Angie Pfeiffer

Drache Eid und das Geistermädchen

Vor langer Zeit lebten Drachen und Geisterwesen in Frieden miteinander. Eines Tages beschlossen sie, einen magischen Kristall der Macht zu erschaffen. Die Drachen schmiedeten ihn in ihrem glühend heißen Feuer und die Geister erfüllten den Kristall mit dem verzauberten Silberlicht des Mondes. Sie brachten ihn auf den höchsten Berg ihres Landes. Weil der Kristall viel Schaden anrichten konnte, wenn er in die falschen Hände geriet, wurde durch einen Zauber festgelegt, dass nur ein Drachen und ein Geisterwesen zusammen ihn entfernen konnten. Doch das war nur alle fünfhundert Jahre möglich, weil dann die Sterne genau richtig standen. So befand sich der magische Kristall der Macht viele Jahre auf dem Berg und erleuchtete die Nacht mit seinem sanften Schimmer. Aber einmal im Jahr, zur Sommersonnenwende, strahlte der Kristall ganz besonders hell. Dann veranstalteten die Drachen zusammen mit den Geisterwesen ein großes Fest. Sie versammelten sich auf einem Plateau des hohen Berges, dort, wo der Kristall weithin leuchtete und tanzen die ganze Nacht hindurch miteinander.
Viele Jahre vergingen in Frieden und Eintracht, bis ein Zauberer von der riesengroßen Macht erfuhr, die der Kristall verleihen konnte. Weil er ein Geisterwesen war, überredete er einen Drachen den Kristall zusammen mit ihm zu stehlen, denn es waren gerade fünfhundert Jahre vergangen. In der Nacht des großen Festes schlichen sich die beiden auf den Felsen, um den Kristall in ihre Gewalt zu bringen. Aber ihr Plan misslang. Sie wurden entdeckt, der Kristall war gerettet. Als Strafe verurteilten Drachen und Geisterwesen den Zauberer dazu, sein Dasein als Schattenmann zu fristen. Aus dem untreuen Drachen wurde sein Diener, der schwarze Drache. Beide wurden dazu verdammt, für immer in der Dunkelheit zu leben. Doch bevor die Nacht sie verschlang, belegte der Schattenmann den Berg mit einem bösen Fluch. Niemals wieder sollten sich Drachen und Geisterwesen hier begegnen. Auch säte er Zwietracht, sodass sich Geister und Drachen misstrauten und nichts mehr miteinander zu tun haben wollten ...

 

Edi war so wütend, dass er Funken sprühte! Wieder einmal hatten seine Eltern ihm verboten, am großen Fest auf dem Drachenberg teilzunehmen. Jedes Jahr war es das Gleiche. Immer meinten sie, dass er zu jung dazu wäre. „Aber ich bin doch schon vierundfünfzig“, hatte er gesagt. „Wie lange soll ich denn noch warten?“
„Du bist immer noch ein Drachenkind, Edi“, hatte die Mutter geantwortet. „Wenn du schnell wächst, dann können wir in zwanzig Jahren darüber reden, dass du uns zum Fest begleitest. Aber vorerst bleibst du zu Hause. Oma Elfride passt auf dich auf, wie immer.“ Edi hatte mit dem Fuß aufgestampft. „Das ist so unfair! Oma will immer nur, dass ich leise bin. Nicht einmal Zielfeuerspucken darf ich, wenn sie hier ist. Und früh schlafen gehen muss ich dann auch.“
Der Vater hatte bisher geschwiegen, jetzt schaltete er sich ein. „Sohn“, grollte er. „Widersprich deiner Mutter nicht. Du bist zu jung für den Drachenberg und damit basta. Es tut dir gut, früh schlafen zu gehen. Dann wächst du nämlich schneller“, fügte er milde hinzu und tätschelte Edi den Kopf. Da wusste Edi genau, dass es zwecklos war, weiter zu bitten. Auch in diesem Jahr würde das große Drachenfest ohne ihn stattfinden.

