Monika Litschko

Sultan del Arabika Teil 8

 

Lia die Botin

Die Seehexe saß in ihrem Wasserschloss auf einem Steinthron, und da alle Wände ihres Palastes aus Glas waren, konnte sie dem Treiben im Sees zuschauen. Kleine Fische schwammen vorbei und die Algen bewegten sich wie im Tanz hin und her, als würde ein unterirdischer Wasserwind sie bewegen. Alexandra dachte an das gestrige Geschehen. An die grässliche Paula und an die gesegneten Helfer. Bitua das Kind in der Luftblase, schwebte vorbei und winkte ihr zu. Alexandra hob die Hand und lächelte. Das mystische Kind war ihr sehr ans Herz gewachsen und sie liebte Bitua wie eine Tochter. Selten wurde der Friede des Sees und des Waldes gestört, denn Bitua beobachtete immer aufmerksam die Umgebung. Ihr Gehör war so fein, dass sie sogar unter Wasser Besucher oder andere Geräusche wahrnehmen konnte.

Der Glasbrunnen, der unten an den Stufen, die zu ihrem Thron führten, stand, plätscherte plötzlich laut und geräuschvoll. Sie verließ ihren Platz und ging nach unten. Neugierig schaute sie in den Brunnen und sah Evulon, der erleichtert ausatmete, als er sie sah. „Da bist du ja, Alexandra.“
„Was kann ich für dich tun, mein Guter?“
„Alexandra, ihr müsst aufpassen, Paula hat Kalli, die Pferde und den Wald verflucht. Ich befürchte, die dunklen Mächte des Waldes werden bald erwachen. Sie wollte den Fluch nicht zurücknehmen. Du weißt, was das bedeutet. Der Fluch wird alle treffen. Wir reden hier von Millozart und nicht von einem gewöhnlichen Wald.“
Alexandra erschrak. „Das kann nicht wahr sein. Bist du dir da sicher?“
„Ja, es ist so, wie ich es dir gesagt habe. Passt gut auf. Du musst sie vor den dunklen Mächten warnen.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann“, versprach Alexandra.
„Ich werde bei euch sein“, sagte Evulon. „Wann immer du mich brauchst, ich werde zur Stelle sein.“
„Evulon, ich werde alles tun, um sie zu schützen. Nur jetzt muss ich nachdenken.“

Alexandra war verzweifelt. Die dunklen Mächte des Waldes, würden eine unsichtbare Bedrohung für alle werden. Seit hunderte von Jahren schliefen die Laubdämonen, nun konnte es sein, dass sie geweckt wurden und wieder zuschlugen. Das Böse, hatte das Böse frei gelassen. Sie wusste, dass die kleine Truppe bei anbrechender Dunkelheit wieder in den Wald ziehen würde, um ihre Suche fortzusetzen, doch dieses durfte nicht geschehen. Und so murmelte sie einen Zauberspruch, der bald Wind, Donner und Blitz bringen würde. „Wind, Donner und Blitz, vereint euch. Akinom, Giul, Beledot.“

Die Umgebung des Waldsees verdunkelte sich schnell und das Wasser wurde unruhig. „Der erste Schritt ist getan“, sagte Alexandra, „weitere können folgen.“ Alexandra wünschte, der Traumkobold würde sich noch einmal zu ihr träumen. Da die Seehexe kein Land betreten durfte und die Gabe des Traumkoboldes nicht besaß, beschloss sie ihre Botin Lia auszuschicken, denn diese konnte den See verlassen. Alexandra rief nach Lia und gemeinsam traten sie vor den Brunnen. „Geist des Wassers“, flüsterte die Seehexe, „zeige mir wo der Traumkobold zu finden ist.“ Wellen bildeten sich auf der Wasseroberfläche und zeigten ein unklares Bild. „Zeige mir mehr.“ Die Wellen beruhigten sich und gaben den Blick auf ein kleines Haus mitten im Wald frei. Es strahlte so viel Gemütlichkeit und Wärme aus, dass Lia zufrieden seufzte.
„Geist des Wassers, verbinde dich mit Lias Seele und weise ihr den Weg zu Benuar“, sagte Alexandra mit fester klarer Stimme. „Mache dich auf den Weg, Lia. Sage Benuar, dass ich sie alle morgen bei anbrechender Dunkelheit hier an meinem See erwarte. Auch die Mädchen. Ich werde sie mit dem unantastbaren Zauber Abemaids belegen. Die Glühwürmchen sollen sie ebenfalls begleiten. Ach ja, und sie sollen dicht zusammenbleiben, da Paula die dunklen Mächte des Waldes mit ihrem Fluch geweckt haben könnte.“
„Ich werde mich sofort auf den Weg machen, Alexandra.“

Lia verließ den See und betrat den Wald. Noch hielt Alexandra das Unwetter über ihrem Waldsee fest. Aber bald schon würde sie es losschicken, damit es nicht zu einem Unheil kam. Die Botin tauchte ein in den Wald Millozarts und schaute sich um. Sie liebte diese wunderbare Ruhe und das satte Grün der Bäume. Aber das Leben im Wasserschloss war auch sehr schön und sie hatte das große Glück, den See verlassen zu können. „Geist des Wassers, sage mir wohin ich gehen muss“, flüsterte sie.

