. Sie waren von der leider auch rechts gerichteten Tresenschlampe „Maya“-Solange Bratbecker alarmiert worden, die ihnen den Diebstahl der zur Bardekoration  der Mexico-Bar gehörenden Bratpfanne gemeldet hatte.

 

„Hör auf, das Mädchen zu verdreschen, Punk!“, schrien die Polizisten, und rissen Johannes an der Schulter herum. „Ich bin kein Punk, ich bin Nazi!“, rief Johannes verdattert. „Deckname in der Szene!?“, fuhr ein Beamter ihn an. Erschrocken antwortete Johannes prompt: „Weißer Blitzwolf Adeha!“. Der Polizist führte einen kurzen Dialog auf seinem Walkie-Talkie. „Stimmt, du Held!“, knurrte er. „Na, dann lass dich mal nicht als Verräter beschimpfen! Und jetzt lauf! Wir haben ja nichts gegen euch. Ihr löst wenigstens das Türkenproblem!“.  So schnell er konnte, lief Johannes weg, und die Punks, die Gritli zur Verstärkung mitgenommen hatte, auch. Sie fühlte sich wie Jesus im Garten Gethsemane. Mit zarten, zitternden Händen legte sie eine Hand an das Ohr von Samuel von Gunten, als wäre er der Hauptmann Malchus. Er seufzte. Sie sah ihn an. Er weinte, und zitterte; genau wie sie.  Die Polizisten leuchteten nun mit Suchscheinwerfern in ihre Augen, sodass sie beide nichts mehr sahen, als nur ein blendend weißes Licht.  „Dann seid ihr also die Punks?“, herrschte einer der zwanzig Polizisten Gritli und von Gunten an. Samuel richtete den Oberkörper auf und murmelte: „Momo, wo ist denn Kassiopeia…? Ich muss doch wieder zurückfinden, und die Schildkröte muss mich führen!“. „Hier sind nur graue Herren, Meister Hora!“, stammelte Gritli. „Sorry.“, sagte einer der Polizisten und nahm sich dabei sein Walkie-Talkie vom Mund, sodass er sie mit normaler Stimme, und ohne das irritierende Quäken ansprechen konnte. „Echt jetzt sorry Leute. Ihr seid ja ganz harmlos. Kommt ihr von der „Momo“-Aufführung im Festsaal Falkenberg?“. „Nein.“, sagte Gritli, die sich als Erste wieder gefangen hatte. „Ich bin Sozialarbeiterin, und das hier ist ein Pfaffe, äh, Pastor, der Kinder missbraucht hat.“. „Mhhh.“, sagte einer der Polizisten, der am dichtesten bei den Beiden auf der Wiese stand. „Passt auf die Beschreibung, oder?“. Gritlis Augen weiteten sich vor Schreck. „Ich bin zwar links, aber ich bin schwer traumatisiert. Bitte tun sie mir nichts. Der Täter sitzt neben mir. Ich habe versucht, ihn psychologisch abzulenken.  In der Punkszene heiße ich Jacquier de Zackque“. „Ja“, räusperte sich einer der Polizisten, „Das meinten wir  ja auch. Dass sie das Opfer sind. Der Mann neben ihnen wird seit Jahren gesucht. Bereits in der Schweiz soll er mehrere Sexualdekikte an Mädchen begangen haben. Sie sind Diakon an einer Kirche hier in der Nähe, nicht wahr, Herr von Gunten?“. „Ich?“; der Diakon setzte ein schelmisch-sardonisches Grinsen auf.  „Nein, wissen sie, ich bin der Teufel.“. „Aha.“, sagte der Beamte ungeduldig. Samuel von Gunten kam jetzt richtig in Fahrt. „Nein, natürlich nicht der Teufel. Nur der Zauberer Petrosilius Zwackelmann, der auf dem Weg von Bayern nach Buxtehude mit dem fliegenden Teppich abgestürzt ist. Ich wollte meinen Freund, den Räuber Hotzenplotz besuchen, und ihm zum Klau der Kaffeemühle von Kasperls Großmutter gratulieren!“. Der Polizeibeamte neben Gritli und Samuel scharrte unruhig mit dem Fuß, und trat ein paar kleine Kiesel und etwas Sand aus der Wiese. „Was wollen sie uns damit sagen!?“, fragte er mit vor Zorn bedrohlich anschwellender Stimme. Samuel sah den Beamten mit unbeweglichem Pokerface an. „Dass ich wirklich zaubern kann, will ich damit sagen.“, sagte er gefährlich ruhig und sah dem Beamten durchdringend in die Augen. Samuel war sich sicher, dass es klappen würde. Triumphierend und mit lauter Melodie rief er singend: „Ola, Ola Ola!“.

 

„Ich werd‘ dir gleich was mit Ola!“, schrie einer der Polizisten und trat von Gunten gegen den Kopf.

 

„Hey.“, murmelte Gritli, „Du hast das ‚Hey‘ vergessen, Samuel. Die Magie funktioniert nur mit ‚Hey!‘ “ .

 

Die geneigten Leser dieser Geschichte wären wohl die Einzigen, die so etwas wie herannahende, die Wiese aufstampfende Hufe hätten hören können, die sich dem Pulk Menschen zwischen Zaun und Koppel näherten. Alle an der dort beteiligten Unterhaltung waren zu beschäftigt, um die Lichter der Blendlaternen und der Scheinwerfer der sie umgebenden Autos, das manchmal Dazwischenquäken der Walkie Talkies und ihre jeweiligen Schocks auszublenden, um die Rinderherde kommen zu hören, die der alte Zauberer gerufen hatte. Nur Gritli, deren Sinne vielleicht in jenem Moment zu weit geöffnet waren, dachte für Sekunden an die Szene aus Rudyard Kiplings zweitem Dschungelbuch, in der Schir Khan von der Büffelherde niedergetrampelt wird. „Mogli…“, murmelten ihre Lippen tonlos.

