Marc Fischels

Kuh sein tot

 


Täglich pendele ich sechzig Kilometer hin und zurück, um an meinen Arbeitsplatz zu gelangen. Die Strecke ist alles andere als leicht zu fahren. Es gibt drei steile Steigungen mit mehreren Serpentinen. Dazwischen führt die Strecke durch Waldgebiet und hügeliges Gelände mit zahlreichen Kurven. Erst auf den letzten Kilometern fährt der Weg über die Autobahn Richtung Großstadt. Vor allem im Winter nutze ich daher die öffentlichen Verkehrsmittel und bevorzuge den Bus. Dies nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch, aber so vermeide ich den täglichen Verkehrsstress. Ich wohne unweit der Abfahrthaltestelle und bin normalerweise der erste Fahrgast, der einsteigt. Jedes Mal nehme ich Platz in der ersten Reihe und zwar vorne rechts. Das ist für mich der beste Sitzplatz. Ich habe genug Beinfreiheit und freie Sicht auf die Straße. Links vor mir habe ich den Busfahrer stets im Blick. Abends bei der Rückfahrt sitze ich ebenfalls auf demselben Platz.

Für diese Strecke sind zwei Busfahrer vorgesehen. Einer heißt Manfred, genannt Manni und der Vorname des anderen Fahrers lautet Johann. Eine Woche lang übernehmen beide abwechselnd morgens die Hinfahrt und abends die Rückfahrt. Acht Tage später ist es genau umgekehrt. Was die Fahrqualitäten betrifft, könnten beide Busfahrer unterschiedlicher nicht sein. Johann ist ein weniger begabter Fahrer. Ihm fehlt das Feeling, sein Arbeitsgerät mit Gespür zu lenken. Feinfühliges Bremsen gehört auch nicht zu seinen Stärken. Kurz gesagt, eine Busfahrt mit Johann ist alles andere als ein Vergnügen. Hinzu kommt, dass er während der Fahrt öfters das Gespräch sucht. Seine Themen sind uninteressant und er redet ausschließlich in seinem Dialekt. Dies ist eine regionale Mundart, die einem in den Ohren wehtut.

Manni hingegen ist ein Vollblut-Busfahrer, der seinen Beruf wahrlich nicht verfehlt hat. Kerzengerade sitzend, lenkt er gefühlvoll sein Fahrgerät, es schwebt über dem Asphalt. Ob bergauf oder bergab, jede Kurve meistert Manni problemlos. Kein abruptes Bremsen, kein Ruckeln beim Schalten und Einkuppeln. Jeder Gangwechsel vollzieht sich wie aus einem Guss. Man hat den Eindruck, er wäre ein Teil der Mechanik. Auch Schnee oder Glatteis sind für Manni kein Hindernis. Er meistert jede schwierige Situation mit gewohnter Souveränität und Leichtigkeit. Anders als Johann spricht Manni während der Fahrt überhaupt nicht. Morgens ein Hallo, abends kurz und knapp, tschüss und freitags noch ein Wochenendgruß dazu. Gelegentlich begegnete ich Manni samstags im Supermarkt. Jedes Mal grüßte er mit einem Kopfnicken. Dem war gut so. Würde er ein belangloses Gespräch anfangen, wäre ich enttäuscht. So wirkte er unnahbar. Wie ein Ritter der Landstraße, der König der Busfahrer.

Ab und zu kommen auch Ersatzfahrer zum Einsatz. Dies war an einem Montagmorgen Anfang des Monats der Fall. Beim Einsteigen bat ich um ein neues Monatsabo. Der Fahrer gab mir zu verstehen dass heute sein erster Arbeitstag sei. Er habe Probleme mit der Bedienung der Kasse und bat mich das Abo bei der Rückfahrt zu kaufen.. Ich stimmte zu und nahm meinen gewohnten Platz ein. Obwohl er sich redlich mühte, fiel auf, dass seine Deutschkenntnisse zu wünschen übrig ließen. „Fahren diese Strecke erste Mal. Du mir helfen, wo sind Haltestellen?“, fragte er mich. Ich bejahte und er fuhr los. Normalerweise hätte er meine Hilfe nicht gebraucht. Mehrere Personen befinden sich an jeder Haltestelle und sind von Weitem gut sichtbar. Allerdings war an diesem Morgen bedingt durch Nebel die Sicht sehr schlecht. Während der Fahrt musterte ich den Fahrer. Ich schätzte ihn Anfang dreissig. Von seinem Akzent her zu urteilen, könnte er aus Osteuropa kommen. Seine Fahrqualitäten sind gut, allerdings nimmt er es nicht so genau mit der Verkehrsordnung. Geschwindigkeitsbegrenzungen wurden größtenteils ignoriert. Beim Abbiegen wurde der Blinker nur ab und zu eingeschaltet. Bei Stoppschildern fuhr er langsamer, kam aber nicht vollständig zum Stehen. Auffällig war auch, dass er sich gegenüber männlichen Fahrgästen eher grob verhielt. Gegenüber Frauen war er übertrieben freundlich, man hatte den Eindruck, es wären Annäherungsversuche. Das gefiel den Damen weniger. Ich sagte ihm, dass es keine gute Idee wäre, während der Arbeitszeit zu flirten. Anderntags fragte er mich nach meinem Vornamen und was ich beruflich machen würde. So habe ich erfahren, dass er Aslan heißt und ursprünglich aus Kasachstan stammt. Aus der Region Pavlodar und lebt erst seit zwei Jahren hier.

