Wolfgang Hoor

Hänschen klein

 

Hänschen klein

Manchmal summte Hans das Lied „Hänschen klein“ vor sich hin, weil er wieder mal Lust hatte, wie Hänschen klein wegzulaufen. Und zwar allein, allein, allein! Zu Hause in der engen Wohnung, in der sie zu siebt wohnten und es kein Kinderzimmer allein für ihn gab, überfielen ihn immer wieder, mal hier, mal da die Wörter mit dem verhassten Ausrufezeichen „Halt dich gerade!“, „Nimm die Hände aus den Hosentaschen!“, „Schau mich an, wenn ich mit dir spreche!“, „Dein Haar ist stguppelig, was sollen die Leute sagen?!!“, „Wasch dir die dreckigen Hände!“, „Putz dir den Mund ab“- Diese ganzen Ausrufezeichen würden keine Rolle mehr spielen, wenn er jetzt weg wäre wie das Hänschen klein, allein, allein!

Manchmal gelang es ihm draußen allein zu sein, wenn er mit der Familie unterwegs war. Natürlich gab es anfangs immer eine Hand, die ihn festhielt und an den Schritt der Erwachsenen gewöhnen wollte. Aber die Erwachsenen waren draußen zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und dann löste er sich von der Hand und lief voraus und genoss das Glück, dass er allein eine Eidechse entdeckte, die die anderen übersehen würden, oder er entdeckte das Vogelnest in einem Baum, das jetzt sozusagen ihm gehörte. Ihm allein. Es war schön allein zu sein.

Manchmal war es mit dem Glück allein zu sein, schnell wieder vorbei. Dann trafen die anderen andere Erwachsene und blieben stehen und fingen an nach ihm zu suchen und riefen ihn herbei. Und dann musste er Hände schütteln und Diener machen und dann dabeistehen, wenn die Erwachsenen übet Dinge redeten, die er nicht verstand. Manchmal richtete er einen Hilfe suchenden Blick an seine Mutter oder seine große Schwester. Aber die verstanden seinen Blick nicht, und wenn es ganz schlimm kam, redeten sie über ihn, erzählten, wie großartig er in der Schule sei, und redeten über ihn wie über einen Hund, der an der Leine ist und nicht sprechen kann-

Manchmal interessierten ihn Dinge, von denen er nicht wusste, dass sie ihn nicht interessieren durften. So machte er sich einmal Gedanken, wie eine schleimige Schnecke, die ihre Spur auf der Straße hinterließ, sich retten sollte, wenn ein Auto käme. Und da er sicher war, dass sie sich nicht retten könnte, nahm er sie in die Hand und trug sie ins Gras am Straßenrand. Das wurde entdeckt und seine Schwester schrie: „Iiii, der hat ne Schleimschnecke in die Hand genommen“ und es gab einen Riesenärger und die Schwester, die ihn bei seiner Untat gesehen hatte, musste ihn nach Hause bringen, damit er sich die Hände waschen konnte.

Manchmal war es auch ganz schön bei ihm zu Hause. Wenn er die Hände nicht in der Hosentasche hatte und wenn er gerade saß oder stand und ordentlich aussah, die Hände gewaschen, die Zähne geputzt, dann sprach er mit seinem Vater über sein liebstes Thema, über Entdecker, die ganz allein einen Berg bestiegen oder ganz allein einen Braunbär mit der Kamera beobachteten.

Und einmal sagte ihm sein Vater: „Die größten Entdecken waren die, die entdeckt haben, dass die Menschen an etwas glaubten, was gar nicht stimmte. So glaubten die Menschen lange Zeit, die Erde sei eine Scheibe, und wenn man am Rand der Scheibe stehe und nicht aufpasse, könnte man fallen und fallen und fallen und würde nie mehr gesehen. Und da war ein Entdecker nötig, der den Menschen zeigte, dass die Erde eine Kugel war. Und darüber musste Hans ganz doll lachen, und am Abend im Bett nahm er sich vor, so ein Entdecker zu werden,

An einem Abend war ein Gewitter. Da sagte die Mutter: „Wenn es früher ein Gewitter gab, haben wir uns zu Hause auf den Boden gekniet und haben einen Rosenkranz gebetet, und darum ist der Blitz nie bei uns eingeschlagen.“ Also mussten sich er und seine größere Schwester und sein kleiner Bruder auch hinknien und den Rosenkranz beten, und Hans betete gerne, aber nicht den Rosenkranz, und er dachte an die vielen, die nicht den Rosenkranz beteten und bei denen der Blitz auch nicht einschlug. Das mit dem Rosenkranzbeten war also so ähnlich wie die Sache mit der Erdscheibe, von der man runterfallen konnte.

