Klaus Mattes

St. Bernhard logiert im Vierkanthof

Mit dem Roman „Frost“ (Insel Verlag Frankfurt) hatte sich im Jahr 1963 ein jahrelanger Nobody der deutschsprachigen Literaturszenerie zum Jungen Wilden gemausert. Und dann gelang ihm drei Jahre später mit seinem zweiten Roman, nach zwei kleineren, wenn auch nicht geringen Prosaarbeiten, mit der „Verstörung“ wiederum ziemliches Aufsehen. Obwohl der Autor gegen den deutlichen Wink seines Verlegers, „Verstörung“ wäre verkaufsschädigend, den Titel beibehalten und auch nicht ganz so gut verkauft hatte wie beim ersten Mal. Jedenfalls war er etabliert.

Und das bedeutete, dass er Dr. Unseld anrufen und ihm persönlich sagen konnte: „Entweder geben Sie mir 40.000 DM als Vorschuss auf die noch kommenden Bücher, weil ich die einmalige Gelegenheit habe, ein altes Haus zu kaufen, oder ich wechsle den Verlag.“ Seinerzeit war das viel Geld. Aber der Suhrkamp-Verleger, inzwischen war Bernhard der Natur dieses Verlagszweigs gemäßer erachtet worden, überwies und ein ziemlich baufälliger oberösterreichischer Vierkanthof wurde gekauft.

Vierkanthöfe sind große bäuerliche Anwesen, die als vierflügelige Anlage mit sämtlichen Wirtschaftsgebäuden einen Innenhof umschließen, nach außen darum einen verschlossenen, wehrhaften Eindruck machend. Oft liegen sie vereinzelt, auch aus Bayern kennt man das, der von Bernhard in dem nur ein paar Häuser zählenden Weiler Obernathal, der zur Gemeinde Ohlsdorf gehört (bei Gmunden gelegen). In Ohlsdorf holte der Frühaufsteher Bernhard gerne persönlich die Post vom Amt, weil er nicht auf den Landbriefträger warten wollte. Anschließend kaufte er ein paar Kleinigkeiten in Gmunden am Traunsee ein und setzte sich ins Café, um das Studium der Tageszeitungen zu beginnen.

Es muss deutlich gesagt werden, dass, was sich Mitte der sechziger Jahre mit „Frost“ und „Verstörung“ schnell auch draußen im deutschen Flachland durchsetzte, nicht die legendäre Thomas-Bernhard-Schreibe war, die wir alle noch halbwegs im Ohr haben, schließlich kam sie seit den ausgehenden Siebzigern genug oft in Radio und Fernsehen, wurde wie im Rausch von deutschen Stadttheatern inszeniert und auf jeden Fall auch reichlich parodiert. Sondern die frühen Leser der sechziger Jahre schlossen Bekanntschaft mit dem sogenannten Alpen-Beckett. Der Österreicher zeigte eine erbarmungslose, finstere, todesnahe Welt unter kalten Alpenkämmen, die er genauso gut zu kennen schien wie die Mühsal der Bergbauern. Aber die Art realistischer Bauernromane, wie sie Bernhards eigenem Großvater vielleicht noch vorgeschwebt hatten, war das durchaus nicht. Alles war stilisiert, Endspiel-Situationen, gerade dieses traf den Nerv der Zeit. Franz Kafka meets Samuel Beckett, magischer Realismus, Existenzialismus, unbehauste Moderne.

Erst in nachfolgenden Werken trat klarer zu Tage, dass Thomas Bernhard kein Alpen-Schreiber war. Er war Voralpen-Mensch, wie er mehrfach selbst betont hat. Er kommt aus keiner bäuerlichen Familie, hatte seinen Bauernhof zwar gekauft und im Zeitraum einiger Jahre mit zwei Handwerkern und mit eigenem Anpacken mustergültig in Stand gesetzt, aber bewirtschaftet hat er dieses Anwesen nie, das in seiner Größe keinem anderen Zweck als dem der Landwirtschaft zu entsprechen schien, nicht zuletzt auch wegen der eher unscheinbaren Lage in einer Ackerlandschaft, wo nicht mal weit entfernt die viel malerischen Winkel sich häuften.

