Gherkin

STADT DER ARBEIT - Eine Nachbetrachtung

Drei Monate ist es jetzt her, da war die letzte Vorstellung der Stadt der Arbeit,
einer Produktion des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen. Volker Lösch,
der begnadete Regisseur und Zeitgeist-Geißler, hatte 15 Laiendarsteller um
sich geschart und brachte, trotz allerlei Unbilden, das starke Stück auf die
Bühne. Ich wurde gebeten, für die Homepage des MiR eine Nachbetrachtung
zu schreiben. Das habe ich sehr gern gemacht. Bis heute ist diese Arbeit, in
all der Zeit, die bereits seit dem 1.11.2021 verstrichen ist, unserer Dernière,
nicht veröffentlicht worden. Schade.

Nun gut, dann bringe ich sie eben selbst heraus. Hier, auf e-stories. Meine
Sicht der Dinge ist eine vollkommen eigene, sehr persönliche. Alle, die ich
"vergessen" habe, bitte ich um Verzeihung. Es ist nicht absichtlich passiert.

Wer das Stück nicht sehen konnte: Hier wird geschildert, wie es entstand.
Kontrovers besprochen, aber von der Kritik durchaus mit viel Lob bedacht,
wir 15 Laiendarsteller (plus 4 professionellen Darstellern) haben im Rahmen
unserer Möglichkeiten Großartiges geleistet. Wer auch immer Interesse hat,
der möge sich hier ein Bild machen, vor dem geistigen Auge. Der Autor war:
Ulf Schmidt, der Regisseur war: Volker Lösch, einer der Darsteller war: Ich.



-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

Stadt der Arbeit

(Ulf Schmidt/Volker Lösch)

Oktober/November 2021

Nachbetrachtung – Meine ganz persönlichen Eindrücke

 

 

Als einer der Protagonisten ohne jede Bühnenerfahrung gehe ich persönlich sehr neugierig, aber auch immens aufgeregt auf dieses Abenteuer zu. Ein Regisseur mit postdramatischen Tendenzen in seinen Werken übernimmt das Zepter, Volker Lösch. Er schart Laiendarsteller um sich, nimmt 4 Profis dazu, schafft eine düstere Atmosphäre und lässt dem nicht gelinden Unmut freien Lauf – der Ungerechtigkeit, der (Behörden)Willkür und der verlogenen Struktur einen (blinden) Spiegel vorhaltend. Der Duktus dieses leidenschaftlichen Form- und Inhalte- Gestalters, des grandiosen Illusionisten, ist in jeder Sekunde nahezu körperlich spürbar. Ich erlebe Monate voller Schaffensdrang, der völligen Verausgabung und der bisweilen bitteren Erkenntnis: Ich genüge nicht! Kann ich jemals den Anforderungen gerecht werden, die dieses Projekt an mich, an alle meine Kolleg:innen stellt? Wir haben Großes vor! Gewaltiges!

Was hatte ich erwartet? In meiner leicht überbordenden Fantasie war da eine Adaption aus Fritz Langs „Metropolis“, mit gewaltigen Schornsteinen im Hintergrund, zu sehen. Vielleicht dachte ich auch an eine sehr moderne Fassung von ‚Die Plebejer proben den Aufstand‘, aber sicher hatte ich nicht auf dem Schirm, was hier nun dargestellt u. somit offengelegt werden sollte. Von Anfang an beeindruckten mich V. Löschs geomantische Analysen, seine immens hohe emotionale Intelligenz, die ausgeprägte Sozialkompetenz. Wenn er wider ‚das System‘ wettert, spürst du die Leidenschaft für den Gegenentwurf, die echte Wut, den unbedingten Willen, mit seinen Werken den Wandel herbeizuführen, ihn herbeizwingen zu wollen. Wenn ich einer Motivation bedurft hätte, so wäre ich nach den ersten Proben bereits sehr deutlich angefixt gewesen. Doch ich stand, absolut altruistisch und völlig uneitel, sofort hinter diesem Projekt, machte es zu meinem. Die „Stadt der Arbeit“ wurde zu einer Herzensangelegenheit. Ich war nun also mitverantwortlich für das Gelingen. Dabei half mir die affektive Präsenz des Regisseurs, er verhalf mir, nach und nach, zur emotionalen Durchlässigkeit. Zu Beginn noch sehr lasch und konturlos, entwickelte ich mein Spiel schließlich doch, strebte einem letztlich brauchbaren Ziel entgegen – ich wollte vor dem bisweilen gnadenlosen Publikum bestehen!

Es wird 15 Käfige auf der Bühne geben, die jeweils einzeln beleuchtet werden können. Sie sind verschiebbar und können fixiert werden. Die Türen können laut zugeknallt werden. Ein Effekt, der sicherlich für Furore sorgen könnte. Die Bühnenbildnerin hatte ein Modell davon erstellt, führte es uns bei der Erstpräsentation vor. Es gab mehrere Fotos zur Anschauung. Die Käfige können sowohl abgesenkt als auch hochgefahren werden, und stehen in 3 Reihen zu je 5 Käfigen hintereinander. Jeder Käfig ist vollständig einsehbar, kann punktbeleuchtet werden und besitzt 4 Rollen, so dass der Schauspieler mit seinem Käfig auch ‚wandern‘ kann. Die vortreffliche Bühnenbildnerin, Carola Reuther, verriet ihre Intention und erläuterte sehr anschaulich, welche Effekte sie auf der Bühne zu erzielen beabsichtigte. Die Erstpräsentation war schon sehr aufregend. Wir alle hatten einen ersten Eindruck von der Wucht und Präsenz der dargebotenen Bilder.