„Habt ihr früher noch andere Sachen bei Gewitter beachtet?“, fragte Hans seine Mutter. Und da kam noch so etwas raus, was vielleicht falsch war. „Mein Bruder Julius“, sagte die Mutter, „ist einmal bei einem Gewitter auf eine Straßenbahnschiene getreten. Das war strengstens verboten, denn dabei kann man sofort umfallen und tot sein. Gott sei Dank hat die Großmutter gerade Rosenkranz gebetet, so dass nichts passiert ist, aber der Julius hat den Hintern versohlt bekommen, sag ich dir, daran wird er hoffentlich ewig gedacht haben, und wenn du bei Gewitter auf Straßenbahnschienen trittst, dann macht dein Papa hoffentlich das gleich mit dir.“

Das wollen wir doch mal sehen, dachte Hans. Ich werde schon rausfinden, ob es wahr ist, auch wenn es mein Leben kosten kann. Denn Entdecker achten ihr Leben gering, wenn es ums Entdecken geht, das stand schon in den Realienbüchern, die ihm sein Vater geschenkt hatte. Leider wurde Hans nie zum Einkaufen geschickt, wenn es ein Gewitter gab. Also konnte er der Sache nicht auf den Grund gehen.

Aber das änderte sich, als er zum Kommunionsunterricht musste. Der war manchmal am Nachmittag, da musste er zur Kirche und wieder zurück und niemand brachte ihn hin oder holte ihn ab, und niemand konnte genau ausrechnen, wie lange der Pastor brauchte, das hing ab von den Kindern und ihren dummen Fragen und manchmal dauerte es sehr lange, weil sich die Kinder so dumm dranstellten. Wann Hans also nach dem Kommunionunterricht nach Hause kommen würde, das konnte niemand vorhersagen.

Tag für Tag hoffte Hans auf sein Gewitter. Er ging immer den Weg an den Straßenbahnschienen entlang, aber im Frühling sind Gewitter rar. Er probierte auch ohne Gewitter, ob etwas passiert, wenn man auf die Gleise tritt. Aber natürlich passierte nichts. Er betete jetzt in der Kirche nicht nur für seine Eltern, seine Geschwister, seine Freunde und sich selbst , sondern auch um ein Gewitter. Das Schöne beim Beten war ja, dass man „Gegrüßet seist du Maria“ sagen konnte“ und niemand konnte in seinen Kopf schauen und sehen, dass er an sein Gewitter dachte.

Kurz vor Ostern wurden seine Bitten erhört, die Mutter Maria ließ sich erweichen, sie schickte das lang ersehnte Gewitter. Der Vater von seinem Freund Leo stand beim Ende des Kommunionunterrichts vor der Kirchentür und lud Hans ein, mit seinem Freund im Auto nach Hause zu fahren. Aber Hans log standhaft, er müsse für seine Mutter noch was in Maximilians Kolonialwarenhandel besorgen, was man sonst nirgendwo kriegen könne, und so ließ man ihn gehen.

Es waren herrliche Versuchsbedingungen. Es gab einen kurzen heftigen Regen und danach regnete es angenehm sanft, aber die Blitze zischenten herunter und der Donner krachte und das Gewitter kam immer näher, sodass auch Hans Furcht bekam. Aber als richtiger Entdecker muss man sein Leben aufs Spiel setzen. Und das Gewitter war SEIN Gewitter, sein herbeigebetetes Gewitter, und es ging jetzt um Leben und Tod.

Und dann sah er einen Mann vor dem Regen und dem Gewitter flüchten, von einer Straßenseite auf die andere. Und er trat auf die Schienen, zweimal, zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken Fuß, und es geschah nichts, nichts. Die Blitze ließen ihn in Ruhe, der Donner verzog sich allmählich, und da wagte unser Hans das entscheidende Experiment. Er trat auf die Schienen, aber natürlich nicht so flüchtig wie der Mann, sondern viele viele Sekunden. Oder waren Es Minuten? Es war jedenfalls eine Ewigkeit, und ES PASSIERTE NICHTS! NICHTS! Seine Forschung war gelungen.

Zuhause wurde er bedauert. Der arme Junge! Seine große Schwester zog ihm die nassen Klamotten aus und rubbelte ihn warm und drückte ihn und sagte: „Keine Angst, es wird schon alles wieder gut!“ Und dabei wusste sie nicht, dass seine Entdeckung erst alles gut gemacht hatte, dass es jetzt so schnell keinen Aberglauben mehr über die Straßenbahnschienen bei Gewitter geben würde.

Und irgendwann käme eine noch größere Entdeckung. Blöd war nur, dass er niemand was von seiner Entdeckung sagen konnte. Sonst drohte die Tracht Prügel. Aber irgendwann würde es noch was viel Schwierigeres geben, was er lösen Würde.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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