Die Botin war jung und schön. Sie war als Perle in einer Muschel herangereift, wurde dann zu einem Mädchen und als die Muschel sich öffnete, schwamm sie aus dieser und traf Bitua. Diese umfing sie mit ihren Armen und brachte sie zu Alexandra, die sie liebevoll aufzog. Sie weihte Lia in die Geheimnisse Millozarts ein und ließ sie umherstreifen, damit sie jeden Winkel des Waldes kennenlernte. So wurde sie zur Botin der Seehexe, die deren Nachrichten überbrachte. In ihren himmelblauen Augen funkelte das Licht jeden einzelnen Sonnenstrahls, der die Erde berührte und die Ruhe, die sie ausstrahlte, schenkte Mensch und Tier Geborgenheit. Mit einer Hand strich sie eine lange braune Haarsträhne aus der Stirn und schaute einem Reh hinterher. Was flüsterte denn da? Lia hielt kurz den Atem an und lauschte. „Lia, du musst einfach nur weitergehen“, hörte sie die Stimme des Wassergeistes, die sich anhörte wie ein leiser, sprudelnder Quell. „Ich sage dir, wenn es an der Zeit ist abzubiegen.“ Lia verstand und setzte ihren Fußmarsch fort. Eine geraume Weile ging sie tief in den Wald hinein und erfreute sich an seiner üppigen Vegetation. „Du musst nun nach links abbiegen. Folge dann dem Pfad, der zu einem sehr alten Baum führt.“ Lia betrat den Pfad, der links neben ihr auftauchte. Wieder musste sie einige Zeit laufen, bis sie auf einen riesigen, uralten Baum traf. „Und nun? Was soll ich jetzt tun?“
„Sein Name ist Edwin. Rufe seinen Namen und bitte ihn, sich für dich zu öffnen. Sage ihm, dass die Seehexe dich schickt und dass du eine Nachricht für den Traumkobold hast. Den weiteren Weg wirst du allein finden. Denn wenn du das Tor durchschritten hast, führen alle Wege zum Haus des Traumkobolds.“ Lia stellte sich vor den mächtigen Baum und rief seinen Namen. „Edwin ich bitte dich, öffne dein Tor für mich. Die Seehexe schickt mich, damit ich dem Traumkobold eine Nachricht überbringe.“ Es dauerte ein bisschen, aber dann knarrten die Äste des alten Baumes und das Laub in den Zweigen raschelte laut. Die Botin warf einen Blick nach oben und sah in der Rinde des Stammes, das Gesicht eines alten Mannes, der verschlafen die Augen öffnete. „Was weckst du mich?“, donnerte er mit lauter Stimme. „Schon lange hat niemand mehr meinen Namen gerufen.“
„Mein Name ist Lia und ich bin die Botin der Seehexe Alexandra. Sie schickt mich, damit ich dem Traumkobold eine wichtige Nachricht überbringe!“, rief sie ihm zu. Der alte Baum schien zu überlegen. „Warte, ich versuche mich zu erinnern“, sagte er und gähnte. „Alexandra sagst du, heißt deine Gebieterin?“ Lia trat ein paar Schritte zurück, damit sie sein Gesicht besser sehen konnte. „Der Geist des Wassers hat mich zu dir geführt.“ Sie wollte so versuchen, ihm bei seinen Erinnerungen zu helfen. „Keine Angst, ich habe mich schon erinnert“, sagte der alte Baum. „Der Geist des Wassers ist ein guter Freund von mir und die Seehexe kenne ich aus seinen Erzählungen. Ich lasse dich jetzt durch das Tor gehen. Wenn du zurückwillst, klopfe dreimal gegen meinen mächtigen Stamm, dann öffne ich dir wieder.“ Lia war beeindruckt von dem gutmütigen alten Baum. Sie bedankte sich bei ihm für seine Hilfsbereitschaft und winkte ihm noch einmal zu. „Tritt zurück, Mädchen!“, rief Edwin. Dann teilte sich sein mächtiger Stamm in der Mitte und bildete ein Tor. „Geh jetzt!“ Lia schritt durch das magische Tor und betrat Benuars Traumland. Mit einem lautem knarren schloss der alte Baum das Tor und schlief wieder ein.

Benuars Traumland sah aus wie der Wald, aus dem sie gekommen war, nur heller. Tausende von bunten Blumen wuchsen an den schmalen Wegen und kleine Schmetterlinge tranken von ihrem Nektar. Lia entschied sich für eine Richtung und setzte ihren Weg fort. Ein lautes Surren, ließ sie innehalten. Was war, dass nur? Surr, surr, tönte es hoch über ihrem Kopf. Lia blickte in den Himmel und sah einen kleinen Jungen, der nicht größer wie ihre Handfläche war. “Surr, surr, wer bist du denn?“, fragte er und schwirrte um sie herum. „Mein Name ist Lia. Und wer bist du?“
„Mein Name ist Ebelinus Schnatterkuss“, antwortete der kleine Flattermann und setzte sich auf eine Sonnenblume. „Das ist ja ein interessanter Name“, antwortete Lia und betrachtete den kleinen Flattermann näher. Seine Augen blickten sie verträumt an, dabei wackelten seine kleinen Öhrchen aufgeregt nach vorne und hinten. Er trug rote Kleidung, die so winzig war, dass man sie sich eher an einer Puppe vorstellen konnte. „Also, Ebelinus Schnatterkuss, kannst du mir sagen, wie ich zum Traumkobold komme?“
„Zu Benuar? Ja, das kann ich“, antwortete er. „Aber du bist ja schon da. Weißt du nicht, dass alle Wege zum Traumkobold führen? Du musst nur an ihn denken. Probiere es doch einmal.“ Lia schloss die Augen und dachte an Benuar. „Jetzt öffne deine Augen!“, rief Ebelinus. „Mach schnell!“. Und tatsächlich, vor einer Lichtung, stand plötzlich ein kleines Holzhaus. Es wirkte gemütlich und lud zum Einkehren ein. „Wenn du da bist, musst du ihn rufen“, sagte Ebelinus. „Nun rufe ihn schon, Lia.“ Lia erreichte Benuars Haus mit ein paar Schritten und betrachtete es näher. Bunte Gardinen hingen an den Fenstern und kleine Blumenkästen auf den Fensterbänken, vermittelten Sommer, Sonne und Wärme. „Benuar!“ rief sie zaghaft. Aber in dem Häuschen regte sich nichts. „Da musst du schon lauter rufen“, sagte Ebelinus. „Wenn der Traumkobold träumt, dann wird er so schnell nicht wach.“ Also gut, dachte Lia und holte tief Luft. „Ich rufe Benuar den Traumkobold. Bitte erwache für mich aus deinen Träumen.“ Ebelinus Schnatterkuss war beeindruckt. „Also, wenn er davon nicht wach wird, dann kann er nur nicht zu Hause sein“, sagte er anerkennend.

