Wolfgang Hoor

Fußballreporter werden

 

Fußballreporter werden

Das Radio, das im Esszimmer der großen neuen Wohnung stand, in die sie vor kurzem eingezogen waren, wurde von seinem Vater bedient, und wenn er im Haus war, gab es nur Nachrichten und klassische Musik, Das war beides nichts für Hans. Aber manchmal, wenn der Vater nicht da war und die Mutter einkaufen musste, wenn er allein zu Hause war, dann probierte er das Radio aus. Meistens fand er nichts, was ihn interessierte, und schaltete wieder ab. Sein Vater hatte vielleicht recht: Radio war nichts für Kinder.

Aber einmal, an einem Samstag, fand er etwas total Großartiges: Die Reportage eines Fußballspiels. Er kannte die Mannschaften nicht, die spielten, und verstand auch nicht, was Abseits bedeutete, aber er war hin und weg von dem Reporter, der das Spiel begleitete. O, wenn er die Stimme erhob, wenn er sie steigerte, wenn es auf einen Höhepunkt zuging, was fieberte da Hans mit. Gänsehaut bekam er dann, er sprang auf. Was für eine Enttäuschung, wenn die Stimme des Reporters plötzlich wieder abebbte, und was für ein Jubel, wenn es ein Tor gab. Dann sprang auch Hans auf und hob die Hände und klatschte wie wild. Wie gerne wäre er jetzt mit anderen zusammen gewesen und hätte mit ihnen zusammen gejubelt.

Seit dieser Zeit wusste Hans, dass er von Beruf Fußballreporter werden wollte. Wenn er jetzt allein durch die Straßen ging, stellte er sich vor, er müsse im Radio ein Spiel zwischen Deutschland und Frankreich kommentieren und er sei der Reporter. Er sprach laut seine Reportage. „Und Juskowiak bekommt an der rechten Seitenlinie den Ball, er schaut sich um, kein Spieler seiner Mannschaft ist frei, und jetzt entscheidet er sich zu spurten, jetzt spurtet er los, jetzt ist er an der Mittellinie, jetzt erst sehen die Franzosen, die Gefahr. Und Juskowiak ist schnell, er zieht von recht auf das Tor zu, noch dreißig Meter, ein Franzose ist hinter ihm her, wird er ihn foulen? Aber Juskowiak lässt es nicht sdazu kommen, er schießt, und – Tor, Tor, Tor, Tor für Deutschland- Der Ball ist wie eine Bombe ins obere linke Eck eingeschlagen. Tor Tor Tor.“

Manchmal starrten ihn Passanten an, als wäre er verrückt. Aber er musste das Reportage-Sprechen doch üben. Manchmal, wenn er mit seinen Eltern spazieren ging, lief er weit voraus, um wenigstens flüsternd Reporter zu üben. Einmal hatte sein Vater einen Verdacht. „Was ist denn mit dir? Was quatschst du vor dich hin?“ Er behauptete, er sage ein Gedicht auf, das er für die Schule aufhabe. Der Vater sah ihn sehr skeptisch an, ahnte, worum es wirklich gegangen war und wiederholte dann, was er immer schon gesagt hatte und immer sagen würde und was bei diesem Bengel einfach nicht in den Kopf wollte: „Fußball ist ein proletarisches und grobes Spiel, merk dir das. Fußball hat in unserer Familie nichts zu suchen, weder in Gedanken, Worten und Werken.“ Und Hans musste nicken, um den aufkommenden Zorn des Vaters zu besänftigen.

Einem der Jungen, die über ihnen wohnte, dem Lutz, hatte Hans erzählt, was ihn quälte. Der riet ihm: „Du musst ein richtiges Fußballspiel sehen und kommentieren, erst dann merkst du, ob du dich als Reporter eignest. So ein Spiel ist nämlich an vielen Stellen langweilig, und dem Zuhörer darf es bei deiner Reportage trotzdem nicht langweilig werden.“ – „Und wie soll ich in ein Stadion reinkommen, um ein Spiel zu sehen, wenn Papa strikt dagegen ist?“ – „Das Stadion, in dem der FC spielt, liegt unterhalb eines Hügels. Auf dem Hügel kann man das Spiel sehen, ohne zu bezahlen.“ – „Und mein Papa?“ – „Dein Papa macht doch sonntags eine Mittagspause. In dieser Zeit spielt der FC.“

O, das war ein gefährlicher Ratschlag. Sein Papa war unberechenbar. Manchmal legte er sich am Sonntagnachmittag zu Mama aufs Bett, manchmal tat er das nicht, las an seinem Schreibtisch oder ging gar ein bisschen spazieren, und Hans gehörte in dieser Zeit in die Sonntagsandacht in der Kirche. „Du kannst ja so tun, als wärst du in der Andacht gewesen“m empfahl ihm Lutz. „Du schaust auf die Uhr, und wenn die Andacht zu Ende geht, gehst du nach Hause.“ Hans wiegte den Kopf. Das hörte sich toll an, aber es war doch gelogen, eine dicke fette Sünde, vielleicht eine Todsünde. Aber davon verstand der Lutz leider nichts. Der war ja evangelisch. Also was machen?