 

„So nicht“, grummelte Edi vor sich hin, warf einen großen Stein in die Luft und versuchte ihn mit einem Feuerstrahl aus seinem Mund zu treffen. Auch das gelang ihm heute nicht, was kein Wunder war. „Knapp vorbei“, sagte eine quietschige Stimme hinter ihm. Edi drehte sich verblüfft um, doch er sah niemanden.„Ich stehe genau hinter dir“, quietschte es vergnügt. Beim genauen hinschaute sah der kleine Drache einen zarten Nebelschleier, der sich vor ihm hin und her bewegte. Er hob vorsichtig die Pfote und versuchte den Nebel mit einem Finger anzustupsen. Schnell zog er ihn zurück, denn es quiekte wieder, dieses Mal mit einem Kichern. „Nicht piken, das mag ich nicht. Ich bin nämlich kitzelig am Bauch.“ Edi ließ die Pfote sinken. „Wer bist du denn? Und überhaupt, warum bist du so nebelig?“, fragte er verwundert. „Ich bin ein Geist“, wisperte es aus dem Nebel. „Jetzt, bei Tag bin ich so gut wie unsichtbar, aber sobald es Nacht wird, kannst du mich prima sehen. Dann habe ich auch alle meine Kräfte. Ich bin nämlich sehr groß und mächtig, und ich habe niemals Angst. Also sein vorsichtig mit dem Anstupsen, du oller Drachen.“ Edi überlegte. Dies war also eines der Geistwesen, über die es hieß, dass sie böse und gemein wären.
„Hüte dich, mein liebes Kind. Diese Geschöpfe haben nichts Gutes im Sinn. Ehe du dich versiehst tun sie dir etwas an. Also gehe ihnen besser aus dem Weg“, hatte Oma Elfriede erst letztens mit Grabesstimme gesagt. Allerdings fand Edi, dass dieser Nebel nicht besonders bedrohlich aussah und auch nicht so klang. Probehalber hob er die Pfote, aber der Nebel wich ihm geschickt aus. „Ob du besonders groß und mächtig bist, weiß ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass du böse bist, obwohl meine Oma gesagt hat, dass alle Geisterwesen gemein sind.“ Der Nebel waberte empört. „Von wegen. Alle Drachen sind böse und gemein. Das weiß doch jedes Kind. Man kann ihnen nicht trauen“, hier stockte der Geist.
„Aber ich finde du siehst lustig aus und kein bisschen fies“, fügte er hinzu.
„Lustig?“, fragte Edi ein bisschen beleidigt, denn so wollte er eigentlich nicht aussehen. Eher groß und mächtig. Wie ein erwachsener Drache. „Sieh dich nur vor. Wenn du mir etwas tun willst, dann denk daran, dass ich mich gut wehren kann.“  Zur Bestätigung spie Edi einen Feuerstrahl. „Aber wenn du mir nichts tust, dann tue ich dir auch nichts“, fügte er hinzu. Vielleicht war das Geisterwesen tatsächlich gefährlich, da wollte er es lieber nicht ärgern. „Ich bin ganz friedlich, außer du kitzelst mich“, wisperte der Geist mit seiner Quietschstimme. Das stimmte Edi versöhnlich. „Wie alt bist du?“, fragte er neugierig. „Ich bin schon dreiundfünfzig Jahre alt“, sagte der Geist, und das hörte sich ziemlich stolz an. „Pah, ich bin älter“, stellte der kleine Drache fest. „Also kannst du gar nicht größer sein als ich.“ Dieses Mal klang der Geist etwas kleinlaut. „Bin ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Ich bin vielleicht sogar ein ganz klein wenig kleiner als du, aber das siehst du erst, wenn die Sonne untergegangen ist.“