In dem kleinen Haus polterte es plötzlich. Dann schimpfte jemand und endlich öffnete sich die Tür. „Also, wenn ihr jetzt keinen guten Grund habt mich zu wecken, dann schicke ich euch einen Alptraum“, schimpfte der Traumkobold. „Bist du nicht Lia, die Botin der Seehexe?“, fragte Benuar. „Ist etwas geschehen?“ Lia ging zu Benuar und überbrachte ihm Alexandras Nachricht. „Paula hat vielleicht mit einem Fluch die dunklen Mächte des Waldes beschworen. Alexandra möchte, dass du deine Freunde warnst, damit sie heute nicht in den Wald gehen. Morgen, bei Anbruch der Dunkelheit, sollt ihr zum See kommen. Auch die Mädchen, denn Alexandra will sie mit dem unantastbaren Zauber Abemaids belegen. Bis dahin hat sie erfahren, wie weit die dunklen Mächte des Waldes schon aus ihrem Schlaf erwacht sind. Falls sie erwacht sind. Nehmt den ausgetrampelten Pfad zum Wasser. Alexandra wird ihn mit einem Schutzzauber belegen. Zur aller Sicherheit wird sie ein Unwetter losschicken, wenn ich zurück bin. Das wird deine Freunde daran hindern, heute ihre Suche fortzusetzen. Ach ja, und vergesst die Glühwürmchen nicht.“

Benuar ging auf und ab. „Die dunklen Mächte des Waldes, sagst du? Das hat uns auch noch gefehlt. Ich werde Almate holen und mit ihr zu den Tieren gehen. Sage Alexandra, dass wir kommen werden. Und dir sage ich Danke, Lia. Du hast einen weiten Weg auf dich genommen.“ Sie verabschiedeten sich und Ebelinus Schnatterkuss begleitete Lia bis zu dem alten Baum. „Es war schön, dich kennengelernt zu haben“, sagt Lia zum Abschied. Dann klopfte sie an den Stamm des Baumes und ging zurück zum See. Alexandras Plan konnte bald in die Tat umgesetzt werden.

 

Das Unwetter

Emma, die einen Korb mit Leckereien für Kalli bei sich trug, war langsam zurück gegangen, denn sie wollte nicht, dass ihre Oma auf dumme Gedanken kam und ihr noch folgte. Erst als sie außer Reichweite war, gab sie Gas.
Samira wartete schon auf sie. „Komm, steig schnell auf, nicht das Kalli noch verhungert“. Im Galopp trabten sie die Wiese hoch. „Samira, wie war es denn gestern? Habt ihr die Purrisander gesehen?“
„Nein, leider nicht“, antwortete sie niedergeschlagen. „Aber wir werden euch gleich alles erzählen.“

Oben angekommen, sprang sie gleich von Samiras Rücken. „Hallo Kalli, kannst du mir den Korb bitte mal abnehmen?“ Kalli nahm ihr den riesigen Korb ab und stellte ihn neben sich. „Das ist alles für dich Kalli. Setze dich doch irgendwo hin und frühstücke.“ Kalli konnte es nicht fassen. So viel leckere Dinge, lachten ihn da an. „Und dass ist wirklich für mich?“ fragte er lieber noch mal nach. „Also, dann setze ich mich einfach ins Gras und frühstücke. Lauf schnell, Emma, sonst verpasst du noch was.“

„Kommt hierher!“, hörten sie Sultan rufen. „Kalli kann essen und wir erzählen euch, was wir erlebt haben. „Super Idee“, freute sich Emma und ging zu Lilly. „Na Lilly, hast du keine Angst mehr?“ Lilly, die neben Baron lag, wippte mit den Füßen. „Nein“, antwortete sie, „sollte ich etwa? Nonsens, Sultan hat mir gesagt, wie es ist. Ich habe keine Angst mehr.“ Emma setzte sich neben Lilly und kitzelte sie. „Ich würde dich doch nie veräppeln.“
„Verpferdeäppeln?“ grunzte die bekannte Stimme Beppos. Sie würde dich nie verpferdeäppeln, das musst du ihr glauben.“ Beppo hatte sich mal wieder an sie herangeschlichen und niemand hatte es bemerkt. Aber heute störte sich komischer Weise niemand daran.
„Lilly, das ist Beppo“, stellte Quasselstrippe den frechen Rüsselmann vor. Auch vor ihm musst du keine Angst haben. Er ist ein harmloses kleines Wildschwein.“
„Ein harmloses kleines Wildschwein, bin ich?“, grunzte Beppo und seine Augen blitzen wütend. „Was bist du denn dann? Eine alte Stute, die Rededurchfall hat?” Quasselstrippe war geschockt. „Beppo“, stotterte sie, „gestern hast du noch ganz anders geredet.“
„Gestern spielte auch die schöne Geigerin und verzauberte meine Sinne. Aber es war nicht so gemeint,“ nuschelte er verlegen, denn er hatte bemerkt, dass Quasselstrippe sehr beleidigt war. „Wenn ihr jetzt fertig seid“, mischte sich Sultan ein, kann ich ja anfangen, Emma und Lilly alles zu erzählen. Also, wir sind in den Wald gegangen, um die Purrisander zu suchen. Almate die Waldkönigin und Benuar der Traumkobold haben uns begleitet.“ Sultan del Arabika erzählte und erzählte. Emma und Lilly hörten gebannt zu, so spannend war die Geschichte. Dass es auch eine Seehexe gab, die eine Wasserpeitsche besaß, machte Sultans Erzählung noch aufregender. „Tja, und heute werden wir wieder in den Wald gehen und weitersuchen. Hoffentlich hat Almate die Flüsterkatze Madala gefunden.“
„Und heute können wir mit euch gehen“, sagte Emma aufgeregt. „Oma Lenchen schläft bei den Nachrichten immer ein. Bis zum frühen Morgen merkt sie dann nichts mehr.“
„Nicht heute und nicht morgen, meine Kleine“, antwortete Sultan. „Die Verantwortung ist einfach zu groß. Wenn euch beiden etwas zustößt, was dann?“ Mit einem wütenden Menno, machte Emma sich Luft. So sauer war sie. „Die gefährliche Paula ist doch verschwunden“, hakte Lilly schnell nach. „Da kann uns doch nichts Schlimmes zustoßen. Wir wollen euch doch nur helfen, die Purrisander zu finden“. Melchior, dem Emma und Lilly leidtaten, ergriff Partei für die Beiden. „Das stimmt“, sagte er. „Paula kann niemanden mehr schaden. Der Wald ist ein Freund, nicht ein Feind.“
„Okay, okay“, schnaufte Sultan. „Aber wehe, deine Oma taucht auch noch hier auf.“
„Im Nachthemd“, sagte Emma und lachte. „Und natürlich hat sie auch ihr Haarnetz auf, aber wenn wir Pech haben, trägt sie ihre Hundepantoffeln dazu.“ Alle wie sie dastanden, starrten Emma und Lilly an. Dann schallte ihr lautes Lachen bis in den Wald hinein.