Volker Lösch sprach einige direkt an, man duzte sich während der Arbeiten an diesem Projekt, so duzt man sich mit fast allen Mitwirkenden am Theater, lediglich der Generalintendant wird, von den meisten, gesiezt, nachdem er erklärt hatte, dass es 15 Sträflinge geben wird (plus einem Nachzügler, einem Sonderfall, den ich zu spielen habe; der muss dann, weil es eben nur 15 Käfige gibt, mit einem anderen Häftling zusammengelegt werden), zudem wird es 2 Case-Manager geben, von der Agentur für Arbeit, wichtige Persönlichkeiten, die dann von professionellen Schauspielern gespielt werden sollen. Die Fall-Manager und die über ihnen „schwebenden“, nächst höheren Vorgesetzten, den über den Fall-Managern thronen stets die Götter, ebenfalls von professionellen Darstellern gespielt, die ab und an eingreifen, zu Beginn meist singend. Die Fall-Manager heißen Petra und Gerd, das steht für Peter Hartz (Petra) und Gerhard Schröder (Gerd). Sehr interessant, dieser Ansatz. Die Götter heißen Labora (Eleonore Marguerre) und Dromus (Sebastian Schiller). Die zuerst für diese Rolle vorgesehene Sopranistin Petra Schmidt erkrankte leider während der Proben und konnte nicht mehr weiter mitwirken.

Der für die Musik zuständige Künstler, Michael Wilhelmi, erzählte davon, dass er Beethoven bringen wird (Ode an die Freude), H. Eisler, einen Rap von Sido, „I need a hero“ von Bonnie Tyler und vieles mehr. Da ich mir keinerlei Notizen machen konnte, das hätte sicher einiges Aufsehen erregt, kann ich hier nicht alles wiedergeben. Doch plane Michael Wilhelmi, auch einige Stücke übereinander zu legen, sie zu verfremden und schließlich dann, mit den völlig neuen Texten versehen, im neuen Gewand auf die Bühne zu bringen. Der für alle die Texte zuständige Mann, Autor Ulf Schmidt, übernahm, und hat uns einige Erklärungen zum Stück mit auf den Weg gegeben. Auch wurden nun einige Textzeilen verlesen.

3 Personen wurden sehr konkret angesprochen. Einer der Götter, vorgeblich ein wirklich recht böser Gott, hat einigen Häftlingen den Tag restlos zu verderben, verlangt absoluten Gehorsam. Und auch ich wurde explizit angesprochen, weil ich ganze 40 Jobs in meinem Leben hatte und dennoch nie wirklich sicher davon leben konnte. „Eine sehr dramatische Geschichte“, so Volker, die er mit der verspäteten Zugehörigkeit zur Häftlingsgruppe ein wenig exponiert zu erzählen wünsche. Schnell wurde klar: Volker Lösch, Dekonstruktivist, instinktsicherer Experimentator, kampferprobter, mutiger und gern aneckender Illusionist, sprach einer dritten Person den Mut zum Rebellentum zu. Es würde im letzten Drittel des Stücks zu einer Art Revolte kommen, zu einem Aufbegehren, dem Kampf zwischen diesen hehren Göttern, den vom Staat eingesetzten Managern und natürlich auch uns Häftlingen.

So es denn 3 Akte gibt, auf 3 Podien, gehört der 1. Akt dem Kennenlernen des Alltags der Sträflinge, der 2. Akt der Revolte und der letzte Akt dem fiktiven Ausblick in eine „bessere, angenehmere Zukunft“ mit Wertschätzung und gegenseitigem Vertrauen. Arbeit wird neu definiert, und wohl dann auch aller Schrecken entledigt, jedenfalls, was dieses Projekt im MiR (Musiktheater im Revier Gelsenkirchen) betrifft.

Wir wurden gegen 13:15 Uhr entlassen, mit der Bitte, sich um ca. 17:45 Uhr wieder vor dem Bühneneingang einzufinden. Man gehe dann zusammen zum Probenraum 2, der etwa 600 m weiter, gegenüber dem Hotel Maritim, auf uns warte. Volker Lösch nannte das Stück einmal   „entlarvend dämlich“. Es trage viel Absurdes, aber auch Dramatisches und sehr viel Trauriges in sich. Es werde viel gesungen und es gäbe jede Menge Text zu erlernen. Jeder möge 17:45 Uhr ein Klemmbrett bringen, denn es würden immer wieder mal neue Texte aufgenommen, alte Texte aussortiert, und das Stück den veränderten Gegebenheiten angepasst. Je nach „Lage der Dinge“ könne sich das Stück auch laufend verändern. Wir hätten nun sechs sehr harte Wochen vor uns, mit Textlernen, Körper-Training plus Stimm- und Gesangs-Übungen, auch mit dem vollen Begreifen und Verstehen dessen, was der Regisseur und der Autor letztlich von uns allen will, „und mit so viel Theaterkram, dass Ihr alle am besten die Alltags-Dinge vollständig ausklinkt, die Euch ansonsten im Alltag stark belasten!“ Volker Lösch wünschte sich, das machte er sehr deutlich, dass der Zuschauer beim 1. Akt sagt: „So geht es aber gar nicht!“ Und beim letzten Akt dann meint: „Ja, so könnte es eventuell tatsächlich klappen…“

Ich sehe schon, in den nächsten 6 Wochen wird es sehr intensiv in meinem bis dato doch arg beschaulichen Leben. Seit der Rente 2008 hatte ich eigentlich rein gar nichts getan, außer in regelmäßiger Abfolge des Gezeitenstromes deutlich zuzunehmen. Ich betrieb weder Sport o. irgendeine Art von Hobby, ich ging kaum vor die Tür, ich hatte Tagesfreizeit ohne Ende. Eine Freundin oder einen Freund hatte ich nicht. Auch keine Bekannten. Verwandte lebten schon lange nicht mehr, außer der Mutter, die 91jährig in einem Altenheim in München wohnte. In der Tat, der Begriff „Einzelgänger“ traf auf mich zu. Völlig unbemerkt von der Welt lebte ich unter dem Dach in Erle. Und jetzt diese Herausforderung. Von 0 auf 100 in 6 Wochen? Mein Bauchgefühl sagte mir: Das wird eine Grenzerfahrung. Zuletzt hatte doch tatsächlich ich ein Jahr lang in einem Altersheim in Castrop-Rauxel gelebt, im Wilhelm-Kauermann-Senioren- Zentrum in der Bahnhofsstraße. Bis mir klar wurde: Nein, halt, Kommando zurück. So alt bin ich denn doch noch nicht. Ich „flüchtete“ aus dem Seniorenheim, in dem ich arg deplatziert gewirkt hatte, und zog nach Gelsenkirchen. Hier fand ich den günstigsten Wohnraum, so das Ergebnis der Suchmaschine „Billige Wohnung in ganz NRW“. Dass ich dann im ‚Stadt Spiegel‘ das Inserat des MiR entdeckte (Bedürftige Laien-Darsteller gesucht, gerne auch sogenannte  Armutsrentner), aus einer Laune heraus eine Mail an das MiR schrieb, mich für dies Projekt bewarb, alles der reine Zufall. Für den Schicksalsgläubigen jedoch, ohne jeden Zweifel, eine vorbestimmte Fügung. Ich musste das lesen. Und ich musste darauf reagieren. An dem Tag, da ich die Mail an das MiR schrieb, hatte ich keine Ahnung, was ich JETZT in meinem Leben angerichtet hatte. Mein Leben würde vollkommen auf den Kopf gestellt.

