Wolfgang Hoor

Gewehre

 

Gewehre

Gewehre waren für den Vater von Hans ein Gräuel. Wenn der mit Hans über einen Kirmesplatz ging, machten sie einen großen Bogen um die Schießbude. Natürlich wusste Hans, wie es da zuging. Mit seiner großen Schwester stand er manchmal auch an der Schießbude, er schaute voll Sehnsucht auf die Stofftiere, die man mit einem guten Schuss gewinnen konnte. Aber schießen wollte auch die große Schwester nicht. „Gewehre sind Waffen, die zum Töten erfunden wurden“, sagten sie wie alle in seiner Familie, wie es ihnen der Vater vorgesagt hatte, und darum waren Gewehre böse.

Eines Tages besuchte sein Schwager Felix die Familie. Er war ein großer Mann, der fast alles konnte. Er fand Pilze, wo sonst niemand welche sah, fasste Brennnesseln an, ohne sich zu verbrennen, und sah im Wald das Wild, das man erst sah, wenn er es einem zeigte. Und der hatte an diesem Tag ein Gewehr über den Schultern und alle Geschwister von Hans umringten ihn und gratulierten ihm. Er hatte die Jägerprüfung bestanden und war jetzt der große Held. „Und, wo wirst du jetzt jagen?“, fragte ihn der Papa von Hans, der als einziger ein finsteres Gesicht machte. Das wusste Felix nicht. „Darauf kommt es auch gar nicht an. Wichtig ist, dass ich eine Waffe haben darf.“

An einem Spätnachmittag ein paar Wochen später lud der Felix den Hans ein, mit ihm in den Wald zu gehen, und da hatte der Felix wieder das Gewehr über der Schulter. Der Hans fühlte sich besonders geehrt, weil er jetzt neben einem Mann herlaufen durfte, der durch sein Gewehr was ganz Besonderes war. Es war ein bisschen so, als hätte ihn ein Löwe eingeladen, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen.

Der Löwe, der Felix hieß, führte den Hans in den Wald und dann zu einem Baum, an dem war eine Treppe dran, auf der konnte man nach oben hochsteigen, und oben war eine Art kleiner Balkon mit einem Gitter drum herum. Das heißt, erklärte ihm sein Löwe Felix, Hochsitz, und von da oben konnte man eine Wiese und einen Acker sehen, auf dem Weizen gepflanzt war. „Da kommen abends die Tiere aus dem Wald, Hasen und Rehe und vielleicht sogar Hirsche. Es macht dir doch bestimmt Spaß, diese Tiere zu beobachten.“

Hans fand die Aussicht ganz großartig, dass aus einer Wiese vor seinen Augen eine Art Zoo werden würde. Und dann kamen auch schon die ersten Hasen, das war so süß. Manchmal blickte Hans zu dem Gewehr von Felix und ob er es auch auf die Hasen richten würde. Aber das Gewehr lehnte am Geländer und der große Felix zeigte ihm, wohin er schauen sollte, da kämen gleich die ersten Rehe heraus. Und es stimmte. Sie kamen und blickten scheu hin und her und kamen dann vorsichtig auf die Wiese.

Das war alles sehr aufregend. „Warum hast du eigentlich das Gewehr dabei?“, wollte Hans wissen. „Es gibt manche Tiere, die richtig schlimm sind. Die machen die ganze Ernte des Bauern kaputt, dessen Feld da drüben beginnt. Das sind Schädlinge, die muss man töten.“ Schädlinge, Schädlinge? „So was wie Kartoffelkäfer?“ – „Ach Hänschen, was für ein Blödsinn! Es handelt sich um Wildschweine. Die kann man nicht einsammeln wie Kartoffelkäfer, die muss man totschießen.“

„Und du wartest jetzt…“ – „Pst“, flüsterte Felix, indem er das Gewehr in die Hände nahm. „Da!“ Und da brach wirklich ein Wildschwein aus dem Gehölz. Es rannte zu dem Acker hin und begann in dem Acker zu wühlen und Pflanzen runterzudrücken. Felix hob das Gewehr und folgte mit dem Gewehr dem Weg des Wildschweins, das sich langsam Stück für Stück dem Hochsitz näherte.

