Angie Pfeiffer

Wie heißt du noch mal

Ich wache abrupt auf, setzte mich aufrecht hin. Was ist das für ein Geräusch? „Einbrecher“, denke ich ein wenig panisch. Aber dann sehe ich die Putzfrau. Sie feudelt im Zimmer herum. Natürlich putzt sie die Ecken rund. Man kann gar nicht genug aufs Personal aufpassen. Ich erinnere mich nicht daran, diese Person eingestellt zu haben. Das hat sicher Er gemacht und wie immer hat Er vergessen, mir Bescheid zu sagen.
„Hat Er Sie eingestellt?“, frage ich und weise auf das Foto, das auf meinem Nachttisch steht. Es zeigt einen jungen Mann, der breit in die Kamera grinst.
„Keine Ahnung, bin von Reinigungsfirma.“ Die Person zuckt mit den Schultern.
„Dann wissen Sie wohl auch nicht wie Er heißt? Aber das müssen Sie. Ich hab’s vergessen und auch, wann er mich besuchen kommt.“ Sie hält inne, schaut mich irgendwie komisch an. Dann wischt sie schweigend weiter. „Wenn Er Sie eingestellt hat, dann müssen Sie aber doch seinen Namen wissen“, beharre ich störrisch auf meiner Aussage. Die Frau wendet sich mir zu, stemmt die Arme in die Hüften. „Weiß nicht. Habe genug mit Putzen zu tun. Bei uns ist die Oma zu Hause, auch wenn sie vergesslich.“ Sie öffnet demonstrativ die Balkontür, fängt an, dort zu putzen. Was für eine impertinente Person! Ich nehme mir vor, sie sofort zu entlassen. Allerdings erst, wenn sie fertig ist.

Schließlich ist die Putzfrau wieder im Zimmer. „Alles zu Zufriedenheit?“, fragt sie mit einem frechen Grinsen. Das muss ich mir wirklich nicht länger gefallen lassen. „Sie sind entlassen und zwar ab sofort“, sage ich entschlossen. „Der letzte Lohn wird Ihnen überwiesen. Der … Er … also der junge Mann, der Sie eingestellt hat, wird sich darum kümmern.“ Der Name will mir partout nicht einfallen. Wieder zuckt die Person mit den Schultern. Wenigstens nimmt sie ihre Putzutensilien. „Bis morgen dann.“ Mit diesen Worten geht sie. „Das werden wir sehen“, murmele ich drohend. Diese Frau braucht hier nicht mehr aufzutauchen.

Plötzlich geht die Tür auf. Der junge Mann von dem Foto stürmt ins Zimmer. Unbekümmert lässt er sich auf meine Bettkante fallen. „Hi Oma!“
„Das wird ab er auch Zeit, dass du dich mal sehen lässt“, mosere ich, obwohl ich mich wie Bolle fühle und mich sehr darüber freue, ihn zu sehen. „Jetzt bin ich ja hier“, sagt er und gibt mir einen Kuss auf die faltige Wange. Aber so schnell will ich nicht kleinbeigeben. „Du solltest dich mal ordentlich kämmen und rasiert hast du dich auch nicht!“ Er grinst. „Das ist jetzt modern. Nennt man Dreitagebart. Und die Haare sind so richtig. Das gefällt den Mädels.“ Er bringt mich immer zum Lachen, das fällt mir wieder ein. Auch heute kichere ich wie ein junges Mädchen und verwuschele ihm die wirre Frisur. „So, so, den Mädels? Du bist wohl ein richtiger Herzensbrecher, was?“ Wie treu er gucken kann! Ich würde mich sofort in ihn verlieben, wenn ich nur … ich überlege … schätzungsweise 60 Jahre jünger wäre.
„Willst du eine?“ Ehe ich antworten kann, steckt er eine Zigarette an und reicht sie mir. Ich nehme einen tiefen Zug, reiche sie ihm zurück. Schweigend und im guten Einvernehmen rauchen wir. Er lehnt den Kopf an meine Schulter. Das fühlt sich richtig gut an. Da fällt mir plötzlich etwas ein: „Die Putzfrau habe ich gerade entlassen. So eine freche Person. Wenn du noch mal eine einstellst, solltest du mir wirklich vorher Bescheid sagen.“ Ich stutze. Da war doch noch etwas! Ja, richtig! „Wie heißt du überhaupt?“
Er lacht wieder über das ganze Gesicht. „Timo und ich bin dein Enkel, aber das ist nicht so wichtig. Nächste Woche bringe ich uns mal ein Tütchen mit. Das braucht hier im Altenheim ja keiner mitzukriegen. Ein Joint wird dir bestimmt guttun.“

Ich nicke. Egal, wie der Junge heißt – wo er recht hat, hat er recht.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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