Hans Fritz

Zerstörte Freundschaft

Bodo und Emilie Allkurtner waren während 25 Jahren Inhaber des in Kennerkreisen hoch geschätzten Juweliergeschäfts «Goldgrube». Dann übernahm der Schwiegersohn Gerd Uhlenbeck das Geschäft.

Die Brogelpants, Theo und Tilde, machen einmal dies, einmal das bei jeweils höchst angespannter finanzieller Lage.

Beide Ehepaare trafen sich einst in einem Bistro auf Mallorca, verstanden sich prächtig und beschlossen Kontakt zu pflegen. Grüsse und gute Wünsche zu Weihnachten und zum Neuen Jahr. Vielleicht etwas völlig Belangloses als Zugabe. Traditionelles Hin und Her. So halten sie es seit acht Jahren. Dann endet die Korrespondenz.

Nach aufwendigem Recherchieren finden die Allkurtners die Adresse der Brogelpants heraus. Deren neues Domizil liegt wohl irgendwo am südlichen Zipfel von New York- City. Da die Allkurtners schon vor langer Zeit eine Reise in die USA geplant haben, wäre es nun an der Zeit das Vorhaben in die Tat umzusetzen und die Brogelpants mit einem Besuch zu überraschen. Und schon wird die Reise samt siebentägiger Unterkunft in New York City gebucht. An einem trüben Oktobertag landen sie, voller Erwartung kleiner und grosser Abenteuer auf dem Flughafen Newark.

Vom Hotel aus steuern sie ihren Chevrolet zur mutmasslichen Brogelpant’schen Adresse.

Drei Stunden Später erreichen sie ihr Ziel. Sie stossen auf eine grosse Party mit, grob geschätzt, mindesten 40 Personen. Wo sind nun die Brogelpants? Zwischen zwei fetzigen Musikeinlagen ruft Frau Allkurtner in die Runde: Hellow, we are looking for the Brogelpants – Allgemeines Gelächter. Ein Hüne wie aus dem Edelwestern - es fehlt nur der rauchende Colt - nähert sich dem Zaun und braucht sich nicht einmal verbal zu äussern. Eine unmissverständliche Drohgebärde lässt die Allkurtners unverrichteter Dinge zurückfahren. Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz bleibt New York das besondere Erlebnis mit all seinen Überraschungen, schönen wie weniger schönen.

Zurück in Europa versuchen die Allkurtners die Erinnerung an die Brogelpants zu verdrängen. Eines Tages erhalten sie einen Brief aus New York. Der Absender namens Brogelpant stellt in einem nicht sehr feinen Deutsch die Frage, ob ihm der Bodo in Deutschland oder sonstwo in Europa eine Arbeitsstelle vermitteln könne und sei es die eines Lagerarbeiters. Die Allkurtners antworten nicht.

Acht Monate später klingelt es spätabends an der Tür. Tilde Brogelpant bittet inständig um Hilfe für ihren Mann. Bei Früchtetee und Knabbergebäck erfleht die Frau so eindringlich den Beistand einer, wie sie sagt, hoch angesehenen Familie. Es gehe schliesslich ums blosse Überleben. Bodo Allkurtner lässt sich erweichen und antwortet: «In der Firma meines Bruders Berthold hat ein Lagerist seine Stelle gekündigt, wie es heisst aus Gesundheitsgründen. Ein Ersatz wird dringend benötigt. Ich gebe dir die Adresse und der Theo soll sich umgehend zunächst einmal schriftlich melden». Er überreicht der Bittstellerin eine Visitenkarte. Sie bedankt sich. Ohne den Abschiedsgruss der Gastgeber zu erwidern stürmt sie aus dem Haus. Bei der Allkurtner’schen Firma trifft auch nach mehreren Wochen kein Brief ein und die Leitung besetzt die inzwischen freigewordene Stelle mit einem anderen Aspiranten.

Drei Monate nach Frau Brogelpants Überraschungsbesuch erhalten die Allkurtners einen unfrankierten Brief mit dem Absender T.B. Die Brogelpants melden sich zu einem Besuch an. Frau Allkurtner empfindet das zunächst als eine unglaubliche Unverschämtheit, willigt dann aber in den Vorschlag ihres Mannes ein, gute Miene zum bösen Spiel zu zeigen und die Herrschaften zu einem kleinen nicht unbedingt feinen Imbiss einzuladen. Schliesslich einigen sie sich auf eine Nachmittagskaffeetafel.

