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Die Gatterl Tour (aus meinem Tagebuch)

Die Gatterl Tour (aus meinem Tagebuch)

Pünktlich stehe ich auf. Es ist 4.30 Uhr. Samstag früh. Zum Frühstück gibt es einen Körnerzopf mit Trockenobst. Dazu trinke ich einen kalten Milchkaffee. Mein Frühstück. Habe ich gestern noch aus dem Supermarkt geholt. Teil der Vorbereitung für mein heutiges Vorhaben.

Die Anspannung nimmt langsam ab.

Ich nehme den letzten Schluck des kalten Kaffees. Schmeckt gar nicht mal so gut.

Ich nehme meinen Wanderrucksack und frage mich ob des Gewichts, ob ich all mein Hab und Gut darin verpackt habe.

Ich gehe vor zur Pflegestation. Austragen!  Das Teamzimmer steht offen.

Ein kurzes „Hallo“ hör ich mich rufen. Nicht zu laut. Die, die über das Wochenende hiergeblieben sind, schlafen noch, oder versuchen es zumindest. Herr S. kommt heraus. „Guten Morgen Herr Chasuari. Na, heute geht’s zur Zugspitze?! Viel Spaß!“

Woher weiß er das. Gerade Herr S. Der ist so ein Schwätzer. Dem hätte ich schon gar nicht davon berichtet. Aber, Big Brother is watching you. Hier, in diesen altehrwürdigen Mauern bleibt nichts verborgen.

Aus Freundlichkeit wechsle ich noch ein paar Worte. Dann mache ich mich auf den Weg.

Ca. anderthalb Stunden Fahrt bis nach Ehrwald sagt mein Navi voraus. Anderthalb Stunden bis zur Talstation der Ehrwalder Almbahn. Je näher ich komme, desto mehr Autos, so mein Eindruck. „Wollen die etwa alle dahin?“, denke ich. „Mist“.

Natürlich wollen die nicht alle da hin, und mein Eindruck trügt auch! So viele Autos sind es nun auch nicht.

Als ich dann am Zielort ankomme, verspüre ich Erleichterung. Mehr als ausreichend Parkplätze vorhanden. Vielleicht zwei, drei Handvoll Wanderer sind schon da.

„Also, kein Stress“ höre ich meine innere Stimme.

Ich schaue auf die Sportuhr. „Lohnt sich nicht mehr hochzugehen. Das könnte alles in allem zeitlich zu eng werden.“

Ich entscheide mich, die erste Bahn hoch zur Alm zu nehmen. So schone ich meine Kräfte und bin auch früher auf der Alm. Es sind immerhin um die 400 Höhenmeter, die ich so auf ca. 3 km Wanderung einsparen kann.

Ich stelle mich in der kurzen Schlange an. Am Schalter angekommen. „Das Gatterl bitte.“ „44 €“, vernehme ich die Aufforderung zu zahlen. Ich zahle mit Karte.

Noch ein kurzer Besuch des WC. Dann zur Bahn. Es ist 8.00 Uhr. Allein in einer Kabine schwebe ich hoch. Genieße den Schwebezustand. Sauge die Bilder, die Eindrücke, den Ausblick, die Landschaft in mich auf. Ein herrlicher Morgen. Bestes Wetter! Erst für später am Nachmittag ist Regen vorhergesagt.

Oben angekommen ein letzter Check.

Die Sonne hat schon Kraft. Ich ziehe meinen leichten Hoodie aus. Unterziehshirt und darüber ein T-Shirt, das sollte reichen.

Hier ist es schon wuseliger als unten im Tal. Ich werde definitiv nicht allein gehen und wohl auch keine paar hundert Meter Abstand nach vorne und nach hinten haben. Das ist mir jetzt bewusst geworden.

In einem Pulk von etwa 30 Leuten bewege ich mich langsam den noch sehr gut ausgebauten Weg hoch. Ein paar Meter vor uns eine weitere Gruppe, Ich drehe mich beim Gehen um. Da ist schon eine weitere Menschentraube einige Meter hinter uns. Im Laufe der Zeit entzerrt es sich etwas.

