Ramon Kania

Die Höhle

„Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.“
Es waren die letzten Worte gewesen, die ich gehört hatte.
Und ich hatte sie geschlossen, hatte angefangen zu zählen. Doch ich kam nur bis Sechs. Als ich meine Augen dann wieder öffnete, war mein Kopf mit Schmerzen gefüllt. Alles, was ich sehen konnte, waren verschwommene Umrisse, das Licht einer Lampe, welches von Wellen und Strömung hin und her geschüttelt wurde.
Ich verstand nicht, wo ich war, oder besser, warum ich immer noch hier war. Umgeben von Stein, umringt von Wasser. Das war nicht richtig, so sollte es nicht sein!
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Es war ein Versprechen gewesen, keine bloßen Worte! Aber ich war immer noch hier, roch die Feuchtigkeit und wurde gegen die Felsen gespült.
Wo war er? Wo war meine versprochene Rettung?!
Ich blickte mich um, wirbelte panisch durchs Wasser. Bis ich anstelle von hartem Stein plötzlich gegen etwas äußerst Weiches stieß.
Ganz langsam drehte ich mich um, mein Herzschlag erstarrt im Schatten der bevorstehenden Erkenntnis. Da sah ich ihn schon am Rand meines Sichtfelds. Der schwarze Neoprenanzug, die Lippen blau, die Atemmaske vom Gesicht gerissen.
Und das Wasser, es strömte in die Höhle. Eine unaufhaltsame Naturgewalt, die mit jeder Minute mehr und mehr Luft und Raum verschlang.
Was war passiert? Wieso konnte ich nicht den blauen Himmel sehen?!
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Ich begann zu treten, begann mich zu wenden, zu strampeln und umherzuschlagen. Weg, nur weg von hier!
Doch etwas hielt mich, etwas zog und zerrte an mir und machte es mir unmöglich voranzukommen.
Es war der Schlauch. Er hing noch an dem Mann und hatte sich gleichzeitig in meiner Kleidung verfangen.
Mit einem Ruck befreite ich mich davon, sah dann sogleich, wie der reglose Körper am anderen Ende von den Fluten fortgerissen wurde. Es war derselbe Augenblick, in dem auch mich das Wasser mit eiserner Faust packte. Denn bis eben hatte der Schlauch noch mich und den Taucher an einem einsamen Felsen zusammengehalten. Doch jetzt gab es diese Verbindung nicht mehr und die Flut konnte uns beide einzeln mühelos mit sich nehmen.

Ich wurde unter das Wasser gedrückt. Wurde gegen scharfe Kanten gepresst. Schleuderte und drehte mich, bis ich nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Meine Lungen schluckten Wasser, Luft entwich meinem Körper.
Doch das Schlimmste war das Licht. Es entfernte sich von mir. Mit jedem schnapphaften Atemzug, mit jeder wirbelnden Drehung, sah ich, wie das Licht der Taschenlampe immer ferner und immer schwächer wurde.
Und ich hatte kein eigenes.
Die Dunkelheit rückte näher, fraß sich durch die letzten Reste der Welt, in der ich noch etwas Ordnung zu finden gehofft hatte.
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Dann war da nur noch Nacht. Nacht und Schmerzen. Ich konnte nur noch treten und meine Arme vors Gesicht halten, hoffend, dass die spitzen Felsen sich mit dem Rest meines Körpers begnügen würden, während ich den Strömen hilflos ausgeliefert war.

Es vergingen Ewigkeiten. So lange stieg ich auf und tauchte hinab, bis ich mich in der Dämmerung einer bevorstehenden Ohnmacht fragte, ob ich nicht schon längst verstorben sei.
Und es ergab Sinn. Aus was sonst mag denn die Hölle bestehen, wenn nicht aus einem Wirbel aus Schmerzen, Dunkelheit und dem Rauschen des tobenden Wassers in den Ohren?