„Wieso bist du überhaupt am Tag unterwegs?“, erkundigte Edi sich neugierig. „Ich dacht, dass ihr Geisterwesen am Tag schlaft und erst am Abend munter werdet. Jedenfalls hat das meine Oma Elfriede gesagt.“
„Deine Oma hat recht. Eigentlich müsste ich schon längst schlafen. Ich bin auch hundemüde. Aber ich will unbedingt zum Blocksberg. Dort wird in drei Nächten ein großes Fest abgehalten. Geisterwesen von überall her treffen sich dort und feiern. Auch meine Eltern. Sie haben mir in diesem Jahr schon wieder verboten mitzukommen. Sie haben gesagt, ich wäre noch ein Kind und soll wenigstens zwanzig Jahre warten. Dabei bin ich schon lange alt genug.“ Der Geisternebel hatte sich während des Erzählens auf einen großen Stein gesetzt. Das sah komisch aus. Wie eine große Schäfchenwolke, die auf einem Stein lag. Edi spitzte die Ohren, denn dem kleinen Geist schien es nicht anders ergangen zu sein als ihm. „Na ja, da bin ich einfach abgehauen und habe mich auf eigene Faust auf den Weg zum Blocksberg gemacht. Weißt du, ob es noch weit ist?“ Edi zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung wo der Blocksberg ist und ob er noch weit weg ist. Aber ich kann dich gut verstehen. Ich wollte so gern mit meinen Eltern zum Drachenberg. Dort wird nämlich in drei Nächten auch ein Fest gefeiert, zu dem alle Drachen von nah und fern kommen. Aber auch meine Eltern haben gesagt, dass ich dazu zu jung bin. Wo ich doch sogar ein Jahr älter bin als du!“, stellte Edi entrüstet fest. Der Geisternebel erhob sich. „Warum machst du es nicht wie ich und schleichst dich heimlich weg? Wir können ein Stück gemeinsam gehen, denn der Blocksberg und der Drachenberg liegen nicht weit voneinander entfernt. Das habe ich gehört, als meine Eltern einmal darüber geredet haben. Sie dachten ich schlafe schon, aber ich habe gut aufgepasst. Zusammen finden wir bestimmt den Weg besser. Du zum Drachenberg und ich zum Blocksberg.“
„Das ist eine gute Idee“, stimmte Edi zu. „Aber wenn ich jetzt sofort verschwinde, dann merken meine Eltern das ganz schnell und würden mich sofort suchen. Ich kann mich erst davonstehlen, wenn sie schlafen. Wenn du so lange wartest, dann begleite ich dich gern.“ Der Geist klatschte in die Hände, jedenfalls hörte sich das so an. „Ich bin sehr müde und wollte mir sowieso einen gemütlichen Schlafplatz suchen. Das mache ich jetzt auch. Wir treffen uns heute Abend wieder. Ich heiße übrigens Alf. Du musst ganz bestimmt keine Angst vor mir haben. Ich mag dich und deshalb verschone ich dich, obwohl ich enorme Zauberkräfte habe.“
„Ich bin Edi und habe überhaupt keine Angst vor dir. Schließlich bin ich ein mutiger Drache, der vor gar nichts Angst hat.“ Der kleine Drache wandte sich um. „Ich will mal lieber zurück zu unserer Höhle, bevor sie mich vermissen. Bis heute Abend. Ich komme bestimmt.“
„Bis nachher. Ich freue mich, dass ich einen Weggefährten gefunden habe, auch wenn es ein Drache ist. Aber jetzt muss ich schlafen“, gähnte Alf.