Etwas in dieser Art hatte ich noch nie in meinem ganzen Leben gemacht. Leicht schmunzelnd erinnerte ich eine Komparsen Rolle unter einem anderen Volker, nämlich Volker Schlöndorff, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, das war 1975, als dieser Film gedreht wurde, auch im Uni-Center Köln, in dem ich damals wohnte. Ich dachte seinerzeit, diese 12 Sekunden, die  ich in jenem Film zu sehen war, seien die sicher aufregendsten in meinem Leben überhaupt gewesen. Ich sollte mich drastisch täuschen. „Die Stadt der Arbeit“, dieses Projekt am MiR, wurde zu meinem größten Abenteuer aller Zeiten! Und ich bin immerhin schon fast 69. Das ist ein nahezu unmögliches Unterfangen, all die folgende Aufregung, all den positiven Stress und das komplexe Staunen in Worte zu fassen. Um Fassung ringend, habe ich oftmals, sicher auch häufig mitunter erst Stunden nach dem Ereignis, im Wohnraum unterm Dach gesessen und konnte kaum erfassen, was es nun „heute wieder einmal alles zu bestaunen und lernen gegeben hat“. Ist das ein Traum? Erlebe ich das wirklich?

Wir werden gut beraten sein, wenn wir all unsere Befindlichkeiten und privaten Sorgen plus Nöte ausklammern und den Fokus nunmehr lediglich auf das Projekt „Stadt der Arbeit“ (und ausschließlich darauf!) legen. Nachdem wir alle im Gänsemarsch zum Probenraum gegangen waren, er befindet sich im Stadtbauraum, Boniverstraße 30, in 45883 Gelsenkirchen, haben wir uns dort versammelt. Um 18 Uhr ging es dort los. Der ehemalige Schacht Oberschuir mit den denkmalgeschützten Gebäuden aus der Jahrhundertwende und dem Kubus aus Glas und Beton aus den 1990er Jahren bietet eine hervorragende Akustik, ist ideal zum Erproben der ersten Schritte auf einer Bühne. Das noch junge Stück, hier sollte es langsam wachsen, reifen und gedeihen, im MiR sollte es den letzten Schliff geben, mit Band und professionellem Licht (Der Stadtbauraum fürs Grobe, das MiR für die Feinarbeit).

„Entdeckst Du denn eigentlich auch einen erklecklichen Anteil von Freude in Dir, bei dieser  Arbeit mit den Unbegabten, Volker?“ Ironie, Sarkasmus, Zynismus und bisweilen Heiterkeit prägen unseren Alltag bei den Proben. Wenn es ernst wird, so wird auch äußerst ernst zu  erarbeiten gesucht, was mitunter durch eine kurze Pointe, einen kleinen Scherz aufgelockert wird. Wie immer, wenn unterschiedliche Charaktere und Naturelle aufeinander treffen (hier der eher wortkarge Norddeutsche, dort die temperamentvolle Südländerin), merkten wir doch sehr schnell: Die professionelle Arbeit an einem Theaterstück ist kein Zuckerschlecken. Volker ist immer für konstruktive Mitteilungen und Anregungen dankbar. Auch Ulf bringt da sehr gezielt seine Statements, kurz und knapp, mitunter wird die Arbeit durch einen Exkurs, durch einen längeren Monolog der beiden entscheidend wichtigen Menschen unterbrochen. Abhandlungen über Weill, Brecht, Eisler oder Marx/Engels vervollständigen das PRÄGENDE Bild unseres neuen Horizontes. Wir hören von Beckett und vom „andalusischen Hund“ (Luis Buñuel und Salvador Dali, 16 min. dauernder Kurzfilm aus 1929, s/w, „un perro andaluz“, im Original: Un chien andalou), wir hören immer wieder vor allem diese Frage: Wie ist es denn um die Arbeit eigentlich bestellt? Gibt es sie denn noch, im ureigentlichen Sinne, die Arbeit?

Im Sinne eines ethisch überhöhten Pathos der Gründerjahre? Im Sinne der Malocher-Stadt Gelsenkirchen, die Arbeit grundsätzlich ganz eigen definiert? Schwarz und verklumpt, sehr dreckig, aber auch sehr ehrlich! Im Sinne einer Neuen Welt (Silicon Valley oder eben Tesla, als Gigafactory in Brandenburg)? Gibt es diese so oft beschriebene Arbeit noch?

Volker hält, ebenso wie der geniale Bühnenautor Ulf Schmidt mit seinen zynisch-kritischen Texten, nicht zurück mit seiner politischen Gesinnung. Er ist voll und ganz auf der Seite der schuftenden Bevölkerung, die so klein wie nur irgend möglich gehalten werden soll, und der die zum Leben benötigte Arbeit sukzessive entzogen werden wird, aber er ist niemals auf der Seite der „Anti-Volk-Schufte“, auf der Seite der „Volksverräter“, denn sein Herz schlägt vor allem für den „kleinen Mann“, den Arbeiter, denjenigen, der „die Kohlen aus dem Feuer holt und für das Wohlergehen aller unter Schweiß und großer Anstrengung täglich sein Bestes zu geben sucht“, den wahren Helden der Arbeit. Volker Lösch misstraut und bekämpft Kapital und Kapitalverwalter, denn diese „hohen Herren“ versuchen seit Jahrzehnten, den merkbar schwindenden Anteil an Arbeit „großmütig“ zu verstreuen, wohl wissend, alle Macht in den Händen zu halten, die Strippen zu ziehen, gern auch im Hintergrund, das Kapital fest an sich bindend, und all die Abhängigkeiten stringent verwaltend. Abhängigkeit zu schaffen, und am Althergebrachten festhalten, den Willen der Aufbegehrenden zu brechen (durch einfache, aber immer wieder immanent wirksame Mittel), das ist das Hauptaugenmerk des modernen Kapitalismus aus der Sicht der Arbeit spendenden Herren in ihren Designer-Anzügen, die sich ja absolut sicher sind, nur das Beste für die arbeitende Bevölkerung zu wollen, dabei jedoch stets vergessend, dass das Individuum leidet, die konkrete Arbeitsmarkt-Situation eine sehr groteske, nahezu absurde ist, und die Abhängigkeit der wenigen „Überlebenden“ eine doch sehr gravierende ist, respektive demnächst schon sehr bald sein wird.

