Wolfgang Hoor

Maximilians Kolonialwarenhandel

 

 

Maximilians Kolonialwarenhandel

Neben Hans hatte es eingeschlagen. Er hatte zur Seite rücken müssen, damit der Junge, dessen Dialekt man nicht verstand und dessen Namen er nicht wusste, sich über die Bank legen konnte. Dreimal war der Stock heruntergezischt, dreimal hatte sich das Gesicht des Jungen aus der letzten Bank schmerzhaft verzogen. Der Junge aus der letzten Bank hatte nicht gewusst, wie man a und u nebeneinander ausspricht, er hatte immer wieder Ha-Us gesagt und das u besonders betont und nicht gewusst, was Ha-Us bedeutet. Es war das erste Mal, dass einer von seiner Lieblingslehrerin über die Bank gelegt worden war.

Hans sah zu, wie der Junge, der keinen Namen hatte, zu seiner Bank zurückkehrte, Schrittchen für Schrittchen, ein bisschen humpelnd, die Hände auf der Rückseite der Hose, und viele lachten. Hans lachte nicht. Er hatte gesehen, dass die Schläge ordentlich weh getan hatten, das war nicht lustig gewesen, aber er fand trotzdem, dass die Lehrerin im Recht gewesen war „Du bist stinkefaul“, hatte sie gesagt, und sein Vater hätte bestimmt gesagt: „Jetzt ist deiner lieben Frau Gottwald endlich auch mal der Kragen geplatzt.“

O nein, er war nicht wie der Junge, der keinen Namen hatte und zurecht versohlt worden war. Er hatte den neuen Buchstaben x verstanden, er konnte ihn unterscheiden von Wörtern mit chs wie Lachs, und als er ein paar Zeilen aus dem Lesebuch vorlesen musste, in dem das x mehrmals vorkam, machte er keinen Fehler. Auch das furchtbar schwere Wort Maximilian konnte er lesen. Er hatte deswegen zu Hause seine ältere Schwester gefragt, und die hatte es ihm vorgesagt. Die Lehrerin lächelte ihm zu, sagte „Gut gemacht“ und strich ihm übers Haar, und er drehte sich dann nach dem Namenlosen in der letzten Bank um. So wie er, wie Hans, musste man es machen. Der Namenlose weinte.

Er wusste nicht, warum er beim Heimweg immer wieder an den Jungen in der letzten Bank zurückdenken musste. Auch mit seinem Freund Dieter wollte er über ihn sprechen, der fand das aber doof, der wollte lieber darüber diskutieren, wer heute Nachmittag beim Fußball ins Tor gehen sollte und als Hans sich nicht darauf einließ, verabschiedete sich Dieter, und Hans lief alleine nach Hause.

Lesen war aufregend. Die Straße war ein Lesebuch mit ganz vielen unbekannten Wörter. Viele hatte er schon entziffert: Max Braunstraße, Zigarren Müller, Lebensmittel Feeth, Brot und Brötchen Pfeiffer, nur der kleine Laden kurz vor seiner Wohnung hatte einen Namen, den er bisher noch nicht geknackt hatte. Da musste er für seine Mutter Milch und Butter einkauften, aber was da stand, verstand er nicht. Alles in Großbuchstaben. MAX – IMI – LIANS – KOL – ONI – ALWA – REN – HAND -EL. Das EL am Ende konnte nicht stimmten. Oder musste man HAN – DEL lesen? Aber das machte keinen Sinn.

Er stand wieder einmal lange vor dem Laden und versucht zu verstehen. Und plötzlich eine erste Erleuchtung! Das war doch das schwere Wort aus der Schule. Maximilian. Das s danach verstand er noch nicht. Das passte alleine nirgendwohin. Aber das würde er auch noch rauskriegen. Er zitterte vor Aufregung. Er trennte neu. WAREN stand da. Und das letzte war ein Wort, das sein Vater oft sagte: Der Handel und der Wandel. Handel. HANDEL! Er wusste nicht, was Handel bedeutet, aber das musste es sein. Jetzt würde er es packen. Und jetzt erkannte er auch das Wort WAREN, das kannte er. Natürlich. Warenhandel hörte sich richtig an.

Dass eine Frau mit einem Kind an der Hand vorbeikam und dem Kind vorlas: Maximilians Kolonialwarenhandel, das ärgerte ihn. Das hätte er auch noch selbst rausgekriegt. Aber er war trotzdem stolz. Fast allein hatte er die Nuss geknackt, wie sein Vater immer sagte, wenn man ein Problem gelöst hatte. Und als er seine Mutter nach dem Mittagessen fragte, ob er in Maximilians Kolonialwarenhandel Milch kaufen sollte, schaute die ihn groß an. „Hab selbst rausgekriegt, wie es heißt“, sagte er stolz und sah wieder den Namenlosen in der letzten Bank. Der hatte geweint. Er, Hans, hatte gut lachen.

Heute war ein Tag der Wunder. Er hatte ein Wort erobert, und jetzt hatte er ein anderes Wunder vor Augen: Dieter hatte einmal eine volle Kanne Milch mehrmals im Keis um sich herumgewirbelt, und es war kein Tropfen Milch aus der Kanne geflossen. Heute war ein Tag, um auszuprobieren, ob dieses Wunder auch ihm gelingen würde. Heute würde es ihm bestimmt gelingen. Heute würde ihm alles gelingen! Und er dachte wieder an die Tränen des Namenlosen, der schon an einem so einfachen Wort wie Haus gescheitert war, und er lachte, als er Maximilians Kolonialwarenhandel betrat.

Vor Maxilmilians Kolonialwarenhandel probierte er es aus, das Milchwunder. Und es funktionierte. Es floss keine Milch aus. Verblüfft schaute er in die Kanne. Wie hatte die Milch das gemacht, um in der Kanne zu bleiben? Noch einmal versuchen! Wieder das Wunder. Noch einmal, ein bisschen langsamer drehen! Die Milch blieb drin. Und noch ein bisschen langsamer! Und noch ein bisschen langsamer! Und da spritzte sie auf seine Hose und auf seine Schuhe und auf das Pflaster.

Er trippelte auf die Haustür zu wie der Namenlose in seiner Klasse. Er wusste nicht, was er seiner Mutter sagen sollte, die jagte ihn vor sich her, bis sein Vater erschien. Der stand da wie eine Statue und winkte ihn mit dem Zeigefinger herbei … Danach lag er mit schmerzendem Hintern im Bett und durfte nicht mehr aufstehen und die Sonne schien draußen und Dieter klingelte nach ihm und dann hörte er sie Fußball spielen, und das war so ungerecht, so ungerecht!

Er dachte wieder an den Namenlosen und jetzt erst weinte er.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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