Doch es endete, irgendwann endete es.
Ich weiß nicht wie, ich weiß nur noch, dass ich mich plötzlich wieder auf festem, wenn auch rutschigem Boden befand. Tastend, kriechend, aber mit Luft anstelle von Wasser in den Lungen.
Erst, als ich eine Wand erreichte und keine Strömung mehr an meinen Füßen spüren konnte, da ließ ich mich auf den Rücken fallen und schloss die Augen, auch wenn es im Grunde keinen Unterschied machte.
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Natürlich war ich nicht in Sicherheit. Aber ich lebte, lebte und atmete und nach einem kurzen, reflexhaften Abtasten schien es, wie durch ein Wunder, als hätte ich keine schwerfälligen Brüche oder Blutungen davongetragen. Dennoch fühlte sich mein ganzer Körper wie durchpüriert an.
Es verging noch eine ganze Weile, bis ich meine Gedanken wieder etwas sortieren konnte.

Ich war immer noch gefangen. Ich war immer noch in dieser Höhle. Die Rettungsaktion war fehlgeschlagen. Was auch immer man da versucht hatte, es hatte eindeutig nicht funktioniert.
Das und noch anderes ging mir als aller erstes durch den Kopf.
Immer noch… gefangen.
Es dröhnte wie ein Schlag.
Aber… dieser Taucher, man hatte doch unmöglich nur ihn allein losgeschickt, nicht wahr? Es mussten doch noch mehr bei ihm gewesen sein, noch andere Leute, die wussten, dass ich hier war… oder?
Je mehr ich darüber nachdachte, desto logischer schien es mir. Sicherlich war ein ganzes Team ausgesandt worden, sobald man von meinem Verschwinden gehört hatte. Ein ganzes Team erfahrener Höhlentaucher und wenn ich nur etwas wartete, dann würden sie bald schon…
Etwas knirschte seitlich von mir.
Noch völlig dem Gedanken der Rettung verfallen drehte ich mich blitzschnell und mit Begeisterung um.
Ich hatte erwartete in das blendende Licht einer Taschenlampe zu blicken, doch da war nur die altbekannte Finsternis.
Ein Kiesel, der sich gelöst hatte? Aber… ich war mir sicher, dass das da eben Schritte gewesen waren.
Ich verharrte und starrte in die Dunkelheit.
Natürlich konnte ich keine Bewegung erkennen, doch… ja… ich konnte etwas hören. Leise, kaum lauter als das monotone Rauschen des Wassers. Es stieg an und klang wieder ab. Es… nein, ganz sicher, da musste gerade jemand Atmen.
„H-hallo?“, fragte ich stockend in die Dunkelheit. Keine Antwort.
„H-hallo? Ist da wer? Jemand vom Rettungsteam?“ Keine Antwort. Aber das Geräusch wurde lauter und ich hatte nun keinen Zweifel mehr, dass es sich dabei um das stoßhafte Luftholen eines Lebewesens handelte.
Also ein Tier. Fragt sich nur: Neugieriger Vegetarier oder hungriger Fleischfresser? Egal, in beiden Fällen nichts, was ich gerade in meiner Gegenwarte brauchte.
„Husch! Verzieh dich!“, rief ich laut und schmiss mit ein paar Steinen in die Richtung, in der ich das Vieh vermutete. Zu meiner Überraschung tat und bewegte sich daraufhin allerdings rein gar nichts.
„He! Hau ab! Los! Ich hab‘ schon genug Probleme!“ Ich schmiss mit einer ganzen Handvoll Steinen nach dem Tier und konnte eindeutig hören, wie einige von ihnen auf etwas Weiches trafen. Doch immer noch keine Bewegung.
Das… war ungewöhnlich. Tiere, egal von welcher Größe oder von welcher Gesinnung, würden bei einem Treffen wohl kaum einfach weiter dort stehenbleiben. War es verletzt? Lag es im Sterben? Der Gedanke wenige Meter entfernt von etwas zu sein, was gerade sein Leben aushauchte, behagte mir ganz und gar nicht.
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Ich beschloss mich zu entfernen, schließlich gab es auch keinen Grund weiterhin hier bleiben zu müssen. Was das Ding auch war, es durfte sein Leben gerne allein und völlig ungestört hinter sich bringen.
Ich stand auf und tastete mich behutsam an der Wand entlang, jedoch nicht, ohne hin und wieder einen Blick über die Schulter zu werfen, nur um ganz sicher zu gehen, dass sich da nichts bewegte, auch wenn ich in der Dunkelheit natürlich, nach wie vor, nichts sehen konnte.