„Hallo, bist du hier?“, rief Edi leise und sah sich suchend um. Es war zwar Nacht, doch erhellten der Mond und die funkelnden Sterne die Umgebung, sodass er gut sehen konnte.
„Ich bin schon hier, hinter dir.“
Dieser Geist schien die Angewohnheit zu haben sich immer von hinten anzuschleichen. Edi drehte sich um. „Aber ... aber ... du bist ja ein Mädchen“, stotterte er.
„Wieso nicht“, kicherte Alf. „Hast du etwas dagegen? Schließlich bist du von oben bis unten ganz grün. Das ist merkwürdiger, als ein Mädchen zu sein.“
„Nein ... ich meine ... ja ... na ja.“ Edi schaut noch einmal genauer hin. Vor ihm stand ein kleines Mädchen mit langen, goldenen Haaren und großen, himmelblauen Augen. Es hatte ein unförmiges, silbrig schimmerndes Ding an, das ihn an einen Sack mit Ärmeln erinnerte und das Mädchen ganz einhüllte. Nur die zierlichen Hände guckten heraus. Ob dieses kleine Geisterwesen überhaupt Füße hatte? Es schien irgendwie zu schweben.„Ich habe nur nicht damit gerechnet. Überhaupt bist du nicht besonders groß für dein Alter. Jedenfalls bin ich viel größer als du. Bist du wirklich dreiundfünfzig Jahre alt? Und wieso heißt du Alf, ist das nicht ein Jungenname?“ Das Geistermädchen legte den Kopf schief und schaute ihn einen Augenblick lang an. „Das Beste wird sein, wenn wir uns schon mal auf den Weg machen. Wir müssen immer dem hellen Stern dort oben folgen, dann kommen wir zum Blocksberg und wahrscheinlich auch zum Drachenberg. Ich bin etwas von Weg abgekommen, weil ich auch tagsüber weitergegangen bin. Das habe ich gemacht, damit meine Eltern mich nicht doch noch finden. Dann ist es nämlich für die nächsten fünfzig Jahre aus mit dem Fest auf dem Blocksberg. Ach was, dann kriege ich bestimmt fünfzig Jahre Stubenarrest. Deshalb muss ich ihnen beweisen, dass ich alt genug bin, um allein zum Blocksberg finde.“ Hier schwieg das Mädchen. Wahrscheinlich war ihm beim Reden die Puste ausgegangen.  „Du quasselst ziemlich viel, was“, merkte Edi an, während er neben dem Geistermädchen her trabte.  „Das sagen meine Eltern auch. Dabei stimmt das gar nicht. Ich muss nur immer so viel erklären. Apropos erklären. Ich bin eigentlich dreiundfünfzig dreiviertel. Also fast vierundfünfzig Jahre alt, genau wie du. Eigentlich heiße ich auch nicht Alf. Das ist eine Abkürzung für Alfinella. Du musst zugeben, dass dies ein ziemlich langer Name ist und überhaupt nicht zu mir passt. Deshalb möchte ich, dass mich jeder Alf nennt. Also hüte dich davor, mich Alfinella zu nennen. Das mag ich gar nicht und werde dann schrecklich böse und ich habe enorme Zauberkräfte …“ Alf erzählte noch dies und das, während die beiden dem hellen Stern folgten.

