Volker Walter Robert Buchloh

Raubüberfall auf Bestellung

Raubüberfall auf Bestellung

Hörspiel in drei Akten

um 1947
von Rolf Hermann Buchloh (*1920.+2001)


 


 

Personen

Hans Keister, Jugendlicher, etwa 22 Jahre alt

Fred Schlupp, Jugendlicher, etwa 19 Jahre alt

Toni Fürbrecher, Jugendlicher, etwa 20 Jahre alt

Willi Mührer, Jugendlicher, etwa 18 Jahre alt

Richter

Staatsanwalt

Rechtsanwalt

Passant

Zwei Stimmen

Junge, etwa 12 Jahre alt


 

Erster Akt


 

Erste Szene

(Straße in einer Großstadt, Straßenlärm

Fred: Hallo! Hans, alter Junge, wie geht’s?

Hans: Ich bin zufrieden, es brauch nicht schlechter sein. Was machst du?

Fred: Im Augenblick, oder so im Allgemeinen?

Hans: Beides.

Fred: Ich bin gerade zum Plüschowpark, muss ein paar Zigaretten verkaufen, gute englische.

Hans: Fein; ich komme mit, wollte sowieso mal nachsehen, was auf dem Schwarzen Markt los ist.

Fred: Man hat so sein Krabbeln. Weiß der Teufel, das Geld geht mir durch die Finger. Da reden die Leute immer, es sei nichts mehr wert. Ich wollte, ich hätte einen Sack voll. - Stell´ dir vor, die wollen mich in den Pütt1 stecken.

Hans: Wer?

Fred: Na, die auf´m Arbeitsamt. Aber ich huste denen was. Ich hab mich polizeilich abgemeldet. Jetzt krieg ich zwar keine Karten mehr, aber ich komme auch so ganz gut zurecht. Weißt du, so ein bißchen Schwarzhandel.

Hans: Total verkehrt, das musst du anders dreh´n. Eine Stellung annehmen, pro forma nur, Arbeitskarte, Registrierschein und so weiter. Dann kann kommen was will, du kannst nie auffallen. Ich zum Beispiel gehe auf Meiers Kaufmännische Privatschule und mache meine Geschäfte nebenher.

Fred: Da bist du also ein "kommerzieller Schwarzhändler"?

Hans: Ha, wenn du es so nennen willst, was soll ich sonst tun? Vernünftige Arbeit findest du nicht, und die großen Schieber machen es uns ja vor. Ich will doch nicht verrecken!

Fred: Na klar, was haben wir denn noch vom Leben? Alles Dreck!

Hans: Übrigens, ich hab´ eine tolle Frau kennengelernt, gestern im >Cafe Wien<. Wir haben da so einen kleinen Klub so´ne Art Briefmarkenverein für Ganoven. Da ist schwer was los. Uns müsstest du kennenlernen, die Jungens sind in Ordnung.

Fred: Was macht ihr denn da?

Hans: Nichts weiter. Wir kaufen Briefmarken. Kapitalanlage, weißt du? Im Übrigen tanzen wir. Ein paar Mädels sind auch dabei. Und gestern kam Lilo, ein Pfundsweib, aber teuer. Kein Wunder, wenn man sich den Schnaps zu horrenden Preisen kaufen muss.

Fred: Da iat ja schon der Eingang zum Plüschowpark. Es scheint heute nicht viel los zu sein.


 

Zweite Szene

(Städtischer Park. Einige Männer in Gruppen, Stimmengewirr.)

Junge: Wollt ihr Zigaretten kaufen? Amis, schöne dicke Amis?

Fred: Nee, Kleiner, aber sag´ mal, wie teuer sind die heute?

Junge: Fünf-fünfzig. (fortlaufend) Amis, dicke Amis!

Fred: Du Hans, dann kann ich für fünf Mark verkaufen. Meine Schwester hat sie mir für vier gegeben, dann verdiene ich immer noch eine Mark. Mit geht’s darum, sie schnell los zu werden.

