Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 6)

Zum ersten Mal seit Langem war es nicht die Hitze, die mich in den kommenden Nächten wachhielt. Die Saat der Gewissensbisse war gesät, und im Verlauf der nächsten Tage grassierte sie unaufhörlich durch meinen Kopf und setzte sich in all seinen Winkeln und Ecken fest. Schuldgefühle besitzen eine einzigartige, dunkle Macht. Man spielt mit ihnen herum wie mit Knetmasse, versucht sie den eigenen Vorstellungen nach zu formen und zu verändern, sie in eine Schablone hineinzupressen, in der sie sich besser anfühlen und irgendwie unbegründeter erscheinen. Ich war da keine Ausnahme. Doch je tiefer ich mich in diesem Gewirr aus Rechtfertigungen verzettelte, desto schlimmer wurde es, so schlimm, dass ich Leila, alias love_centipede, schon bald selbst aus meinem Kopf zu verbannen versuchte, natürlich nur vergeblich. Ein Teil von mir wusste, dass sie mit ihrem Vorwurf ins Schwarze getroffen hatte. Ich hatte sie für ein bisschen speziell gehalten, angesichts ihrer Interessen und Vorlieben, ich hatte es mir nicht eingestehen wollen und ich war davon ausgegangen, dass sie etwas mit dieser Friedhofsgeschichte zu tun haben könnte, zumindest unterschwellig. Und noch etwas war von Bedeutung: Dass sie mich schneller durchschaut hatte als ich selbst, zeigte nur, dass sie mit derlei Verurteilungen schon mehr als einmal zu tun gehabt hatte. Ich sei der gewesen, bei dem es endlich anders sei. Bei dem sie sich gut und verstanden gefühlt hätte.

Soviel dazu.

Drei volle Tage herrschte Funkstille. Am vierten Tag schrieb ich ihr eine Nachricht, mich jederzeit anrufen zu können, um über alles zu reden. Ich bat um Verzeihung, hätte unüberlegt und vorschnell geurteilt, verstände ihre Besorgnis. Mehr nicht. Es hätte nichts gebracht, ihr wie eine Klette hinterherzurennen und pausenlos mit Nachrichten zu bombardieren; das hätte sie vermutlich erst Recht abgeschreckt. Ich versuchte mit meinem Leben weiterzumachen wie bisher, obwohl die Spuren unserer kurzweiligen, dafür aber umso intensiveren Bekanntschaft gnadenlos ihre Wirkung zeigten; ich vermisste die nächtlichen Gespräche, vermisste den Austausch unserer Gedankengänge über Drogenkonsum und der Kirche, vermisste es, Empfehlungen zu Tumblr-Blogs und Horrorfilmen zu bekommen. Eines Abends erwischte ich mich dabei, wie ich durch unsere alten Gesprächsverläufe scrollte, wie ich ihre Heys :) zählte und wie ich minutenlang auf ihre Bilder starrte, die sie mir geschickt hatte. Das Bild mit ihrem Tattoo. Das Selfie auf ihrer Arbeit. Das Bild aus der Badewanne. Letzteres betrachtete ich am meisten, aber nicht, weil es so anreizend war: In diesem Bild steckte die Verheißung auf etwas Wundervolles, auf etwas, das hätte sein können und das unsere Bekanntschaft in eine völlig neue Sphäre gehoben hätte. Je bewusster ich mir dieser Tatsache wurde, desto stärker wurde mein Verlangen, mich unter der Bettdecke zu verkriechen und in einer feuchtheißen Blase aus Kummer und Schweiß zu ersticken.

Tagsüber kaute ich es immer wieder durch. Zerlegte den Gedanken in seine Einzelteile, reihte die Fakten auf, versuchte abzuwägen, was plausibler war. Ich wollte es nicht wahrhaben, und ein Teil von mir war sich auch völlig sicher, dass es geradezu abstrus und irrsinnig war, es überhaupt zu erwägen … doch konnte ich mich vor der anderen Möglichkeit genauso wenig schützen wie vor Leilas entwaffnende Flirtereien. Ich versuchte mich an den Abend zu erinnern, als es passiert war. Wir hatten das erste Mal miteinander telefoniert. Im Vorfeld hatten wir über eine Stunde miteinander gechattet. So ein Unterfangen, das Ausgraben eines Sarges und das anschließende Aufbrechen – von den Demolierungen und Zerstörungen auf dem restlichen Friedhof mal ganz abgesehen –, dauerte Stunden, womöglich die ganze Nacht. Wir hatten uns erst gegen zwei Uhr voneinander verabschiedet, und danach wäre ihr höchstens noch ein Zeitfenster von drei Stunden geblieben, ehe die Sonne wieder aufgegangen wäre. Das hätte ihr niemals genügt. Außerdem, weshalb in Gottes Namen sollte sie so etwas tun? Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger entsetzte mich die Annahme, sie könne etwas mit diesem Vorfall zu tun haben, als vielmehr die Tatsache, dass ich es ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, zumindest für einen kurzen Moment.