Aber allein, so richtig allein, wie ich es bisher in der Regel immer bei anderen Bergwanderungen hatte, so richtig allein werde ich heute nie sein. Mindestens alle 10 bis 20 m ein Wanderer vor oder hinter mir.

Nach einer halben Stunde verspüre ich eine erste Anstrengung. Ich werde dieses Gefühl auch nicht mehr los. Ich bin mir sicher, dass die Therapiearbeit der letzten 2 Wochen Einfluss auf meinen körperlichen Zustand genommen hat.

Auf dem Weg zum Gatterl, auf einer kleinen Anhöhe eine Menschenansammlung. Hier wird gerastet. Und ich geselle mich dazu. Esse einen Energieriegel. Wechsele meine beiden Shirts. Schweißnass. Ein paar Minuten später mache ich mich auf.

Kurz vorm Gatterl die erste kleine Kletterei. Dann das Gatterl. Grenze zwischen A und D. Ab hier wird es schroff. Das letzte Grün verschwindet langsam. Steine und Geröll. Vorbei an der Stelle der ehemaligen Pestkirche, hin zur Knorrhütte. An der Knorrhütte die zweite, längere Rast. Ich finde einen Platz Draußen. Noch einmal Sonnenschutz auftragen. Bestelle eine Apfelschorle und esse einen weiteren Riegel. Von meinem Platz aus kann ich sehen, wie sich der Weg langsam aber sicher steil ansteigend abzeichnet. Ich sehe in einer gewissen Regelmäßigkeit Menschen in Gruppen oder einzeln den Weg nehmen. Wobei das keinen Unterschied macht. Wirklich allein ist man hier nicht. Für sich sein, ja das kann man. Aber nicht allein.

Ich gehe weiter. In Etappen. Einige hundert Meter gehen, unterbrochen vorn kurzen Stehpausen, dann weiter. Die meisten Wanderer bewegen sich in diesem Rhythmus. Ein Schneckenrennen.

Ein paar Wenige sind noch immer recht flott unterwegs. Müssen dafür einen Hindernisparcours durchlaufen. Mit uns anderen als Hindernis auf dem direkten Weg.

Ich bin neidisch. Neidisch auf diese Kraft. Zweifel. „Bin ich echt so unfit? War ich doch sonst nicht! Oder doch?“ „Nein, deine Psyche ist aktuell der Hemmschuh“ sagt eine innere Stimme. „Sie tritt auf die Bremse“.

Gedankenverloren reihe ich mich wieder ein in das Schneckenrennen.

Wie eine Mondlandschaft. Karg und unwirtlich. Die Zugspitze nähert sich und ich beginne damit, mich damit auseinanderzusetzen, ab Sonnalpin die Gletscherbahn zu nehmen. „Ich bin irgendwann da. Ich muss eine Entscheidung treffen!“

Erst einmal ausruhen. Die dritte, längere Rast. Ein weiterer Riegel. Nur ein halber. Der schmeckt nun gar nicht. Ich trinke viel. Schaue mir an, wie sich die Menschen einer Ameisenstraße gleich die letzten 400 m hochschleppen. Ca. 1.100 Höhenmeter habe ich bis jetzt zurückgelegt. „Da willst du hoch? Du bist doch jetzt schon alle!“ Sollte ich jetzt aufgeben? Sollte ich jetzt das Komfortticket ziehen und mit der Gletscherbahn hochfahren? Dem bisher unbekannten Wesen in mir, dem ich jetzt und in Zukunft mehr Raum geben soll, Zugeständnisse machen? Dem Faullenzer ein Forum geben? Abwarten!

Ich raffe mich auf und gehe ein Stück weiter. Ab hier gilt es! Links zur Gletscherbahn. Rechts Einreihen, die Ameisenstraße hinauf.

Ein Pärchen, ca. Mitte 20, die auch Teil des Schneckenrennens bis hierher waren, stehen andächtig und fragend ein paar Meter von mir entfernt. Auch sie wägen ab. Was mich wundert, machen sie doch auf mich noch einen frischeren Eindruck als ich von mir selbst habe.

