Norman Dunfield

Attur's Traum

​​​​​​Attur war 79 Jahre alt und saß bereits seit dem ersten
Frühlingsstrahl auf der Bank vor seinem alten Haus.
Er hielt sich für jung und fit und kleidete sich modisch
sportlich. Allerdings war er als Eigenbrödler und
Spätentwickler bekannt, der kaum den Umgang mit
seinen Mitmenschen pflegte. Er war unverheiratet und
kinderlos. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hatte er
geglaubt, dass Frauen Eier legen, und auch jetzt war
er noch davon überzeigt, dass "Essen auf Rädern"
eine Rad-Rundfahrt im Ruhrgebiet ist. 

Seine einzigen Wege führten ihn zum Bäcker und zum
Metzger sowie zum örtlichen Feinkost- und Getränkeladen.
Ins Wirtshaus ging er nie. Einerseits konnte ihn dort sowieso
niemand leiden, andererseits war Flaschenbier ohnehin
billiger. Er legte Wert darauf, sich täglich gründlich zu 
rasieren, und das hatte seinen Grund, denn es gab Linda.

Linda war die junge hübsche Briefträgerin, die täglich mit
ihrer Postkarre an Attur's Haus vorbeischlenderte. Ihr
gelbes Post-Shirt endete unten mit einem kurzen blauen
Röckchen. Ab und zu hatte sie auch einen Brief für Attur,
was ihn nicht nur postalisch erregte. Im vergangenen Winter
hatte er sie einmal mit einem Glas Glühwein vor seiner
Haustür empfangen und ihr ein Kompliment wegen ihrer
schönen Beine gemacht. Allerdings trug sie an diesem Tag
eine lange Thermohose.

Immer wieder machte sich ein fröhliches Lächeln unter
Attur's Nase breit, wenn er Linda sah und auch manchmal
einige Worte mit ihr wechseln konnte. Allerdings wurde er
dabei immer zudringlicher. Irgendwann merkte Linda, dass
er es offenbar auf sie abgesehen hatte.

An einem wunderschönen Sommertag ging Linda auf Attur
zu und offenbarte ihm folgende Schock-Nachricht:
"Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Ich versuche
stets freundlich zu sein, bin aber nicht an anderen Männern
interessiert."

Diese Worte trafen Attur wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Er zog sich sofort ins Haus zurück und versuchte seine
Gedanken zu sortieren; allerdings mit wenig Erfolg.
Einige Tage später kam erschwerend hinzu, dass nun
ein bärtiger junger Bursche die Post austrug. Linda hatte
nämlich einen anderen Bezirk übernommen. Attur war fix
und fertig. Sollte er denn ewig Jungfrau bleiben?

Fortan sah man Attur nie mehr auf der Bank vor seinem
Haus sitzen. Auch seine täglichen Besorgungen waren
selten geworden. Für ihn war es mitten im Sommer
bereits Winter geworden.

Einige Zeit später sah man täglich um die Mittagszeit
einen Lieferwagen vor Attur's Haustür stehen. Jemand
mit einer Thermo-Box in der Hand stieg aus und klingelte.
Es öffnete ein alter gebrechlicher Mann mit ungepflegten
Bartstoppeln, der eine alte schwarze Stoffhose und eine
gammelige Strickjacke trug. Auf dem Lieferwagen stand 
die Aufschrift: ESSEN AUF RÄDERN...

 

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