Wolfgang Hoor

Berühmt werden

 

Berühmt werden

Hans ärgerte sich jedes Mal, wenn seine Eltern bei Bekannten stehen blieben und ein Schwätzchen hielten, wie sie das gerne nannten. Bei diesen Gelegenheiten wurde Hans sogar manchmal gelobt, und es konnte sein, dass ihm dabei seine Mutter freundlich übers Haar strich. Aber wenn etwa von seinen guten Noten die Rede war, erzählten sie immer, was seine Lehrerin für einen guten Unterricht mache. Oder der Vater hob sich hervor, weil er nach dem Rechten schaue, und dabei brachte er auffällig seine rechte Hand ins Spiel. Dann wurde Hans rot und die Bekannten lachten. Für seinen Ruhm blieb am Ende wenig übrig.

Hans hätte für seinen Ruhm anführen können, dass er beim Zusammenstellen von Mannschaften für ein Fußball-Match nie als letzter gewählt wurde, dass er in der Klasse gerne einem Kameraden vorsagte, wenn der nicht weiterkam, und dass er nicht so schnell weinte, wenn er bei einem Kämpfchen unterlegen war. Aber das waren alles Dinge, mit denen man die Großen nicht begeistern konnte, eher im Gegenteil. Papa durfte von seinem Ruhm außerhalb der Familie nicht so viel wissen, sonst wäre seine große bewegliche Hand zum Einsatz gekommen.

Hans lag abends oft lange, nachdem das Licht ausgeknipst worden war, wach im Bett und dachte darüber nach, wie er es schaffen könnte, dass sein Ruhm einmal ihm allein gehören würde. Er müsste vielleicht weglaufen und zum Zirkus gehen und da auf einem Hochseil balancieren. Ja, das wäre eine Lösung. Er war mit seiner Tante im Zirkus gewesen und da war so ein Hochseil-Artist gewesen, ein Kind in seinem Alter, und über den gab es später einen ganz langen Bericht in der Zeitung und nach der Vorstellung sprach er mit der Tante über nichts anderes.

Aber wie sollte er wegkommen und wie lange würde es dauern, bis er auf dem Hochseil so gut wäre wie der Artist, der schon jetzt, in seinem Alter, alle Menschen verzauberte? Seine Schwester hatte es gut. Die hatte das Glück gehabt, eine Ertrinkende aus der Saar zu retten. Das war eine echte große Ruhmestat gewesen. Aber er konnte noch nicht schwimmen.

Und dann gab es Afrika-Reisende, die über ihre Abenteuer Bücher schrieben. Einer von ihnen hatte einem Löwen, der ihn verspeisen wollte, in die Augen geschaut, ganz eindringlich, und der Löwe war von dem Blick so beeindruckt, dass er Reißaus nahm. Aber wo sollte er hier einen Löwen finden, dem er furchtlos in die Augen schauen könnte? Es war nichts zu machen. Er hatte keine Chance berühmt zu werden.

Als er die Volksschule hinter sich hatte und bevor er zum Gymnasium wechseln konnte, durfte er allein auf einem kleinen Bauernhof Ferien machen. Und da begegnete ihm sein Löwe, den er besiegen musste, um berühmt zu werden. Es war ein sehr kleiner Löwe, seinem Alter und seinem Wuchs angemessen, eigentlich ein Insekt, aber unter den Insekten wiederum ein riesiges.

Er sah es zum ersten Mal an einer Scheibe in der Küche des Bauernhauses, und seine erste Reaktion war nicht gerade mutig. Er drückte sich in die hinterste Ecke des Raumes und hielt die Hand vor den Mund. Die Bäuerin sagte: „Das ist eine Hornisse!“, und sie wedelte sie mit einem Tuch aus dem halb geöffneten Fenster.

„Aber die ist so groß!“, rief Hans. „Und was meinst du, was sie für einen Giftstachel hat?“, fragte die Frau. „Wenn man sieben Hornissenstiche auf einmal kriegt, ist man mausetot.“ – „Aber dann muss man doch was gegen die Hornissen tun?“ – „Du hast recht. Man müsste wissen, wo ihr Nest ist. Dann könnte man dann ausräuchern. Jetzt im August gehören mindestens 200 Hornissen zu einem Nest.“

200 riesengroße Insekten, dachte Hans, zweihundert! Das ist ja eine ungeheure Aufgabe! Man müsste also ihre Flugwege ausmachen, ihrem Weg zu ihrem Nest folgen und sie dann ausräuchern. Und der Kampf mit den Hornissen war viel viel gefährlicher als mit den Löwen. Gerade weil sie viel kleiner waren als Löwen konnten sie ganz unbemerkt angreifen, und in der Nähe ihres Nestes wären bestimmt im Nullkommanix sieben zusammen und die würden angreifen und stechen und stechen und stechen und man würde tot vor ihrem Nest liegen bleiben, als besiegter Held. Aber er wollte lieber als lebender Held aus dem Kampf mit den Hornissen hervorgehen. Nur wie sollte das gelingen?

