Hajo Schindler

Ich fühle mich überfordert

Bisher habe ich mich zu den Personen gezählt, die, obwohl ich in den Augen junger Menschen zu der Gattung „alter weißer Mann“ gehöre, sich auf der Höhe der Zeit bewegen. Ich bin aufgeschlossen und interessiert.

Ich verrate es nicht gern, aber dieses Gefühl beginnt immer mehr zu bröckeln. Ich gebe mir zwar Mühe, tendiere aber manchmal zu der Gruppe von Menschen, die der Stern Chefredakteur Florian Gies als „Eine wachsende Gruppe für staatliche Aufklärung und journalistische Information nicht mehr erreichbar ist“ bezeichnet.

Ist das ein Wunder? Täglich werde ich in der Presse, im Fernsehen, in den sozialen Netzwerke mit einem Sammelsurium an Informationen bombardiert, die mir meine noch wenigen verbliebenen Haare zu Berge stehen lassen und mir dazu noch eine Gänsehaut verursachen. Die Lage ist (für mich) so unübersichtlich wie selten zuvor.

Ist es eigentlich notwendig und sinnvoll, alles das zu konsumieren, was man mir als „Eilmeldung“, „Schlagzeilen“, „Spezial“, als „breaking news“ brühwarm serviert.

Ich will niemanden etwas unterstellen, aber mitunter werden von Personen, die offizielle Funktionen wahrnehmen und/oder auf öffentliche Ressourcen zurückgreifen und generell alle diejenigen, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, ob in Politik, Wirtschaft, Kunst, Gesellschaft, Sport oder in anderen Bereichen Verhaltensweisen an den Tag gelegt und Worte gewählt, Sätze gestrickt, die mein Hirn verstopfen. Alle sagen was, aber kaum jemand weiß ( so ) richtig Bescheid. In Tagen wie diesen kommt es auf klare Botschaften an. Aber die erkenne ich nur in einem Fall: Einigkeit besteht oft nur darin, dass man sich uneinig ist.

Das größte Problem der Kommunikation besteht in der Illusion, dass sie stattgefunden hat, sagte schon der irische Dramatiker, Politiker George Bernard Shaw (1856-1950).

Das stelle ich auch an mir fest. Je mehr ich höre, umso weniger scheine ich zu wissen. Wenn ich meine, nach intensivem Nachdenken etwas zumindest ansatzweise verstanden zu haben, prasselt eine neue Nachricht auf mich ein und es wird schon wieder „eine neue Sau“ durchs Dorf getrieben.

Andauernd höre ich von diesen sich in der Öffentlichkeit tummelnden Personen Aussagen zu allem Möglichen in Interviews oder Talkshows, die mir teilweise die Zornesröte ins Gesicht treiben und dazu noch eine Schnappatmung bei mir auslösen. In den unzähligen Talk-Shows, die über den Fernsehbildschirm flimmern, kocht auch jeder dieser Vertreter da sein eignes Süppchen, gewürzt mit markigen Sprüchen. Für jeden Unsinn wird ein zweifelhaftes Argument gefunden, wozu es nützlich sein soll. Hauptsache er kann seinen Mitdiskutanten zeigen, dass er auch was zu sagen hat. Oft geht es dabei nicht um Inhalte, sondern um Profilierungen. Nur reden wird aber nicht reichen.

Aber….. Was ist eine Schwaffelsendung - Talkshow - ohne Bestbesetzung? Ich glaube, der bereits erwähnte irische Dramatiker Bernhard Shaw würde dieses Sendeformat, wenn er noch leben würde, als Das Paradies zungenfertiger Schwätzer titulieren. Beispiele dafür gibt es genug.