Alf und Edi gingen die ganze Nacht, und Edi hörte geduldig zu. Als der Morgen graute machte es ihm weder etwas aus, dass Alf ein Mädchen war, noch dass sie so viel redete und eine ziemlich quiekige Stimme hatte. „Was meinst du? Sollen wir noch weitergehen? Es dämmert schon. Bald können wir den hellen Stern nicht mehr sehen“, fragte er schließlich. Aber eigentlich war er müde und hätte gern ein wenig geschlafen. „Stimmt. Es ist besser heute Abend weiterzugehen, sonst verlaufen wir uns noch und finden den Blocksberg nie“, nickte das Geistermädchen. „Wir sollten uns einen Schlafplatz suchen. Bestimmt sind wir weit genug weg. Auch deine Eltern finden uns nicht mehr.“ So legten sich die beiden in das weiche Moos unter einen Baum. Als Edi vor dem Einschlafen noch einmal blinzelte, merkte er, dass das Gespenstermädchen sich wieder in eine zarte Nebelwolke verwandelt hatte, die sich dicht an ihn kuschelte.

Er wachte erst auf, als die Sonne schon tief stand. Die Nebelwolke neben ihm reckte sich. Alf wurde also auch gerade wach. „Es wird Zeit, dass die Sonne endlich untergeht, ich habe nämlich einen Riesenhunger“, nuschelte sie noch ganz verschlafen. „Was hat dein Hunger mit der Sonne zu tun?“, fragte Edi neugierig. Alf kicherte. „Das weißt du natürlich nicht. Wir Geisterwesen ernähren uns von Mondstrahlen. Wenn der Mond schön voll und rund am Himmel steht, kriegen wir einen prima Silberschimmer, weil wir dann ganz satt werden. Sag mal, was esst ihr Drachen eigentlich so?“
„Wir essen nicht so oft und schon gar keine Mondstrahlen. In unserer Wohnung gibt es einen kleinen Vulkan. Der spuckt öfter mal Lava aus, die schmeckt super lecker. Letztens war der Vulkan sehr aktiv, da habe ich mich so richtig satt gegessen. Erst dachte ich, mir platzt der Bauch. Aber nachdem ich mich hingelegt hatte, ging es wieder. Das reicht für die nächsten Wochen aus.“
„Cool. Vielleicht sollte ich das auch einmal probieren. Aber ich glaube, dass Lava mir ziemlich schwer im Magen liegen würde“, sagte Alf vergnügt. Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Alf, die wieder wie ein Mädchen aussah, stand im Mondlicht, das sie sanft umflutete. Sie breitete die Arme aus. „Das tut gut“, sagte sie überschwänglich. „Dann wollen wir mal weiter. Immer dem Stern nach.“
Die beiden machten sich auf den Weg, wobei Alf im Mondlicht hin- und her hopste und dabei ununterbrochen redete, während Edi neben ihr her trottete.

 

Schließlich, als die Nacht fast vorbei war, sahen sie in einiger Entfernung einen hohen Berg aufragen. „Der Blocksberg“, quiekte Alf begeistert. „Der Drachenberg“, brummte Edi andächtig.
„Quatsch! Schau genau hin. Der Berg ist oben ganz flach, dort ist der Gespenstertanzplatz. Es ist der Blocksberg“, erklärte Alf energisch.
„Eben, er ist oben ganz flach, bloß in der Mitte ist ein großer Felsbrocken. Um ihn versammeln sich die Drachen. Es ist nämlich der Drachenberg“, sagte Edi bestimmt.
„Blocksberg, Drachendummkopf!“
„Drachenberg, du ... du ... Quiekgespenst!“ „Quatsch! Blocksberg!“
„Blödsinn! Drachenberg!“
So zankten sich die Zwei bis die Sonne aufgegangen und Alf wieder eine Nebelwolke war. „Was nun?“, fragte sie schließlich ratlos. „Einen anderen Berg gibt es hier nicht. Aber ich habe noch nie gehört, dass Gespenster und Drachen zusammen feiern, das hätten meine Eltern doch erzählt. Sie haben nur gesagt, dass der Blocksberg und der Drachenberg nah beieinander liegen.“ Edi schüttelte den Kopf. „Dass Gespenster auf dem Drachenberg sind, wenn gefeiert wird, habe ich auch noch nie gehört. Wenn du dich da nicht vertan hast.“ Der Alf-Nebel waberte empört. „Ganz bestimmt nicht!“ Edi berührte den Nebel sacht mit dem Finger. „Weißt du was? Wir schleichen einfach hin, sobald es dunkel geworden ist. Dann werden wir ja sehen, was passiert und wer von uns Recht hat. Jetzt bin ich müde und du bist es bestimmt auch. Wir legen uns einfach unter diesen Baum und schlafen eine Runde.“ Er wies auf einen Baum mit einer weit ausladenden Krone und einem weichen Moospolster zwischen den Wurzeln. Alf antwortete mit einem Gähnen und ließ sich unter dem Baum nieder. Edi machte es sich neben ihr bequem. Bald schliefen beide tief und fest.

