Hajo Schindler

Ohne Träume wäre das Leben unerträglich

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Ich habe in diesen Tagen Sehnsucht nach ganz viel Sonne, Sommer, Urlaub. Endlich mal wieder das trübe Wetter, die missliche Stimmung hinter sich lassen. Endlich wieder weg aus der Zeitschleife, in der mich nach dem Aufwachen täglich das Murmeltier grüßt. Um meine Seele hat sich ein feiner Schleier gelegt, der alles in einem traurigen Licht erscheinen lässt. Melancholie, Traurigkeit, Sehnsucht, Frust wechseln sich ab. Ich muss aus meinem Kopf die dunklen Gedanken der Gegenwart verjagen. Sie türmen sich auf wie dunkle Gewitterwolken und verhageln jede gute Laune. Wer kennt aber solche Tage nicht. Mitunter sind es triviale Dinge, Banalitäten, die eine zuvor gute Stimmung ins Gegenteil kehren. Ich verstehe, dass Menschen davon ermüden und manchmal auch frustiert sind.

Morgens beim Frühstück muss ich schon das Licht anknipsen. Abgesehen von einem Foto, welches mir meine in Südfrankreich lebende Cousine über WhatsApp aus dem Winterurlaub nahe Grenoble geschickt hat, auf dem ich einen blauen Himmel, glitzernden Schnee und eine strahlende Sonne erkennen kann, ist hierzulande alles grau und feucht. Letzte Woche in unseren Breitengraden: Montag: Der Himmel ist grau. Dienstag: Der Himmel ist grauer. Mittwoch: Der Himmel ist noch grauer. Donnerstag: Der Himmel ist grauenvoll. Kaum ist die Sonne aufgegangen, geht sie schon wieder unter, sehen kann ich aber nicht mal das. Dauerwolkendecke. Gefühlt war es so grau lange nicht in Deutschland. Hinzu kommt, nicht nur das Wetter ist grau, sondern auch die Weltlage.

Wenn ich morgens das Haus verlasse, um beim Bäcker Brötchen für das Frühstück zu holen, kehre ich durchnässt vom Regen, zerzaust, strubbelig vom Wind, zurück. Der Regen rinnt durch die Straßen. Wer nicht unbedingt das Haus verlassen muss, bleibt lieber zu Hause. Ich lebe wie auf einem düsteren, feuchtkalten Archipel. Echt verdrießlich. Ich möchte aber die Erschöpfung nicht gewinnen lasen.

Jedes Mal schaue ich gespannt auf den Wetterbericht. Regen, Regen, bewölkt, höre ich seit einer gefühlten „Urzeit“ vom „Wetterfrosch“ oder der „Wetterfröschin“.

Meine Frau versucht mich aufzuheitern. Beim Frühstück, „wenn ich mal wieder die Schultern hängen lasse“ rät sie mir: „Guck mal hinaus in unseren Garten, da blühen die ersten Schneeglöckchen, sind die nicht allerliebst“.

Während ich mich dann schwerfällig erhebe, mein Blick durch das Wohn-zimmerfenster nach draußen in den Garten geht, legt sie nach: „Jeder Tag wird jetzt ein bisschen länger, wirst sehen, der Februar wird super!“

„Wenn Du meinst“, antworte ich ihr und fühle wie eine leichte Aufbruch-stimmung und eine Prise Fernweh mich ergreift.

Was mache ich also, wenn mich heute wie früher das Fernweh packt(e): Urlaubsplanung! Ich mache mich schlau über mögliche Zielorte, studiere Hotelbewertungen, checke Unterkünfte für eine evtl. Zwischenübernachtung. Was man eben so macht, wenn das Fernweh einen plagt. In der Corona-Pandemie hat dieses „Hobby“ aber deutlich gelitten. Mein Fernweh hat – zumindest aktuell – nicht dass Level früherer Jahre.

Trotzdem: Endlich wieder weg von denselben Tag, den man immer wieder aufs Neue erlebt. Sich frei machen von negativen Nachrichten, Gedanken. Im Kopfkino die Erinnerung an die unbeschwerte Zeit weit zurückliegender Tage zurückholen. Sich einfach fallen lassen, in eine schöne Welt träumen. Was für eine Wohltat, sich nicht mit Weltuntergangsszenarien zu beschäftigen. Wann war man eigentlich zum letzten Mal gelöst und frei? Was also tun, um dieser Negativität entgegenzuwirken? Richtig, ab in den Urlaub mit dem Ziel: Weg von hier! Es ist der Durst nach Erholung vom Alltag, das Verlangen nach einer anderen Umgebung, einer anderen Kultur und der Heißhunger nach Gemächlichkeit, die wir zu Hause oftmals nicht verspüren. Warum? Termine, Druck, keine Zeit und jeden Tag dieselbe Leier, egal wohin man schaut. Und dann sind da ja noch die Anderen, die mich ständig zumüllen mit „hier ist alles schlecht“, „früher war alles besser“.

Es war einmal … (eine für Märchen, Sagen und Legenden typische Einleitungsphrase mache ich mir zu eigen, geht durch meinen Kopf -) …Sonne auf der Haut, einen Cappuccino, einen kalten Weißwein, einfach einen Grappa oder Aperol-Spritz auf der Hotelterrasse genießen, auf der Menschen lachen und unbeschwert zusammen sind. Das Auge über eine herzerfrischende Landschaft schweifen lassen. Der Musik lauschen, tanzen, spät nachts todmüde ins Bett fallen. Oder: An einem Strand liegen, auf das Wasser schauen, mit dem Gedanken, sich gleich in die Wellen zu stürzen. Das ist Urlaub. Es muss aber nicht immer die „große weite Welt“ sein, in die man eintaucht. Ein Wochenende zusammen mit Freunden verbringen bedeuten meiner Frau und mir sehr viel.

Noch sieht die Realität bei mir ein wenig anders aus, noch hocke ich und schaue auf den Wetterbericht. Regen, Schneeregen, Wind, bewölkt.

Ich hoffe auf baldige Sonne, die die Dunkelheit vertreibt. Ich hoffe auf baldige, unbeschwerte. uneingeschränkte Reisefreiheit.

Bis es aber wieder so weit ist, surfe ich auf Reiseportalen und auf dem Videoportal Youtube. Schaue mir Fotos und Videoclips von meinen früheren Reisezielen an. Auf mich wirken diese Fotos wie ein Kunstwerk in einer Gemäldegalerie. Ich gehe mit meinen Augen spazieren. Bei den Videoclips stelle ich mir vor, träume davon, als wäre ich gerade da und bin die Person, die filmt.

Anatole France, französischer Schriftsteller (1844-1924) und Literatur-Nobelpreisträger (1921) formulierte

 

„Das Leben wäre unerträglich, wenn wir nie träumten.“

 

Ich bin fest davon überzeugt: Besser kann man es nicht ausdrücken. In dieser Zeit wohl dem, der träumen nicht verlernt hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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