„Lustig, lustig trallalala.“ Amber und Thaddäus, die vor dem Zaun standen, schauten verständnislos zu ihnen rüber. „Haben wir etwas verpasst“, fragte Thaddäus. „Ja, warum lacht ihr so laut?“ lispelte Amber neugierig. Baron erzählte ihr von Emmas Vorstellung und schüttelte sich noch einmal vor Lachen. „Also Emma“, sagte nun auch Amber lachend, „deine arme Oma, wenn sie das wüsste. Und wo ist Kyrala schon wieder? Wir wollten doch alles noch mal besprechen. Hm, sie wird wirklich alt.“
„Ich komme immer zur richtigen Zeit, meine Lieben!“, rief Kyrala. Sie flatterte auf einen Ast und nahm ihre wahre Gestalt an. „Wir alle werden älter, meine liebe Amber“, schimpfte sie und zupfte ihr Kleid zurecht. „Und wir weißen Vampire werden nun mal unendlich alt. Also bin ich mit meinen zweihundert Jahren noch ein junges Huhn.“ Thaddäus reckte sein Geweih in den Himmel und schaute Kyrala schelmisch an. „Das hat Amber nicht so gemeint“, antwortete er, ohne zu zögern, und blinzelte ihr zu. „Aber Hühner können wir nicht auch noch gebrauchen.“
„Dann will ich dir mal glauben, auch wenn das mit den Hühnern nicht gerade passend war“, sagte die weiße Vampirin versöhnlich und setzte sich auf einen Baumstumpf. „Das Eulendasein ist auch nicht mehr das, was es mal war. Mir schmerzen die Arme.“
„Du Arme, aber bleibt es dabei, dass wir bei Einbruch der Dunkelheit unsere Suche fortsetzen werden?“ fragte Amber. „Ich bin schon so aufgeregt, das war unheimlich spannend gestern.“ Thaddäus seufzte. Warum hatte Amber Angst, wenn sie über Zäune zu springen sollte, aber in einem dunklen Wald herumzuirren, machte ihr Spaß? Manchmal verstand er sie nicht. „Ich glaube nicht“, antwortete Kyrala. „Es zieht ein Unwetter auf und wir werden bis morgen warten müssen. Schaut mal nach oben, da ist es schon.“ Elf Köpfe und zweiundzwanzig neugierige Augen starrten nun in den Himmel. Emma und Lilly waren enttäuscht. „Auch das noch“, quengelte Emma. „Gerade heute. Also ihr könnt machen, was ihr wollt, wir werden morgen mit euch gehen. Da kann kommen, was will.“ Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust und wartete auf einen Kommentar, der aber nicht kam.

Die Wolken über ihnen wurden immer dichter und schwärzer. Dazu wehte schon ein leichter Wind, der erahnen ließ, wie heftig es werden würde, wenn seine volle Kraft sich entfaltete. „Macht schnell, steigt auf meinen Rücken. Ich bringe euch nach Hause“, befahl Sultan den Mädchen. „Ihr anderen begebt euch zum Stall.“ Emma und Lilly stiegen enttäuscht auf. Mit dem Unwetter war nicht zu spaßen, das merkten sie. Der Abend würde langweilig für sie werden und das ärgerte die Mädchen. Sultan del Arabika rannte los. „Emma, morgen könnt ihr mit uns gehen“, sagte er ruhig. „Aber ich wusste nicht, dass du so ein Sturkopf sein kannst.“
„Sturkopf, das ist gut und passt zu Emma“, sagte Lilly. Emma dreht sich zu Lilly. „Ich glaube, du willst auf dem Dachboden schlafen“, antwortete sie leicht pikiert. Mittlerweile zuckten die ersten Blitze über den Himmel und der Wind wurde immer heftiger. Sultan brachte die Mädchen zum Gatter und sah ihnen nach, bis sie sicher am Haus angekommen waren. Er wieherte einmal und im wilden Galopp jagte er zurück.