Hans: Nee, mein Junge, da laß man die Finger von. Hier wird heute für Fünf-fünfzig verkauft und nicht billiger. Eisernes Gesetz. Wenn du dagegen verstößt, lasse dich nicht wieder hier sehen, sonst hauen dir die anderen die Hucke voll.

Passant: Habt ihr Feuersteine?

Hans: Nee, gehen Sie mal dort an der Ecke, der mit der schwarzen Jacke und der Militärmütze hat meistens welche.

Fred: Hast du eigentlich auch was zu verkloppen?

Hans: Ja, Blättchen. Meistens mache ich aber Gelegenheitssachen.


 

Dritte Szene

Willi: Tag ihr beiden.

Fred: Morgen, Willi.

Willi: Wie geht das Geschäft?

Fred: Schlecht, noch kein Betrieb.Suchst du was Besonderes?

Willi: Ja, Mehl in großer Menge.

Fred: Wie viel?

Willi: Etwa einen Zentner.

Fred: Bedaure, Herr Graf, führen wir nicht. Wenden Sie sich bitte an den Großhandel.

Willi: Schade, ich dachte, du hättest mir einen besseren Tip geben können. Na, ich will mal weiter sehen.

Hans: Moment! Ich hätte d einen Mann, mit dem könnt´ ich reden. Ich hab´ erst vor Kurzem eine Sache vermittelt.

Willi: Wie teuer kommt der Laden?

Hans: Für einen Zentner genau eins komma sechs Mill.

Willi: Eintausendsechshundert, eigentlich viel. Ich dachte so tausend, höchstens hundert mehr.

Hans: Nee, so dumm ist der auch nicht. Bedenke, dass ein Pfund zweiundzwanzig Mark kostet.

Willi: Wo kann ich den Mann treffen?

Hans: Das hält schwer, der kommt nicht hierher, der ist scheu. Aber ich kann für ihn abschließen.

Willi: Na, schön, eintausenddreihundert. Wo kann ich das Zeug abholen?

Hans: Du sollst sehen, dass ich auch entgegenkommend bin, eintausendfünfhundert, letztes Wort! Komme heute Abend gegen halb Zehn zum Osterbruch.

Willi: Das ist weit draußen. - Trotzdem, gemacht.

Hans: Du triffst mich an der Endstation von der Fünf. Bring´ das Geld mit!

Willi: Bis dahin, - Tschüß!


 

Vierte Szene

 

Fred: Mensch, wo hast du das Mehl her?

Hans: Hab´ ich gar nicht.

Fred: Ich weiß, aber dein Mann.

Hans: Gibt´s auch nicht.

Fred: Was?

Hans: Glotz´ nicht so blöd´. Paß´ mal auf. Ich brauch´ dich. Eine famose Sache. Kannst du Geld brauchen?

Fred: Dumme Frage. Natürlich!

Hans: Wir werden bald eintausendfünfhundert Mark haben, geteilt durch drei macht fünfhundert, oder umgerechnet hundert beste Zigaretten.

Fred: Ich glaube, du spinnst. Wie willst du daran kommen?

Hans: Von deinem seltsamen Freund mit dem Mehlgesicht.Wenn der heute Abend kommt, hauen wir ihn eins auf den Hut und teilen den Zauber.

Fred; Nein, das ist mir zu gefährlich.

Hans: Quatsch, gefährlich. Ich hole ihn von der Straßenbahn ab, gehe mit ihm ein Stück ins Bruch. Dort wartest du mit einem Kumpel aus meinem Klub. Ihr überfallt uns, mich auch, und wir nehmen dem Knaben das Geld ab. Es ist dunkel, keiner sieht euch. Ich bin mit überfallen. Hinterher wird dein Willi schön die Schnauze halten. Was soll der mit dem vielen Money?

Fred: Ehrlich ist das aber nicht.

Hans: Was heißt ehrlich? Glaubst du, der ist ehrlich daran gekommen? - Na, also! Und bedenke: fünfhundert Mark, dafür stehst du vierzehn Tage und verkaufst für deine Schwester englische Zigaretten.

