Angie Pfeiffer

Schussfahrt

„Ich möchte gern für eine Woche entspannen. Was hältst du davon, in den Skiurlaub zu fahren?“, fragte Alan.
„So, so, entspannen. Aber du kannst dich an unseren Winterurlaub im Zillertal erinnern, nicht wahr? Und auch an meine kurze, aber aufregende Karriere als weltbeste Skifahrerin?“
Alan grinste. „Das Gesicht des Skilehrers, als du ihm die Bretter vor die Füße geknallt hast, werde ich niemals vergessen.“ Die Erinnerung ließ auch mich schmunzeln. „Ich hatte viel Geld für diesen Skikurs bezahlt, da musste ich mich nicht von einem Jungspund niedermachen lassen, weil ich nicht perfekt auf den Brettern stand. Das sollte er mir beibringen.“
„Du hast es ihm klar gemacht“, erwiderte Alan trocken. „Aber du solltest es noch einmal versuchen. Auf dem Feldberg geht es beschaulich zu, dort könntest du in aller Ruhe von vorne anfangen. Vielleicht bekommst du Spaß am Skifahren und wir können zusammen ein paar Touren machen. Nur ganz leichte Pisten“, sagte er schnell. Er hatte wohl meinen skeptischen Blick bemerkt.
„Na gut, überredet. Aber wenn‘s mit dem Skifahren nicht klappt, dann mache ich es mir gemütlich und du kannst allein fahren.“
 

„Grüß Gott, ich bin Toni“, der vertrauenerweckende Naturbursche schaute den Neulingen im Anfängerkurs fest und überzeugend in die Augen. „Wir werden ein prima Team sein. Wenn der Kursus zu Ende ist, fahrt ihr wie die Weltmeister.“ Na dann, ich beschloss alles zu geben, denn der Skilehrer war mir wirklich sympathisch. „Auf geht's“, mit diesen Worten dirigierte uns Toni zum Babylift.
I

ch hielt mich tapfer, konnte schon den Schneepflug und stellte mich nicht dämlicher an, als meine Mitstreiter. Toni strahlte Wohlwollen aus, lobte auch die kleinste Kleinigkeit, ließ sich durch nichts erschüttern.
Bis...
Wieder hatte ich die Abfahrt gewagt, ergriff entschlossen das rotierende Seil des Babyliftes, um mich in schwindelerregende Höhen schleppen zu lassen, als das Unglück geschah: Ich blieb mit meinem Fausthandschuh am Seil hängen, kam zu Fall und wurde ein Stück weit mitgeschleift. Verzweifelt versuchte ich mich zu befreien und gleichzeitig meinen Handschuh zu retten. Doch ich hing hoffnungslos fest, rutschte auf dem Po immer näher auf die Zugmaschine des Liftes zu. Toni half mir aus der Misere, indem er mit einem kräftigen Ruck an meinem Arm zog, was die Hand aus dem Handschuh rutschen ließ. Das Teil, immer noch hoffnungslos mit dem Stahlseil des Liftes verpusselt, drehte eine Ehrenrunde und kam in ziemlich lädiertem Zustand wieder an mir vorbeigesegelt. Toni befreite den bedauernswerten Handschuh, drehte ihn hin und her und grinste mich aufmunternd an. „Mädel, deine Handschuhe sind klasse, aber vielleicht könntest du morgen mit einem Paar auflaufen, das sich zum Skifahren eignet?“

„Na, wie war der erste Tag? Lebt der Skilehrer noch oder hat er sich vor lauter Verzweiflung in eine Lawine gestürzt?“ Ich maß meine bessere Hälfte mit einem hochmütigen Blick. „Der Skilehrer, hat mein Talent besonders gelobt. Ich brauche neue Handschuhe, weil meine nicht so gut sind, meint Toni.“ Alan grinste gemein. „Ja, ich habe aus der Ferne gesehen, dass jemand aus deiner Gruppe sich hoffnungslos im Babylift verkeilt hatte. Natürlich nicht du, oder?“ Ich ließ mir die Niederlage nicht anmerken. „Natürlich nicht! Aber damit mir nicht etwas Ähnliches passiert, brauche ich neue Handschuhe.“

 

Heute war unsere sowieso überschaubare Gruppe um die Hälfte geschrumpft, was nichts anderes bedeutete, als dass Linda, eine füllige, immer gut gelaunte Brasilianerin und ich allein vor Toni standen. „Die Anderen haben aufgegeben, aber wir machen trotzdem weiter“, erklärte er. „Auf geht's! Heute üben wir die richtige Abfahrt.“  Linda sah erst ihn und dann mich fragend an. Offensichtlich hatte sie kein Wort verstanden.  Toni erklärte ihr alles noch einmal mit Händen und Füßen, anschließend wandte er sich an mich: „Pass auf: Wir fahren jetzt mit dem Skilift, aber nicht bis ganz oben. An der Hütt`n müsst ihr aussteigen. Du fährst zusammen mit Linda und sagst ihr Bescheid, ich komme nach.“
„An der Hütte?“, fragte ich etwas dümmlich. Wie immer strahlte Toni Optimismus aus. „Ja, nicht bis ganz oben. Du wirst schon sehen. Jetzt hopp, ab in den Lift.“
So hopsten Linda und ich zusammen auf die Vorrichtung, die uns den Berg hinaufziehen sollte. Während ich mich bemühte, die ominöse Hütt‘n zu entdecken, zwitscherte meine Liftpartnerin vergnügt los. Ich hörte mit halbem Ohr zu, verstand Lindas charmantes, aber ziemlich konfuses Deutsch nicht wirklich. Plötzlich erstarrte ich. Neben der Piste stand tatsächlich eine kleine Hütte, doch der vermaledeite Skilift dachte gar nicht daran, das Tempo zu drosseln. Aufgeregt schubste ich Linda an. „Da ist die Hütte! Wir müssen hier aussteigen!“ Dieses Mal schien sie mich verstanden zu haben. Wir stürzten uns todesmutig in den Schnee, während der Skilift munter weiter den Berg hinauffuhr und die Mitreisenden uns verwundert musterten.
Wenig später stand ein erstaunter Toni neben uns. „Was macht ihr denn? Ich habe doch gesagt, ihr sollt an der Hütt‘n aussteigen.“ Ich deutete entrüstet auf die kleine Hütte. „Ja, was ist das denn da?“ Toni grinste. „Das ist ein Geräteschuppen, ich habe eigentlich das Restaurant oben gemeint. Das heißt ‚Die Hütt’n‘. Ist aber nicht so schlimm, wir fahren einfach von hier aus runter.“
Alles in allem wurde es ein schöner Tag, Toni bemühte sich redlich Linda und mir die Grundlagen des Skifahrens beizubringen. An einem besonders steilen Hang, der uns ängstlich zögern ließ, fuhr er, die Hände zu einem Trichter geformt, neben uns her. „Du schaffst es, nur Mut“, dröhnte er, während auf der anderen Seite ein ca. 6-jähriger Junge grinsend an uns vorbeiraste. Am Ende des Tages verabschiedeten wir uns von unserem nur wenig genervten Skilehrer und verabredeten uns für den nächsten Vormittag, um die neu erworbenen Kenntnisse zu vertiefen.