Wenige Tage später kommt es zum angekündigten Besuch und zu einer verhängnisvollen Begegnung. Frau Vreni Tingelohn nämlich, die inzwischen hochbetagte gute Seele des Juwelierladens und Allkurtner’sche rührige Haushaltshilfe möchte gerade nach Hause gehen, als ihr zwischen Tür und Angel die Brogelpants begegnen. Sie erschrickt heftig als sie den Theo Brogelpant zu erkennen glaubt. Dieses so auffällig getragene Medaillon - Sie eilt nach draussen. «Was hat die Dame?» fragt jener Theo vor der eigentlichen Begrüssung. «Ach, sie ist manchmal etwas schreckhaft», sagt Emilie. «Das macht wohl das Alter», meint Tilde.

An der mit viel Hingabe reich bestückten Kaffeetafel vergeht die Zeit im Nu. Urlaubserlebnisse werden ausgetauscht, über Alltägliches geplaudert. Politik bleibt aussen vor. «Auf dem Weg zu euch kamen wir an einem Juwelierladen vorbei, der Goldgrube», berichtet Tilde. «Ich konnte mich kaum losreissen, doch der Theo drängte zum Weitergehen. Ein Zuspätkommen sei den Gastgebern gegenüber sehr unhöflich, meinte er».

Am späten Nachmittag verabschieden sich die Gäste und laden zum Gegenbesuch ein. Wie es sich heutzutage gehört werden Bilder auf das Smartphone gebannt. Brogelpant irritiert die Gastgeber mit der Frage, ob die Haushalthilfe heute nochmals erscheint. «Nein, sie kommt erst morgen am späten Vormittag wieder», sagt Emilie. Als sich der Besuch verabschiedet hat meint Bodo: «Ich werde das Gefühl nicht los, dass es einmal einen Vorfall gab, den die Vreni in irgendeiner Weise mit den Brogelpants verbindet».

Am folgenden Morgen spricht Frau Allkurtner ihre Haushaltshilfe auf ihr sonderbares Verhalten am Vortag an. «Ich wollte nicht stören und Ihnen die Freude über den Besuch nicht vermiesen. Ich bin mir zu neunzig Prozent sicher, dass jener elegante Herr mit dem auffällig getragenen Medaillon damals den Überfall verübt hat». «Ich schlage vor, dass Sie heute zur Polizei gehen und Ihren Verdacht äussern», sagt Frau Allkurtner. «Wenn Sie möchten begleite ich Sie. Mein Mann kann übrigens ein Bild von unseren Besuchern ausdrucken».

Ja, der Theo Brogelpant begann seine von Unglück und Missgeschick begleitete Karriere als gewiefter Juwelendieb. Der letzte Coup liegt acht Jahre zurück. Die Vreni Tingelohn hütete damals aushilfsweise die Goldgrube. Da wurde ein Kunde, der sich Brogelpant beim versuchten Griff in die Auslage in den Weg stellte durch die brutale Messerattacke des Diebs schwer verletzt. Zwei Wochen später starb er an den Folgen. Es stellte sich heraus, dass er einmal mit dem Brogelpant befreundet war. Dem gelang die Flucht auf einem Motorrad. Er wurde trotz aller Bemühungen der Kripo nie gefasst.

Nun wird aufs Neue nach dem Theo Brogelpant gefahndet. Drei Wochen nach dem Besuch der Brogelpants bei den Allkurtners findet ein Landwirt in seiner Scheune Theos Leiche. Der Mörder hat sich mit einem Kälberstrick erhängt.

Die Allkurtners sind um eine Illusion ärmer geworden. Habgier und Geltungssucht und daraus resultierendes Verbrechen können Freundschaften nachhaltig zerstören.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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"Schmetterlinge im Kopf und Bauch" ist mein holpriger lyrischer Erstversuch. Mit Sicherheit merkt man, dass es keine Lektorin gab, wie übrigens auch bei den anderen beiden Büchern nicht. Ungeordnet sind viele Gedichte, Gedankenansätze, Kurzgeschichten chaotisch vermengt veröffentlicht worden. Ich würde heute selbstkritisch sagen, ein Poet im Aufbruch. Im Selbstverlag gedruckt lagern noch einige Exemplare bei mir. Oft schau in ein wenig schmunzelnd in dieses Buch. Welche Lust am Schreiben von spontanen Gedanken ist zu spüren. Ich würde sagen, ein Chaot lässt grüßen.

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