Fred: (zögernd) Du könntest Recht haben.

Hans: Na also, gemacht. - Da kommt gerade eine Bahn. Fährst du mit? Ich will Toni Fürbrecher Bescheid sagen, auf den kann man sich verlassen. Alles Weitere besprechen wir dann.

(Pfiffe von Polizeiflöten, aufgeregte Schritte, Rufe aus der Ferne)

Fred: Vorsicht! Polente!

Hans: Los, spring auf.

(Straßenbahn fährt vorbei)

Fred: Razzia! Das hat nochmal gut gegangen.

Hans: Ja, ja. - Die Englischen wärst du los gewesen. Jetzt fassen sie wieder so ein paar arme Schweine.


 


 

Zweiter Akt

Erste Szene

(nächtlicher Weg)

Willi: Verdammt dunkel ist es hier.

Hans: Warte nur, in einer halben Stunde geht der Mond auf.

Willi: Wo wollen wir eigentlich hin? Die Stadt liegt schon hinter uns. Ganz einsam wird es hier. Wo willst du hier draußen an Mehl kommen?

Hans: Hast du Angst? Mein Kumpel wartet dahinten mit einem Wagen. Den hat er sich geliehen, oder auch geklaut, was weiß ich? Er traut sich nicht in die Stadt wegen der Kontrollen.

Willi: Sag´ mal,wie heißt du eigentlich?

Hans: Hans.

Willi: Hans und weiter?

Hans: Genügt das nicht? Ich hab´dich ja auch nicht nach deinem Stammbaum gefragt. - Hast du das geld mit? Wir liefern nur gegen Kasse.

Willi: Ja, ja. Wie kriegen wir das Zeug aber weg?

Hans: Keine Sorge. Wir zwei, Klacksache so ein Zentner. Ich helfe dir dabei. Kostet natürlich ein paar "Aktive". Ein Stück können wir auch mit der Straßenbahn fahren. Wohin muss das Zeug?

Willi: Ich wohne im Westend, der Sack muss aber zur Schadowstraße.

Hans: Also auch nur Zwischenhändler. Was bringt das Geschäft? - Schon gut, geht mich im Grunde auch nichts an.

Willi: Paß´ auf! Eine Pfütze. Verdammte Dunkelheit! Direkt unheimlich.

Hans: Also doch Angst, mach´ die nur nicht in die Hosen.

Willi: Still! Ich glaube, da ist was.

Hans: Quatsch, nur ein Nachtvogel. Du bist wohl kein Soldat gewesen? Gleich sind wir da.


 

Zweite Szene


Toni: (vorspringend) Halt! Geld raus!

(Kampflärm, Keuchen, dumpfer Fall)

Hans: Hier scheint eine Falle zu sein!

Willi: Hans, Hilfe.

Hans: Ich kann nicht, mir hängt einer am Hals.

Willi: Ihr schufte! Ihr gemeinen Schufte! Hilfe! Hilfe!

Toni: Nur ruhig Bürschchen! Da, damit du still bist!

(Schlägt hart mit einem Stock zu.)

Fred: Das war zu fest, der ist hin.

Hans: Red´ keinen Unsinn! Seht nach, wo das Geld ist.

Toni: Ich find´ nichts. Fred, leuchte mal.

Hans: Halt, kein Licht!

Fred: In der Brieftasche ist nichts.

Hans: Er hat aber gesagt, dass er die Moneten bei sich hat.

Toni: In der Jacke und Hose auch nichts.

Hans: (aufgeregt) Los voran, voran!

Fred: Hört ihr, da kommt jemand.

Hans: Wir müssen da Geld haben, das Geld!

Hans: Habt ihr das Geld? Wir müssen fort.

Stimmen: Hallo, ist dort jemand?

Hans: Habt ihr das Geld? Wir müssen fort

Toni: Nichts!

Fred: (leise) Ich hau´ ab.

Hans: (leise) Scheiße, das ist schief gegangen! Kommt weg!

Fred: (zögert) Ich glaube, der ist tot. Du hast zu hart zugeschlagen.