Mitte der Woche kam es zum ersten haarsträubenden Vorfall. Bei der Hinfahrt bat ein Fahrgast an der Haltestelle vor der letzten Steigung auszusteigen. Vor dem Bus hielt ein Wagen. Der Fahrgast sagte zum Fahrer, dass er ausnahmsweise hier aussteigen würde. Ein Arbeitskollege würde ihn mit seinem Wagen mitnehmen. Ob er warten könne, bis das Auto abgefahren sei. Schließlich würde der Bus die kurvenreiche Steigung viel langsamer hinauffahren als ein Pkw. Mir fiel sofort auf, dass Aslan verärgert war. Sobald der Fahrgast ausstieg, gab er Vollgas. Die Tür schloss er erst während der Fahrt. „Was glauben dieser Kerl? Ich werde zeigen, wie gut ich fahren Bus“, gab er mir zu verstehen. Nach der ersten scharfen Linkskurve brauste er die Steigung hoch. Dabei legte er sich mächtig ins Zeug. Bei jeder Kurve beugte er sich mit dem Oberkörper über das Lenkrad. Abwechselnd auf die Rechte und dann wieder die linke Seite. Mir erschien das Ganze surreal. Träume ich oder ist das alles wirklich, kam es mir in den Sinn. Oben angekommen fuhr Aslan absichtlich langsam. Bis zur Autobahn waren es etwa zehn Kilometer. Die Strecke ist hügelig und kurvenreich. An ein Überholmanöver war nicht zu denken. Schon gar nicht einen Bus, der absichtlich die ganze Breite der Straße einnimmt. Aslan grinste hämisch und auch bei mir regte sich Schadenfreude. Ich mochte diesen Fahrgast überhaupt nicht. Er ist ein Angeber, strotzt nur so vor Selbstüberschätzung und seine Prahlerei ist unerträglich. Jeden Morgen kurz vor der Abfahrt rauchte er noch hastig eine Zigarette. Vor dem Einsteigen warf er diese rücksichtslos zu Boden. Den Rauch atmete er im Innern des Busses aus. Sein ganzes Benehmen ist widerlich und respektlos.

Erst nach Erreichen der Autobahn konnte der Pkw schließlich den Bus überholen. Die rechte Hand aus dem Fenster streckend, zeigte unser Prahler Aslan den Mittelfinger. Er war sehr genervt und dies erfreute uns beide umso mehr.

Um diese Zeit frühmorgens hält sich das Verkehrsaufkommen in Grenzen. Ich fragte Aslan, ob er schon einen Verkehrsunfall hatte. „Nein, ich nicht“ und fuhr fort. „Aber Vater haben gehabt Unfall in Kasachstan, Unfall mit Kuh. Kuh sein tot.“ „Oh je“, entgegnete ich. „Ja“, sagte Aslan „Alte Frau haben geweint. Haben gehabt nur eine Kuh. Vater haben gekauft neue Kuh für alte Frau. Alte Frau haben gelacht und war GLUCKLICH.“ „Aha, also Geschichte mit Happy End, ausgenommen tote Kuh, erwiderte ich.“ „Ja“, antwortete Aslan und lachte.

Der zweite ungewöhnliche Vorfall ereignete sich am Freitagabend auf dem Heimweg. Unmittelbar nach dem Verlassen der Autobahn fuhr Aslan übertrieben schnell. Auf der kurvenreichen, hügeligen Strecke überholte er zwei Autos. Es war lebensgefährlich, die Sichtweite war völlig unzureichend. Natürlich machte sich sofort Unruhe unter den Fahrgästen breit. Eine junge Dame kam nach vorn und nahm neben mir Platz.  „Was ist mit dem Fahrer passiert?“, fragte die Frau. „Stell mir diese Frage auch“, erwiderte ich. „Ich schlage vor, Sie reden mit ihm. Wenn Frauen etwas sagen, reagiert er weniger gereizt. Sie müssen nur in einem netten Ton mit ihm sprechen, keinesfalls in einem befehlenden.“ Das tat die junge Dame und sie machte es sehr gut. Er nahm sofort seinen Fuß vom Gaspedal und fuhr im normalen Tempo weiter. „Was ist in dich gefahren?“, fragte ich Aslan. „Ich wollen Leute kommen, schnell nach Hause, haben so mehr von Wochenende“, antwortete er. „Vor allem wollen sie heil und gesund zu Hause ankommen“, entgegnete die Frau. „Ist egal ob ein paar Minuten früher oder später, Hauptsache wohlauf und unversehrt.“

Am folgenden Montag war Manni wieder im Einsatz. Nach den turbulenten Ereignissen der vergangenen Woche war Aslan mehrere Tage lang Gesprächsthema. Unser Angeber ließ keine Gelegenheit aus, um über ihn herzuziehen. Mit Genugtun erzählte er jedem, dass er sich beim Busunternehmen beschwert habe. Ich habe nie wieder etwas von Aslan gehört. Ob er entlassen wurde oder auf eine andere Buslinie versetzt wurde, weiß ich nicht. Manni verlor keine Silbe über diese Vorkommnisse. Mit stoischer Ruhe und Gelassenheit steuerte er sein Gefährt gewohnt souverän.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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