Dann trifft Sie die Entscheidung. „Wir sind jetzt so weit gegangen“, sagt Sie zu ihm, „dann gehen wir jetzt die letzten Meter auch noch hoch!“ Und sie gehen. Sie hat entschieden. Und was Sie nicht weiß und auch nie erfahren wird: Sie trifft diese Entscheidung nicht nur für sich und für ihn, nein, sie trifft diese Entscheidung auch für mich. „Die letzten Meter“ denke ich und folge mit etwas Abstand.

Die sogenannten letzten Meter, das sind 370 Höhenmeter auf 1,8 km. Etwas über 20% Steigung, und das bei extremer Wegbeschaffenheit. Erst über loses Geröll und Schotter. Anfangs sinkt man mit jedem Schritt ein. Immer steil nach oben. Nur wenige Kehren. Meine Wanderstöcke sind jetzt wirklich eine gute Hilfe. Bleibe meiner Entscheiderin und ihrem Begleiter gut auf den Fersen. Kurz vor dem Klettersteig lasse ich abreißen. Mache eine fünfminütige Pause. Verstaue die Stöcker. Ab hier benötige ich beide Hände. Boah, das ist jetzt echt eine Herausforderung, aber super gesichert. Stahlseile, Steigeisen. Es macht Spaß, ist aber auch anstrengend. Ich halte immer wieder kleine Pausen ein. Irgendwann dann die „Treppen“. Treppen? Ich bin zu erschöpft, um mir darüber jetzt Gedanken zu machen. Ich kämpfe mich hoch und plötzlich bin ich auf der Plattform, mitten im Trubel.

„Jahrmarkt!? Ist hier Jahrmarkt?“ höre ich mich leise mich selbst fragen. Frauen mit Stöckelschuhen, Männer in Anzügen, Kinder, Hunde, Kinderwagen. Mehr gut gepflegte und erholt aussehende Menschen als verschwitzte und von Anstrengung gezeichnete Wanderer. Die Tiroler Zugspitzbahn! Der bequeme Weg hinauf. Sie wird mein Weg hinunter sein.

Aber jetzt noch Zum Gipfelkreuz. Das hatte ich im ganzen Trubel vergessen. Dazu muss ich in einem der Plattformgebäude erst ein paar Treppen hinunter gehen. Dort ist ein Ausgang. Ein paar Meter gesichert am Seil entlanghangeln. Dann eine Leiter hinauf zum Kreuz.Da darf man dann Schlange stehen. Da steht man Schlange mit den Bergwanderern und den Gästen der Tiroler Zugspitzbahn.

Ich spüre, wie es sich bei mir innerlich zusammenzieht. Ein Knoten. Eine innere Barriere. „Nein! Das ist nichts für mich. Das ist nicht rechtens. So etwas muss man sich verdienen! Wenn ich mit der Zugspitzbahn hochgefahren wäre, würde es mir persönlich nie in den Sinn kommen, mich zum Gipfelkreuz zu begeben. Am besten noch ins Gipfeltagebuch eintragen. Die größte Anstrengung wäre dann, die Treppen zurück zur Plattform zu gehen.“ Einen kurzen Augenblick später „Oder sehe ich das falsch?“ Mir kommen Zweifel!

Nach einer Cola und einem alkoholfreien Weizen fahre ich mit der vorletzten Tiroler Zugspitzbahn dieses Tages hinunter. Unten dann Warten auf den Bus. Warten auf die letzte Bahn des Tages. Die Busse sind bis zum Bersten voll. Der angekündigte Regen ist da. Die Busscheiben beschlagen von innen. Am Parkplatz der Talstation freue ich mich, meine Wanderstiefel auszuziehen. Frische Sachen anziehen und mit dem Auto zurück in mein derzeitiges Zuhause auf Zeit. Im Verkehrsfunk eine Staunachricht nach der nächsten. Ich brauche über zweieinhalb Stunden. Angekommen bin ich erleichtert und glücklich. Und total geschafft. Es war ein Sieg des Willens über den Körper (mal wieder). Jetzt eine schöne lange Dusche.

Tourdetails:

Startzeit ab Bergstation Ehrwald 8.27 Uhr, 31.08.2019

Gesamtstrecke 13,24 km

Gesamthöhenmeter 1.648 m

Bewegungszeit 4:51:41 hms inkl. kurzer Stehpausen

Gesamtzeit bis Erreichen Plattform 6:55:49 hms

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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