Hans K. Reiter

Regungen und Aufregungen

Im München der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts brachte Blasius der Spaziergänger Auffälliges, Ein- und Zweideutiges oder auch Verschwiegenes zu Papier - das Leben der aufstrebenden Stadt.

In Nürnberg nimmt Egbert Schmitt den alltäglichen Murks oder Murx, wie er sagt, unter die Lupe (... über steten Alltags-Murx und diverse Krisen !_(# III)). Vier Glossen hat er bisher verfasst. Ob eine weitere folgt?


Dieser Hintergrund ist Motor der nachfolgenden Geschichte, die sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte.

 

Hohe kirchliche Würdenträger stehen am Abgrund ihres Wirkens. Politische Eliten sind in ihren Handlungen nicht mehr zu verstehen, rechtslastiges Getümmel etabliert sich, gerade so, als wäre deren Protagonisten der Verstand abhandengekommen.

 

Im Hinterhof der nur mäßig von der einzigen noch funktionierenden Glühbirne im Kandelaber beleuchteten Szene findet sich eine Hand voll halbseidener Gestalten ein. Auf ein Zeichen hin schreiten sie zügig durch eine kaum auszumachende Türe, die diesen Vorgang wechselseitig mit einem bescheidenen Knarzen begleitet.

„Macht den Riegel vor“, bestimmte jemand und betätigte gleichzeitig den Kippschalter rechts an der Holzwand neben der Türe. Taghelles Licht verschaffte augenblicklich einen schmerzhaften Kontrast zur Funzel im Hof. Die Männer scheinen einander zu kennen. Inmitten der ehemaligen Werkstatt steht ein klobiger Tisch, an dem die Männer sich auf einfachen Holzstühlen niederlassen.

In der Nacht zum Samstag gegen vier Uhr früh hob ein gewaltiger Rums die umliegenden Bewohner aus den Betten. Genau genommen handelte es sich um eine erste Erschütterung, Rums, wie Zeugen es beschrieben, und eine kurz darauffolgende Detonation.

Die etwa 15 Minuten später eintreffende Feuerwehr fast zeitgleich mit einer Funkstreife der Polizei mussten zuerst die vor Ort versammelten Leute zurückdrängen, bevor sie ein Bild des Geschehens erfassen konnten.

Ein schwerer Geländewagen war in die Vorderfront der Bank gerast. Zwei Geldautomaten im Vorraum der Bank wurden fachmännisch gesprengt, die Geldkassetten entwendet.


Nur zwei Tage später, an einem anderen Ort und wieder in den Morgenstunden, verschafften sich Diebe auf ganz ähnliche Weise Zutritt zu einem Juweliergeschäft. Brachial werden Vitrinen und Schränke mit schwerem Werkzeug aufgehebelt, teure Schmuckstücke und Uhren gestohlen.


Die Polizei arbeitete auf Hochtouren, bisher jedoch ohne Erfolg. Der Daten- und Informationsaustausch zwischen den zuständigen Polizeibehörden benötigt Zeit. Der erste Raubzug fand in Baden-Württemberg statt, der zweite in Bayern. Stunden- und tagelang wussten die Beamten nicht mehr, als in den Zeitungen stand.

Die Behörden in Ulm und Neu-Ulm wunderten sich nicht, für sie gehören derlei Unzulänglichkeiten zum Tagesgeschäft. Allerdings, das muss hinzugefügt werden, erfolgten die beiden geschilderten Raubzüge nicht in den genannten Städten.


Als endlich ein überregionaler Zusammenhang der Ereignisse nicht mehr zu leugnen ist, kommt Bewegung in die Sache.

Eine gemeinsame Ermittlungskommission (Task Force) fördert Erstaunliches zutage.

Eine Gemeinsamkeit wird in der skrupellosen Durchführung gesehen.

Es wären keine Einzeltäter. Dahinter müsse eine Organisation stecken, wird vermutet. Nein, mehr als das, es wird als unverrückbare Tatsache hingestellt.

Fakten stützen diese kühne Festlegung nicht, denn, mit Ausnahme der objektiven Tatbestände, gibt es sie auch nicht. Nichts von kriminologischem Wert zur Identifizierung der Täter oder der Erhärtung des Postulats einer Organisation liegen vor. Die zur Tatausführung verwendeten Fahrzeuge waren Tage zuvor als gestohlen gemeldet. In und an den Fahrzeugen nicht die geringsten Hinweise auf die Täter. Keinerlei brauchbare Spuren am Tatort, ja noch nicht einmal der verwendete Sprengstoff war bisher identifiziert. Es könne noch Tage dauern, mit der Andeutung von Experten, man solle sich diesbezüglich keiner zu großer Erwartung hingeben. Vielleicht die chemische Zusammensetzung von Restpartikeln..., möglich wäre es aber auch, dass man daraus lediglich auf eine ganze Reihe infrage kommender handelsüblicher Sprengstoffe schließen könne oder sogar eine selbst hergestellte Substanz Verwendung gefunden haben könnte...oder...