Edi erwachte als der Mond bereits am Himmel stand. Das Geistermädchen schien auch gerade aufzuwachen, denn es reckte und streckte sich. Dann sprang es unternehmungslustig auf die Beine. „Los, olle Schlafmütze! Jetzt wird gefeiert. Auf zum Blocksberg!“
„Drachenberg“, brummte Edi, aber vorsichtshalber sehr leise. Er wollte sich nicht schon wieder mit Alf streiten. Sie schien ihn tatsächlich nicht gehört zu haben, denn sie strahlte ihm mit einem Silberlächeln an und nahm ihn bei der Hand. „Egal was für ein Fest dort oben gefeiert wird, wir werden Spaß haben“, stellte sie fest. Bald standen die Zwei Hand in Hand am Fuß des Berges. Alf legte den Kopf in den Nacken. „Ganz schön hoch, was“, sagte sie ehrfürchtig. „Stimmt. Aber in Ausnahmefällen können wir Drachen fliegen“, erklärte Edi. „Das machen wir nicht oft, denn es strengt uns ganz schön an und wir kriegen einen Riesenhunger davon. Wenn du willst, kann ich dich huckepack nehmen und wir fliegen hinauf. Dich halbe Portion kann ich leicht tragen.“ Alf lächelte. „Das ist nett von dir, aber ich kann neben dir her schweben. Das können wir Geister nämlich ganz gut. Es ist zwar anstrengend, aber das kriege ich im hellen Mondschein schon hin.“ Schon hob sie ab. Edi beeilte sich, um ihr zu folgen. Mit einem eleganten Schlenker landete Alf schließlich auf der flachen Kuppe des Berges. Edi wollte es ihr nachmachen, plumpste aber mit einem lauten Platsch auf den Hosenboden. Die beiden schauten sich erwartungsvoll um, doch sie waren mutterseelenallein auf dem Berg. Weder Drachen noch Geisterwesen waren zu sehen.„Was machen wir jetzt?“, fragte Edi ratlos.
„Wir warten. Vielleicht ist es noch zu früh“, überlegte Alf. Sie ging einmal rund um den großen Felsbrocken, der mitten auf dem Platz lag. Edi schloss sich ihr an, stupste ihr mit dem Finger sacht in den Rücken.
„Lass das! Du weißt doch, dass ich total kitzelig bin“, quiekte Alf begeistert und lief schneller. Edi folgte ihr. Die beiden rannten immer schneller um den Felsen. Schließlich ließ sich Alf auf den Boden fallen. „Ich kann nicht mehr“, japste sie. Edi setzte sich neben sie und lehnte den Rücken gegen den Felsen. Plötzlich hörte er ein seltsames Geräusch. „Pst.“ Edi legte den Finger an die Lippen und schaute das Geistermädchen verschwörerisch an. Wirklich, auch Alf hörte jetzt ein Schlurfen und Katzen, ein Scharren und Murren. Vorsichtig lugten sie um den Steinbrocken. Sie sahen eine düster dunkle und schrecklich dürre Gestalt, die sich am Rand der Kuppe hochgearbeitet hatte und sich jetzt aufrichtete. Ihr folgte ein dicker Drachen, der, im Gegensatz zu Edi und allen anderen Drachen nicht grün, sondern tief schwarz war. Vor Anstrengung fielen lauter kleine, fiese Tropfen aus seinem Maul. „Oh“, erschrocken stieß Edi die Luft aus.
„Hast du auch etwas gehört?“, fragte der schwarze Drache den dunkeldünnen Zauberer.
„Nein. Du ächzt und jammerst schon die ganze Zeit herum. Wie soll ich da etwas anderes hören als dein Gewimmer“, zischte der Schattenmann, denn um diesen handelte es sich.
„Früher konnte ich fliegen. Jetzt muss ich alles zu Fuß machen. Das ist eben anstrengend“, erklärte der schwarze Drache. Der Schattenmann beugte sich drohend über ihn. „Stell dich nicht so an. Du bist einfach zu dick, deshalb kannst du nicht mehr abheben. Wenn wir erst einmal den Kristall der Macht haben, dann wirst du mit seiner Hilfe auch wieder fliegen können. Dann werde ich über die Welten der Drachen und der Geisterwesen herrschen. Du wirst mein erster Minister sein.“