 

„Grüß Gott.“ Toni schien sich über Nacht regeneriert zu haben, was ich für mich nicht sagen konnte. Ein tierischer Muskelkater zwickte an Stellen, an denen ich gar keine Muskeln vermutet hatte. Linda schien es ähnlich zu gehen, denn sie ließ sich an diesem Morgen nicht blicken. „Wollen wir?“, aufmunternd schaute der Skilehrer mich an und wies in Richtung Lift. „Aber nicht wieder am Geräteschuppen abspringen!“
An der richtigen Hütt‘n angekommen ging es direkt auf die Piste. "Verlass dich ganz auf dein Gefühl", rief mir Toni zu und grinste optimistisch. "Du kannst es, wenn du nur willst", fügte er nach einem kurzen Zögern hinzu. Ja nun, wenn der Skilehrer so sehr an mich glaubte, so würde ich mich beherzt an die Abfahrt machen. Ich stieß mich entschlossen ab und kam sofort ins Rutschen, erst langsam, dann immer schneller. Das war gar nicht so schwierig. Ich fühlte mich reif für die Streif und ließ den wild gestikulierenden Toni mühelos hinter mir zurück. Mit jedem gefahrenen Meter nahm ich mehr Speed auf. Nach und nach machte sich ein mulmiges Gefühl breit, denn so schnell wollte ich auch wieder nicht abwärtsfahren. Um etwas langsamer zu werden, versuchte ich, die unendliche Male geübten, weiten Bögen zu fahren, was mir trotz aller Mühe nicht gelang. Meine Beine schienen ein Eigenleben zu führen, sie widersetzten sich allen Befehlen des Gehirns. "Pflugbogen", hörte ich Toni hinter mir brüllen, wagte es jedoch nicht, über die Schulter zu gucken. Was meinte er denn jetzt damit? Vielleicht einen Schneepflug? 'Der ist ja lustig', schoss es mir durch den Kopf. Wenn ich die Skier schon nicht in Position für einen Bogen bekam, wie sollte ich sie quer zu einander stellen, um abzubremsen?
Ein Blick voraus ließ mich erstarren, was die Skier nicht dran hinderte, weiter mit mir bergab zu sausen. Voraus, mitten auf der Piste, ragten groß und rammbockartig einige Tannen auf.
In lebensbedrohlichen Situationen sieht man sein gesamtes Leben an sich vorbeiziehen, jedenfalls hatte ich das öfter gehört. Jetzt war ein solcher Moment gekommen. Die Zeit verlangsamte sich, alles schien in Zeitlupe zu geschehen. Ich sauste weiter auf das dunkle, gewaltige Ausmaße annehmende Bollwerk aus Tannen zu, hielt mich zwar aufrecht, war jedoch nicht mehr Frau meiner Gliedmaßen. Doch statt eine liebliche Stimme zu hören, die verlockend 'Angie, komm ins Licht' rief, sah ich mich lediglich, alle Viere von mir gestreckt, an dem dicken, schwarzen Stamm einer der Tannen kleben.
In letzter Sekunde erwachte mein Schutzengel aus seiner kältebedingten Lethargie, setzte mein körpereigenes ABS in Gang, was mich auf den Allerwertesten plumpsen ließ. Ich schlitterte noch eine Weile weiter, um in einer ziemlich feuchten Schneewehe zu landen. Als ich wieder einigermaßen sehen konnte, stand Toni mit zuckenden Mundwinkeln neben mir. „Donnerwetter“, sagte er. „Du hast zwar wenig Talent zum Skifahren, aber wenigstens bist du völlig angstfrei.“

„Sag mal, Schnucky, heute Vormittag gab es ein mittelschweres Erdbeben auf der Piste und ein Kugelblitz ist in einer riesigen Schneewolke an mir vorbei gedonnert! Kann es sein, dass du etwas damit zu tun hast?“ Auch Alans Mundwinkel zuckten verdächtig.
Ich lächelte ihn zuckersüß an. „Wie kommst du nur darauf? Toni, der nette Skilehrer, hat meine Unerschrockenheit sehr gelobt. Doch er meint, ich solle aus Rücksicht auf mich und meine Umwelt lieber mal mit dem Skilanglauf beginnen ...“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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