 

Drei Monate später war das Land von mehr als einem Dutzend solcher Anschläge auf Geldinstitute und Juweliere jeglicher Art überzogen. Und, die geheimnisvollen Unbekannten schlugen stets zu, wenn die Geldkassetten vollgepackt in den Automaten schlummerten, vor Wochenenden, vor Feiertagen, vor Ereignissen, die besonders großen Publikumsandrang erwarten ließen und sie wählten nur solche Juweliere, von denen sie offensichtlich um deren beträchtliches Sortiment außerhalb von Safes in Vitrinen und Schränken wussten.

 

Unvermittelt brach die Serie ab. Kein Überfall mehr nach bekanntem Muster. Die länderübergreifende Ermittlungskommission arbeitete weiter, kam jedoch zu keinem Resultat. Schließlich wurde die Anzahl der Beamten reduziert und Monate später die Kommission aufgelöst.

 

Das Innenministerium allerdings legte den Vorgang nicht zu den Akten, noch nicht.

„Meine Damen und Herren“, sagte der Minister, „wir müssen uns diesem Vorgang“, und jeder wusste, welchen er meinte, „sehr intensiv widmen. Nicht nur, weil es eine Schande ist, ein solches Geschehen nicht aufklären zu können, sondern, weil wir dringende Vorkehrungen für die Zukunft treffen müssen.“

Eine Arbeitsgruppe Morgenrot, bestehend aus Experten der Informatik, Kommunikation, Kriminalistik und andere, sollte schnellstens Hintergründe aufspüren und Vorschläge erarbeiten. Es versteht sich, dass die Herrschaften im Geheimen tagten und ausschließlich dem Minister Rechenschaft ablegten. Ihr Vorsitzender war ein ehemaliger Richter im Ruhestand.


„Eine erste Analyse zeigt gravierende Defizite“, referiert der ehemalige Richter.

Der Minister unterbricht nicht, nickt jedoch auffordernd fortzufahren.

„Den Ermittlungsbehörden ist eine übergreifende und durchgängige Verfolgung individueller Personen und ihrer Hintergründe nicht möglich. Der Schlüssel zur Lösung liegt in der Vereinfachung der Kompliziertheit von Überwachungsmaßnahmen und der vereinfachte Austausch bereits vorhandener Daten.“

Der Vortrag dauerte knapp 30 Minuten und ließ keine Deutung offen.

„Unser Manko liegt im Datenschutz für alles und jedes. Die individuelle Sphäre des Einzelnen rangiert an höherer Stelle als die Aufklärung von Straftaten oder deren Vorbeugung. Strenggenommen, dürfen unsere Beamten so gut wie nichts, wenn Spontanität gefordert wäre. Hinzu kommt die gestörte übergreifende Zusammenarbeit oder sagen wir Kooperation zwischen unterschiedlichen Behörden, die oftmals gleichzeitig hinter dem gleichen Ziel, Objekt oder Subjekt her sind. Keiner weiß jedoch vom anderen.“

„Was schlagen Sie vor?“, fragte der Minister mit bedenklicher Mine.

„Einen regulatorischen Eingriff in die bestehende Rechtsordnung sehen wir als nicht durchsetzbar und unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Rechtsverständnisses in Politik und Gesellschaft auch nicht als wünschenswert. Möglich wäre deshalb eine Interdisziplinäre Arbeitsgruppe zwischen Innenministerium und Justizministerium zur Identifizierung konkreter Tatbestände, bei denen es zum Zweck akuter und schneller Aufklärung oder Gefahrenabwehr zu Lockerungen bestehender gesetzlicher Vorschriften oder Verwaltungsbestimmungen kommen könne. Hinzu kämen Überlegungen hinsichtlich der technischen Ausstattung und Aufrüstung unserer Behörden zur Informationsgewinnung, wie es in anderen Staaten längst üblich ist.“

„Meine Damen und Herren, ich verstehe Sie, aber Sie wollen mir hier nicht chinesische Verhältnisse anbieten, nicht wahr?“