„Das haben wir schon einmal probiert, Meister, und es nicht geschafft“, jammerte der schwarze Drache. „Meinst du wirklich, dass es uns heute gelingen wird? Wenn das nicht der Fall ist müssen wir wieder so lange warten, bis die Sterne richtig stehen. Dazu habe ich überhaupt keine Lust.“ Der Schattenmann sah noch bedrohlicher aus. „Ich will gar nicht daran denken! Fünfhundert Jahre sind vergangen. Damals waren wir ganz dicht dran. Ich hielt den Kristall schon fast in meinen Händen. Wenn diese verflixten Geister und Drachen nicht dazwischengekommen wäre ...“ Er schüttelte sich angewidert. „Sie haben es im letzten Moment verhindert. Wenigstens ist mir der magische Zauber gelungen, sodass Drachen und Geister hier nie wieder zusammentreffen. Sie sind außerhalb der Zeit, sobald sie den Berg betreten. Außer, sie kommen gleichzeitig hier an und haben eine besondere Verbindung zu einander.“ An dieser Stelle kicherte er fies und rieb sich die Hände. „So werden sie dieses Mal nicht verhindern können, was ich schon vor fünfhundert Jahren tun wollte.“
„Das stimmt“, stellte der schwarze Drache fest. „Sie feiern zur selben Zeit am selben Ort, aber sie können sich nicht sehen. Weil sie sich nicht einig sind und sich gegenseitig nicht trauen. Das hast du gut gemacht. Du bist so klug, Meister.“
„Ein paar Gerüchte da, eine zerstörte Drachenhöhle und ein verbrannter Wald dort ... Es ist leicht, die Drachen und die Geister gegeneinander aufzubringen. Niemals werden ein Drachen und ein Geisterwesen gemeinsam hier her kommen.“ Wieder rieb sich der Schattenmann die Hände. „Sieh nur, der Kristall erwacht zum Leben. Das Fest kann beginnen.“ Er zeigte auf den Kristall und lachte aus vollem Hals, was sich wie das Kratzen auf einer Schiefertafel anhörte. Der schwarze Drache fiel in das Lachen ein. Wirklich verbreitete sich von der obersten Stelle des Felsens ein strahlendes Licht. Erst jetzt sahen Alf und Edi den Kristall, der oben auf dem Felsen thronte und nun hell funkelte. 
Alf und Edi hatten dem Gespräch zwischen dem Schattenmann und seinem Diener atemlos gelauscht. Jetzt sahen sie sich ratlos an. „Wir müssen verhindern, dass er den Kristall bekommt“, raunte Alf.
„Ja, aber wie“, wisperte Edi zurück.
„Ich schwebe, du fliegst. Zusammen schaffen wir es vielleicht, den Kristall hochzuheben. Dann können wir ihn einfach mitnehmen, bevor der böse Zauberer ihn in die Hände kriegt. Der Drache hat doch gesagt, dass er nicht mehr fliegen kann. Bestimmt kann es der Zauberer auch nicht“, flüsterte das Geistermädchen. Es erhob sich langsam und vorsichtig, um nur kein Geräusch zu machen. Edi tat es ihm nach. Doch ehe sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnten, hörten sie wieder die Stimme des Schattenmannes. „Los, du fetter, unnützer Drache, heb’ mich hoch, damit ich auf den Felsen klettern kann. Dann komm mir gefälligst nach.“ Diesem Befehl folgte ein Ächzen und Stöhnen.
„Schnell, wir müssen ihnen zuvorkommen“, sagte Alf leise. Sie schwebte am Fels entlang in die Höhe, wobei sie Edi mit sich zog. Lautlos bewegten die beiden sich zur obersten Felskante. Hier gab es einen kleinen Absatz, auf den sie sich stellten und fasziniert auf den glitzernden und gleißenden Kristall schauten, der einen breiten Strahl aus Licht in den Himmel sandte. Doch ach, sie hatten einen Moment zu lange gewartet. Von der anderen Seite aus erhob sich drohend der Schattenmann, neben ihm war der schwarze Drache zu sehen. Beide griffen gierig nach dem Kristall. Sie waren so sehr auf den glitzernden Stein fixiert, dass sie Alf und Edi gar nicht wahrnahmen. Erst als diese auch versuchten an den Kristall zu kommen, schauten Schattenmann und Drache verblüfft auf. „Das ist doch ... nein, das ist unser Kristall ...“, stammelte der schwarze Drache. Der Schattenmann riss die Augen auf und schüttelte ungläubig den Kopf. Er und der schwarze Drache waren so erstaunt, dass sie für einen Moment den Kristall losließen. Diese Gelegenheit nutzten Edi und Alf. Sie fassten zu, um den Kristall hochzuheben. Schnell mussten sie feststellen, dass er viel zu schwer für sie war. Alf ließ keuchend die Hände sinken. „Schnell, noch einmal, wir schaffen das“, rief Edi ihr aufmunternd zu. Das Geistermädchen wollte noch einmal die Hände auf den Kristall legen, erwischte aber Edis Tatzen, sodass Hände und Tatzen übereinander lagen.  „Wir schaffen das, schließlich sind wir Freunde“, rief Alf so laut sie konnte.