Toni: (eindringlich, flüsternd) Los jetzt, um den können wir uns nicht kümmern. Die Leute kommen hierher.

(Fortlaufende, sich langsam verlierende Schritte, dann Stille)


 

Dritte Szene

(Schritte, hastig näher kommend)

1. Stimme: Mir war, als ob jemand um Hilfe riefe.

2. Stimme: Das sagten Sie schon. Ich habe nichts gehört.

1. Stimme: Hier ist doch etwas geschehen. Leuchten Sie doch bitte mal.

2. Stimme: Ich besitze nur ein Streichholz.

(Ein Streichholz wird angezündet)

1. Stimme: Hier liegt ein Mensch.

2. Stimme: Tot?

1. Stimme: Ich weiß nicht. Er blutet. Zünden Sie doch nochmal ein Streichholz an.

2. Stimme: Bleiben Sie hier, ich hole Hilfe.


 


 

Dritter Akt


Erste Szene

(Gerichtssaal, Die Personalaufnahme ist beendet)

Richter: Erheben Sie bitte die Anklage, Herr Staatsanwalt.

Staatsanwalt: Ich klage an: den Schüler Hans Keister, 22 Jahre2, zwei Menschen gedungen zu haben, den Jugendlichen, Willi Mührer überfallen zu haben, um ihn in Tateinheit mit ihnen zu berauben. Ich klage an: Alfred Schlup, 1 Jahre, ohne Beruf und den Angestellten Anton Fürbrecher, 20 Jahre, wegen Raubüberfalls auf Bestellung.

Richter: Angeklagter Fürbrecher, was haben Sie hierzu zu sagen?

Toni: (frech) Ich wußt´ von nichts, Herr Richter.

Richter: So ganz unschuldig werden Sie doch wohl nicht sein wollen? Was haben Sie sich denn bei dem Überfall gedacht?

Toni: Wir wollten einen guten bekannten von Hans tüchtig durchhauen.

Richter: Mit Lügen kommen Sie nicht weit. Es sit besser, wenn Sie die volle Wahrheit sagen. Überlegen Sie es sich nochmal. Was können Sie uns denn von dem Anschlag sagen, Angeklagter Keister?

Hans: Ich für meinen teil hab´ dem Mührer die paar Mark klauen wollen. Was die anderen angeht, weiß ich nicht, was die sich dabei gedacht haben.

Richter: Sie haben nicht stehlen wollen, sondern haben einen Menschen mit Vorbedacht überfallen, um ihn zu berauben. Dabei haben Se zu ihrer Hilfe zwei Kameraden gedungen.

Hans: (großspurig) Wenn Sie es so nennen wollen, ja.

Richter: Sind Sie sich überhaupt der Schwere ihres Verbrechens bewußt?

Hans: Ich hab´ immer für das gerade gestanden,was ich tat.

Richter: Nun Ferdinand Schlup, erzählen Sie uns mal, was Sie von dem Beginnen jener Nacht halten, aber aber spielen Sie uns nicht auch die Rolle des falschen Helden vor, wie ihr Kamerad Keister.

Fred: (stockend) Ich bin schuldig, Herr Richter.

Richter: Dann sagen Sie uns doch mal, ob der Angeklagte Toni Fürbrecher von dem eigentlichen Sinn des Überfalls nichts gewußt hat. Aber belügen Sie uns nicht.

Fred: Nein, nein, ich will nicht lügen! (lebhafter) Der hat von dieser Sache genau so viel gewußt, wie wir alle. Es ist gemein, wenn er jetzt kneifen will.

Richter Da wird ihnen ihr Leugnen wenig helfen, Angeklagter Fürbrecher.

Toni: (verlegen) Ja, ja, ich sollte Geld haben. (lebhaft) Aber Hans Keister ist an allem schuld.

Richter: Die Angeklagten bekennen sich schuldig. Zeugen brauchen wir da wohl nicht zu vernehmen.

Rechtsanwalt Ich bitte um den Zeugen Mührer.

Richter: Zeuge Willi Mührer, bitte.

