Adrian Braissant

Weihnachten eben

Schneeflocken wirbelten durch die kalte Nacht. Scheinwerferkegel tasteten die weichen Konturen der Strasse ab. Daniel Waber, sportlich, dunkelblond, anfangs dreissig, sass hinter dem Steuer seines Alfa Romeos und wühlet im Handschuhfach. Wo zum Teufel war der verdammte Wischlappen? Das Heizungsgebläse hatte sich gestern verabschiedet und das machte ihm heute arg zu schaffen. Gefährlich war das, und er wusste, dass es so war. Jeder Atemzug liess die Scheiben beschlagen. Während der Atempausen klarten sie zwar ein wenig auf, doch langsamer konnte er nun wirklich nicht mehr atmen. So verschlechterte sich die Sicht zusehends. Binnen kurzem konnte Daniel nichts mehr erkennen. Hastig öffnete er das Seitenfenster. Unerbittlich drückten sofort Schneeflocken ins Wageninnere. Daniel hustete trocken. Schmerzen rasten durch seine Kehle. Gestern Mittag, auf der Fahrt zur Arbeit, hatte er sich bereits erkältet. Während der Nachtschicht verbesserten die klimatisierten Technikräume die Situation nicht wirklich. Somit besiegelten die jetzt harschen Wetterverhältnisse den Rest. Natürlich war es noch stock dunkel an diesem frühen Dezembermorgen. Eine ereignisreiche Nacht lag hinter ihm. Die zunehmend widrigen Arbeitsbedingungen hatten ihn längst aus der Komfortzone katapultiert. Früher da wurde er anerkannt und vom Team getragen, fühlte sich nützlich in dem, was er tat. Inzwischen war vieles anders geworden. Vorgesetzte wechselten im Stakkato und jeder drehte ein Stück an der Leistungsspirale. Das Team schrumpfte, die Anforderungen stiegen. Daniel wischte sich die Nase ab. Es ging wieder los, mit der triefenden Nase. Angespannt kniff er die Augenlieder zusammen, in der Hoffnung schärfer sehen zu können, denn vor ihm war die Strasse nunmehr kaum zu erkennen. In weiter Ferne blinkten orange Drehlichter. Hoffentlich schaffte er es, bis zum Pflug. Die Motorhaube grub sich derweil immer tiefer in Schneeverwehungen, und das bremste die Fahrt jedes Mal abrupt ab.

„Jetzt bloss nicht liegen bleiben“, dachte Daniel verdrossen und erhöhte den Druck aufs Gaspedal.

Der Alfa röhrte gequält, wann immer die Räder kurzzeitig an Halt verloren. Nur gerade so, schaffte es der schnittige Sportwagen durch die Schneemassen, Verhältnisse für die er nie gebaut worden war. Im Radio liefen Durchsagen über Umgestürzte Bäume, Zugsausfälle und steckengebliebene Busse. Wenn das bloss bald hinter ihm lag. Trotz voll aufgedrehter Heizung fror Daniel entsetzlich. Der geringe Fahrtwind vermochte, ohne unterstützendes Gebläse, kaum genügend Wärme in den Fahrgastraum zu pressen. Damit frass die durch das halb geöffnete Fenster eindringende Kälte jeglichen Behaglichkeit. Zumindest reduzierte diese Widrigkeit die Gefahr, in seinem übermüdeten Zustand irgendwann einzuschlafen. Ausserdem trug er die eigentlich warme Outdoorjacke. Doch die hatte ihre besten Tage längst hinter sich gelassen und neigte unterdessen dazu, die Nässe sogar aufzusaugen. Warum hatte er sich bloss nie die Zeit genommen, die Jacke wenigstens einmal zu imprägnieren oder halt gleichwohl eine neue zu kaufen. Immerhin ging sie mit ihm bereits geraume Zeit durch dick und dünn. Just in dem Moment steckte der Alfa schlagartig fest. Der Motor heulte unbändig auf. Die Räder fanden keinen Halt mehr und drehten vollends durch. Nichts ging mehr und der Schneepflug war nirgends zu sehen.

„Verdammt!“, fluchte Daniel heiser.

Schneeketten hatte er nie gekauft. Die paar Tage, an denen sich diese Investition hätte lohnen können, waren bald abgezählt. Doch heute war genau einer dieser Tage! Er stieg aus dem Wagen, fuhr den Reissverschluss seiner dunklen Jacke hoch, bis unters Kinn und versuchte, mit blossen Händen, den hart gepressten Schnee unter dem Alfa Romeo wegzuräumen. Ziemlich schnell wurde ihm aber klar, das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Auch der Eisschaber, eigentlich gedacht für die Scheibenenteisung, knickte ab wie ein Strohhalm und eine Schaufel hatte er nun definitiv nicht dabei. Somit gab es kein Weiterkommen mehr.