Nun geschahen mehrere Sachen gleichzeitig: Der Kristall leuchtete noch heller. Er erleuchtete den großen Platz um den Stein, auf dem es plötzlich vor Gestalten nur so wimmelte. Drachen und Geisterwesen liefen durcheinander, blieben dann verblüfft stehen. Sie schauten alle zusammen wie gebannt auf den Felsen, auf dem der Schattenmann wie von einem unsichtbaren Wirbel ergriffen in die Nacht hinausgeweht wurde. Ihm folgte sein Diener, der schwarze Drache. Der größte und älteste Drache wies auf Alf und Edi. „Seht, dort oben! Ein Drachenjunge und ein Geistermädchen, sie haben den Kristall der Macht befreit. So haben sie die Welt der Drachen mit der Welt der Geisterwesen wieder zusammengebracht. Der Drachenberg und der Blocksberg sind eins, so wie es früher einmal war.“ Der älteste Zauberer der Geisterwesen meldete sich zu Wort: „Lasst uns Frieden schließen. Geisterwesen und Drachen sollen in Zukunft in Frieden miteinander leben und in jedem Jahr hier zusammen ein Fest feiern.“ Dem stimmten alle Drachen und Geisterwesen begeistert zu. Alf grinste Edi an. „Siehst du, du dummer Drachen, ich habe recht gehabt. Es ist der Blocksberg.“ Der Drachenjunge erwiderte das Grinsen. „Ja, du halsstarriges Geistermädchen. Du hast Recht. Und ich auch ein bisschen. Übrigens ist Alfinella ein schöner Name!“ Den letzten Satz sagte er allerdings etwas leiser. Schließlich wollte er sich nicht schon wieder mit Alf zanken.

 

 

So kam es, dass sich Drachen und Geisterwesen miteinander versöhnten. Einmal im Jahr, zur Sommersonnenwende, leuchtete der Kristall besonders hell. Dann feierten Drachen und Geister ein gemeinsames Fest. Sie versammelten sich auf dem Drachenberg, den die Geister weiterhin Blocksberg nannten und tanzten die ganze Nacht hindurch. Alf und Edi trafen sich nicht nur in dieser Nacht. Sie waren Freunde für immer geworden, besuchten sich, wann immer es ging und standen sich mit Rat und Tat zur Seite.

Denn echte Freunde helfen einander.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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