(Pause, Stimme des Gerichtsdieners aus der Ferne, Türenschlagen)


 

Zweite Szene

(Schritte)

Richter: Zeuge Mührer, Sie sind von dem Angeklagten überfallen worden?

Willi: (zaghaft) Ja. - (fester) Ja, jawohl.

Richter: Sie haben mehrere Wochen in einem Krankenhaus gelegen, fühlen Sie sich wider wohl?

Willi: Ja, danke. Mein Kopf schmerzt oftmals noch sehr.

Rechtsanwalt: Was wollten Sie eigentlich mit dem Geld?

Willi: Was für Geld? Ich hatte kein Geld.

Rechtsanwalt: Sie wollten doch an diesem Abend etwas kaufen?

Willi: Ja, Herr Keister wollte mir Mehl besorgen.

Rechtsanwalt: Was sollte das denn kosten?

Richter: Ich glaube, diese Frage hat mit der Tat, die hier abgeurteilt werden soll, nichts zu tun.

Staatsanwalt: Ich bitte diese Frage zuzulassen.

Richter: Zeuge Mürer, Sie sind noch sehr jung. Sie brauchen hier nichts sagen, was ihnen einen Nachteil bringen kann, aber wenn Sie eine Aussage machen, müssen Sie voll und ganz bei der Wahrheit bleiben. Erzählen Sie uns, was das Mehl kosten sollte?

Willi: Ich glaube eineinhalbtausend Mark.

Rechtsanwalt: Hatten Sie das Geld bei sich?

Willi: Nein, ich hatte kein Geld.

Rechtsanwalt: Womit wollten Sie denn bezahlen?

Willi: Ich wollte gar nicht bezahlen,

Rechtsanwalt: Glaubten Sie denn, das Mehl so zu bekommen?

Willi: Ich wollte borgen und vielleicht später bezahlen.

Rechtsanwalt: Mit scheint, Sie haben aus purer Abenteuerlust den Weg ins Osterbruch gemacht. (weniger spöttisch) Wer ist hier eigentlich der betrogene Betrüger?

Richter: Sie können gehen, Herr Mührer.

(Schritte, Türen schließen)


 

Dritte Szene

 

Richter: Sonst noch Zeugen? - Keine? - Bitte Herr Staatsanwalt.

Staatsanwalt: Die Angeklagten sind geständig, einen Raubüberfall geplant und ausgeführt zu haben. Bei ihrem Vorhaben wurden zeit und Ort geschickt gewählt und mit Vorbedacht alle mutmaßlichen Hindernisse aus dem Wege geräumt. Daß der Überfallende zufällig kein Geld bei sich hatte, konnten sie nicht wissen. Der Gesetzgeber macht zwischen der Ausführung eines Verbrechens und dem gehabten Erfolg keinen Unterschied. Die Angeklagten können von Glück sprechen, dass der Überfallene mit dem Leben davon gekommen ist. So haben sie sich nur der gefährlichen Körperverletzung Schuldig gemacht. Ihr Opfer hat laut vorliegendem Attest viereinhalb Wochen mit einem Schädelbruch im Krankenhaus gelegen. - Und wenn Sie sich fragen, was das Motiv zu diesem Verbrechen war, werden Sie nur eine Antwort finden: Geldgier, gemeine Habsucht.

Raubüberfall mit Körperverletzung kann nur mit Zuchthaus geahndet werden. - Ich beantrage in Hinblick auf die Jugend der Angeklagten und ihre bisherige Unbescholtenheit eine Strafe von sechs Jahren Zuchthaus für Hans Keister und von je fünf Jahren Zuchthaus für Ferdinand Schlup und Anton Fürbrecher,

Richter: Bitte, die Verteidigung

Rechtsanwalt: Meine Herren, ich bitte Sie sich von der Höhe des Strafantrags der Staatsanwaltschaft nicht zu tief beeindrucken zu lassen. - Gewiß, die Angeklagten sind geständig, einen Raubüberfall ausgeführt zu haben. Ich bitte Sie, das offene Geständnis zu ihren Gunsten anzurechnen.