„Na, ihr zwei“, empfing Oma Lenchen die Mädchen. „Da kommt wohl ein Unwetter auf uns zu. Ist auch schon achtzehn Uhr“, versuchte sie Emma und Lilly zu trösten. Zeit, dass ich langsam Abendbrot mache. Wascht euch schon mal.“
Oma Lenchen hatte fast alles aufgefahren, was ein Kühlschrank so hergeben konnte. Wurst, Käse, Joghurt, gebratene Eier mit Schinken und aufgebackene Brötchen. „Wie war denn euer Picknick?“, fragte sie Emma. „Hat es euch geschmeckt?“ Lilly schaute Emma fragend an und bekam dafür einen Fußtritt von ihr. „Ja, alles ist ratzeputz weg“, antwortete Emma schnell, bevor Lilly etwas Falsches sagen konnte. „Es hat Spaß gemacht. Bei den Pferden ist es aber auch sehr schön.“
„Sind eure Schulfreunde auch rechtzeitig nach Hause gegangen?“, hakte Oma Lenchen nach. „Nicht dass sie von dem Unwetter überrascht werden.“

„Ach Omi, die sind schon bei den ersten dunklen Wolken verschwunden. Das sind alles Schisser.“ Oma Lenchen war zufrieden. „Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen einen Fernsehabend machen?“, schlug sie den Mädchen vor. „Mit Chips und Salzstangen.“ Emma griff nach Omas Hand. „Wärst du sehr böse, wenn wir auf mein Zimmer gehen? Wir wollen uns noch etwas erzählen und ein paar Spiele machen“, sagte sie mit einem ziemlich schlechten Gewissen. Aber wie immer war Oma Lenchen nicht böse. „Tja“, sagte sie nur, „dann kann ich ja gucken, was ich will. Und was das für eine Ruhe sein wird, wenn nicht ewig zwei gackernde Mädchen das Fernsehprogramm stören.“

Emma und Lilly halfen Oma noch in der Küche, dann rannten sie die Stufen hoch und schmissen sich auf Emmas Bett. „Schade, dass wir nicht auch mit zum Stall durften“, sagte Lilly „das wäre bestimmt schön gruselig geworden. Wenn der Sturm heult und die Blitze zucken.“ Emma zuckte mit der Schulter. „Sicher, spätestens dann, wenn Oma Lenchen mit der Polizei da aufgetaucht wäre. Man dann hätten wir Spaß gehabt.“ Sie öffneten das Fenster und blickten zur Weide. „Sie sind im Stall“, sagte Emma beruhigt. „Ich kann mir das richtig vorstellen, wie sie eng aneinander gekuschelt im Heu liegen, und beratschlagen, wie wir morgen vorgehen werden.“ Ein heftiger Sturm tat sich auf und in der Ferne hörten sie weiteres Donnergrollen. „Hui“, flüsterte Lilly, „bald geht es los. Sollen wir das Licht ausmachen und eine Kerze anzünden?“
„Willst du, dass mein Vater mich eine Woche an den Marterpfahl bindet?“, frotzelte Emma und öffnete ihren Schrank. „Hier, das sind elektrische Kerzen. Sie haben eine Batterie und sind genauso gut.“ Sie kramte vier aus dem Fach, stellte zwei auf die Fensterbank und zwei auf den Nachttisch. „Sollen wir uns noch etwas zum Naschen holen?“, schlug Emma vor. „Dann sehen wir auch, ob Oma schon schläft.“ Leise, wie zwei Indianer auf dem Kriegspfad, schlichen sie nach unten. Auf Zehenspitzen tippelten sie zum Wohnzimmer und warfen vorsichtig einen Blick hinein. Oma Lenchen hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und schaute schon ziemlich angestrengt in die Röhre. „Na, ihr zwei“, nuschelte sie schläfrig „habt ihr es euch doch noch anders überlegt?“ Emma und Lilly setzten sich einen Augenblick zu ihr. „Nein“, antwortete Emma „wir wollten uns etwas zu naschen holen. Aber jetzt bleiben wir etwas bei dir und dann gehen wir wieder nach oben.“ Oma Lenchen freute sich über ihren Sinneswandel und strengte sich noch einmal mächtig an, aber ihre Augen wollten nicht aufbleiben. Emma zwinkerte Lilly zu und nickte mit dem Kopf in Omas Richtung. Es war nur noch eine Frage von Minuten, dann würde ihre Oma laut schnarchen und erst gegen morgen wieder die Augen öffnen. Fünf Minuten später war es so weit. Oma Lenchen schnarchte leise vor sich hin. „Nur den Fernseher nicht ausmachen“, flüsterte Emma, Lilly ins Ohr. In der Küche fanden sie jede Menge Naschereien. Sie füllten eine Plastikschüssel bis zum Rand und schnappten sich noch eine Saftflasche. „So, jetzt können wir nicht verhungern, falls es eine Sintflut gibt“, sagte Emma. Leise schlichen sie wieder nach oben. Emma schaltete das Licht aus und Lilly die elektrischen Kerzen an. Dann setzten sie sich im Schneidersitz auf Emmas Bett und stellten ihre Naschschüssel zwischen sich. „Ist das schön“, flüsterte Lilly „wie in einem Gruselfilm.“ Ein heller Blitz zuckte über den Himmel ließ die Mädchen zusammenschrecken. „Gleich knallt es. Eins, zwei und drei.“ Ein lauter Knall, der immer wieder durchbrochen wurde, ließ die Fensterscheibe ganz schön vibrieren. Emma duckte sich ein wenig. „Puh, der war laut, leise und dann wieder laut.“
„Was würdest du machen, wenn plötzlich Geister durch die Wände kämen?“, fragte Lilly, Emma und zog dabei ein überängstliches Gesicht. „Du meinst, so richtige durchsichtige Menschen?“, fragte Emma atemlos. „Menschen, die vielleicht vor langer Zeit hier gewohnt haben? Tote Menschen?“ Emma und Lilly schauten sich vorsichtig um und es lief ihnen eiskalt über den Rücken. Aber gerade, weil es in diesem Moment so unheimlich war, erschuf sich eine knisternde Situation. „Sie wohnen noch hier, doch sie wissen nicht, dass sie schon lange tot sind“, philosophierte Lilly weiter. „Jetzt brauchen sie unsere Hilfe.“ Emma steckte sich ein Stück Schokolade in den Mund. „Und wie soll die aussehen?“, fragte sie kauend. Lilly schob sich nah an Emma heran. „Weißt du was wir dann machen müssen?“, flüsterte sie Emma ins Ohr. Emma schüttelte den Kopf. „Dann sage ich es dir“, flüsterte Lilly mit knurrender Stimme. „Wir machen Durchzug und Schwups, sind diese grässlichen toten, maustoten Geister draußen!“, schrie sie laut. Emma, die sich erschrocken hatte, schrie laut auf. „Hast du sie nicht mehr alle?“, fauchte sie wütend. „Mein Herz hätte stehen bleiben können und Oma Lenchen auf.“ Lilly ließ sich rückwärts aufs Bett fallen und wieherte wie ein Pferd. „Das war gut“, prustete sie atemlos. „Bist du sicher, dass du morgen Abend mit in den Wald willst? Dort ist es erst recht gruselig." Als Emma sich auf Lilly stürzen wollte, klopfte jemand an die Fensterscheibe. Die Mädchen erstarrten und schauten sich ängstlich an. „Das hast du nun davon“, sagte Emma mit zitternder Stimme. „Da sind sie schon. Lieber Gott, hilf uns. Haue den Geistern was über die Rübe und schaffe sie von hier fort“, betete sie laut. Doch es klopfte wieder und wieder. „Öffnet mir doch“, rief ein zartes Stimmchen. „Ich bin es, Almate.“
„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Emma unsicher. „Kann ein Geist die Stimme verstellen? Ich meine, sie haben doch eine Grabesstimme und nicht so eine Puppenstimme.“
„Ich weiß es auch nicht“, antwortete Lilly. „Wir lassen das Fenster zu und schauen einfach durch die Scheibe.“
„Bitte, nun öffnet doch. Ich bin kein Geist, der zu euch spricht. Aber ich bin pitschenass.“