Hans ging sonntags brav in seine Andacht. Dann kam ihn eines Sonntags der Lutz abholen. „Ich gehe jetzt auf den Hügel über dem Stadion“, sagte er, als er merkte, dass niemand in der Nähe war. „Wie ist es? Kommst du mit?“ – „Dann muss ich aber meinen Schwestern Bescheid sagen. Die gehen auch in die Andacht.“ – „Sag einfach, du gehst mit einem Schulfreund“, schlug ihm der Lutz vor. Die Schwestern fassten keinen Verdacht. Und so sah Hans sein erstes Fußballspiel. Natürlich musste er auf dem Hügel ganz leise das Geschehen kommentieren, und da er die Namen der meisten Spieler nicht kannte, wurden für ihn alle erfolgreichen Torschützen zu Juskowiak. Es gab drei Tore und Hans jubelte, als habe er sie selbst geschossen.

Aber dann, o weh, musste die Andacht längst aus sein. Er verabschiedete sich von Lutz und raste zur Kirche. Aber die Kirche war leer, von seinen Schwestern war weit und breit nichts zu sehen. Also weiter, weiter weiter, vielleicht würde er die beiden Schwestern ja noch erwischen, bevor sie nach Hause kämen.

Und er erwischte sie auch noch. Aber an ihrer Seite befand sich sein Vater, der heute ausnahmsweise mit in die Andacht gekommen war, und so erwischte nicht er die Schwestern, sondern sein Vater erwischte ihn. Er sagte kein Wort, er gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er neben ihnen her nach Hause zu gehen habe, und seine Schwestern räusperten sich und ihre Blicke sagten: Das wird gleich ein Tanz, Brüderchen. Hans suchte nach der Hand des Vaters, aber der gab sie ihm nicht, und sein Hintern begann zu kribbeln, dass es kaum auszuhalten war.

Als sie nach Hause kamen gab es noch eine Überraschung: Die Lieblingstante von Hans war zu Besuch gekommen, und die Lieblingstante nahm den Hans gleich in ihre Arme und setzte ihn auf ihren Schoß und erzählte, dass es im Radio gekommen sei und dass der FC jetzt im Endspiel stehe. Die Lieblingstante hatte wie immer die Lippen und die Fingernägel rot geschminkt, was der Papa von Hans überhaupt nicht leiden konnte, aber er fürchtete sich vor der spöttischen Art der Schwägerin und behielt sein Urteil für sich.

Die Mutter von Hans erschien ebenfalls, bot Kaffee und Kuchen an. Der Papa von Hans, der immer den Kopf über die Schwägerin schüttelte, wenn sie nicht da war, kam, wenn sie da war, nach kurzer Zeit in Stimmung, und man stritt und lachte und erzählte Witze und der Hans blieb auf dem Schoß der Lieblingstante sitzen, und so konnte er nicht in die Hände seines Vaters fallen.

Irgendwann im Gespräch sagte der Papa von Hans, dass die Tante einen großen Sünder auf ihrem Schoß sitzen habe, der die Andacht geschwänzt und auf dem Fußballplatz gewesen sei. „Wie“, sagte die Tante, „erzähl doch, erzähl!“ Und da erzählte Hans vom dritten Tor, das Juskowiak geschossen hätte, und er sprach die Reportage, die er auf der Straße geübt hatte. – „Du Schwindler“, sagte die Tante, „ein Juskowiak hat doch gar nicht mitgespielt. Aber deine Reportage ist hinreißend.“ Und es gab für die Schwindelei auch och einen Kuss und da konnte der Papa von Hans ja jetzt nicht mehr mit einer Tracht Prügel ankommen.

Später musste Hans dem Papa versprechen, dass er sowas nie mehr machen würde, und weil Hans wusste, dass seine Sünde wirklich riesig war, versprach er es. Und da lächelte der Vater und sagte: „Hast du ein Glück, dass du so eine verrückte Tante hast. Nachdem sie dich so gelobt hat, kann ich dir ja nicht mehr den Hintern versohlen. Aber nochmal darfst du sowas nicht machen.“

Und weil er so gnädig davongekommen war, versprach er dem lieben Gott an diesem Abend, dass er doch kein Fußballreporter werden wolle, denn da müsste er ja immer die Andacht ausfallen lassen und immer lügen, und das wolle er nicht. Aber das Fußballspielen mit anderen Jungen, bei denen immer auch der Lutz war, das ließ er sich nicht verbieten, nicht von seinem Papa und nicht vom lieben Gott.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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