„Nein, das nicht, aber es wird nicht ausbleiben, sich über kurz oder lang damit auseinanderzusetzen. Machen wir uns nichts vor, unser Land, unsere Behörden, unsere Industrien und jegliche Schlüsselfunktionen sind beständig Ziel von Ausspähungen und Hackerangriffen. Dagegen müssen wir in der Lage sein, ad hoc vorzugehen, ohne komplizierte Genehmigungsprozeduren. Dies nur als ein Beispiel. Oder nehmen Sie andere Beispiele, wie die zunehmende Verhetzung in den sogenannten sozialen Netzwerken oder die Umtriebigkeit politischer Strömungen am äußersten rechten Rand. Wenn es uns untersagt bleibt oder nur schwer möglich ist, Informationen zu beschaffen oder Bewegungsprofile zu erstellen, werden wir ständig hinterherlaufen und im Notfall nur zu spät reagieren können. Und ich möchte fortfahren mit dem Hinweis auf unsere gegenwärtige, völlig unbefriedigende Lage bei der Gefahrenabwehr aus den Folgen der Pandemie. Spätestens an dieser Stelle muss es doch möglich sein, eine Diskussion darüber anzustrengen, welchen Stellenwert die individuelle Freiheit versus Schutz der gesamten Bevölkerung einnimmt.“

 

„Aber meine Damen und Herren, wir wollen doch nicht erörtern, wie der Rechtsstaat auszuhebeln wäre. Eine solche Diskussion brauchen wir gar nicht erst anzustrengen, sie würde ins Nichts führen und im Übrigen, weder von mir noch unserer Partei getragen werden!“

 

„Natürlich haben Sie völlig recht Herr Minister und niemand aus dieser Runde hätte solches vorschlagen wollen! Doch sollte der zulässige Spielraum ausgelotet werden und ich betone, der zulässige Spielraum!

 

Niemand widersprach!

 

Gesetze sind schnell geschrieben und geändert, Mehrheiten beschafft, abgestimmt und in Kraft gesetzt. Juristen mögen das eine oder andere durchschauen, jedoch längst nicht alles, wie ständig wiederkehrende Vorkommnisse zeigen. Auch Aufsichtsgremien und Behörden verhindern großangelegten Schwindel nicht, wie die Beispiele Cum Ex und Wirecard zeigen. Ja, sie verhindern auch nicht die Verstrickung von Mandatsträgern in dubiose Geschäfte, Beispiel Maskenaffäre und sie verhindern schon gar nicht die legale Flucht von Kapital hin zu Oasen zur Steuerbegünstigung.

 

Auch deshalb ist es stets wohltuend, Bürgern (weiblichen wie männlichen) zu begegnen, die ein wachsames Auge haben.

 

Zum Schluss der vorherigen Geschichte ist noch anzumerken: Eines Morgens an einem sonnigen Tag im Frühjahr rückten Abrissbagger an und mit ein paar wenigen Schwüngen der Abrissbirne sanken eine ehemalige Werkstatt und die sie umgebenden Häuser in sich zusammen. Die Stadt will neuen Wohnraum schaffen, sagte sie. Die Werkstatt war bis dahin als Atelier an einen Maler vermietet gewesen, der irgendwann plötzlich verschwand, die ausstehende Miete nicht mehr beglich und niemand sagen konnte, wohin es den Mann verschlagen habe.

 

Die Diebesbande wurde niemals gefasst. Aus zuverlässiger Quelle habe ich jedoch erfahren, dass jeder Coup von einer stets wechselnden Besetzung ausgeführt worden sein soll. Insofern könnte am Ende doch eine Organisation dahintergesteckt haben, was meine Quelle jedoch verneinte und meinte, es sei das Werk einer Familie gewesen, die im Süden lebt.

 

Die Sache mit den kirchlichen Würdenträgern und ihren Abwegen hat keinen weiteren Einfluss auf die vorliegende Geschichte genommen. Gerade in jüngster Zeit ist viel darüber zu lesen und zu hören. Es ist verworren und viele sind verstrickt, bis hin nach Rom. Zugegeben wird, was aufgrund von Beweisen nicht mehr zu leugnen ist. Der Synodale Weg soll es regeln. Nur was ist damit gemeint? Es sieht nicht gut aus für diese Herren und ihre Organisation, könnte man meinen. Gefehlt, wie es kürzlich ein Journalist auf den Punkt brachte: Die katholische Kirche umfasst weltweit um die 1,3 Mrd. Mitglieder, was kratzt da die Aufsässigkeit von ein paar Millionen aus Deutschland? Selbst wenn alle austreten würden, wären es immer noch 1,3 Mrd. Also, was soll‘s? Die Zeit heilt alle Wunden, nicht wahr?

 

Den beiden Kirchen, katholische und evangelische, fließen jährlich rund 600 Mio. Euro an öffentlichen Geldern zu (ohne Kirchensteuer).

 

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