Endlich schlichen Emma und Lilly zum Fenster und schoben die Gardine zur Seite. „Es muss wohl doch die Waldkönigin Almate sein“, sagte Emma erleichtert. „Geister sehen anders aus.“ Sie öffnete schnell das Fenster und ließ Almate hinein. Diese flog an ihnen vorbei und setzte sich direkt auf Emmas Bett. „Wenn ihr so Angsthasen seid, solltet ihr euch keine Spukgeschichten erzählen. Auch wenn ich die Waldkönigin bin, heißt es nicht, dass ich nicht erfrieren kann. Macht es dir etwas aus, wenn ich mich in dein Bett kuschle, um warm zu werden?“ Emma bekam ein schlechtes Gewissen. Wie konnte sie nur so töricht sein und an Geister glauben. Wegen ihr musste Almate so lange im Regen stehen und wurde vielleicht noch krank. „Nein, das macht mir nichts aus“, antwortete sie zerknirscht. „Soll ich dir einen heißen Kakao kochen?“
„Das wäre so lieb von dir“, sagte Almate dankbar. „Hast du denn auch so kleine Tassen? Aber erst einmal ein Handtuch, wenn es geht.“
Emma überlegte. „Sicher, ich habe noch mein altes Puppengeschirr. Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht. Lilly kann dir ein Handtuch besorgen und wo mein Puppengeschirr ist, weiß Lilly auch.“ Almate machte es wirklich nichts aus und Emma schlich in die Küche, um für alle Kakao zu kochen. Dabei schaute sie noch kurz nach Oma Lenchen, die immer noch tief und fest schlief, wie ein Bär im Winterschlaf.

