Wolfgang Hoor

Die Krone der Schöpfung

 

Die Krone der Schöpfung

Eigentlich fand Hans den neuen Religionslehrer ganz nett. Er war jung, schlank, freundlich und Kaplan in St. Michael. Er verteilte Süßigkeiten, wenn man im Unterricht gut mitmachte, und benutze auch nicht den Rohrstock wie der frühere Religionslehrer, der Herr Pastor. Und jetzt lernten sie, dass Gott den Menschen die Macht gegeben hatte, über die Tiere und Pflanzen auf der ganzen Erde zu herrschen.

Dass der Mensch also die Krönung der Schöpfung ist, das hatte Hans nicht mitgekriegt. Er saß nämlich am Fenster und auf der Fensterbank sprang eine Elster hin und her und bewegte ein Glitzerding vor und zurück. Das sah so lustig aus. Hans erkannte nicht, was die Elster da mit dem Schnabel bearbeitete, und da wurde er plötzlich am Hemdkragen gepackt und hochgezogen und der neue Religionslehrer fragte ihn, worüber sie gesprochen hätten. Da sagte Hans, der mit einem viertel Ohr hingehört hatte: „Dass die Elster die Krönung der Schöpfung ist“. Natürlich brach in der der Klasse ein Lachsturm aus, auch der Religionslehrer lachte.

Er drückte Hans wieder auf seinen Platz und sagte, so was Lustiges hätte er lange nicht mehr gehört. Aber der Hans hätte jetzt etwas nachzuholen und er müsse ihm bis zur nächsten Religionsstunde einen Aufsatz schreiben mit dem Titel „Warum der Mensch die Krone der Schöpfung ist.“ Und er solle im Katechismus und in der Bibel nachlesen. Da stehe das drin.

Der Hans überlegte auf dem Heimweg, was er schreiben könnte. Er war ein Mensch, aber er war nicht die Krone der Schöpfung. Er herrschte nicht über die Tiere und Pflanzen und das wollte er auch gar nicht. Die Tiere, die der Mensch beherrschte, waren unberechenbar, Hunde vor allem zweifelten offenbar immer wieder an der Herrschaft von Hans über Tiere und Pflanzen.

Nein, was sie in Religion gelernt hatten, stimmte vorne und hinten nicht. Der Religionslehrer war zwar nett, von dem alten wäre er über die Bank gelegt worden, aber was nützt ein netter Lehrer, wenn es nicht stimmt, was er erzählt. Und Hans beschloss, es dem Religionslehrer zu zeigen, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist.

Hans nahm sich viel Zeit für seine Hausaufgabe. Er ließ Dieter klingeln, er ging nicht zum Fußballspielen, er lernte das Gedicht in Deutsch nicht auswendig, er kaute an seinem Federhalter, er wusste nicht, wie er anfangen sollte, er trat mehrmals ans Fenster, und dann sah er den Hund, den gewaltigen Schäferhund, mit seinem Herrn an ihrem Haus vorbeigehen, und der war Herr über ihn gewesen und dem hatte er das Leben zu verdanken.

Und Hans schrieb: „Ich bin froh, dass Tiere nicht sprechen können. Sie würden uns sowieso nicht glauben, was wir sagen. Einmal bin ich vom Kommunionunterricht nach Hause gegangen, da musste ich an einem gewaltigen Schäferhund vorbei. Sein Herr hatte ihn nicht an der Leine. Ich hatte Angst und machte einen großen Bogen um ihn, aber der Hund fand, dass ich ein Feigling bin. Da ist er mir nach, ich bin weggerast, so schnell ich konnte, aber der Hund war schneller als ich.

Da dachte ich, es hat keinen Sinn wegzurennen. Ich hab mich auf den Boden geschmissen und die Augen zugepetzt und gedacht: Hoffentlich tut es nicht so schrecklich weh, wenn er mich totbeißt. Da hat er über mir gehechelt. Er schnüffelte an meiner Kehle und dann lief er von mir weg. Da hab ich mich aufgerichtet, und da kam der Hundehalter mit dem Hund an der Leine. Der sagte: ‚Der Hund hat gerochen, dass du keine Gefahr für ihn bist. Er beißt keine wehrlosen Jungen tot.‘

Seitdem weiß ich, dass die Hunde klüger sind als die Menschen. Sie können riechen, was mit einem los ist. Wenn mich ein Mensch unter sich gehabt hätte, wäre es mir bestimmt schlimme ergangen, egal, was ich gesagt hätte. Vielen Menschen ist es egal, ob man wehrlos ist oder nicht. Da hilft es einem auch nicht, dass man sprechen kann. Aber die Hunde können riechen, ob man wehrlos ist und sich unterwirft. Also war damals der Schäferhund die Kro ne der Schöpfung.“

Ich hab mir den Aufsatz noch ein paarmal durchgelesen und mir überlegt, wo der Lehrer Einwände machen könnte. Aber ich fand keine Stelle, nur eben die am Ende, dass der Schäferhund die Krone der Schöpfung ist. Den Satz hab ich dann durchgestrichen und geschrieben: „Der Mensch muss sich aber auch anstrengen, um die Krone der Schöpfung zu sein.“

Merkwürdigerweise hat der Religionslehrer in der nächsten Stunde gar nicht meinen Aufsatz haben wollen. Das hat mich geärgert, bis ich dahinter kam:

Der wusste nämlich, dass ich nicht daran glaubte, was ich lernen sollte, und er traute es nicht zu sagen. Er war vielleicht wie ich damals wehrlos und wusste, dass ich ihn mit meinem Aufsatz totbeißen könnte. Aber die Krone der Schöpfung beißt nicht einen freundlichen, netten Religionslehrer, der mit einem über die Elster auf der Fensterbank gelacht hat.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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