 

Was übrig blieb, waren eine Vielzahl zertrampelter Menschen und umgestoßener  Polizeiwagen.

 

Kurz danach, so zwischen 1995 und 1996, wurde B.S.E. entdeckt, eine Rinderseuche, die durch das Füttern von Tiermehl an Rinder ausgelöst wurde, und angeblich bei Menschen, Kühen und Bullen eine Art Veitstanz, das Creutzfeld-Jacob-Syndrom, auslösen konnte.  In derselben Zeit ging ich – der Erzähler dieser Geschichte- schon auf eine weiterführende Schule, und hörte Sabrina Setlur (damals Schwester S.) dort im Radio der Pausenhalle singen: „Die Rinder, der Wahn, das werd‘ ich mir erspar’n!“. Ob sie deswegen eventuell heute Veganerin ist, weiß ich nicht. Jedenfalls fand ich sie `ne schnittige Sahnetorte, obwohl ich damals schon Rock hörte. Deswegen führte ich immer Veitstänze bei der Schuldisco oder in meinem damaligen Lieblingsclub „Pickenpack“ am Schulterblatt auf, und machte sogar manchmal am hellichten Tag gleichaltrige Mädchen an. Ein Jahr vorher, 1994, war auch der für viele Homosexuelle fürchterliche Paragraph 175, der sogenannte „Schwulenparagraph“, abgeschafft worden. Eine immense Last war von den Menschen abgefallen. Die Last der Kriminalisierung der Sexualität. Voller Freude tanzten wir durch diesen ersten Frühling, in dem Liebe und Sex wirklich frei waren. Die Revolution unserer Eltern hatte gesiegt. Gespenstischerweise schienen unsere Lehrer das gar nicht zu bemerken. Sie sprachen von der notwendigen Reduktion der menschlichen Spezies, vom „Ungeheuer Mensch“, vom Mängelwesen und vom sinnlosen, mendel’schen Zellklumpen. Stundenlang ging es um X- und-Y- Chromosomen.

 

Es war Liebe, die ich zu Bianca fühlte. Und namenloses Begehren, das ich für Sora empfand, eine junge Perserin. Meine größte Liebe auf dieser weiterführenden Schule war aber vielleicht die Russin Lilli, die dann leider  mit einem anderen Jungen abstürzte.  Im zweiten Schuljahr auf dieser Schule liebte ich heiß und innig die junge Serbokroatin Ronja, die wie ich auch der kalten Wissenschaftlichkeit und der chronischen Negativität und Verbrauchtheit unserer Lehrer skeptisch gegenüberstand. Im August 1996 starb Rio Reiser. Ein Verlust, der mich herb traf. Ich hatte ihn und Ton Steine Scherben gerade erst für mich entdeckt. Geschockt saß ich auf dem Boden der Pausenhalle. Mein Klassenerzrivale Nico und ich vereinten uns in unserer Trauer um ihn. Nico schrieb ihm einen berührenden Nachruf, und ich begann, mir „Der Traum ist aus“ und „Schritt für Schritt ins Paradies“ auf der Gitarre selber beizubringen, wobei mir meine linke Genossin Micaela half, und dann später auch meine Kumpel Olli und Dennis.

 

B.S,E. bekamen wir alle nicht. Und der N.S.U. war damals noch ein amerikanisches Auto und ein Song von Cream. Denn Mc. Donalds reagierte prompt auf den Rinderwahnskandal. Binnen weniger Wochen waren ihre Hamburger „garantiert Rindfleischfrei“. Wer aber glaubt, sie wurden damals aus Schweinefleisch hergestellt, der irrt. Zwischen 1996 und 1998 waren Mc.-Donalds-Burger selbstredend aus gehäxelten Regenwürmern.

 

 

 

 

Patrick Rabe, Donnerstag, 20. Januar 2022, Hamburg.

 

© by Patrick Rabe, 2022.

 

Hierbei handelt es sich sowohl um eine düstere Persiflage des Filmes „Es geschah am hellichten Tag“ und des Buches und Films „Das Versprechen“, alles nach oder von Friedrich Dürrenmatt. Meine Kurzgeschichte ist außerdem Weiterentwicklung und Ergänzung zu meiner Kurzgeschichte „Nothing else matters oder Zwischen zwei Weihnachtsabenden“, die sowohl auf e-stories als auch in meinem bei Books on Demand verlegten Buch „Californischer Wein-ein amerikanischer Hymnus“ enthalten ist, als auch um eine Hommage an Irene Beddies Kurzgeschichte „Die Bullen kommen“. Die Wahrheit zu den hier geschilderten Ereignissen liegt wohl irgendwo in der Mitte. Zur Titte. Zum Sack. Zack, zack. Es ist ein Versuch, meine Jugend in den 1990ern zu schildern, OHNE mich zu erwähnen, nachdem ich mich in „Nothing else matters oder Zwischen zwei Weihnachtsabenden“ zur Hauptfigur gemacht hatte. Und ein paar Worte zu einer Musikrichtung zu finden, die ich eigentlich gar nicht mag: Dancefloor. Es führt nebenbei auch mein biographisch begründetes Engagement für Opfer von sexuellem Missbrauch fort. In Gedenken an Roxana Tiffany Coles und Nina Lorbach. Für Katrin Steinhoff und Johanna Höhn. (Und für J.T.A.).

 

Linernotes: © by Patrick Rabe, Januar 2022.


 

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