„So eine Scheisse aber auch!“

Vor Kälte stampfend steckte Daniel die tauben Fingerspitzen in den Mund. Ein Blick ins Auto verriet, auf dem Fahrersitz hatte sich bereits Schnee festgesetzt. Das Fenster stand noch immer offen. Der Motor blubberte im Standgas. Daniel schloss das Seitenfenster, stellte den Motor ab, zog den Zündschlüssel aus dem Schloss und verriegelte in gewohnter Manier den Alfa. Jetzt war es, bis auf das Weiss der reflektierenden Schneemassen, dunkel. Entschlossen grub Daniel Waber in der oberen Jackentasche nach seinem Mobiltelefon. Dies gestaltete sich, aufgrund der dumpfen Finger mit kaum mehr vorhandenem Tastsinn, ziemlich mühsam. Gleichwohl verdichteten sich die Anzeichen, dass das Gerät wohl tatsächlich fehlte. Es musste aber da sein, beharrte sein Verstand störrisch, worauf er genervt die Suche in den Hosentaschen fortsetzte. Vielleicht lag es trotzdem und wider erwarten irgendwo im Auto? Sofort tastete er nach dem Schlüssel in seiner Jackentasche. Doch mit derart klammen Fingern fehlte ihm nunmehr die Kraft, die Autoschlüssel fest zu halten, geschweige denn die Fahrertür erneut damit aufzuschliessen. Resigniert steckte er den Zündschlüssel zurück in die linke Tasche. Gut möglich, dass ihm vorhin beim Graben das Handy rausgerutscht war. Dieser Gedanke löste abrupt einen lauten Fluch aus. Doch er wusste, dass dieser Ausstoss die Situation kaum verbesserte. Frustriert stapfte er stattdessen sondierend um das Fahrzeug herum. Dabei schob er ziemlich planlos mit dem Fuss da und dort den Schnee herum, konnte bei den prekären Verhältnissen jedoch nichts entdecken. Er fühlte sich so nackt, ohne das vielseitige Gerät. Nicht mal ein Licht zum Suchen hatte er jetzt. Auf einmal strahlten die Scheinwerfer des Schneepflugs hinter der nächsten Kurve hervor.

„Hier her!“

Daniel sprang so gut es halt ging, steif vor Kälte, in die Luft und schwenkte beide Arme.

„Hallo, ich bin hier! Ich stecke fest“, schrie er zornig in die kalte Nacht.

So sehr sich Daniel auch anstrengte, der LKW-Fahrer schien ihn einfach nicht zu bemerken, im Gegenteil setzte er vorsichtig zurück, um den Weg zurück Richtung Stadt weiter zu pflügen. Daniel trieb sich verzweifelnd durch den tiefen Schnee, geradewegs auf die nahe Kurve zu. Ein Rennen, das er nur verlieren konnte. Es war ein Albtraum. Grösster Anstrengung zum Trotz und unter Einsatz aller Kräfte, kam er dennoch kaum vom Fleck. Dem Erschöpfen nahe, rutschte zu alledem sein linker Fuss plötzlich haltlos weg und verhakte sich unglücklich in einem Hindernis, tief unter der Schneedecke. Daniel taumelte und fiel mit dem Gesicht voran in die aufragende Blechkante einer Leitplanke, die vom Schnee gut zugedeckt worden war. Überdeutlich vernahm er metallisches Klingen, als sein Schädel mit voller Wucht auf die Kante schlug. Warmes Blut quoll aus der aufgeplatzten Fleischwunde über seinem rechten Auge. Doch zurzeit fühlte er keinen Schmerz, während sein Bewusstsein langsam schwand.

 

Grelles Licht riss ihn jäh aus dem Abgrund. Seine Augen fühlten sich ausgetrocknet, sandig an und lieferten kein klares Bild. Unidentifizierbare Geräusche verwirrten. Ein reges Treiben herrschte rings um ihn.

„Es geht ihnen gut. Sie sind in Sicherheit. Haben sie Schmerzen?“

Ein heiseres Stöhnen war alles, was er grad zustande brachte.

„Sind sie Daniel Waber?“

Er nickte leicht und stammelte: „Bin ich - wo bin – was…“

„Sie sind wohl im Schnee stecken geblieben…“

„Schneepflug…“

„Sie erinnern sich? Der Fahrer hat uns alarmiert. Wir werden Sie jetzt aus dem Krankenwagen in die Notfallaufnahme bringen. Ich bin Doktor Balmer und werde sie begleiten.“

