Karl Wiener

Anemone

     Nele wohnte in einem kleinen Haus in der Nähe des Waldes und war schon ein großes Mädchen, fast 11 Jahre alt. 11, das ist eine Zahl, die du nicht mehr an deinen Fingern abzählen kannst, denn du hast nur 10 Finger. 11 ist eins mehr als die Zahl deiner Finger. Sie war also schon ganz schön groß, aber noch lange nicht groß genug, um alles zu wissen, was der Mensch wissen muß. Sonntags oder an Sommerabenden nach der Arbeit gingen Vater und Mutter gern mit Nele im Wald spazieren. Unter der Woche, nach Erledigung der Hausaufgaben, wagte sie sich, gemeinsam mit ihren Freundinnen, hin und wieder auch ohne die Eltern in den Wald. Die Mädchen drangen nicht tief in das Dickicht vor, aber auch am Waldesrand gab es viel zu entdecken. Im Sommer waren es Walderdbeeren, Heidelbeeren und Himbeeren, die sie lockten, im Herbst bunte Blätter, Eicheln und Kastanien, aus denen man allerhand schöne Dinge basteln konnte.

     Eines Tages, im späten Frühling, bemerkte Nele einen ganzen Teppich kleiner weißer Blüten zwischen dem Grün im Unterholz. Sie wußte noch nicht, daß es Buschwindröschen waren, die um diese Jahreszeit blühen, vielen Insekten Nahrung und vielen Krabbeltieren Unterschlupf bieten. Sie fand sie nur einfach schön und dachte bei sich, solch eine schöne Blume will ich für mich haben. Sie eilte nach Hause, um eine kleine Schaufel zu holen. Zurückgekehrt wollte sie eine der Pflanzen ausgraben. Dabei ging sie vorsichtig zu Werke, um  den schönen Blütenteppich nicht zu zerstören. Doch so sehr sie sich auch mühte, die Blumen klammerten sich unter der Erde mit ihren Wurzeln aneinander als wollten sie keine ihrer Schwestern verlieren. So zerstörte sie viele der zarten Blüten, ehe sie eine von ihnen aus dem Wurzelgeflecht lösen konnte. Mit dieser lief sie freudig nach Hause, um sie in einen Blumentopf zu pflanzen und diesen dann aufs  Fensterbrett zu stellen.

     Am Abend kam der Vater von Arbeit nach Hause. Als er den Blumentopf auf dem Fensterbrett bemerkte, war er gar nicht erfreut. Er rief Nele zu sich und fragte sie, wie denn der Blumentopf auf das Fensterbrett gekommen sei. Dann erzählte er ihr, daß die Blume Buschwindröschen genannt werde, daß sie aber auch einen sehr schönen Namen habe, sie heiße Anemone. Weiter erzählte ihr der Vater, daß Buschwindröschen die Gemeinschaft ihrer Schwestern brauchten und den Schatten der Bäume im Wald. Allein und in der prallen Sonne auf dem Fensterbrett könnten sie nicht gedeihen. Da Nele aber nun wußte, daß ihre Blume auf den schönen Namen Anemone hörte, war sie doppelt stolz auf ihren Schatz und wollte sich unter keinen Umständen von ihm trennen. Sie gab Anemone noch etwas Wasser zu trinken und machte sich dann fertig für die Nacht.

     Als Nele am nächsten Morgen erwachte sprang sie aus dem Bett und wollte sogleich ihre Blume bewundern. Aber ohweh – obgleich Nele ihr am Abend noch etwas Wasser zu trinken gegeben hatte, damit sie über Nacht nicht verdurste, hing Anemones Kopf traurig über den Rand des Blumentopfes. Der Vater hatte wohl recht. Getrennt von ihren Schwestern im Wald fühlte sich die kleine Blume recht einsam. Schweren Herzens trennte sich Nele von ihrer Anemone, die sie doch so gern für sich allein gehabt hätte. Sie nahm den Topf und die Schaufel und brachte die Blume zurück in den Wald zu ihren Schwestern, wo sie sie sorgfältig eingrub. Sie hoffte, daß sich Anemone erholen würde und sah in den nächsten Tagen immer wieder nach ihr. Doch der Blume fehlte die Kraft, sich aufzurichten. Sie welkte vor sich hin und verdorrte schließlich ganz. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis uns die Buschwindröschen wieder freundlich zulächeln konnten. So lange brauchten sie, um die Lücke zu schließen, die Nele in den Blütenteppich gegraben hatte.       

 

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