Bernhard hat das genossen, als auf Nachfrage der Gemeindeverwaltung, unter welchem Beruf er zu führen wäre, es ihm gelang, sich als Landwirt registrieren zu lassen. Aber niemals hat es Tiere gegeben im Stall, auch Hunde oder Katzen hielt er keine. Die Felder wurden vom Nachbarn bewirtschaftet, von dem Bernhard dann Most bekam, den er seinen Bekannten gelegentlich auftischte oder mitbrachte. Eines Tages wurde erwogen, unweit vom Vierkantgehöft den Boden auf eventuelle Ölreserven untersuchen zu lassen. Sofort setzte Bernhard alle Hebel in Bewegung, um das zu unterbinden. Krach und Verkehr würden sich nicht ertragen lassen. Hierzu muss man wissen, dass vom Bernhard-Haus aus die Westautobahn zu Fuß erreicht werden kann – und Thomas Bernhard ist doch über Jahre ein passionierter Spaziergänger gewesen.

Wirklichen Anschluss fand er nie in Ohlsdorf und wurde von den Bauern misstrauisch beäugt, weil er so oft herumlief und so selten zu arbeiten schien. Es scheint, die österreichische Autobahn-Schlagader war vom Haus aus nicht zu hören. Die Gegend ist wellig. So trug auch der Ohlsdorfer Ortsteil, in dem der beste Vertraute jener Jahre sein Haus stehen hatte, Karl Ignaz Hennetmair, der Makler, über den er seinen Hof bekommen hatte, noch den Namen Weinberg. Die nächste Auffahrt zur Autobahn war jedenfalls nur ein Katzensprung weit weg und ebenso der ÖBB-Knotenpunkt Attnang-Puchheim. Thomas Bernhard hätte sich wohl nicht hier am nördlichen Rand des Salzkammerguts niedergelassen, wenn es nicht die Mitte der Distanz zwischen der Hauptstadt Wien und der Herkunftsstadt Salzburg gewesen wäre.

Wenn er freie Zeit hatte oder Langeweile, ging Thomas Bernhard auch mal gerne shoppen, meist in Richtung Wels, Steyr oder Linz. Er kaufte sich Schränke voll gut verarbeiteter Herrenkleidung, einerseits respektabel, andererseits ländlich, die sprichwörtliche bestickte kurze Lederhose und den Gamsbarthut, wie manisch auch teures Schuhwerk. Regelmäßig sah er sich nach Antiquitäten wie Bilderrahmen oder Kandelabern um und konnte sich hierbei auf die Beziehungen und Kenntnisse Hennetmairs verlassen. Sein neues Reich, dessen allermeiste Räume dauerhaft ungenutzt und unbewohnt blieben, wollte er nobel eingerichtet wissen. Bernhard schätzte das österreichische Biedermeier und seinen Look von Bescheidenheit, Effizienz und Solidität. Darin verkörperte sich ein reines, landständisches Österreich des neunzehnten Jahrhunderts, das großstädtischen Protz und Dekadenz verschmäht hatte. Besonders seine Küche war ihm wichtig, gekocht wurde darin allerdings so gut wie nie.

Thomas Bernhard aß in der Regel außer Haus. Liebend gern ließ er sich einladen und mochte es, sich mit Bekannten und Kollegen in den besseren Gasthäusern der kleineren Ortschaften zu verabreden. Eher weg von den Alpen, wo es zu touristisch war, also im Vorland. Ortschaften wie Mattighofen oder Ried im Innkreis, Namen, die auch in seinen Texten auftauchen. Es übernachtete allerdings, bis auf Ausnahmen, niemand beim Autor im Vierkanthof. Ausgenommen natürlich seine langjährige Freundin, Frau Hedwig Stavianicek aus Wien, die Tante Hede. Bernhard machte auch kaum einmal Haushaltsarbeiten. Dafür gab es Personal, Zugehfrauen fanden den Hausschlüssel im ausgemachten Versteck, wenn er unterwegs war.

Wo genau er gerade steckte, wusste nur er selbst und vielleicht der Hennetmair noch. Möglichkeiten gab es viele und das war Thomas Bernhard auch wichtig. Das Haus von Hennetmair, eine halbe Stunde Fußmarsch weit weg, die Häuser verschiedener Bekannter aus seinen Wiener Jahren, verstreut im Land nördlich vom Traunsee, die Verwandten in Salzburg und in der Linzer Gegend, dort praktizierte sein Halbbruder als Internist, die Hede in Wien und die zahlreichen Urlaubsreisen, die er mit der alten Dame unternahm, die wiederholten persönlichen Begegnungen mit dem Verleger Unseld, um vor allem Finanzielles zu besprechen. TV-Drehs, Probenbesuche vor Premieren seiner Stücke, Preisübergaben. Mir scheint, Bernhard hat geschickt und genüsslich mit all diesen Menschen und Orten gespielt. Er brauchte sein Netz, band sich aber an keinen. Wenn er nicht gerade bei ihnen hereingeschneit war, wussten diese Leute nicht, wo er sich jeweils aufhielt. Klingelte man am Hof, machte er manchmal nicht auf. Rief man an, nahm er nicht ab. Und Handys gab es ja noch keine.

Heute ist Thomas Bernhard weltbekannt und sein Haus ein Dichtermuseum und Kulturzentrum, für das es sich auch herrlich eignet. Jetzt macht das vom Meister erschaffene strenge Ambiente Sinn. Damals im alltäglichen Leben muss es eher verrückt gewirkt haben, sein Spleen. Er liebte die Schönheit solider Gebrauchsgegenstände, ließ aber keinen an sich heran, der sie hätte gebrauchen können. Um es zu verstehen, muss man wissen, dass er nach dem Krieg inmitten einer zerbrochenen, aber köpfereichen Familie in überbelegten ärmlichen Wohnungen gehaust hatte, dann in einer Armensiedlung seine Berufsausbildung gemacht und Jahre später, als junger Lyriker, den Glanz eines formidablen Sommer-Schlosses für Kreative kennen gelernt hatte. Etwas Derartiges stand ihm nun auch zu. Er hatte die Armut hinter sich, er hatte es geschafft.

In den Bernhard-Erzählungen, auch den frühen, geht es nicht um Bauern oder Pongauer Industriearbeiter oder Jäger und Holzknechte in ihren verschneiten Bergen. Vielmehr geht es schon immer um Künstler-Menschen, die „am Land draußen“ grausam isoliert sind, sich ins eigene Exil ausgesperrt haben, was wiederum auf singuläre Größe und Bedeutung hinweist. Letztlich geht es bei Thomas Bernhard vor allem um Thomas Bernhard, wie es bei Vladimir Nabokov immer um Vladimir Nabokov und bei Georges Simenon recht oft um Georges Simenon ging. In „Wittgensteins Neffe“ steht der Neffe von Ludwig Wittgenstein zwar schon im Werktitel. dann sowohl auf der ersten wie der letzten Seite des Buchs, aber insgesamt beschäftigen sich wesentlich mehr Seiten mit dem Ich-Erzähler - also jener Kunst-Figur Thomas Bernhard - als mit dem aus seiner Spur geratenen und mittlerweile verstorbenen Paul Wittgenstein.

Für in etwa das erste Drittel der siebziger Jahre, Bernhard war Anfang vierzig und sah, nicht zu Unrecht, das glänzendste Jahrzehnt seiner Karriere kommen, hatte er in Karl Ignaz Hennetmair und, unbedingt auch zu nennen, dessen Frau und Kindern und der alten Großmutter richtige Freunde, ja seine zweite Familie gefunden. Hennetmair, der erst 2018 mit fast 98 Jahren gestorben ist, drei Jahrzehnte nach dem um gut zehn Jahre jüngeren Thomas Bernhard, hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft, war verheiratet, mehrfacher Vater, ein praktischer Mensch, ein guter Geschäftsmann in der Provinz, ein Schlitzohr, dem es an Selbstbewusstsein nicht fehlte.

Nie im Leben hätte dieser Realienhändler (Immobilienmakler) die Bücher eines im Fernsehen auftauchenden Wiener Autors Thomas Bernhard in die Hand genommen. Aber nun, da dieser Autor mit seinen Kindern spielte und die Hausaufgaben begutachtete, in die Berge zum Wandern mitfuhr, im Wohnzimmer die Olympischen Spiele anguckte, vom Grießbrei oder Wurstsalat aß, las Karl Ignaz Hennetmair sämtliche Neuerscheinungen Bernhards und machte heimlich Eingaben an die Landesregierung, Bernhard hätte den Stifter-Preis zu bekommen, allein schon ein Werktitel wie „Ungenach“ (ein unbedeutender Flecken in der Nachbarschaft, dessen reale Gegenwart auch für den Inhalt des Texts ohne größeren Belang ist, dessen Wortgestalt sich aber zur Anspielung aufs österreichische Ungemach eignet) würde belegen, wie stark er der oberösterreichischen Kultur verbunden wäre. (Eine andere Prosa, deren Entstehung er dem Verleger über mehrere Jahre weg ankündigte, sollte Atzbach heißen, noch so ein winziges Dorf in der Nähe von Attnang-Puchheim.)

Bernhard, dessen Arbeitshaltung von dem Druck, Geld verdienen zu müssen oder zu wollen, befeuert wurde, kaufte via Vermittlung Hennetmairs nicht nur seinen Vierkanthof, sondern in den Jahren 1971 und 1972 noch zwei weitere Bauernhäuser, einzeln stehend, in der Umgebung von Gmunden und Wolfsegg am Hausruck, dem Schauplatz von „Auslöschung“. Diese beiden, sei erwähnt, fielen nun bescheidener aus und wurden auch nur selten bezogen. In späteren Jahren kam er mit seiner Lungenkrankheit zu der an einem steilen Hang gelegenen „Krucka“, wo man das Auto weiter unten stehen lassen musste, gar nicht mehr hinauf. Deswegen hat er sich dann eine Eigentumswohnung in Gmunden zugelegt, wohin inzwischen auch der Bruder seine Praxis verlegt hatte. (Dort ist er gestorben und in Wien im Grab der Stavianicek begraben worden.)

Von der reichen Witwe und Erbin Hedwig Stavianicek hatte er die Eigentumswohnung in Wien-Döbling übernommen. In den achtziger Jahren hat er die längste Zeit dort verbracht oder auf Reisen, am Mittelmeer, in Portugal, also nicht mehr am Land, war darum auch wieder in den Kaffeehäusern zu sehen und erzählt am Ende von „Holzfällen“, wie er frühmorgens nach dem ominösen künstlerischen Nachtmahl mit Plattensee-Fogosch (Zander) verstört und entsetzt aus der Inneren Stadt hinaus flüchtet. Fort von der Auersberger-Einladung, die allerdings nun gerade nicht in Wien gewesen war, sondern eben doch noch im voralpinen Oberösterreich, allerdings auch nicht beim ominösen Auersberger, alias Komponist Gerhard Lampersberg. Dieser war selbst nur Gast gewesen und man hatte Bernhard extra vorgewarnt, dass er einen treffen werde, mit dem er zerstritten sei. Hingegangen war er dennoch und vom dann wieder aufbrechenden Streit mit den Worten „Das wird Folgen haben“ ausgerissen.

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