Wolfgang Hoor

Eine gute Tat

 

Eine gute Tat

  1. ein Tier in Lebensgefahr gerät, muss man es retten. Zum Beispiel: Man lässt keine Wespe in der Limo ertrinken. Hans selbst hatte schon einmal eine Wespe aus seinem Glas gerettet, und das, obwohl er erst kürzlich von einer Wespe gestochen worden war. Er mochte nicht zusehen, wie ein Lebewesen ertrinkt. Das Ertrinken ist furchtbar. Als er klein war, vier Jahre vielleicht, war er einmal fast in der Weser ertrunken und war von seiner Schwester gerettet worden. In der Familie erzählen sie immer davon, und daran dachte er auch, als er die Wespe rettete.

Als er im dritten Schuljahr war, fuhr er mit allen dritten Klassen hinaus auf ein großes Kartoffelfeld. Sie bekamen den Auftrag, sie sollten Kartoffelkäfer einsammeln, die würden die Kartoffelfelder leer fressen und dann hätte man später nicht mehr genug zu essen. „Und was passiert mit den Kartoffelkäfern, die wir fangen?“ – Hans wunderte sich, dass seine Klassenlehrerin ihm keine Antwort gab. Das Einsammeln der Kartoffelkäfer war eine sehr anstrengende Sache. Man bewegte sich kniend von einer zur anderen Pflanze, und wenn man nicht aufpasste, schürfte man sich die Knie auf.

Die Kinder hatten große Schachteln bekommen, in die sie die Kartoffelkäfer tun mussten. Es gab richtig viele Käfer.[B1] Sie sahen vornehm aus. Sie hatten nämlich gestreifte Flügel, es sah aus, als wären sie Damen und gingen zu einem Ball. „Das wird für euch ein fantastischer Ball werden“, sagte Hans zu den Käfern, die er fand. „Ihr dürft gleich weiterfliegen, nur dürft ihr unsere Kartoffeln nicht kahlfressen.“ Und dann steckte er sich ein paar Kartoffelkäfer in die Hosentasche und stopfte Kartoffelblätter dazu Er wollte sie zu Hause in ein großes Glas tun und sie zu seinen Haustieren machen.

Als die beiden Schulstunden für die Kartoffelkäferjagd vorbei waren, wurden die Kinder zusammengerufen. „Hier in die Tonne schüttet ihr die Käfer“, sagte ihnen ihre Klassenlehrerin. Auf dem Boden der Tonne war trockenes Reisig. Bald war der Boden der Tonne mit Käfern bedeckt und es kamen immer mehr und mehr dazu. „Ihr wisst, dass die Käfer schlimme Schädlinge sind, die die Kartoffelernte vernichten könnten. Sie sind unsere Feinde. Jeder Käfer, der überlebt, könnte Eier legen und es könnte mit diesen Schädlingen weitergehen. Sie müssen alle vernichtet werden.“

Und dann ließ ihre Klassenlehrerin ein brennendes Scheit in die Tonne fallen und das Reisig fing Feuer und brannte lichterloh und mit ihm verbrannten die Käfer und es roch ganz schrecklich. Ein paar Jungen klatschten, ein paar flüchteten vor dem Gestank, und Hans musste darauf achten, dass niemand seine Tränen sah. Sie hatten doch bei ihrer Klassenlehrerin gelernt: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“ Und die Lehrerin, die ihnen das beigebracht hatten, verbrannte Hunderte und Hunderte lebende Käfer und Verbrennen war ein schrecklicher Tod! Hans wusste das, weil er sich einmal am Zeigefinger verbrannt hatte, und die Schmerzen hatte er kaum aushalten können.

Aber er hatte ja ein paar gerettet. Das war bestimmt eine gute Tat. Er steckte unauffällig die Hände in seine Taschen und spürte, wie sie an seinen Fingern hin- und herkrochen. Das fand er schön und lustig. Er überlegte, wem er erzählen könnte, was für eine große Rettungstat er geschafft hatte. Seiner Mutter konnte er es nicht sagen, die dachte bestimmt sofort daran, dass die Kartoffeln jetzt teurer werden würden. Und sein Papa würde bestimmt auf der Seite der Lehrerin stehen und nicht dulden, dass die geretteten Kartoffelkäfer zu Hause in einem Glas durchgefüttert würden. Also wer sollte ihm helfen?