Übrigens: Ich habe Mitleid mit den Talkmoderatoren und-innen Lanz, Illner, Will, Maischberger und Plasberg. Müssen Sie doch um ihre Einschaltquoten bangen, wenn der zuletzt stets omnipräsente, bis in die Haarspitzen engagierte Prof. Dr. Karl Lauterbach jetzt Tage und Nächte im Gesundheitsministerium verbringen wird und deshalb nur noch dosiert in den Talkshows zu sehen sein wird. Hand aufs Herz: Was ist eine Talkshow ohne den Mann, der uns in den vergangenen Monaten beschwörend über die Pandemie und über deren Verhaltensregeln informiert hat. Gesundheitsprophet Prof. Dr. Karl Überall. Twitter, Instagram, Facebook oder wie die Sozialen Netzwerke noch heißen mögen, kaum eine Stunde verging (vergeht) ohne eine Aussage von Karl (Überall-) Lauterbach.

Vergessen wir nicht, Karl Lauterbach hat sein Ministeramt neben der fachlichen Expertise es auch den Rund-um-die-Uhr-Auftritten in den Talkshows zu verdanken, sodass Olaf aus Osnabrück nicht umhinkam und ihm das Bundesgesundheitsministerium angetragen hat.

Als passionierter Talkshowgucker mache ich aus meinem Herzen keine Mördergrube und sage frisch und frei: Keine Panik auf der Titanic. Es ist, wie es ist. Es wird auch künftig bestimmt nicht langweilig. Ich als Experte für alles, quasi Neunmalkluger h.c. (home cordhosenträger) bin mir aber sicher, die bisher noch auf der „Reservebank“ harrenden Zungenfertigen Schwätzer machen sich warm und warten schon ungeduldig auf die Einwechslung. Sie werden diese Lücke füllen und demnächst in den Talkrunden ihr „Bestes“ geben.

Talkshow-Auftritte sind eben für die Karriere unabdingbar, wie das Beispiel Karl Lauterbach zeigt. Wer talkt, kommuniziert, will eine Botschaft senden und in der Regel auf sich aufmerksam machen und verstanden werden. Darum muss das Gesagte klar rüberkommen. Doch das Risiko, dass beim Empfänger nicht das ankommt, was der Absender eigentlich mitteilen wollte, ist hoch. Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander.

Hm……. Ich denke, man sollte erst dann ein halbwegs konkretes Ziel ausgeben, wenn es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erreichbar ist - also etwa Mitte Januar bei Eis und Schnee mit entschlossener Miene sagen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir im Sommer höhere Temperaturen haben werden und dann unsere Autos keine Winterbereifung mehr benötigen“. Dacor!

Ich muss gestehen, ich genieße es und bin der Gruppe von Politikern dankbar, die mich dabei unterstützen, die mir helfen und erklären, wie das Leben gerade in dieser heutigen schwierigen Zeit zu funktionieren hat. Ich hege keinen Zweifel daran, denn Politiker haben das Ziel, durch ihr Denken Probleme der Gesellschaft zu lösen (Quelle: Wikipedia – Politiker ). In dieser Zeit bezeichne ich sie gern als Mensch gewordene Wegweiser zum Glück.

Einige von Ihnen schlagen jetzt die Hände über den Kopf zusammen und ich höre sie sagen: „Was ist das denn für ein Blödsinn: Wegweiser zum Glück.

Die politisch Verantwortlichen müssen aber höllisch aufpassen, denn Gefahren lauern überall. Ihre Fehleinschätzungen zerstören das Vertrauen, rauben Menschen das Selbstwertgefühl, die Zuversicht und die Stabilität. Eine fehlerhafte Bewertung ist für sie brandgefährlich und kann bei der nächsten Wahl das Mandat kosten.

Nun ja! Nicht dass ich mich jetzt darüber lustig mache oder den Teufel an die Wand male, aber am Ende meiner Ausführungen versuche ich bei all dem gelassen zu bleiben und übe mich in Geduld oder wie mein aus Bayern stammende Schwager manchmal zu sagen pflegt: „Erst tun mer mal goar nix; dann schau‘n mer mal; und dann wer‘n mer scho‘ seh‘n. “

Trotzdem sage ich ohne Scham: „Ich weiß so langsam nicht, wie ich mit der Welle an Informationen klarkommen soll, ich halte damit nicht mehr Schritt! Ich fühle mich überfordert.“ Egal: Mein Leben muss ja irgendwie weitergehen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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