Ich fragte mich das bereits sehr früh: Was sind wir 15, in unseren Käfigen? Sind wir denn nun Laiendarsteller? Hobby-Schauspieler? Kurzfristig angelernte, behutsam aufgebaute, wirkliche Darsteller? Wir lernen von den Profis, keine Frage. Wir sind keine echten Schauspieler, aber, und das zeigten dann die kommenden Wochen, wir können, so unsere teils latent vorhanden geglaubten Talente sorgsam herausgekitzelt werden, durchaus neben den professionellen Schauspielern bestehen. Wir werden von ihnen respektiert und akzeptiert. Jeder, so hatte ich bald den Eindruck, gibt bei diesem Projekt sein Bestes! Mitunter probten wir auch im Kettelerhaus, dann wieder im Stadtbauraum, oft auf der Probebühne im 3. Stock des MiR. Dann, später, auch auf der Hauptbühne im Großen Haus. Diese Bühne dort kann dich fast erschlagen. Da stehst du, das winzige Menschlein im Kostüm, blickst in die Scheinwerfer, stellst dir das Publikum vor, und du fröstelst leicht. Werden wir das packen?

Method acting at its best. As it was actually thought once. Wir alle sind Teil eines gewaltigen Experimentes. Wir sollten stolz sein, daran teilhaben zu dürfen. Geformt durch einen höchst erfahren agierenden Regisseur, der zwar immer fair, aber auch sehr exakt, penibel und auch ein wenig detailversessen die mitunter anstrengende Leitung übernimmt. Und wir sind keine einfache Klientel. Da gibt es Befindlichkeiten, Spleens und Tics, da gibt es Erschwernisse und Behinderungen zu bedenken und einzuplanen (Ein Mitspieler, Claus Laven, sitzt im Rollstuhl), da muss bedacht werden, dass ein geistig Schwerbehinderter unter den Kollegen ist, einige haben schwerwiegende psychische Probleme, andere schleppen eine harte Vergangenheit mit sich herum, viele müssen sich durch einen entbehrungsreichen Alltag quälen, manche haben lediglich einen Betrag von 70 Euro pro Monat zur freien Verfügung. In den folgenden arg strapaziösen Wochen, die mir alles abverlangten, fragte mich Volker Lösch insgesamt 5 mal, ob „ich mir das denn auch zutraue“, denn ich bin der Mensch mit den meisten, oftmals vernichtenden Diagnosen und der geistigen Schwerbehinderung. Polytox, mit Borderline und schweren Depressionen wirklich stark betroffen, und mit weiteren 7 Diagnosen beinahe „erschlagen worden“, war ich so ziemlich das schwächste Glied in der Kette. Würde ich das denn wirklich schaffen?

Ich habe Volker stets, bei all seinen Fragen, diese Antwort gegeben: „Ich traue mir das zu!“ Und nun wollte ich dem oft gelobten Regisseur auch beweisen, dass ich es tatsächlich kann. Es wird nicht einfach, dessen war ich mir bewusst.

Gestützt durch die Stimm-Trainerin (genial!) Anke Sieloff und den Körper- plus Sprachtrainer Frank Wöhrmann (immer ansprechbar, immer für uns da!) wurden wir behutsam nun immer weiter aufgebaut, zu stetig besseren Leistungen angespornt. Es gab einige Kollegen, die viel Bühnenerfahrung hatten. Ich war sozusagen vollkommen unbeleckt. Nie hatte ich auf einer Bühne gestanden. Für mich war all das neu, aufregend und unglaublich abenteuerlich. Allein das Erlernen des gewaltigen Textkörpers bereitete mir große Schwierigkeiten. Ich bekam die Texte einfach nicht in den Nischel. So sehr ich mich auch bemühte, die ersten sechs Wochen blieb einfach nichts hängen. Nur Bruchstücke.

Ich erkundigte mich bei den Profis, fragte nach, sah mich um, auch im Internet, und fand nun endlich einen Zugang zum Erlernen der Texte. Meine Kollegen sind alle zwischen 23 und 65. Ich bin mit 68 Jahren der älteste Mitspieler, habe aber keineswegs eine Ausnahmestellung inne. Hier sind alle gleich wichtig, jeder hat quasi eine „tragende Rolle“. Jeder spielt ja sich selbst, doch müssen alle durch die harte Schule des Alltags innerhalb einer Institution, die Zucht, Ordnung und Disziplin zu vermitteln sucht. Dabei gehen uns die Case Manager hart an: „Haltet jetzt alle die Schnauze!“ Das kurze Glück ist volatil, die Zeit in den Käfigen ist oft ausgefüllt mit recht sinnfreien Arbeiten (Beschäftigungstherapie/Ergotherapie) und oftmals mit dem Einpauken peinlicher Texte zum Erhalt eben der Disziplin und des Gehorsams, der zum konsequenten Erreichen der durch die Agentur für Arbeit vor- und ausgegebenen Ziele anscheinend vorgeschrieben worden sind.