Hans sah zuerst das Tier mit den Augen seines großen Helden Felix. Hoffentlich kommt es in die richtige Position, dachte er, und Felix kann schießen und zeigen, was er kann. Die Aufregung stieg, die Hände schwitzten. Aber dann entfernte sich das Schwein wieder, und da kippten die Gefühle von Hans plötzlich und er hoffte, dass Felix nicht schießen könnte und dass das Schwein weit wegliefe. Er betete ein Stoßgebet. „Bitte, lieber Gott, lass dem Schwein nichts passieren.“

Obwohl sich das Tier entfernte, hielt Felix das Gewehr im Anschlag. Und da kam es wieder näher heran, näher und näher, und jetzt war es doch in der richtigen Position, dachte Hans, jetzt könnte Felix doch schießen, und jetzt war er auf der Seite von Felix, der hier nicht versagen sollte. Er sollte sein großer Held bleiben und einen großen gefährlichen Schädling beseitigen, und während er das dachte, dachte ein anderer Teil in ihm, dass man nicht töten darf.

Schließlich krachte der Schuss und dann noch ein zweiter. Das Tier bäumte sich auf und fiel und wälzte sich und blieb schließlich liegen. Sie verließen den Hochsitz und Felix führte Hans zu dem inzwischen reglosen Tier. Vor dem Tier blieben sie eine Weile stehen. Hans wagte nicht zu seinem großen Helden aufzuschauen. Er hatte getroffen, er war wirklich ein Held, aber vor ihm lag auch ein großes großes Tier, das nicht mehr leben durfte und er schaute seinen Held unsicher an, weil Hans nicht wusste, ob er seinen Held bewundern oder das tote Tier bedauern sollte.

Aber der Felix, wusste, was zu tun war. Er drückte dem Hans die Flinte in die Hand und sagte: „Stell du dich doch mal mit der Flinte neben das Wildschwein, so als hättest du es geschossen. Und ich mache ein Foto von dir, dem großen Wildtöter.“ So ließ sich der Hans auch fotografieren, und in seinem Inneren ging es immer noch hin und her.

Hans hätte am liebsten vergessen, was vorgefallen war. Aber Felix, lud ihn ein paar Tage später zu sich nach Hause ein. „Es gibt was Leckeres zu essen, extra für dich zubereitet“, sagte Felix. Es war Fleisch, es brutschelte über einem Kohlenfeuer. Alle seine Neffen und Nichten waren in einer Superlaune und standen um den Grill herum und bekamen die ersten Fleischstücke ab.

Hans bekam seinen Teil vom Grill auf den Teller gelegt. Es roch herrlich, er schnitt sich ein erstes Stück davon ab und schob es sich in den Mund. Da sagte sein Schwager: „Jetzt isst du das Wildschwein, das wir geschossen haben.“ Da wusste der Hans nicht, wie ihm geschah. Er musste sich anstrengen, das Fleisch runterzukriegen. „Na, schmeckt’s?“, fragte Felix. Und Hans wagte nicht nein zu sagen. Als ihm Felix ein weiteres Stück Fleisch auf den Teller legte, sagte er auch nicht nein. Die Stimmung um ihn herum war ausgelassen und schließlich schmeckte ihm sein Wildschwein so gut wie den anderen.

Als er sich von seinem Schwager verabschiedete, sah er das Bild auf der Kommode im Flur: Er mit dem Gewehr in der Hand und das tote Wildschwein neben sich. Da fragte er den Schwager, ob er das Bild haben dürfe. Er durfte. Draußen vor der Tür zerriss er es in kleine Stücke und ließ die Fetzten langsam einen nach dem anderen auf den Bürgersteig fallen und hoffte, dass jetzt alles vergessen wäre. Vorbei und vergessen.

„Wie war eigentlich dein Ausflug mit Felix vor ein paar Tagen. Hat er da auch sein Gewehr dabei gehabt?“, fragte sein Vater eines Abends, und Hans sah, dass er denselben Ausdruck der Verärgerung im Gesicht hatte wie auf dem Rummelplatz, wenn sie sich der Schießbude näherten. „Gut“, sagte Hans, „wir haben auf einem Hochsitz Hasen und Rehe beobachtet.“

  1. Vater gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Und seitdem wusste Hans, dass man lügen kann ohne ein einziges gelogenes Wort, und später merkte er, dass es ganz viele so machen, wenn sie sich an die Vergangenheit erinnern.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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