Meine Schritte hallten gedämpft von den Felsen wider. Ich war nun schon ein erstaunliches Stück weit an der Wand entlang gegangen, welche mir zunächst sehr feucht, doch bald überraschend trocken vorkam. Ebenso schien auch das Rauschen des Wassers immer leiser und leiser zu werden. War es möglich, dass es mir durch puren Zufall gelungen war einen Tunnel zu finden? Und wenn er nicht hinausführte, dann doch aber ganz offensichtlich von diesem verdammten Wasser weg, richtig?
Mein Herz machte einen Freudesprung. Es war nicht viel, bei Gott das war es wirklich nicht, aber die Aussicht, wenigstens nicht allzu bald ertrinken zu müssen, reichte, um mir wenigstens wieder ein kleinwenig Mut und Hoffnung zurückzugeben.
Und dann hörte ich es wieder. Hinter mir. Sehr nah, während ein warmer Hauch über meinen Nacken strich.
Das Atmen.
Sofort blieb ich stehen, begann selbst in abgehackten Zügen nach Luft zu schnappen. Langsam, sehr langsam, drehte ich den Kopf. Ich wusste, dass ich auch jetzt nichts sehen würde, dass mir auch jetzt nur Finsternis gegenüberstand.
Ich irrte. Oh, ich irrte mich.
Es waren nur zwei Punkte, nur zwei ganz kleine Punkte. Aber sie leuchteten. Sie leuchteten von ganz allein in der Dunkelheit. Und sie starrten mich an. Zwei Augen, und sie blickten mir direkt ins Gesicht.
Ich ging, so langsam ich noch nie zuvor gegangen bin, zurück. Zentimeter für Zentimeter. Der eigene Blick auf die leuchtenden Punkte fixiert, keine Sekunde, in der ich sie aus den Augen verlor.
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Nein, ganz sicher nicht.

Es kam mir nicht nach, zumindest konnte ich keine Bewegung erkennen. Die zwei Punkte schienen zu warten, während ich mir Stück für Stück meine Flucht erkämpfte.
Ruhig, bleib ruhig.
Das war alles, was jetzt noch einen Platz in meinem Kopf einnahm. Zwei Punkte und die Dunkelheit. Und es kostete mich all meine Kraft den Blick aufrechtzuhalten.
Was zum Teufel war dieses Ding? Diese leuchtenden Augen und diese Größe… nichts in meiner Erinnerung wollte mir ein passendes Bild dazu geben. Nur bei einem war ich mir mehr als sicher: Dieses Etwas, es war mir nicht freundlich gesinnt. Das spürte ich nur allzu deutlich in der von ihm ausgehenden Drohung, die wie ein dickes Netz zwischen uns hing.
Und passend zu diesem Gedanken kam mir nun auch ein Grollen entgegen.
Leise.
Hungrig.
Hasserfüllt.
Die Punkte senkten sich, ich hörte, wie sich Muskeln in der Dunkelheit zu straffen begannen.
Und ich… ich rannte. Ich rannte los.
Hinter mir hörte ich das Poltern von Steinen und einen Schrei, der unmöglich von dieser Welt stammen konnte. Gewaltige Schritte hechteten mir hinterher. Über, unter und neben mir hörte ich sie von den Wänden hallen.
War es einer? Waren es viele?
Unmöglich es zu sagen. Unmöglich einen Weg zu finden.
Ich stolperte. Fiel. Rutsche über den Boden und kam keuchend zum Stehen. Hektisch blickte ich mich um. Sah ein Dutzend Punkte, die in der Dunkelheit tanzten.
Und sie kamen, sie kamen auf mich zu.
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.
Ich schloss sie, schloss sie so fest ich konnte und fing an zu zählen.
1… 2… 3…
Schritte, Schritte überall um mich herum.
4… 5… 6…
Lichter, ein Flackern vor meinen Lidern.
7… 8… 9…
Stimmen, gesprochene Worte.
… 10
Und etwas packte mich.