„Also, du passt schön wegen den Hornissen auf“, sagte die Bäuerin. „Nicht laufen, nicht schreien, still halten, wenn du einer Hornisse begegnest. Und wenn du dich zufällig ihrem Nest genähert hast, vorsichtig das Weite suchen, dann passiert dir nichts. Hast du verstanden: Vorsichtig, vorsichtig und dann weglaufen, so schnell du kannst.!“ Hans nickte gehorsam,

Im Innersten dachte Hans, dass er genau das Gegenteil tun müsse, nicht vor dem Nest weglaufen, sondern das Nest suchen, ein Nest mit 200 mörderischen Giftstacheln. Was hatte ihm das Schicksal für eine Aufgabe beschert, um ihn berühmt zu machen? Ihm zitterten die Knie, aber er würde die unvorstellbar schwierige Aufgabe annehmen. Feige darf man nicht sein, wenn man berühmt werden will.

Doch komischerweise zeigten sich Hornissen eine Woche lange nicht, nicht im Haus, nicht draußen. Wieder nichts mit einer Ruhmestat, dachte Hans. Das alte Lied: Ruhm ist nichts für Kinder. Die Welt ist sooooo ungerecht. Aber eigentlich war ihm das Unrecht auch ein bisschen recht.

Erst als was ganz Blödes passierte: Er musste und wollte nicht ins Bauernhaus zurück und schlug sich in die Büsche , wo ihn niemand sehen konnte, sah er es, das Nest, oben im Astloch eines alten Baumes, und da flogen sie die Hornissen, aus und ein, hin und her.

Plötzlich hatte er vergessen, dass es jetzt um seinen Ruhm ging. Er versuchte sich wegzustehlen, wie es ihm die Bäuerin geraten hatte, Er würde ganz vorsichtig sein, ein Schrittchen auf den Baum zugehen und dann stille halten und er würde dann Schrittchen um Schrittchen auf den Hauptweg zuschleichen, es waren ja nur ein paar Meter! Und dann nichts wie weg!

Aber er kam nicht über das erste Schrittchen hinaus Da sausten riesige Giftstachel auf ihn zu, vom Baum her und von überall her. Er musste seinen Mund zuhalten, um nicht vor Angst und Entsetzen aufzuschreien. Und so stand er eine Zeitlang wie versteinert da.

Aber irgendwann musste es ja weitergehen. Er senkte seine Arme und machte sich bereit zu laufen, so schnell er könnte, entgegen dem Rat der Bäuerin, nur weg weg weg, auch wenn er seine Hose noch nicht richtig hochgezogen hatte. Aber keins der Hornissengeschosse traf ihn. Sie behandelten ihn wie einen Ast, an dem man sich ja nicht den Kopf stoßen will, und flogen um ihn herum.

Und jetzt begann ihr Summen angenehm zu klingen, ganz tief wie Bassflöten oder so ähnlich. Er zog ganz langsam seine Hose richtig hoch und bewunderte diese Flugkünstler, die ihn einfach nicht trafen, nicht treffen wollten. Sie taten so, als sei er kein Feind, kein Kämpfer, der seinen Ruhm mit ihrem Untergang erzwingen wollte. Eigentlich war es gemein, ihn wie einen Zweig oder Busch zu behandeln, wo er doch ein Held werden wollte. Aber um ehrlich zu sein: Er war jetzt ganz gerne ein Zweig oder Busch.

Und jetzt begann er die Hornissen toll zu finden: Wie sie sich trotz ihrer Größe in der Luft wiegten, wie ihr Summen ein Konzert ergab. Als es dunkel wurde und die Hornissen in ihr Nest flogen, ging Hans ganz beglückt nach Hause. „Na, bist du den Hornissen begegnet“, fragte die Bäuerin. Er schüttelte nur den Kopf und in der Nacht träumte er davon, dass er mit ihnen Freundschaft geschlossen hätte, und in den nächsten Wochen schloss er Freundschaft mit ihnen und verriet nicht, wo ihr Nest war, so dass sie niemand ausräuchern und ermorden konnte.

Als er wieder zu Hause war, fragte ihn seine Schwester, ob er in den Ferien was Ruhmreiches geleistet hätte. Als einziger hatte er ihr seine Absichten offenbart. „Ich mag keinen Ruhm mehr“, sagte er ihr. „Dahinten habe ich jetzt Freunde, sogar unter ganz vielen Tieren. Und das ist viel besser als Ruhm.“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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