Kurz vor der 1. Vorstellung, unserer Premiere, waren wir dann soweit. Du hast jetzt auch die Bereitschaft, das Stück nun auf die Bühne zu bringen, gespürt. Die Texte saßen, der Ausdruck stimmte, die chorisch gesprochenen Sequenzen hörten sich, endlich, recht professionell an. Wir waren „beisammen“, tausendfach geübt mit Frank Wöhrmann/Imme Winckelmann und natürlich Volker Lösch. Ich bewunderte meine Kolleg:innen. Jeder hatte sein ganz spezielles Talent, und im Verbund schafften wir es, glaubhaft zu vermitteln, dass wir ein echtes, sehr dringliches Anliegen in die Welt zu transportieren gewillt waren. Würde dieses Experiment gelingen? Guter Dinge fanden wir uns zur GP ein, bangen Herzens zwar, aber guter Dinge…

Der Tag der Premiere kam, und ja, auch der Tag der Dernière. Das Lampenfieber brachte mich fast um, aber irgendwie schaffte ich es. Meine Mitstreiter (in diesem Zusammenhang darf man das durchaus sagen, es scheint stimmig!): Sensationell. Alle brachten die stets vom Regisseur auch geforderte Höchstleistung. Wunderbar, den Applaus zu hören, so schön und so bewegend, einen ordentlichen Schub fürs Selbstwertgefühl zu erhalten, herrlich, endlich die Ernte einzufahren nach einer sicherlich nicht immer leichten Zeit. Volker hatte sehr gut ausgesät, nun konnte geerntet werden, nach einer sicherlich nicht immer leichten Zeit. Der gute Claus Laven fiel durch einen doppelten Herzinfarkt für die letzten drei Vorstellungen aus, er wurde durch den großartigen Frank Wöhrmann „ersetzt“. Eine Kollegin hatte gehen müssen, nicht kompatibel. Ein Kollege sprang selbst ab. Und wir hatten einen Corona-Fall. Die Premiere musste verschoben werden. All das trug nicht unbedingt dazu bei, den Stress abzubauen. Doch kompensierten wir all diese Unbilden ganz hervorragend. Mir war so, als habe der erzwungene Abgang der Kollegin sogar für noch größeren Zusammenhalt innerhalb unserer Gruppe gesorgt. Ein fragiles Konstrukt, solch eine bunt zusammengewürfelte, doch sehr unterschiedlich besetzte Gemeinschaft. Sie hat sich überraschend als sehr homogen und kameradschaftlich erwiesen, diese wie von einem verrückten Professor willkürlich und reichlich chaotisch zusammengesetzte kleine Theatertruppe.

Da half man sich, da verstand man, da war viel Empathie und Sorge im Spiel. Ich selbst kippte zweimal um. Das Herz, das Alter, die mangelnde Fitness. Ich hatte mich 12 Jahre so gut wie überhaupt nicht bewegt. U. Schmidt persönlich kümmerte sich um mich, die Bühnenarbeiter waren rührend bemüht, ich denke, einen besseren Zusammenhalt konnte man sich absolut nicht wünschen innerhalb unserer Gruppierung. Da gab es keine Ränkespiele, da waren nie Eifersüchteleien zu bemerken oder Grabenkämpfe zu verzeichnen. Natürlich gab es ab und an mal eine Verstimmung („Also weißt du, da bringt der Mann doch tatsächlich 2 Wochen, nur 2 Wochen vor der Premiere neue Texte ins Spiel!“), Überforderungsanzeichen, hin und wieder Tränen, Erschöpfungszustände und auch mal völlige Leere im Blick, wenn um 22 Uhr noch einmal von vorne geprobt werden sollte, aber im Wesentlichen hat man das Ziel nie aus den Augen verloren: Wir wollen die „Stadt der Arbeit“ professionell auf die Bühne und damit unters Volk bringen! Yep!

Der Spagat gelang, die begrenzten Möglichkeiten in den nahezu professionellen Ausdruck, mit allen zur Verfügung stehenden Stilmitteln (und etlichem technischen Firlefanz wie die beliebten Segways, mit denen Petra Schmidt dann auch leider verunglückte) versehen, so umzumünzen, dass der Regisseur und der Autor uns nach der Premiere heftig umhalsten!

8 Aufführungen für diese Riesenanstrengung? Und das war es dann? Das musste in unser Hirn hinein. Doch vielen war der Gedanke zu sperrig. Michael Schulz erhielt eine Anfrage: Kann das Stück nicht verlängert oder in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen und erneut aufgeführt werden? Der Impresario schrieb allen Ensemble-Mitgliedern einen Brief
in dem Tenor, „man wolle wohl, man könne aber nicht“. Punktum. 8 Vorstellungen! Damit war dann Schluss.

So hatte Jede und Jeder (Hallo Aref!) seinen Part, und alle, wirklich alle trugen zum Gelingen des Projektes bei. Stolz bin ich darauf, ein Teil davon gewesen zu sein. Stolz bin ich auf alle meine Kolleg:innen, und stolz auch darauf, „unter Volker Lösch“ gearbeitet zu haben. Dem namhaften, bekannten Regisseur, der von Projekt zu Projekt eilt und schon während dieser Arbeit an der „Stadt“ am „AufRUHR“ feilte (Essen): „Wie kann die Utopie bzw. das konkrete Zusammenleben aussehen?“ Unermüdlich, unersättlich, unfassbar engagiert, und immerzu präsent, mit Wucht und Verve, wo die Brennpunkte der Gesellschaft entstehen, wo nur eine Seuche sich ausbreitet, sich Ungerechtigkeit Bahn brechend, oft gewaltsam, Zutritt zur wohl schwächsten Gemeinschaft überhaupt verschaffend, das Herzstück der Gesellschaft wahrlich aushöhlend – die ärmsten der Armen angreifend! Der Mann hat eine sehr tiefe Verbeugung verdient! Chapeau! Und ebenso lüpf ich den nicht vorhandenen Hut vor Meister Ulf Schmidt und seinem Genius. Kongenial!