Mein Gott, bist du bescheuert. Wie hatte ich ihr einen solchen Vorwurf so direkt an den Kopf werfen können? Der Selbstekel überkam mich und durchsickerte meinen Verstand wie schwarzer Schlamm.

Auch meine Eltern bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Doch wann immer sie das Gespräch mit mir suchten, wedelte ich sie ab oder verließ den Raum. »Steven, was hast du denn? Schon seit Tagen verhältst du dich anders.« Aber ich wollte nicht reden. Ich wollte vergessen und gleichzeitig nicht vergessen, und deshalb ging ich alles und jedem aus dem Weg, sogar meinem dämlichen Rechner und meinem dämlichen Handy; nach so intensiver Nutzung in den letzten Nächten widerten mich diese Geräte nur noch an. Während der Nachmittage stahl ich mich immer öfter in die umliegenden Maisfelder, kämpfte mir einen Weg durch die Reihen, bis ich so einsam war wie auf einer abgeschiedenen Insel, und machte es mir dann auf dem staubigen Erdboden bequem, entweder um zu dösen oder die Gedanken schweifen zu lassen oder um einfach nur an den Stängeln und Blättern vorbei in den knallblauen, wolkenlosen Himmel zu schauen. Es tat gut, allein zu sein. Die Hitze und Trockenheit zu spüren. Zu schwitzen wie in der Sauna und sich von Mücken umschwirren zu lassen, bis es Abend wurde.

Es tat gut und gleichzeitig weh, an Leila zu denken.

Eine Woche nach unserem letzten Gespräch – eine Woche nach jenem surrealen, verwegenen Nachterlebnis in der Badewanne -, kam ich morgens zum Frühstück hinunter und war – seltsamerweise – nicht überrascht, meine Mutter kopfschüttelnd am Tisch sitzen zu sehen, in der einen Hand ihre Kaffeetasse und vor sich ausgebreitet die heutige Ausgabe der Regionalzeitung. Warum auch sollte es mich überraschen? Schon von der Türschwelle aus erkannte ich die Schwarzweißfotografien umgestoßener, angeknackster Grabsteine, die dutzenden schwarzen Zeichnungen und Sprüche, die den rauen Fels wie eine Maserung überzogen.

Die Gleichgültigkeit in meiner Stimme war nicht gespielt, als ich mich setzte und mir Kaffee einschenkte. »Schon wieder so ein Vorfall?«

So viele Wörter hatte ich in den letzten Tagen kaum herausgebracht, und dennoch schien meine Mutter zu schockiert zu sein, um es zu bemerken. »In Greensburg.« Mit fassungsloser Miene schob sie mir die Zeitung zu. »Keine fünf Meilen von hier.«

Ich drehte die Kanne zu und las. Dieselben willkürlichen Verwüstungen, dasselbe Ausmaß an Demolierung und Zerstörungswut. Hakenkreuze, Pentagramme, Obszönitäten und Symbole, die ich nicht einmal kannte … Sprüche, die laut Verfasser »das Antlitz Gottes massiv beleidigten und eine Spottschrift auf den Glauben abgaben.« Der einzige Unterschied zu Vorher war, dass es diesmal zwei geöffnete Gräber gab, zwei entnommene Leichname. Bei beiden handelte es sich erneut um Männer.

»Wie können Menschen nur derartig respektlos sein?« Meine Mutter griff zur Butter. Ihre Finger waren blass.

Ich wusste nicht, was mich ritt. Ich wusste nicht einmal genau, warum ich es tat. Doch nach dem Frühstück stand ich auf und sagte ihr, dass ich mich mit ein paar Kommilitonen treffen würde, die gerade in der Gegend waren. Sie nickte nur, schien mit ihren Gedanken noch immer ganz woanders.

»Wenn es als nächstes nun hier passiert«, hörte ich ihre Stimme beim Rausgehen. »Wenn es unser Familiengrab erwischt …«

Im Auto drehte ich die Klimaanlage auf und das Fenster komplett runter, sodass der Wind mir während der Fahrt erfrischend ins Gesicht pustete. Mein etwas verbeulter und bereits in die Jahre gekommener Chevrolet war nicht das hochkarätigste an Fahrvehikeln, aber die fünf Meilen fuhren sich schnell, und als ich Greensburg erreichte, ging ich vom Tempo und tuckerte behäbig durch die Innenstadt. Ich erwischte mich dabei, meinen Blick über die vorbeiziehenden Gesichter auf dem Bürgersteig schweifen zu lassen, über die dutzenden knapp bekleideten Mädchen, die an meinem Wagen vorbeikamen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun würde, sollte ihr Gesicht tatsächlich darunter sein.