Als ich die Augen wieder öffnete, blickte ich in das blendende Licht einer Taschenlampe. Jemand rief mir Worte ins Gesicht, ich konnte sie kaum verstehen.
„Wo… sind… anderen?“
„W-was…?“, stotterte ich völlig orientierungslos.
„Wo sind die anderen?!“, wiederholte er seine Frage. „Das erste Team. Was dich gefunden hat. Wo sind sie?“
„I-ich…“
„Schon gut, ganz ruhig. Du bist in Sicherheit. Hat man dich vorausgeschickt? Mussten sie noch etwas da hinten erledigen?“
„Wenn das stimmt“, hörte ich jemand anderes sagen, „dann werden sie sich aber von der Leitung ordentlich was anhören dürfen. Den armen Kerl ganz allein und im Dunkeln vorrausschicken… tztztz.“
„Vielleicht gab es Probleme mit der Ausrüstung und sie wollten ihn nur vom…“
Fassungslos starrte ich die beiden Schemen hinter den Taschenlampen an. Waren sie blind? Waren sie denn taub?! Hier lief etwas durch die Dunkelheit und sie unterhielten sich ganz ruhig im Plauderton!
„Da…“ Meine Stimme stockte, die Luft kratzte mir im Hals. „Da… etwas…“ Ich zeigte hektisch mit dem Arm hinter mich. „Da ist etwas! I-i-in der Höhle!“
Das Gespräch endete abrupt. Ich spürte, wie mehrere Augenpaare mich anstarrten. Dann schwang das Licht der Lampe langsam in den Raum hinter mir.
Ich hielt den Atem an, bereit den Monstern direkt ins Gesicht zu blicken.
Aber… da war nichts, nur Fels und Gestein. Nichts bewegte sich, außer den Schatten, die die Taschenlampe gegen die Wände warf.
„Okay“, sagte der erste Mann zu mir. „Du warst lange allein in dieser Höhle. Ich will gar nicht wissen, was du alles durchgemacht hast. Wir bringen dich jetzt hier raus. Draußen wartet ein Krankenwagen und man wird sich um dich kümmern. Verstanden?“
Ich nickte langsam. Hunger, Erschöpfung und Dehydration? Das konnte wirklich einiges mit dem Verstand machen…
„Gut. Am besten gehst du zwischen uns, dann können wir besser auf dich aufpassen. Wir haben keine Trage, dachten, dass andere Team hätte dich sicher verstaut… Aber es ist nicht weit, bald kannst du das Tageslicht wiedersehen. Denkst du, dass du noch ein Stück laufen kannst?“
Wieder nickte ich.
„Okay, dann Abmarsch. Je schneller wir aus dieser Höhle raus sind, desto besser. Mathias, kannst du in der Zeit nochmal das Funkgerät checken? Ich weiß, dass wir unter der Erde sind, aber die beiden dürfte ja gerade nicht weit von uns entfernt sein.“
„Soll ich mitteilen, dass der Vermisste jetzt bei uns ist?“
„Exakt.“
„Aye, aye Käpten.“
Ein Klicken, dann ein Rauschen, während wir zu dritt anfingen loszugehen.