Die Premieren-Feier – unfassbar. Nicht in Worte zu kleiden. Michael Schulz, der Intendant, hat uns dann einzeln auf ein Podest gerufen, jeder Einzelne wurde gewürdigt, jeder erhielt „seine von Andy Warhol einst proklamierten 15 Minuten Ruhm zugesprochen“. Ich durfte mit der Oberbürgermeisterin, Karin Welge, ein Foto machen. Kein Selfie. Ein professionell gestaltetes Foto. Und ich hätte kaum glücklicher sein können. Für einen Autisten ist Glück ein eher diffus zu benennender, leicht schaumiger Gemütszustand, der nur sehr selten ins dicke Bäuchlein fährt. Hier aber war ich glücklich. Mit einem „Kollegen“ aus der Produktion „Avenue Q“ habe ich mich, fachsimpelnd, lange unterhalten. Auf Augenhöhe? Ich weiß es nicht so recht. Die „Profis“ sind uns denn doch sehr weit voraus. Ich bin äußerst demütig, auch sehr froh, dieses Experiment nicht nur gewagt, sondern auch bestanden zu haben.

Wenn solch ein „Kollege“ von den „Konstituenten einer Didaktik für Darstellendes Spiel“ spricht, fühle ich mich wie in einer Vorlesung für Kernphysik oder theoretische Physik, kann jedoch den Bezug nicht wirklich herstellen. Mangelnder geistiger Zugriff? Oder schlichtweg Premierenfeier-Hyperstress?

Ich nehme all das mit in mein ferneres Leben. Freundschaften entstanden, Kontakte wurden geknüpft, ich fühlte mich wertgeschätzt und mit warmem Applaus bestätigt. All meine lieben Kolleg:innen haben nicht nur mindestens zwei Dutzend ‚Vorhänge‘ verdient, sondern auch Bravo-Rufe (sogar Bravissimo-Gebrüll) und standing ovation ohne jedes Ende! Vielen Dank für diese Erfahrung, und noch dazu vielen Dank dafür, dass ich Euch alle habe kennenlernen dürfen. Das nimmt mir niemand mehr! Das brennt sich für immer im Gedächtnisspeicher ein!

  

APPENDIX

 

 

SIDESHOW KICKS

 

Sehr nice, möchte man neudeutsch sagen, sind die kleinen charmanten Eigenheiten, die solch ein Theaterstück zu vermitteln in der Lage ist. Da gibt es running gags oder auch so kleine, aber feine Gesten, die eine wunderbare Eigendynamik entwickeln können. Gerne führe ich hier einmal 10 dieser Sideshow Kicks Highlights auf.

  1. Mit Gloria Iberl-Thieme, der „Petra“ im Stück, verband mich eine reizende kleine Geste, die wir gemeinsam ausspielten. Keine Ahnung, ob die Mitspieler oder das Publikum überhaupt Notiz davon nahmen, aber es hatte sich über die Zeit dann so entwickelt: Gloria warf mir, mit ihrem umwerfenden Charme und dem gewinnenden Lächeln, jedes Mal, wenn sie „McDonald’s“ erwähnte (Aufzählung der immerhin 40 Arbeitsstellen; leicht war das nicht gerade für Glenn Goltz und Gloria Iberl-Thieme!), ein grandioses, fettes Grinsen zu. Es war eines dieser „Grinsekatz“-Lächel-Gesichter, die dir Kraft, Mut und Stärke für alle die weiteren Szenen innerhalb des Stückes zu geben in der Lage sind, deinen Tag versüßen, alle Schmerzen im Gebälk und diesen verdammten Reizhusten vergessen lassen. Dieses umwerfende Lächeln. Und sicher, natürlich erwiderte ich es. Auf jeder Probe, in jeder Vorstellung. Wunderschön. Hey, vielen Dank, Gloria!
     
  2. Der großartige Sebastian Schiller hatte mich auf die Bühne zu schubsen, kräftig und durchaus so, dass ich ins Straucheln kam. Er stand hinter mir und begann, bereits nach einer der ersten Proben, mir die Schulter zu massieren. Wir beide sprachen niemals darüber, aber Bastian hat mir damit sehr geholfen. Wusste er um mein so stark ausgeprägtes Lampenfieber? Wusste er, welche Qualen ich kurz vor jenem stressfördernden Signal durch den Inspizienten Bjoern Peleikis zu durchleben ja gezwungen war? Mit seiner sanften, aber auch nachdrücklichen Rücken- und stets auch Schulter-Massage (mitunter klopfte er auch wie die Profis drauflos), kurz vor diesem entsetzlichen Signal (Das Licht geht aus und du musst raus!) half er mir sehr. Mir wurde wohler, ich hatte zwar immer noch Angst, gewaltige Angst vor all dem, was nun kommen sollte, aber es fiel mir mit der Zeit immer leichter, den Wahnsinn erneut zu wagen. Danke, Bastian! Auch, wenn die nachfolgende „Ansprache“ nicht gerade zu meinem Vorteil gereichte: „Ein Klumpen aus Fleisch, mehr bist du ja nicht, mit wabbligen Muskeln und mit Übergewicht…“ Trotzdem vielen Dank. Vielleicht hat der Autor Ulf Schmidt bei der Niederschrift an mich gedacht? Mag sein. Jedenfalls brachte Bastian Schiller den Text sehr glaubhaft rüber.
     
  3. Glenn Goltz, der den Fall-Manager „Gerd“ verkörperte, und der letztlich auch dafür verantwortlich zeichnete, dass ich während der gesamten Spielzeit „Gerhard“ (bäh) genannt und gerufen wurde, ein Name, den ich überhaupt nicht ausstehen kann, ich lasse mich seit jeher „Gerd“ rufen, ließ sich auf meinen Vorschlag ein, den Ulf-Text abzuändern. Das empfand ich als sehr nobel. Er sollte sagen: „Ein Mittel, probat, für Pestilenz und Not!“ Ich empfahl ihm, ein wenig frech, es so zu sagen: „Ein Mittel, probat, gegen Pestilenz und Not!“ (nämlich die Arbeit) – Tatsächlich änderte Glenn den Text. Hätte ich nicht gedacht. Zeigt aber auf, wie ernst Glenn auch uns, diese „Pop-up Schauspieler“, nahm. Zeigt auch auf, wie sehr wir uns alle respektierten, achteten und gegenseitig stützten. Danke, Glenn!
     