Als Emma den heißen Kakao in eine Kanne geschüttet hatte, schlich sie wieder leise nach oben. „So, da bin ich wieder“, sagte sie und schloss mit ihrem Fuß die Tür hinter sich. Lilly hatte Almate in ein flauschiges Handtuch gehüllt und ihr mit Emmas Kopfkissen eine Art Sessel gebaut. So konnte sie es sich gemütlich machen und entspannt Kakao aus Puppentassen schlürfen. „Hm, dein Kakao ist gut, mir wird warm im Bauch. Ich finde es schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Naja, bis auf eure Gespensterjagd.“
„Wie hast du uns denn gefunden? Hat Sultan dir gesagt, wo ich wohne?“
Almate lächelte. „Nein, nicht Sultan. Du bist Einzige, die mit ihren Eltern hier wohnt, also war es nicht schwer für mich.“ Lilly brannte auch eine Frage unter den Nägeln. „Geht es den anderen gut? Ich hoffe, sie sind bei den Pferden geblieben.“
„Sicher Lilly“, antwortete Almate „sie sind allesamt im Stall. Benuar ist bei ihnen und überbringt ihnen Neuigkeiten, die sich ergeben haben. Neuigkeiten, die ich euch jetzt erzählen möchte, denn es kommt eine große Gewissensfrage auf euch zu.“
„Eine Gewissensfrage?“, sagte Lilly unsicher. „Wie meinst du das?“
„Keine Angst Lilly, so wild, wie es sich anhört, ist es nicht. Soll ich?“
„Ja, stelle uns die Frage“, antwortete Emma gleich für Lilly mit.
Ein schönes Zimmer hast du“, sagte Almate anerkennend. „Diese schönen Poster an deinen Wänden gefallen mir. „Das sind bestimmt bekannte Bands.“
„Ja, aber nur die Bands, die mir gefallen“, antwortete Emma stolz. „Almate, nun frag schon.“
„Also gut“, sagte Almate. „Paula hat einen Fluch ausgesprochen, als Evulon sie auf Nessipa stürzen ließ. Nessipa ist eine rotierende Scheibe im All, auf denen die ausgesetzt werden, die nur Unfrieden in diese Welt bringen. Mit diesem Fluch wird sie die Laubdämonen geweckt haben und die sind wahrlich gefährlich. Vor langer Zeit kämpfte Millozart schon einmal gegen diese Dämonen und gewann den Kampf. Wir glauben, dass sie nun wieder erwachen, aber dann werden sie noch gefährlicher sein. Da Millozart reine Magie ist, nehmen die Menschen nur das wahr, was sie sehen. Aber die andere Welt, unsere, können sie nicht sehen. Die geheime verzauberte Welt. Sie wissen nichts von einer Seehexe, von einem Traumkobold oder mir. Aber besondere Kinder, so wie du Emma, sehen sie. Entschuldige Lilly, du natürlich auch. Die Seehexe hat das Unwetter aufziehen lassen, damit wir nicht in Gefahr geraten. Sie hat den Weg bis zum See mit einem Zauber belegt, so kann uns nichts geschehen. Morgen möchte sie euch mit einem unantastbaren Zauber schützen, damit euch beiden nichts passiert.“
„Und uns wird dann auch nichts passieren?“, fragte Lilly unsicher.
„Der Zauber wird euch schützen, das verspreche ich dir“, antwortete Almate. „Vor den reinen Seelen der Kinder haben die Laubdämonen Angst. Kinder glauben an das Gute und das schwächt sie. Lilly, Emma, egal was ihr seht und hören werdet, glaubt an Alexandras Schutz. Schafft ihr das? Wenn es so kommen sollte, brauchen wir wohl alle Kinder auf der Welt, damit sie uns helfen. Aber noch ist es nicht so weit.“
„Das schaffen wir, nicht wahr Lilly?“
„Ich denke schon, dass wir es hinbekommen. Es ist mir zwar ein bisschen mulmig, aber ich werde tapfer sein. Was sind Laubdämonen?“
„Laubdämonen schlafen unter der Erde“, antwortete Almate. „Einst erhoben sie Anspruch auf den Wald, aber Liliana, meine Mutter, ließ das nicht zu. Ihre Seelen vereinten sich mit dem Laub des Waldes und so erschufen sich ihre Körper. Niemand war mehr sicher vor ihnen. Es wurde ein langer harter Kampf, den wir dank Liliana gewannen. Bis jetzt hat ihr Bannzauber gehalten. Ich fürchte aber, damit ist es nun vorbei. Leider muss ich euch jetzt verlassen, denn ich will die Geigerin Isolde finden und die Flüsterkatze Madala bitten, sie zu überreden, uns zu helfen. Bitte öffnet mir das Fenster, denn das Unwetter hat sich gelegt. Es war nur ein kurzer Besuch, tut mir leid.“ Emma öffnete das Fenster und sie verabschiedeten sich von Almate. Es war ein sehr aufregender Tag gewesen und die Mädchen legten sich schlafen.
„Hoffentlich träumen wir nur schönes“, sagte Lilly und gähnte. „Gute Nacht, Emma.“
„Gute Nacht, Lilly. Ich glaube aber nicht, dass ich einschlafen kann.“
„Ich auch nicht, aber wir müssen.“
Ehe sie sich versahen, schlummerten sie friedlich in ihren Kissen und träumten von den Pferden und dem großen Abendteuer.

 

Das Unwetter hatte sich gelegt und die Schwärze wie eine Decke vom Himmel gezogen. Hier und da funkelten sogar schon ein paar Sterne. Almate flatterte nach Millozart und dachte an Emma und Lilly. „Sultan hat mit Emma eine gute Wahl getroffen und Lilly wird uns auch nicht enttäuschen.“ Sie wand sich geschickt durch die Äste der Bäume. Wo sie die Flüsterkatze wohl finden würde? Leider tauchte sie immer aus dem Nichts auf, wenn Isolde mit ihrem Geigenspiel begann. Noch wehte kein Geigenspiel durch den Wald, also hatte Isolde das Land der Geister noch nicht verlassen. „Wo seid ihr nur“, murmelte Almate und flog zu der Stelle, wo Isolde gestern ihr Geigenspiel begonnen hatte. Sie setzte sich auf den Zweig einer Tanne du wartete geduldig. Die Waldkönigin hoffte, dass Nicole immer an der gleichen Stelle den Wald betrat und mit ihrem Spiel begann. Rehe sprangen durch den Wald, Eichhörnchen kletterten an den Stämmen der Bäume hoch und winkten ihr überschwänglich zu. „Mein Wald“, hauchte sie, „er ist so verzaubert schön. Almate horchte auf. War da nicht ein leises Miauen? Die Waldkönigin breitete ihre pastellfarbenen Flügel aus und schwebte lautlos hinunter zum Waldboden.
„Miau, Miau.“ Da war es wieder. Almate verhielt sich ganz still, als die Flüsterkatze an ihr vorbei streifte.
„Madala“, lockte sie die Katze mit ihrer kindlichen Stimme „Madala habe keine Angst. Ich bin Almate, die Königin des Waldes und brauche deine Hilfe, bitte komme zu mir. Ich weiß, dass du auf Isolde wartest, weil du ihr Geigenspiel so sehr liebst. Aber bitte höre mir kurz zu.“ Die Flüsterkatze schnurrte, aber dann drehte sie sich um und schaute die Waldkönigin an. Madalas Fell war so bunt, wie dass einer Wunschkatze. Ihre Augen strahlten bei Dunkelheit silbrig grün und ihre Schnurrhaare glitzern golden. „Miau“, hauchte sie leise, „was willst du von mir? Ich darf das Geigenspiel nicht verpassen.“
„Komm näher, Madala“, flüsterte Almate. Zaghaft schlich Madala zu Almate. „Miau, Miau, sag schnell was du möchtest“, flüsterte sie ungeduldig und machte einen Buckel. Die Waldkönigin streckte ihre kleine Hand aus und streichelte Madalas weiches Fell. „Madala, hier im Wald verstecken sich kleine Wesen, die unsere Hilfe brauchen. Isoldes Geigenspiel könnte sie aus ihrem Versteck locken. Aber dafür müsste die schöne Geigerin uns begleiten. Du bist die Einzige, die sich ihr nähern darf.“

