Wolfgang Hoor

Ein allwissender Vater

 

Ein allwissender Vater

Hans war im 3. Schuljahr, bekam gute Noten und hatte einen Vater, der alles wusste. Einen solchen Vater hatte nicht jeder, und er war sehr stolz auf ihn. Zum Beispiel wusste er, dass der evangelische Nikolaus, der weder eine Mitra noch einen Bischofsstab hatte, unmöglich der richtige Nikolaus sein konnte. Der richtige hatte auch keine Zeit, die Kinder zu besuchen, dafür gab es viel zu viele Kinder. Der richtige Nikolas kam ungesehen, füllte ganz schnell auf wunderbare Weise die Teller, die man für ihn aufgestellt hatte. und das leuchtete dem Hans ein.

Es gab aber auch ein paar Dinge, die sein Vater wusste und die dem Hans Angst machten. Zum Beispiel wusste der Vater, dass die Muttergottes den Menschen eröffnet hatte, wenn sie nicht genug beteten, würde die ganze Welt in eine Katastrophe hineinrasen und untergehen. Sein Vater wusste sogar, von wo die Katastrophe ausgehen würde, vom ungläubigen Russland nämlich, und von den Menschen überall in der Welt, die nicht genug beteten. Hans wusste nicht, ob er genug betete und hatte deshalb oft Gewissensbisse.

Als es im dritten Schuljahr auf den Nikolaustag zuging, hörte Hans auch von katholischen Mitschülern, dass sie nicht mehr an den Nikolaus glaubten. Der Nikolaus sei bei ihnen im letzten Jahr mit Bischofmütze und Bischofsstab in die Wohnung gekommen, habe sein Buch aufgeschlagen mit all den guten und schlechten Nachrichten. Und dann das: beim Michael und beim Leo sei der Nikolaus zur gleichen Zeit gewesen, genau zur gleichen Zeit, um halb acht, und bei dem Leo habe der Nikolaus auffällige Hausschuhe getragen, die nur Leos Onkel trägt.

Hans, der jetzt die Allwissenheit seines Vaters verteidigen musste, sagte, die Nikoläuse bei Michael und Leo seien verkleidete evangelische Nikoläuse gewesen, sie hätten sich nur die katholische Mitra und den katholischen Bischofsstab ausgeliehen. Der richtige Nikolaus habe keine so doofen Tricks nötig, der lasse von seinen Helfern die Teller mit Obst und Süßigkeiten füllen und das geschehe in Windeseile. Das habe ihm sein Vater erklärt, und der wisse sowas.

Der Leo und der Michael tuschelten nach diesem Streitgespräch miteinander und tuschelten noch mit ganz vielen anderen, und dann sagte der Leo, mit dem Hans oft in der Pause spielte: „Ha ha, du glaubst, dass die Welt untergeht, wenn man nicht genug betet, und du glaubst an den Nikolaus, den niemand jemals gesehen haben kann. Mein kleiner Bruder, der noch nicht in die Schule geht, könnte sowas glauben. Aber du bist in der dritten Klasse!“ DA ging Hans mit Fäusten auf Leo los, aber Leo lachte nur darüber. Besonders stark war der Hans nicht und darum ließ er es doch besser nicht auf ein Kämpfchen ankommen.

Nein, dachte Hans, als er nach Hause ging, sein Vater musste Recht haben. Diesmal ging er alleine, er war auf alle seine Klassenkameraden wütend. Er würde von seinem Vater neue Argumente bekommen, da war er sicher, oder von seiner großen Schwester, und die war stark und gegen die hätte auch der Leo keine Chance. Aber auf seinen Vater zu warten würde dauern und dauern. Er kam häufig erst am Abend nach Hause, wenn Hans schon im Bett lag. Und in ihm brannte noch die Lüge, er sei wie ein Vorschulkind.

Aber irgendwo in ihm regte sich doch ein Zweifel. Wie sollte der Nikolaus in ganz Deutschland in einer einzigen Stunde Millionen Kinder beschenken, ohne dass irgendein Kind etwas bemerkte? War das möglich? Natürlich war das möglich, entgegnete der gläubige Teil in ihm, der sich so einfach nicht geschlagen geben wollte. Bei Gott ist alles möglich, hatte er im Religionsunterricht gelernt. Warum nicht ein Nikolauswunder?

Als er nach Hause kam, wartete seine ältere Schwester auf ihn. Seine Mutter hielt eine Mittagsruhe, die Rita musste ihm das Essen wieder warm machen. Rita war schlecht gelaunt, das sah man, sie ärgerte sich, dass sie auf den kleinen Bruder warten musste

Aber als er aß, sah sie die Sorgenfalten in dem Gesicht von Hans und das stimmte sie gnädig. „Was ist denn?“, fragte sie. „Du hast doch was.“ – „Sie sagen in der Schule, dass es den Nikolaus nicht gibt und sie lachen mich aus, weil ich das Gegenteil sage.“

Rita sagte lange nichts. Sie sah ihren Bruder lange lange an. Dann stand sie auf und legte dem Hans ihre Arme um den Hals und dann lachte sie. Es war ein freundliches Lachen, und dann sagte sie, „Komm lach mit“, und da musste der Hans auch lachen. und in diesem Augenblick war sein Papa nicht mehr allwissend und das Ende der Welt stand nicht mehr unmittelbar vor der Tür.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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