  4. Die begnadete Opernsängerin Eleonore Marguerre, unsere Labora, spielt den sanften Gegenpart zum eher harsch agierenden Dromus, und singt von sprühenden Einfällen, dabei umspielt sie mit den Händen sanft meinen Kopf. Ich schließe dabei stets meine Augen und lasse mich quasi von ihr inspirieren. Ein schöner, berührender Augenblick, der mich jedes Mal äußerst bewusst miterleben ließ, wie wunderbar doch all das ist. Du erlebst Theater im Hier und Jetzt, du stehst auf der Bühne im gleißenden Licht der Scheinwerfer, dort sitzen Zuschauer (Corona bedingt nicht gerade viel, aber auch die wollen unterhalten werden!), die Musik ist wunderschön, Eleonore ist so wunderbar, du spürst sie so nah und nimmst all das wahr. Großartige Augenblicke. Danke, liebe  Eleonore! Das bleibt unvergessen!
     
  5. Die wild Pogo tanzende, mit zwei Knicklichtern ausgestattete Corinne Fischer auf der Seitenbühne. Diese Frau, unfassbar wichtig, hatte viel durchzumachen durch mich und die beinahe schon sprichwörtliche Schussligkeit. Mitunter „vergaß“ ich nämlich, überhaupt aufzutreten, manchmal zwängte ich mich durch enge Durchgänge, die ja gar keine Durchgänge darstellten, die arme Corinne muss tausendfach völlig, absolut verzweifelt gewesen sein ob dieses Chaoten! Durch meine Slapstick-Tollpatschigkeit, Fahrigkeit, Unzuverlässigkeit und dem schlichten Unvermögen, den Durchblick auch nur eine Sekunde zu bewahren, muss diese arme Frau völlig verzweifelt gewesen und   so mancher Herzattacke recht nah gekommen sein. Ja, selbst dann, wenn sie mit den Knicklichtern wild winkend die richtige Gasse zu weisen versuchte, zwängte der Typ sich doch tatsächlich wieder durch die völlig falsche. Uijegerl, wann muss ich rein, wann wieder raus, durch welche Gasse gehe ich? Verzweiflung bei Corinne Fischer. Ohne sie hätte ich keinen Durchblick gehabt. Den hatte ich zwar auch nicht mit ihr, aber das Chaos konnte in erträglichen Grenzen ertragbar gehalten werden. Immer darauf bedacht: Volker darf von deinen Marotten nichts mitbekommen. Hey, danke Corinne! Du bist einfach großartig. Und Du hast mich überlebt. Mit Schaden? Ich kann es nicht beurteilen, das wird die folgende Zeit dann zeigen.
     
  6. Der gute Rüdiger Jagsteit, ein übrigens begnadeter Singer/Songwriter mit gleich zwei Bands, ihn gilt es zu loben. Er gewann nicht nur die Trophäe „wahnwitzigste Fratze  auf der Bühne, er half mir auch unausgesetzt. In einer Szene, wenn wir unsere Käfige verlassen, und ich mal wieder einmal nicht wusste, was ich nun zu tun habe, flüsterte er mir zuverlässig stets und immer wieder zu, niemals verärgert oder genervt: „Hey, du musst jetzt abgehen!“ Danke dafür. Ich weiß, nach dem 119. Mal hätte ich es ja nun wirklich kapieren können… Aber nein, die Aufregung, ich wusste es mal wieder nicht. Daher: Danke, Rüdiger! Mit all seinen Hunden und seiner lieben Frau ist er mir zwischenzeitlich sehr ans Herz gewachsen. Wir wurden Freunde!
     
  7. Die liebe Jacy! Sie hat mir immer mit einer Engelsgeduld und stets erneut, ganz lieb und sanft, sehr ruhig übermittelt, was ich in bestimmten Szenen zu tun hatte. Ob in Proben oder bei den Aufführungen abends, sie hatte mich stets im Blick und half mir mit ihrer Umsicht und Freundlichkeit: „Du musst jetzt hier hin!“ „Jetzt gehen wir zu viert in den Käfig!“ „Du stehst direkt hinter Gönül, leicht versetzt!“ „Dieser Stuhl hier ist deiner!“ Ach, wie oft wäre ich vollkommen im totalen Nebel der vollkommenen Ignoranz und der absoluten Unkenntnis verloren gewesen. Das war sehr wichtig für mich. Daher: Danke, Jacy!
     
  8. Unser Klassen-Clown, Uwe Olschewski, immer einen Spruch parat, immer aufgeweckt und entgegen seiner Rolle gar kein „träger Briefträger“. Er hat uns allen stets sehr viel Freude bereitet. Mit seiner Kumpel-Attitüde, seinem herrlich trockenen Humor, stets auch mit der allgemeinen Hilfsbereitschaft und dem wunderbaren Ruhrpott-Naturell. In einer Szene sollte er sagen: „Ich war noch nie in Urlaub!“ Er sollte es, da war Lösch sehr pedantisch, so betonen: "Ich war noch nie in Urlaub!“ Uwe betonte aber immer das nie. Auch nach der gefühlt 1000. Probe, er sagte es, laut Volker, immer noch ganz falsch. Es wurde zum „running gag“. Untereinander riefen wir uns schon zu: Ich war noch nie im Urlaub, wenn wir uns begegneten. Und natürlich musste Uwe Hohn und Spott ertragen, eine Menge Häme, weil durch ihn so manche Probe länger dauerte. Endlich aber hatte er es drauf. Keine Fehler mehr. Er betonte richtig. Und dann kam der Tag, das werde ich nie vergessen, als Volker ihn lange ansah und dann meinte. Weißt du was, Uwe, betone mal das Wort „nie“. Und Uwe Olschewski wäre fast in  Ohnmacht gefallen. Wir alle brüllten vor Lachen. Nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Volker verstand das zwar nicht, aber wir alle verloren unseren running gag. Denn ab diesem Zeitpunkt sprach Uwe seinen Text wie vom Bauch her gewohnt, mit der Betonung auf „nie“. Und das war laut Volker ganz in Ordnung so. Herrlich, diese Episode. Sei bedankt, mein Bärchen! Uwe ist für die Gemeinschaft sehr wichtig (und ich meine „ist“, nicht „war“), denn nach wie vor sehen wir uns alle mehr oder wenig regelmäßig. Und der Mann hat große Pläne! Ich wünsche Dir viel Glück, „uns Uwe“!
     