Um ein kleines, so könnte man den Kreis der Angeklagten um den Überfallenen erweitern, und möchte dann allen Vieren wegen bodenloser Dummheit den Hosenboden stramm ziehen. Ja, eine richtige Tracht Prügel, wie sie dumme Jungens bekommen, hätten sie verdient. Denn mir scheint, die hätten sie alle zu wenig bekommen. - Wer ist denn hier angeklagt? Gewiß, drei Menschen wegen eines Raubüberfalls, aber darüber hinaus sind noch viele andere schuldig. - Sie und ich und alle Erziehungsberechtigten wegen Vernachlässigung der Erziehung unserer Jugend. Betrachten wir die bisherige Entwicklung meiner Mandanten: Sie sind groß geworden in einem Krieg, schneller als gewöhnlich sind sie dem Elternhaus entwachsen,wurden ins Leben gestellt, ohne das Leben zu kennen. - Dann raubte ein noch nie dagewesener Zusammenbruch der gesamten deutschen Jugend ihre Ideale. Ratlos stehen heute Millionen junger Menschen. Nirgends ist für sie Aussicht auf eine ansprechende Tätigkeit. Der Tatendrang der Jugend ist aber groß! Wie kann es uns wundern, wenn sie, zerrüttet vom Niederbruch ihrer Weltanschauung, bar aller moralischen Grundsätze, nach einem Betätigungsfeld sucht und dabei auf die falsche Bahn gerät. Wäre es nicht unsere Aufgabe, die Aufgabe aller reifen, erwachsenen Menschen, sie richtig zu leiten und ihr Vorbild zu sein? Gerade das Letztere muss man heute häufig vermissen. "Die anderen machen es genau so.", dies sagte ungefähr einmal der Anstifter dieses Raubüberfalls zu seinem Komplicen. Ich frage Sie, hatte er so ganz unrecht? Heute erlebt man täglich, offen oder geheim, mehr oder weniger große Verbrechen. Das Gute ist wenig im Schwang; kein Wunder, wenn die Jugend es nicht sieht. - Junge Menschen haben Hunger, nicht nur auf Esswaren, sondern auch auf das Leben! Wenn man ihnen nicht den Sinn unseres Daseins zeigt, suchen sie ihn allein in Unterhaltung und Vergnügen. Der Schritt auf den illegalen Schwarzen Markt, sich die Mittel für Tanzfreuden und Kino zu besorgen, ist nicht schwer. Die nächste Etappe ist dann schon das Verbrechen. Einmal auf dem falschen Weg, muss man immer weiter abwärts gleiten, und eines Tages steht man dann hier angeklagt vor Gericht.

Sehen Sie, meine Mandanten sind sich der Schwere ihres Verbrechens gar nicht bewußt. Für sie war es eine zwangsläufige Entwicklung. Sie entschuldigen sich kaum, sagen nur: so sind wir eben. -

Nun meine Herren, urteilen Sie. Doch möchte ich nicht versäumen, ihnen zuzurufen:Ihr Urteil soll nicht nur Strafe sein, es soll auch die Angeklagten anregen, über ihre Fehler nachzudenken, damit sie auf die rechte Bahn zurück ins Leben finden. Vermauern Sie ihnen nicht den Weg durch allzu große Strenge!

Richter: Die Angeklagten haben das letzte Wort. Hans Keister, wollen Sie noch etwas sagen?

Hans: Nein.

Richter: Sie, Alfred Schlup?

Fred: (abwesend murmelnd) Meine arme Mutter.

Richter: Möchten Sie etwas sagen, Anton Fürbrecher?

Toni: Ich bitte um ein mildes Urteil. - Ich wusste nicht, was wir eigentlich taten.

Staatsanwalt: Man kann diese Jugend zwar verstehen, aber darf ihr nicht die Zügel schießen lassen.

Richter: Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück.
 

1) Anderes Wort für Gefängnis

2) Zu dieser Zeit ist man erst mit vollendetem 21. Lebensjahr volljährig.

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