Günter Weschke

Felix, bis zum letzten Tag

Felix, bis zum letzten Tag.

Frühling ist’s und gut gelaunt fahre ich in den jungen Tag, die Sonne lacht vom Blau und keine Wolke macht sich in irgendeine Himmelrichtung auf, um am unendlichen Horizont zu verschwinden.
Ich lass mich beim Fahren gern von leiser Musik verwöhnen, so auch heute, - Rhapsodie in Blue -, passend.
Ein wundervoller Morgen, der jedoch mein ganzes Leben verändern sollte.
Vor mir, am Rand der Straße, sah ich plötzlich etwas Schwarzes Zappeln.
Ich ließ den Wagen langsam ausrollen und sah, es war ein junger Rabe, der jetzt nicht plötzlich die Flucht ergriff, wie es ja üblich war, sondern flatternd sitzen blieb.
Ganz langsam ging ich näher und sah jetzt, dass er am Flügel verletzt war, ja, was jetzt tun?
Im Kofferraum hatte ich einen Schuhkarton liegen, also nahm ich die Schuhe heraus und versuchte den Raben, in den leeren Karton zu bekommen.
Leicht war es nicht, er konnte auch schon kräftig Zwicken, aber dann hatte ich es geschafft, Deckel drauf, den Wagen gewendet und wieder in Richtung -nach hause - unterwegs.
Mein Katerchen schaute ganz verdutzt, als es mich schon wieder zurückkommen sah.
Neugierig lief er mir in den Garten nach.
Ich öffnete vorsichtig den Deckel und sofort erschien der Rabenkopf, sperrte seinen gelben Schnabel auf und schrie hach Futter, so kam es mir jedenfalls vor.
Na ja, ein paar Regenwürmer waren schnell gefunden und wurden auch gleich, genau so schnell verdrückt.
Katerchen saß am Boden und blickte nach Oben, von dort schaute Felix, -so habe ich ihn genannt -, nach Unter.
Zuerst musste jetzt eine Bleibe gefunden werden, Felix konnte ja wohl nicht, seine Zeit hier im Karton verbringen.
Überlegen, Überlegen, Überlegen.
Ja, im Kellerraum gab es einen Käfig, waren einmal zwei brutunwillige japanische Ziervögel drin.
Käfig war rasch geputzt und Felix konnte (musste) sein neues Heim beziehen.
Wegen seines Flügels rief ich einen Freund an, der war Tierarzt und der sagte, ich solle noch heute zu ihm kommen, natürlich mit Felix.
Also wieder rein ins Auto, Käfig auf den Beifahrersitz und mit dieser kostbaren Fracht zum Tierarzt.
Der hat dann tatsächlich festgestellt, dass die Verletzung nicht so schlimm war, der Flügel wurde - so gut es ging -, fixiert und danach ging es wieder zurück.
Felix saß die ganze Zeit ruhig am Bodes seines neuen Heims.
Rabenfutter, wo gibt es Rabenfutter und was frisst er überhaupt?
Eine kleine Schale mit Wasser hat er gern angenommen, aber was soll es heute als “Mittagessen” geben?
Ich hab’s, eine Maus sollte es sein.
KATERCHEN… komm, komm, zeig doch einmal, wie gern du Mäuse fängst, los, mach schon.
Na ja, so auf Befehl geht das schon gar nicht.
Felix war müde und schlief, aber dann, am Abend lag plötzlich eine tote Maus auf der untersten Treppenstufe.
Na, das war aber ein Festmahl.
Danke mein liebes Katerchen.
So ging es tatsächlich weiter, manchmal am Morgen, meist jedoch am Abend, gab es -Maus- für Felix.
Das Flügelproblem war nach zehn Tagen vorüber und er lief völlig frei in der Wohnung umher.
Ich fütterte ihn auch mal zwischendurch mit Regenwürmern, die er mir vorsichtig aus der Hand nahm.
Es dauerte nicht lange und er saß auf meiner Schulter.
Dann wurde ich übermütig, als er wieder auf der Schulter saß, öffnete ich die Tür zum Garten und ging langsam hinaus.
Jeden Augenblick erwartete ich, dass er einen Abflug machte, aber nichts dergleichen geschah, ich setzte mich in meinen großen Gartenstuhl und redete dabei auf ihn ein.
Felix war ein guter Zuhörer, mit leicht schiefem Kopf, lauschte er meinen Worten.
Oft saß auch mein Katerchen dabei und wir Drei hatten wirklich unsere Freude.
Gegen Abend ging ich mit Felix auf der Schulter, zum Misthaufen, wo auch unsere Regenwürmer lebten, ich fuhr mit der Hand durch den lockeren Dünger und zog einen Wurm heraus, im gleichen Augenblick sprang Felix von meiner Schulter und schnappte sich den Wurm.
