Angelika Güth

Kinderzauber

Kinderzauber

Die Nebelschwaden um den Balkon wurden immer dichter. Selbst die Meisen ließen sich nicht blicken. Irgendwann hatte ich diesen Herbsttagen mit ihrer melancholischen Stimmung den Namen „Grautage“ gegeben, ideal zum Silberputzen. Dann putzte ich das Silber, dass meine Mutter bis zu meiner Hochzeit gesammelt hatte und dache an meinen Heimatort, der an Traditionen festhielt und dessen Bewohner mich als Kind mit ihrer religiösen Unbeugsamkeit geängstigt und krank gemacht hatten. Im Radio sang Freddy Quinn gerade eines dieser Seemannslieder und, als wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich an meine erste Schiffsreise.

5 Jahre war ich alt und sollte wegen Unterernährung nach Langeoog geschickt werden. Eine Insel im Meer, hatte man mir gesagt. Aber was war eine Insel ? Auch ein echtes Meer hatte ich noch nie gesehen, und ein Schiff auch nicht. Und ich hatte so große Angst, weg von Mama, Papa, Oma, den kleinen Katzen auf dem Heuboden . Ich fühlte mich so allein, aber man hatte entschieden

Dann, an einem wolkenschweren Tag nach einer langen Busfahrt in der Nacht war da das Meer, grau, unheimlich schwankend. Und dann war da das große Schiff, auf das man mich brachte. Auch das schwankte, nach rechts, nach links, vor und zurück und es gab keinen Platz, an dem ich richtig sitzen konnte. Als mir so übel wurde, wie ich es noch nie erlebt hatte, wurde mir ein Plastikbeutel in die Hand gedrückt und jemand hielt meinen Kopf. Ich dachte nur, „wann hört das alles auf  ?“.

Meine Großmutter hatte mir gesagt, dass mich die Seeluft gesund und stark machen würde. Ich liebte meine Großmutter; aber hier auf dem schwankenden Schiff inmitten des großen, grauen Wassers ging es mir ja jetzt viel schlechter. Und überhaupt, wenn diese Insel im Wasser schwamm, würde sie doch genau so schwanken wie das Schiff. Meine Knie zitterten, was für eine schreckliche Vorstellung. Die Angst in meinem Magen wurde immer größer. Wenn das  doch bloß endlich aufhören würde, wenn ich doch bloß etwas tun könnte, damit alles aufhört . Und dann hatte ich eine Idee. Ich könnte doch einfach versuchen, wieder einmal Zauberfee zu spielen, so, wie ich das zuhause manchmal gemacht hatte. Da hatte ich mir zum Beispiel etwas ganz fest vorgestellt, und schwupp-die-wupp, schon war es da. Mein Lieblingszauberspiel war immer das Fiebermachen gewesen, und das war wirklich ganz einfach:

Ich dachte einfach ganz fest an die Sommerhitze im letzten Jahr und schon wurde mir so heiß, dass ich Fieber hatte, und meine Großmutter backte dann Zitronenkuchen ganz für mich allein. Ob das mit dem Zauberfee-Spiel vielleicht auch hier, auf dem Schiff, gehen würde ? „Probieren geht über studieren“, sagte Großmutter immer. Also überlegte ich, wo wäre ich jetzt am aller-aller-liebsten ? Zuhause natürlich, da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Also kniff ich die Augen zu und dachte ganz fest an die schönen Dämmerstunden auf der Holztruhe in der Küche.

Und noch ein Versuch und sieh da, tatsächlich – schwupp-die-wupp……wie von Zauberhand, erschien in den Wolken die Küche mit dem glänzenden, beigebraunen Linoleumboden, der immer so gut roch. Und mitten im Meer schaukelte die Küchenlampe mit dem weißen Glasschirm, an dem immer ein Fliegenfänger hing, wegen der Fliegen vom Misthaufen auf dem Hof. Zwischen den Wellen tanzte auf einmal der schwere Holzküchentisch Polka, und auf einer riesigen Welle thronte der braune Ohrensessel meines Großvaters neben der Musiktruhe. Und ich, ich stand inmitten des grauem Meerwassers an dem alten Küchenschrank, und durch eine Tür sah ich in der Speisekammer den duftenden Schinken und die kleinen Blutwürste auf der runden Holzstange. In einer Ecke der Speisekammer blitzte das große. golden glänzende Butterfaß. Der Rosinenkuchen für Sonntag lockte, der Duft des Schinkens vermischte sich mit dem Geruch des Meeres, und auf der Holztruhe am Herd saß meine Großmutter und winkte mir zu.

Während ich inzwischen meine Suppenkellen mit dem Silberputztuch bearbeite und die immer dichter werdenden Nebelschwaden auf dem Balkon beobachte nehme ich mir vor,  wieder das Zaubern zu lernen.

 

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