Da dachte er an seinen Pfadfinderführer, den Klaus, bei dem sie jede Woche eine Wölflingsstunde hatten, und der hatte ihnen beigebracht, dass sie jeden Tag eine gute Tat begehen sollten. Die Rettung von Käfern war bestimmt eine gute Tat. Gut, dass sie heute eine Wölflingsstunde hatten, da würde er, der Hans, endlich mal richtig im Mittelpunkt stehen, und dem Klaus und den anderen Wölflingen würde bestimmt was zur Rettung der Kartoffelkäfer einfallen. Er besorgte sich zu Hause heimlich ein großes Glas, bohrte Löcher in den Deckel, damit die Käfer atmen könnten, tat die Käfer – es waren fünf – mit den Kartoffelblättern hinein und versteckte das Glas in seinem Schulranzen.

Den ganzen Tag hatte Hans ein gutes Gefühl. Eine gute Tat lässt alles, was man tut, in hellem Licht erstrahlen, hatte ihnen Klaus beigebracht. Und es stimmte. Während er die Käfer in seinem Schulranzen krabbeln hörte, gelang ihm bei den Hausaufgaben das Schreiben besser als sonst. Er machte keine Fehler und musste nichts durchstreichen. Auch beim Rechnen half seine gute Tat. Er musste nicht wie sonst ein paarmal aufstehen und aus dem Fenster sehen, er kam schneller als sonst zu den Lösungen und war früher als sonst fertig. Später schaute sein Vater seine Hausaufgaben nach. Er hörte Gott sei Dank die Käfer nicht, war erstaunt, dass sich Hans kein einziges Mal verschrieben hatte, und sagte freundlich: „Du machst Fortschritte.“

Am Abend sauste er mit den Käfern in seinem Ranzen zur Wölflingsstunde. Zunächst sollten die Wölflinge immer erzählen, was sie in der letzten Zeit erlebt hatten, und da zeigte Hans sein Glas mit den Kartoffelkäfern vor und erzählte, wie Tausende Kartoffelkäfer ermordet worden waren und wie er die fünf Käfer gerettet hatte. Da von den Wölflingen niemand beim Käfersuchen dabei gewesen war, strahlte seine Tat jetzt in ganz hellem Licht. Da hatte der Hans die Käfer aus dem Feuer gerettet, das all die anderen umgebracht hatte, und er hatte sich geweigert, sie wieder ins Feuer zu werfen und hatte eine schlimme Strafarbeit auf sich genommen, und jetzt habe er die Käfer mitgebracht, um sie endgültig zu retten.

Die gute Tat strahlte so hell, dass die anderen Wölflinge klatschten und sagten, das sei nun mal wirklich eine gute Tat gewesen. Nur der Wölflingsführer sagte nichts. Er dankte dem Hans mit knappen Worten, und die guten Taten der anderen hatte Hans schon hundertmal gehört. Da hatte der Fritz einer Dame geholfen, über die Straße zu kommen, und Armin hatte dem quengelnden Bruder keine Ohrfeige gegeben. Das waren alles Sache, die man bei jedem Wölflingstreffen hörte, und Armin, der seinem Bruder keine Ohrfeige gegeben hatte, der hatte keinen Bruder. Die gute Tat von Hans überglänzte den ganzen Abend alle anderen guten Taten.

Am Ende der Wölflingsstunde fragte Klaus, ob er das Glas mit den Kartoffelkäfern haben dürfe. Er würde schon für die Käfer sorgen. Am Abend nach so einer guten Tat war Hans gnädig und gab das Glas her, obwohl er sich eigentlich gedacht hatte, er könne eine Bande „Gegen das Verbrechen am Kartoffelacker“ gründen.

Und später war nie mehr von den Kartoffelkäfern und ihrer Rettung die Rede. Ein paar Tage schwebte Hans noch ein bisschen im Licht seiner guten Tag, dann kam wieder der Alltag. Es strahlte nichts mehr, die Hausaufgaben enthielten wieder mehr Fehler und durchgestrichene Wörter, die Schrift wurde wieder flüchtig, Der Vater schüttelte wie früher den Kopf und sagte: „Wer weiß, ob aus dir noch was wird?“

„Und was ist aus meinen Kartoffelkäfern geworden?“, fragte Hans viel später seinen Wölflingsführer. „Ich hab einmal nicht aufgepasst, da sind sie alle fortgeflogen“, behauptete der Klaus. Hans nickte und dachte: So ist es auch mit den guten Taten. Irgendwann fliegen sie davon und niemand denkt mehr an sie.

 

 

 

[B1]

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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