Danach wühlte er selbst mit dem Schnabel herum und zog auch einen Wurm heraus.
Ab jetzt sorgte Felix meist für sich selbst.
Morgens stolzierte er über den taunassen Rasen und schnappte nach allem was sich so bewegte.
Beim Frühstück saß er auf dem Tisch und versuchte, alle Krümel gleichzeitig aufzupicken, er war niemals aufdringlich oder gar lästig.
Warme Sommerregen liebte er besonders, mit ausgebreiteten Flügeln saß er dann im Gras und ließ es sich so richtig gut gehen.
Einmal ist er in die Regentonne gefallen, warum?
Vielleicht hat er sein Spiegelbild gesehen und wollte es Fangen?
Jedenfalls schwamm er, - mit ausgebreiteten Flügeln -, mitten in der Tonne, aber ich brauchte nur meine Hand auszustrecken, um ihn wieder einzufangen.
Eines Tages versuchte er, Katerchen zu fangen.
Mit flatternden Flügeln lief er hinter der Katze her, die voller Schrecken darüber, dass Hasenpanier ergriff und unter einer Dornenhecke Zuflucht suchte, Felix stolzierte, wie ein Triumphator, davor umher.
Sein Lieblingsplatz aber war der, auf meiner Schulter.
Gern ließ er sich herum tragen.
Als er eines Tages sein “Geschäft” auf meiner Schulter machte, war ich richtig wütend und schimpfte ihn aus, er lief darauf hin in die Küche und setzte sich in seinen Käfig.
Das tat mir dann wieder Leid und ich versuchte ihn, mit einen fetten Regenwurm, wieder heraus zu locken, was auch gelang.
Eines Nachts hatte es geschneit, alles war weiß, Felix saß wieder einmal auf meiner Schultern und wir schauten beide durch die großen Türscheiben nach draußen.
Dann öffnete ich die Tür und ging hinaus, es war kalt und weiß.
Ich bückte mich und machte eine kleine Schneekugel, die hielt ich ihm hin und er wollte sie fressen.
Es war etwas Neues, er fand Gefallen daran, hüpfte in den Schnee und tollte herum, wie es eigentlich kleine Kinder machen.
Mit den Flügeln warf er Schnee in die Luft, legte sich auf den Bauch und drehte sich um sich selbst herum.
Es war ein riesengroßer Spaß für uns alle.
Felix war aufgeregt und sein -Krah, Krah, klang wie ein Hurrah, Hurrah.
Mäuse gab es ab jetzt weniger, aber er fraß auch Hackfleisch, auch etwas vom Hühnchen oder auch ein Stück Leber.
Er respektierte unseren Zimmertiger, aber auch der ließ den Raben in Ruhe, etwa wie -Friede mit Abstand -.
Manchmal schien irgendetwas in seinem Kopf vor zu gehen, er spazierte mit gesenktem Kopf im Zimmer auf und ab, blieb stehen, um dann weiter zu Laufen.
Lustig war seine erste Begegnung mit einem Spiegel.
In der Die steht ein großer Ankleidespiegel, er läuft daran vorbei, aber im letzten Moment springt er auf meine Schulter und ruft …Krah, krah.
Jetzt stehen wir beide vor dem Spiegel, er starrt hinein, wedelt mit dem Flügel, hüpft hin und her.
Krah, Krah, er fliegt in die Küche und setzt sich in seinen Käfig.
Das war seine Festung, seine Burg.
Das Lustigste war einmal, er saß auf dem Boden und ich (gemeiner Hund) warf plötzlich meine Mütze über ihn, er hüpfte blind herum und als Katerchen dieses hüpfende Ding sah, ergriff es die Flucht, erst nach zwei Tagen kam sie wieder ins Haus, darauf bedacht, nicht in die Nähe dieser Mütze zu kommen.
Felix aber ließ sich nichts anmerken, war wie immer zutraulich und belegte wieder seinen Stammplatz auf meiner Schulter.

So vergingen sieben wunderbare Jahre.

Es war ein wunderschöner Frühsommertag, Felix stand oben auf dem Misthaufen, suchte nach Würmern, während Katerchen ziellos - so schien es - herum stromerte.
Felix hatte einen besonders großen Wurm entdeckt, packte ihn und zog kräftig, bis er ihn heraus hatte.
Mit dem Wurm im Schnabel flatterte er nun auf den Boden, direkt vor Katerchen.
Die Katze war schneller.

Ich begrub Felix unter einen Fliederbusch, im Garten.

Durfte ich meinem Katerchen böse sein?
Obwohl ich sehr traurig war, nein, es war ja sein Instinkt, der ihn Handeln ließ.

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