Als ich den Friedhof erreichte, zeichnete sich bereits vor seinem Haupteingang ein nicht geringer Tumult ab. Eine Handvoll uniformierter Polizisten versuchte eine Gruppe aufgebrachter Passanten zu beruhigen, überall schwirrten Leute mit ihren Handys und Kameras herum; sogar ein Typ mit Notizblock war dabei, der Stereotyp eines Großstadtjournalisten, wie man sie aus Kinofilmen kennt. Ich fand eine Parklücke mit Blick auf die Frontmauer des Friedhofs und stellte den Motor ab. Dann saß ich da und wartete. Ich wartete, und während ich wartete, versuchte ich mir klar zu werden, worauf ich wartete und – wichtiger noch – weshalb ich wartete. Hitze kroch durchs offene Fenster und brachte das Wageninnere zum Glühen wie einen Ofen. Schon bald kämpfte ich mit juckendem Schweiß und Müdigkeit. Je weiter es auf die Mittagszeit zuging, desto leerer wurde es auch am Friedhofstor. Lieber zogen sich die Leute in die Schatten ihrer Häuser zurück, dachte ich, als dass sie riskierten, ihr Hirn fürs Angaffen von bemalten Steinen verbrutzeln zu lassen.

Es vergingen zwei Stunden, bis ich mir eingestand, dass ich nicht einfach nur wartete. Ich hoffte. Ich hoffte, sie zu sehen, um einen Beweis dafür zu haben, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Doch so, wie in meinem Kopf nun die Gewissensbisse wucherten, könnten es in ihrem Kopf die Zweifel tun – eingepflanzt von mir. Als mir dieser Gedanke kam, wurde mir beinahe übel, und das hatte nichts mit der stickigen, heißen Luft zu tun. Was, wenn sie sich ihre Interessen fortan nicht länger eingestehen wollte? Wenn sie es fortan mied, ihre Neugierde zu stillen? Ich wäre derjenige, der die Verantwortung trüge. Ich allein hätte dafür gesorgt, dass dieses Mädchen sich selbst verleugnete.

Du weißt nicht, wie es in ihrem Kopf aussieht, meldete sich der weiterhin skeptische Teil in mir zu Wort. Du suchst nur nach Gründen, weshalb sie nicht auftaucht.

»Sie kann aus allen möglichen Gründen nicht auftauchen«, sagte ich laut in die Stille und verkrampfte dabei meine Hände ums Lenkrad. »Vielleicht hat sie einfach keine Lust, vielleicht hab ich sie einfach nur verpasst.«

Genau. Vielleicht war sie ja heute Nacht schon da.

Auf einmal überkam mich immense Wut. Wut auf diejenigen, die hierfür verantwortlich waren, auf die Möchtegernrebellen und Möchtegernsatanisten, die sich nachts in aller Feigheit hierher gestohlen hatten, nur um der Provokation wegen zu provozieren. Ihretwegen war alles in die Brüche gegangen. Ihretwegen hatte sich die Kluft zwischen Leila und mir aufgetan.

Ich stieß die Tür auf und verließ den Wagen. Mit energischen Schritten stapfte ich über die Straße und durch das Haupttor, ignorierte die wenigen noch anwesenden Leute, die tuschelnd im Schatten der Bäume beieinanderstanden und mir sofort misstrauische Blicke zuwarfen. Sollten sie halt glotzen. Ich folgte dem Hauptweg und betrachtete dabei die umliegenden Grabsteine; ein paar wirkten wie frisch poliert, ein paar hatte man entwendet – nackte, rechteckige Flecke im Rasen kündeten von ihren Standorten – und manche waren noch gänzlich unberührt und weiterhin in beschädigten, demolierten Zustand. Mit schwerem Atem setzte ich meinen Weg durch die brütende Hitze fort, bis ich schließlich fand, wonach ich suchte. Ich blieb in einiger Entfernung stehen und wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht.

Dann holte ich mein Handy aus der Tasche. So heiß, wie sich das Ding anfühlte, grenzte es an ein Wunder, dass es noch nicht zerschmolzen war. Ich aktivierte die Kamerafunktion und hielt es geradewegs auf das leere Grab, um das die Polizei ein Absperrband gespannt hatte. Wie einen Pfeil vernahm ich die Verachtung, die die Leute am Haupteingang mir mit ihren Blicken in den Rücken schossen. Ich vernahm ihre Verachtung und ich vernahm meine Verachtung – den Selbstekel, der in diesem Moment so starke Ausmaße annahm, dass mir beinahe übel wurde -, doch in diesem Moment hatte ich für keins von beidem Zeit. Selbst das blasse, entsetzte Gesicht meiner Mutter verbannte ich vorübergehend aus meinem Kopf.

Ich machte ein Bild und ging zu meinem Auto zurück. Bei WhatsApp wählte ich mit schweißnassen Fingern den Chatverlauf mit Leila aus. Sie hatte meine vorherigen Nachrichten noch nicht gesehen, doch das entmutigte mich nicht.

Ich schickte ihr das Bild und schrieb die Worte dazu, die mir seit eben durch den Kopf gingen. »Seltsam zu sein ist vielleicht ganz in Ordnung. Ich glaube, dass du seltsam bist, ist sogar der Grund, weshalb ich dich so interessant finde. Tut mir leid, dass mir das nicht von Anfang an klar war. Ich mag dich, Leila, und du solltest dich nicht schlecht fühlen, weil du mutig genug bist, du selbst zu sein.«

Ich fügte ein Herz hinzu, und dann schickte ich die Nachricht ab und fuhr nach Hause.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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