Almate erzählte mit kurzen Worten was passiert war und bat die Flüsterkatze noch einmal um Hilfe. „Ich bitte dich, sprich mit Isolde“, sagte sie beschwörend. „Wir brauchen sie und dich auch, du wunderschöne Katze.“ Die Flüsterkatze nickte geschmeichelt. „Ich werde es versuchen. Aber versprechen kann ich dir nichts“, antwortete sie. „Isolde ist scheu und so traurig. Die Liebe hat ihr Herz zerbrochen“.
„Ich weiß, Madala. Vielleicht können wir der schönen Geigerin helfen.“ Die Augen der Flüsterkatze strahlten noch heller. „Wirklich? Ich werde mit ihr reden, versprochen. Nun verstecke dich, kleine Waldkönigin. Sie wird gleich das Land der Legenden und Geister verlassen, ich spüre es. Wenn sie mich anhört und bereit ist euch zu helfen, gebe ich dir ein Zeichen. Wenn nicht, bleib da wo du bist.“ Almate versteckte sich wieder in den Zweigen der Tanne und wartete gespannt auf die Geigerin. Sie betete, dass Isolde ihnen helfen würde. Endlich. Wie aus dem Nichts betrat Isolde, Millozart. Sie lauschte mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit, um die Melodie des Waldes in sich aufzunehmen. Als sie die Geige anlegen wollte, schnurrte Madala leise und rieb ihren Kopf liebevoll an Isoldes Beinen. Die Geigerin war erstaunt, aber sie ließ die Geige sinken und kniete sich auf den Waldboden. Liebevoll hob sie Madala auf ihren Schoß und streichelte zärtlich ihr Fell. „Was ist los mit dir?“, fragte sie. „Wie kann ich dir helfen?“
„Miau, Miau. Die Waldkönigin möchte mit dir sprechen, denn sie braucht deine Hilfe. Und vielleicht kann sie auch dir helfen, Manuel zu finden.“ Die Geigerin schluchzte. „Manuel?“, hauchte sie traurig. „Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber wenn es mein Geigenspiel nicht schafft, ihn aus Idas Nebelreich zu führen, wie sollte sie es schaffen?“ Die Flüsterkatze schnurrte und kuschelte sich in Isoldes Arme. „Warum hörst du dir ihren Vorschlag nicht an? Einen Versuch wäre es doch wert. Tue es für die Liebe, Isolde.“ Die Geigerin hob Madala vorsichtig von ihrem Schoß. „Ist sie hier, Madala?“ Die Flüsterkatze nickte. „Ja, sie ist hier. Sie wartet in den Zweigen der Tanne.“ Isolde richtete ihren Blick nach oben. „Kleine Waldkönigin, komm zu mir und erzähle was dich bewegt!“ Dankbar segelte Almate von ihrem Ast. „Sei gegrüßt, Isolde.“
„Sei gegrüßt, Almate. Sag, was kann ich für dich tun? Wie klein du bist“, stellt die Geigerin staunend fest. „Im Land der Legenden leben auch viele kleine Elfen. “Die kleine Waldkönigin lachte. „Klein aber fein. Isolde, hier im Wald verstecken sich kleine Fellbündel, die Purrisander genannt  werden. Sie wurden von einer hässlichen, alten Frau in einem Käfig gefangen gehalten. Ich habe sie zusammen mit dem Traumkobold befreit. Aber sie sind so schnell in den Wald gelaufen, dass wir ihnen nicht folgen konnten und halten sich seitdem in einem Versteck auf, dass wir nicht finden können. Da sie sehr musikalisch sind, dachte ich, dass dein Geigenspiel uns helfen könnte, sie zu finden.“ Der Blick der Geigerin verfinsterte sich. „So hinterhältig war diese Frau? Sie werden Angst haben, die Kleinen. Darum werden sie sich gut versteckt haben.“ Almate nickte. „Ja, so wird es sein. Isolde wir werden versuchen, auch dir zu helfen.“
„Das ist zwecklos, kleine Waldkönigin“, antwortete sie traurig. „Zu lange spiele ich schon gegen den Nebel an und konnte meinen Liebsten nicht befreien.“ Almate schlug aufgeregt mit ihren Flügeln. „Du darfst nicht aufgeben, Isolde“, sagt sie beschwörend. „Wir haben so viele Helfer. Madala, auch du kannst uns helfen. Die Purrisander haben das Gesicht einer kleinen Katze und auch das eines kleinen Bären. Vor dir haben sie bestimmt keine Angst.“
„Miau“, flüsterte Madala, „ich werde euch gerne behilflich sein.“ Dankbar beugte Almate sich zu ihr herunter und streichelte sie.
„Ich werde euch helfen“, sagte nun auch die Geigerin. „Mein Gewissen würde es nicht zulassen, wenn ich, ohne zu helfen in das Land der Legenden zurückkehren würde.“ Das Herz der Waldkönigin überschlug sich vor Freude. „Ich danke dir, Isolde. Könnt ihr morgen, bei anbrechender Dunkelheit, zum Eingang des Waldes kommen? Wir werden Alexandra, die Seehexe aufsuchen?“ Die Geigerin versprach es ihr und eine glückliche Waldkönigin verabschiedete sich von ihnen. „Und nun spiele deine Melodien, Isolde!“, sagte sie aufmunternd und flatterte davon. Lächelnd, aber mit Tränen in den Augen, legte Isolde ihre Geige auf die Schulter und schon bald verzauberten ihre Melodien Millozart. Die Flüsterkatze rollte sich vor ihren Füßen zusammen und schnurrte behaglich.

C Monika Litschko

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