lePoete Nelia

Zauberei

Wieder habe ich den ganzen Tag gearbeitet, wieder die Arbeit mit nachhause genommen, wieder bis nach Mitternacht am PC verbracht und wieder war es still um mich. Keine Stimme, keine Schritte, kein Lachen, kein Du. Du bist fort, nicht nur von mir sondern du hast diese Welt verlassen, nichts konnte dich festhalten, auch meine Liebe nicht.

Ich war einsam und ich wusste das es so nicht weitergehen kann und mir war klar das ich zerbreche wenn ich nichts ändern würde. Seit zwei Jahren kämpfte ich mit der Einsamkeit. 24 Monate Trauer, 104 Wochen Tränen, 730 Tage Sprachlosigkeit, 17520 Stunden Zweifel, 1051170 Minuten Vermissen, 63070200 Sekunden Sehnsucht.

Lustlos saß ich am PC und surfte durchs Internet, klickte hier, klickte da. Sah die Werbung der Singlebörsen und lauter junge Leute. Ich war aber nicht mehr so jung, ich war aber auch noch nicht alt. Also schaute ich mich weiter nach einer passenden Plattform um. Ich fand sie und dachte noch, eine ist so gut oder schlecht wie die andere. Ich hatte sowieso keine Ahnung und musste auf das Glück vertrauen. Schnell hatte ich mich angemeldet und ich sah mich um. Neugierig betrat ich einen Chatraum in dem sich bereits einige Leute befanden. Freundlich wurde ich begrüßt und ich grüßte brav zurück, ich hatte ja schließlich Kinderstube. Nun saß ich da in der „Chatecke“ und wußte nichts zu sagen. Irritiert verfolgte ich die Gespräche oder besser die Unterhaltungsfetzen als plötzlich ein extra Chatfenster sich öffnete und ich von einem Zauberer angeschrieben wurde und er fragte ob es mir nicht gut ginge, ich würde so einen traurigen Eindruck machen. Nun war ich erst recht verunsichert und fragte mich woher dieser Fremde weiß wie ich mich fühle und schloss das Chatfenster und fand plötzlich mein Vorhaben total albern. Am nächsten Abend siegte die Neugierde und ich unternahm den nächsten Versuch. Wieder tauchte der Zauberer auf, wieder die gleiche Frage, wieder ergriff ich die Flucht. So ging das noch einige Abende und geduldig wartete auf mich immer ein Zauberer. Dann der bewusste Abend der alles veränderte. Ich hatte endlich den Mut und beantwortete seine Frage und fühlte mich leichter als ich merkte das auf der anderen Seite ein Mensch ist der mich verstand. Abend für Abend schrieben wir, alberten rum, redeten über alles was uns einfiel und ich hatte das Gefühl das er sich auch wohl fühlte. Wie taten uns beide gut. Jeden Abend wurde ich aufgeregter und bekam Herzklopfen wenn ich seinen Nicknamen las, dann nach Wochen der erste virtuelle Kuss, das erste virtuelle Streicheln und das Geständnis ich mag dich sehr. Wieder ergriff mich Sehnsucht, aber diesmal hatte ich Sehnsucht nach einem Unbekannten. Das wollte ich ändern, keinen Schritt weiter wollte ich gehen bevor ich nicht seine Stimme gehört hatte. So sollte es dann sein, das erste Telefongespräch, die Atemlosigkeit als ich seine warme Stimme hörte, seine Begeisterung über den Klang meiner Stimme. Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht dass sie tiefer und ruhig ist. Von da an wusste ich es und war froh dass er nicht vor Schreck wortlos wurde. Jeden Abend telefonierten wir und kamen uns mit jedem Wort näher. Dann kam der Tag an dem ich erkrankte und meine Krebsdiagnose bekam. Von einem Tag auf den anderen musste ich in die Klinik und verschwand aus dem Blickfeld meines Zauberers der 400km entfernt auf ein Zeichen von mir wartete. Seine Telefonnummer war zuhause gespeichert, seinen Familiennamen wusste ich zu der Zeit noch nicht und ich konnte nur hoffen das er nicht denkt ich hätte unsere virtuelle Beziehung beendet.

Ich muss anmerken, es gab da noch kein Handy, kein Skype, kein WhatsApp und kein Wlan.

Ich kämpfte mit mir, mit dem Krebs und den Therapien und ich kämpfte mit der Frage was sein wird wenn ich nicht siege in dem Kampf. Kann ich erwarten dass mein Zauberer sich mir anpasst, kann ich ihm zumuten um mich Angst haben zu müssen. Mein Entschluss stand fest, ich werde die Beziehung beenden bevor sie real wird und unter keinem guten Stern beginnt. Bei der ersten Möglichkeit mit ihm in Verbindung zu treten, teilte ich ihm meinen Entschluss mit. Ich konnte seine Enttäuschung und das Nichtverstehen spüren und war froh das niemand meine Tränen sah und ich erklären musste.

Es war schwer, es war so verdammt schwer und ich hätte schreien können.

Mit großem Willen kämpfte ich mich zurück in mein Leben öffnete wieder mein Deko und Einrichtungsgeschäft und einen zusätzlichen Onlineshop und lebte allein in meiner stillen und einsamen Welt.

Dann dieser Tag den ich niemals vergessen werde. Ich stand auf der Leiter und stellte Ware ins Regal, ich hörte die Türklingel, aber kein Gruß. Von meiner Leiter runter rief ich das ich sofort komme. Keine Antwort und ich dachte noch wie unhöflich das ist, als ich plötzlich von hinten gepackt wurde und von der Leiter gehoben. Mir stockte der Atem vor Schreck und ich drehte mich um. „Hallo meine Kleine „ hörte ich eine bekannte Stimme sagen. Noch nie hatte ich das Gefühl das der Boden so stark schwankte wie in diesem Moment. Er war es, er stand vor mir, mein Zauberer stand vor mir, er hatte mich gefunden. Danke Internet. Mein Impressum des Onlineshops hatte mich verraten und er fuhr die weite Strecke zu mir. Seine Arme hielten mich fest, meine Lippen lagen auf seinen und ich spürte seinen endlos langen Kuss. Jede Faser meines Körpers sehnte sich nach streicheln und noch mehr Küsse. Die ganze lange Zeit der Einsamkeit und der Sehnsucht brach aus mir raus und die Tränen rollten über mein Gesicht, ohne das ich etwas dagegen machen konnte. Schnell schrieb ich ein Schild „Wegen Glück geschlossen“ hängte es ins Schaufenster, schloss den Laden und wir fuhren zu mir nachhause .Dort verbrachten wir eine wunderschöne Woche miteinander. Nie wieder wollte ich ihn verlieren und zog vier Monate später zu ihm, nach weiteren drei Monaten heirateten wir. Der Zauber währte 20 Jahre.

©le poète Nelia
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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