Pei Xu

Lachanfall in Venedig

Kong Hong brachte eine Zugfahrt von 7:54 - 21:57 Uhr hinter sich, um Venedig zu erreichen. Im Sommer 2001 kostete die Fahrkarte mit Bahncard 226.40 DM.

Beim achten Besuch ihrer Traumstadt bewohnte Hong eine Dachkammer mit Blick auf den Turm von San Marco. Boote verschiedener Art hörte sie im Bett klar und deutlich, aber sie konnte trotzdem schön schlafen, sogar bei offenen Fenstern. Auch die Kirchenglocken konnten sie nicht aufwecken. Erst gegen 10 Uhr wachte sie auf, als es donnerte. Der Himmel war bedeckt. Sie nahm ein paar Kirschen, Aprikosen und Pflaumen zum Frühstück, dann entschied sie sich für einen Spaziergang. 

Hong hatte Venedig durch einen Traummann im Sommer 1994 kennengelernt. Seitdem war Venedig ihr Fluchtort geworden. Durch die Aufenthalte konnte sie schon Italienisch mit den Einheimischen sprechen. Sie verstand mehr als sie zugab, um interessierte Männer zu vermeiden. Sie wünschte sich, Ruhe in der Stadt der 56 Kirchen zu finden. 

Was ihr bei jedem Spaziergang in Venedig auffiel, waren Flüchtlinge aus Rotchina und Afrika. Als Straßenhändler zeigten sie sich nicht nur auf den venezianischen Straßen und Plätzen, sondern auch am Strand. Mit italienischen Polizisten spielten sie Katz und Maus. 

Von Weitem schon konnte Hong einige ihr bekannte Chinesen und Schwarze identifizieren, die bereits zum Straßenbild in Venedig gehörten. Mit ihren blondierten Haaren sahen sie lustig aus. Von einer Chinesin erfuhr Hong, dass es um eine Werbeaktion ging und jeder Teilnehmer damit 120 DM verdiente. Während des Gesprächs mit der einstigen Arbeiterin eines Staatsbetriebs in Nordostchina fiel Hong ein, dass Peking gerade in Moskau die Austragungsrechte für die Olympischen Spiele 2008 erhielt.  

Lange saß Hong auf der Brücke hinter den Straßenhändlern. Schließlich musste sie lachen. Eigentlich wollte sie die kommunistischen Verbrechen in China vergessen, aber selbst in Venedig musste sie sich damit auseinandersetzen.

 

 

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