Ich war noch immer wie benommen, konnte noch nicht so ganz verarbeiten, was da gerade passiert war.
Alles nur eine Einbildung?
Im Nachhinein schien es mehr als eindeutig, dass mir mein Verstand da einen Streich gespielt haben musste.
Dennoch… das Bild der leuchtenden Augen in der Dunkelheit… ich konnte nicht anders, als immer wieder in die Schatten zwischen den Felsen zu starren und auf eine Bewegung, eine winzig kleine Bewegung zu warten, auch, wenn ich da einfach nichts sehen konnte.
„Team Eins, hier ist Rettungsteam Zwei. Könnt ihr uns hören? Wir haben den Vermissten bei uns, ihr könnt die Höhle jetzt verlassen. Team Eins, könnt ihr mich hören?“
„Team Eins ist tot…“ Ich sagte es so leise, dass es eine ganze Weile dauerte, bis man mir antwortete.
„Wie… wie war das?“
„Der Taucher… ich bin bewusstlos geworden und… dann war er tot neben mir. Tot… im Wasser neben mir…“
Der Mann vor mir blieb stehen.
„Was?! Bist du dir da sicher?! Wieso… wieso hast du nichts gesagt?! Tot…?“
„I-ich… ich… ich…“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Fuck! Was ist passiert?!“
„Die Maske… er… ich glaube er hat sie… K-keine Ahnung…“
„Scheiße… Fuck… Und der andere? Sie müssen, wie wir, zu zweit unterwegs gewesen sein.“
„Ich… weiß es nicht. Kann mich… ich kann mich nur an einen erinnern…“, stammelte ich.
„So ein verdammter Misst…“ Ich sah, wie der Mann vor mir sich langsam mit der Hand über das Gesicht fuhr. „Und du bist dir sicher, dass du dir das nicht auch nur…“
„He!“, unterbrach ihn plötzlich der Mann hinter mir. „Seid mal still, ich kann da was hören.“
„Oh, Gott sei Dank! Du hast mir da echt beinah einen gewaltigen Schrecken eingejagt…“
Der Mann ging an mir vorbei und zu dem anderen herüber.
„Haben sie sich also endlich gemeldet? Was sagen sie? Wo sind sie? Brauchen sie jetzt etwa auch Hilfe?“
„Warte…“, erwiderte der andere. „So weit war ich noch nicht. Ich hab‘ da nur kurz eine Stimme gehört.“ Er hielt sich das Funkgerät näher an den Mund. „Team Eins? Hallo? Was habt ihr da gerade gesagt? Bitte wiederholen.“
Rauschen.
Knistern.
Ein Knacken.
Und dann eine Stimme.
Wir…“ Sie war sehr leise und kaum mehr als ein gehauchtes Krächzen. „Wir… Sehen… Dich…
„T-team Eins…?“, fragte der Mann mit dem Funkgerät zögernd zurück.
Wir… Sehen… Dich…
Die Luft um mich herum gefror zu Eis.
Wir… wissen… wo… du bist. Wir… können dich sehen.
Zwischen den Worten dröhnte die Stille.
„W-wer ist da…? Habt ihr… habt ihr das Funkgerät in der Höhle gefunden?“
Stille.
Schweigen.
Rauschen.
„Wenn ihr…“ Der Mann schluckte hörbar. „Wenn ihr euch auch verlaufen habt, dann können wir…“
Plötzlich hörte ich ein Rascheln hinter mir, verdächtig ähnlich zu jenem, welches ich auch zuvor schon unten am Fluss gehört hatte.
Und auch die anderen hatten es gehört. Hektisch wirbelten wir herum. Die Lichter zuckten über die Schatten. Und mir war als würde ich da etwas sehen können, dünne Umrisse, die zwischen den Felsen huschten.
„Wer… wer ist da!“, rief der Mann ohne Funkgerät.
Ein Rascheln, ansonsten Stille.
„Wir sind ein Rettungsteam. Braucht ihr Hilfe? Wir können euch helfen. Seid ihr verletzt? Wir können euch aus dieser Höhle bringen.“
Rascheln.
Schritte.
Und… Punkte in der Dunkelheit.
„Okay… Wir wollen hier nur raus.“, änderte der Mann seine Taktik. „Wir wollen niemandem was. Wir wollen einfach nur aus dieser Höhle raus.“
Ein Schnauben.
Ein Kratzen.
Dann ein Flüstern.
Du… sollst nicht gehen… Du… sollst bleiben…
Langsam näherten sich die Punkte. Von allen Seiten kamen sie auf uns zu.
„Mathias… und du auch…“, sagte der Mann leise, während er mich leicht anstieß. „Auf Drei rennen wir. Der Ausgang ist nicht weit. Bleibt nicht stehen, schaut nicht zurück. Okay?“
„Verstanden…“, antwortete der Mann mit dem Funkgerät. Ich war zu keinem Laut imstande.
„1…“
Dutzende Punkte zogen einen Kreis um uns.
„2…“
Die Luft war erfüllt von einem modrigen Geruch.
„…3!“
Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit.