  9. Aref Mahayni, der „Flüchtling aus Syrien“, Lebensziel: Schauspieler werden, keinen Krieg mehr sehen, akzeptiert und angenommen werden, ist ein großartiger Mensch und hervorragender Kumpel. Er hat stets gute Laune und sorgt für manch heftigen Lachanfall. Sein Auftritt in der „Casting-Szene“ mit Seppelhut, Lederhose und den 2 Flaggen, ist wirklich grenzwertig. Er selbst war unglücklich über diese Szene. Auch ich war unzufrieden (ich hatte einen Shaolin-Mönch zu geben, das gefiel mir überhaupt nicht), aber Aref hatte es wirklich hart getroffen. Wie gern hätte er, das hat er mir privat dann mal erzählt, einen Song von Rammstein performt. Der Song „Ich will!“ hatte es ihm angetan. Netter Gag am Rande. Als er erstmals mit der deutschen Sprache in Berührung kam, ich glaube, das war in Österreich, hatte er zuvor die Gruppe Rammstein gehört. Nun glaubte er, dass alle Deutschen so sprächen, wie eben dieser Till Lindemann. Funny. Aref wollte „Ich will“ bringen, denn in diesem  Text wimmelt es nur so von direkten Bezügen zu seiner Vita. Doch wurde ihm der Wunsch verwehrt. Privat hat er mir dann seine „Ich will“-Version vorgeführt. Und
    ich muss sagen, Volker Lösch lag falsch, Aref hatte recht. Diese Interpretation von Aref, im Rammstein-Stil, hätte deutlich mehr Stil gehabt. Schade, Aref. Aber dein Bayern-Lackel-Irrwisch-Tanz hatte auch was… Irgendwie…

     
  10. Und auch DAS ist Volker Lösch. Mittendrin, in einer Probe mit kleiner Besetzung, es war die ‚16 tons‘-Probe mit Sebastian Schiller, Eleonore Marguerre und mir, Volker war der einzige Vertreter auf den diversen Stühlen der wichtigen Menschen, kam plötzlich dies aus ihm heraus, aus heiterem Himmel: „Oddeldi, oddeldi, honta, honta…“ Und nur wenig später dies: „Diddelididdelididdeli…“ Muss man sich da Sorgen machen? Zum Telefonhörer greifen, leicht verstört? Nein, denn Genie und Wahnsinn liegen sehr nah beieinander!

     

Allen Beteiligten, von der Maske über das Licht und den Ton, all den Technikern, den  Bühnenarbeitern, der Requisite, den Ankleider:innen, von der Ausstattung bis hin zum Inspizienten, von allen hilfreichen Händen bis zur Dramaturgin Anna Chernomordik, von Kristina Franz bis Imme Winckelmann, ganz besonders den hilfreichen Ankleidern (Das war oft sehr stressig – Casting-Szenen zum Beispiel; ihr wart großartig!) sei hier ausdrücklich gedankt, vom Intendanten bis zur Kantinen-Crew, ja, allen sei herzlichst gedankt für die wunderbare, selbstlose Arbeit. Ich möchte Euch zurufen: Ihr habt den  besten aller Jobs gemacht, Leute! Ohne Euch alle kein Erfolg! Ihr seid meine wirklich ganz persönlichen Helden! Sechs Personen möchte ich besonders erwähnen: Frank Wöhrmann nämlich für seine aufopferungsvolle Arbeit „am Menschen“, niemals erlahmend, mit seinem herrlichen, nahezu kölschen, mitreißenden Humor,
immer professionell, stets konstruktiv und sehr empathisch, Anke Sieloff mit dieser einmaligen, wunderbaren Art, die wirklich jeden mitzureißen in der Lage ist. Sie hat uns singen lassen! Und wie. Nie hätten wir gedacht, dass wir überhaupt so gut singen
können. Anke hat das geschafft! Großartig! Corinne Fischer, sie hat uns 15 betreut, sie hat sich tausend Wehwehchen anhören müssen, besorgte uns Brillen und vielen die Fahrkarten, ohne die es ja auch nicht gegangen wäre zu Beginn. Corinne hatte in
all den Monaten selbst zu kämpfen, privat, aber das drang nie nach außen. Corinne war für uns alle extrem wichtig! Imme Winckelmann hat mir die ersten Erfolge beim Textlernen beschert. Ich war schon relativ verzweifelt, als ich bei ihr endlich  „Einzelstunden“ erhielt. Und die haben es tatsächlich gebracht. Bei Frank und bei Imme habe ich den Text erlernt. Unfassbar, diese stoische Ruhe, auch beim 400. Fehler an der gleichen Stelle. Sehr gut gemacht, Imme! Kristina Franz hat Volker Lösch nach der Premiere in den folgenden Vorstellungen äußerst fähig vertreten. Sie wirkte stets kompetent und gelöst, auch, wenn schwerwiegende Probleme auftraten. Kristina hat das weggelächelt. Eine großartige Frau! Bjoern Peleikis, unser Fels in der Brandung. Der Inspizient hatte stets ein freundliches Wort für uns alle, er wirkte aufmunternd auf die bunte Truppe ein, er kümmerte sich hervorragend um Alle und Jeden. In exakt einem Jahr geht der gute Mann in Rente! Hoffentlich wird es bis dahin nie wieder so hektisch wie bei der „Stadt der Arbeit“! Ich wünsche Dir persönlich alles Liebe und Gute, beruflich wie auch privat!

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gherkin).
Der Beitrag wurde von Gherkin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Gherkin als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde von Anne Degen



Zusammen mit Freunden am Kamin zu sitzen bedeutet:
Gute Gespräche führen, den Tag geruhsam ausklingen lassen, seinen Gedanken und Träumen nachhängen ...
Der Gedichtband „Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde“ von Anne Degen will genau das: Den Leser als guten Freund, mit Gedichten, die wie kleine Geschichten aus dem Leben erzählen, am Träumen teilhaben lassen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Erinnerungen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gherkin

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Biblische Geschichte, neu interpretiert von Gherkin . (Groteske)
Das Millenium von Norbert Wittke (Erinnerungen)
Ein Date, ein Tag im Dezember 2001 und ein DejaVu... von Kerstin Schmidt (Wahre Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen