Syelle Beutnagel

Die Treppe ins Nichts?

Sie scheint nirgendwo hinzuführen. Vergessene alte Stufen, eine aus Stein gehauene Treppe. Wie
eine Schlange schleicht sie den Berg hoch und schmiegt sich dabei ganz dicht an den schroffen
Abhang an.
Die Felsen scheinen senkrecht zu stehen, und doch... doch findet eine Distel, ein bisschen Gras Halt
und strecken ihre Blüten weit in den zartblauen Himmel hinein – nur weg von dem unwirtlichen
Fels.
So gut verankert ist die Treppe nicht. Ängstlich zwar drückt sie sich in den Abhang, und ein paar
eiserne Stäbchen zeugen von dem Willen, auch zum Abhang hin zu sichern. Allein – der Zeit hielten
sie nicht stand. Sie nahm ihnen den Grund, den Halt und den Verband. Nun steht ein bisschen Eisen
in der Luft. Will fallen oder auch nicht, trotzen oder aufgeben. Eine Gradwanderung ist’s und der
Entschluss liegt bei ihnen.
Ob das sanfte Blau, die ruhige See erstrebenswerter ist als der grobe Stein, der nichts mehr hält
außer Disteln? Die Treppe, wo führt die schon hin? Ein paar Stufen, dann ist es aus. Und wer
benutzt sie noch, die schmalen, unbefestigten Stiegen? Da nützt auch das grüne Buschwerk dahinter
nichts. Der Abgrund ist zu steil, zu tief. Da fall ich lieber ins Meer, das kostet weniger Müh als hier
ausharren.
Halt. Vergiss die Kraft des Meeres nicht. Still liegt es da, doch unendlich fließt es. Das Auge fasst es
nicht. Und unendlich nagt es am jungen, alten Eisen, dass es rostet. Und vergiss den Wind nicht, der
am Abhang zerrt und das Meer in Wogen über dich hinreißt. Am Abhang hält der Stein dich aus –
solange du willst. Im Meer bist du begraben. Da nützt die Aussicht auf den zarten Wolkenstreif
nicht, den erreichst du nimmer. Am Abhang hast du ihn um dich. Und bedenke, die Distel, harrt sie
nicht wie du, dass einer käme, ihn zu erfreuen? Und ermutigst du ihn nicht, es zu versuchen? Und
seien es nur ein paar Stufen. Stell dir vor, es gäbe dich nicht. Käme da jemand, die Distel zu sehen,
die Aussicht auf den Wolkenstreif, aufs Meer? Stell dir vor, du wolltest fallen.

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