Und wir rannten. Bei Gott, und wie wir rannten.
Alles verlor sich im Auf- und Abblitzen der Lichter. Ich glaubte Krallen zu sehen, Zähne, so schwarz wie der Fels.
Und da waren Schreie. So laute Schreie. Von uns? Von ihnen? Ich wusste es nicht.
Ich rannte nur. Rannte, bis ich keine Lichter mehr sah. Rannte, bis ich keine Schreie mehr hörte.
Durch die Dunkelheit. Immer weiter. Durch die Dunkelheit.
Und dann… war da Licht. Kein zuckendes, hektisches Licht einer Taschenlampe, sondern der beständige Schein eines sonnigen Tages.
Stolpern, schreiend, weinend taumelte ich in den Kegel, der durch einen Spalt in der Decke fiel. Mein Herz raste, meine Muskeln brannten, doch ich lief immer weiter. Weiter, bis ich den blauen Himmel sah. Weiter, bis der Wind durch meine Haare fuhr.
Ich hatte es geschafft. Ließ mich ins Gras fallen. Atmete ein, atmete aus. Hatte es geschafft. Hatte es wirklich geschafft!
„He! Ist… ist alles in Ordnung…?“
Was? Wer sprach da?! Ich sprang auf die Füße
„Schon gut, schon gut… Ganz ruhig, du bist in Sicherheit.“
Wieder diese Worte. Sicherheit. Sicherheit! Ruhe und Sicherheit!
„Du wurdest gefunden, man wird sich um dich kümmern. Alles ist gut.“
Ich blickte in das besorgte Gesicht einer jungen Frau.
„Was…“ Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was hier geschah.
Um mich herum waren Menschen. Kameras. Autos. Reporter… und ein Krankenwagen.
Und Augen. So viele Augen, die mich anschauten mit ihren Lichtern. Mit ihren leuchtenden Lichtern.
„Man hat nach dir gesucht. Viele Menschen waren sehr besorgt um dich. Aber du wurdest gefunden. Man wird dich retten. Hörst du? Du wirst in Sicherheit sein.“
Viele Schritte kamen auf mich zu. Punkte. Mir wurde schwindelig. Ich hatte Mühe Luft zu bekommen.
„Entspann dich. Du siehst sehr schwach aus. Du warst sehr lange da unten, weißt du? Äußerst lange…“
Stimmen wurden laut, rauschten, strudelten auf mich ein.
„Aber man hat nicht aufgegeben. Hörst du? Man hat nicht aufgegeben. Wir haben niemals aufgegeben.“
Man nahm meine Hand und hielt sie fest.
„Und jetzt… jetzt haben wir dich gefunden. Jetzt… sehen wir dich. Jetzt wissen wir, wo du bist.“
Was…
„Hast du gehört? Wir… sehen dich. Wir sehen dich jetzt.
Ich versuchte mich zu bewegen, aber man ließ mich nicht gehen.
Bleib… wo du bist. Du… sollst bleiben…
Ich riss und zerrte an der mich packenden Hand, aber sie ließ mich nicht los.
Nein! Das konnte nicht sein! War ich… ich war noch…
Es rauschte, es knisterte. Dann ein Knacken.
Und die Welt zerbrach.

„Wir sehen dich. Wir wissen, wo du bist. Bleib genau da. Hast du gehört? Du sollst genau da bleiben. Bleib da, wo du gerade bist!“
Punkte. Punkte in der Dunkelheit! Über mir. Hoch über mir. Und um mich herum. Wasser. So viel Wasser. Keine Luft zum Atmen. Keine Luft mehr in dieser Höhle.
„Wir sind gleich bei dir. Wir haben es gleich geschafft.“
Die Wiese. Verschwunden. Abgelöst von schwarzen Felsen.
„Scheiße! Gebt mir mehr Seil! Ich brauche mehr Seil, verdammt!“
Die Punkte! Die Punkte nähern sich!
„Gleich… gleich hab‘ ich ihn… Nur noch ein Stück…!“
Sie kommen! Sie wollen mich holen!
„Halt… halt still verdammt! Scheiße! So… so kann ich ihn nicht packen!“
Ich bin noch in der Höhle! Ich bin noch in dieser Höhle!
„Bleib still! Scheiße verdammt, bleib endlich still! Hey! Schließe deine Augen! Hörst du? Wir holen dich hier raus, versprochen. Schließ die Augen. Zähl bis Zehn. Und wenn du die Augen wieder öffnest, dann bist du in Sicherheit. Hörst du? Du musst nur die Augen schließen! Ich verspreche es dir.“
Aber sie werden mich nicht bekommen!

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Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ramon Kania).
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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