Daniel versuchte nach der tauben Stelle am Kopf zu tasten. Doch die Finger fühlten sich an, als seien sie unförmige Klumpen Eis, die unter lähmendem Schmerz langsam auftauten. Eigentlich tat ihm alles weh und gleichwohl war er gelassen. Ihm schien nichts dringlich zu sein. Die tägliche Hektik, der Motor seines Treibens, war vorerst verstummt. Die ständige Angst, nicht zu genügen, hatte sich verflüchtigt wie Abgas im Wind. Die Gedanken waren gänzlich frei. Nichts belastete mehr. Doch je weitere Kreise er in seine Erinnerungen zog, desto unschärfer erschienen die Bilder. Da war eine Art Schutzwall. Jeder Versuch diese Barriere auszuleuchten, forderte enorme Konzentration und ermüdete ungemein. So kam, dass er nach zwei – drei Anläufen in eine Art Dämmerzustand verfiel, der sich letztlich wohltuend anfühlte. Null und nichts musste er. Die Zeit schien nicht mehr zu existieren. Keine Forderung stand im Raum. Er durfte einfach nur sein und wollte, dass es so immer weiter ging.

Wie Licht nach dem Dunkel eines Tunnels, blendete Bewusstsein wieder in ihm auf. Eingehüllt in wärmende Decken erwachten langsam seine Sinne. Er lag in einem Bett, umgeben von anderen Betten. An ihm hingen diverse Kabel und Schläuche, die ein Pflegefachmann Zug um Zug entfernte, bis lediglich die Infusion stecken blieb. Es roch irgendwie technisch. Daniel dachte spontan an den typischen Geruch der von Lüftern eines nagelneuen Servers beim ersten Hochfahren ausgestossen wurde.

„Wie geht es ihnen?“

Daniel erblickte die Pflegefachfrau zu seiner linken und lächelte.

„Ich bin Frau Helbling und nehme sie nun mit auf die Abteilung.“

Die interessante Reise durch diverse Gänge und über den Bettenfahrstuhl dauerte leider nur kurz. Im Krankenzimmer parkte ihn Frau Helbling direkt am Fenster. Von insgesamt vier Betten waren bereits deren zwei belegt. Es roch sehr streng nach Desinfektionsmittel. Zwischen seinem Bett und dem rechterhand von ihm, wurde eine mobile Trennwand geschoben. Frau Helbling nahm ihm den Puls, überprüfte die Infusion und las einen QR-Code am Fussende seines Betts ein. Daraufhin tippte sie ein paar Daten in die Bildschirmtastatur ihres Tablets und sagte: „So, jetzt dürfen sie sich erst einmal ausruhen.“

Nachdem sie gegangen war, wurde es, bis auf ein asthmatisches Röcheln vom Patienten gegenüber, still. So langsam begann Daniel zu realisieren, was geschehen war. Das Blut pulsierte in seiner Kopfwunde. Ertastend fuhr seine rechte Hand hoch und fand die Stelle wo ein dickes Pflaster klebte. Beim Versuch, sich im Bett aufzusetzen, wurde ihm schummerig und ein Stechen bohrte sich in die Stirn. Er liess es deshalb bleiben. Indes wanderte sein Blick durch den Raum. Vor dem Fenster tanzten wilde Schneeflocken. Im angrenzenden Park des Spitals stand eine echte, bestimmt zwölf Meter hohe, Tanne, vollumfänglich geschmückt als Weihnachtsbaum. Die Äste hingen tief unter der Last des Schnees. Selbst die Lichterkette die sich wie eine Spirale von der Spitze um den Baum nach unten wand, verschwand einesteils unter dem weissen Zuckerguss. Daniel schloss seine müden Augen und schwebte mit dem Bild in Gedanken. Eigenartig verzerrte Geräusche holten ihn regelmässig aus dem Dämmerschlaf. So pendelte er im Vakuum zwischen Traum und Wirklichkeit, bis irgendwann eine junge Stimme verkündete: „Abendessen ist da!“

Daniel riss erschreckt die Augen auf. Als erstes sah er in das klare Gesicht einer jungen Frau.

„Mein Name ist Maeder, ich bin Servicepraktikantin. Herr Waber, tut mir leid, ich wollte sie nicht erschrecken.“

„Machen sie sich nichts draus, ich bin recht schreckhaft…“

„Dann darf ich ihnen das Essen gleich im Bett servieren?“

„Oh, ja sehr gern.“

Beim Versuch, sich im Bett aufzusetzen, wurde Daniel erneut schwindlig. Der bohrende Schmerz zwang ihn nieder.

„Warten sie, sie können über die Bedienung die Position verstellen, dann klappt das schon mit dem Aufsitzen.“

Daniel lehnte sich gepeinigt zurück, kniff die Augen zusammen, bis der Schmerz verhallte. Behutsam verstellte er nun das Bett in eine gemütliche Sitzposition.

„Heute gibt es Hühnersuppe, dann Gemüseeintopf und zum Nachtisch eine Karamellcreme. Na - wie klingt das?“

„Köstlichen“, sagte Daniel und begann heisshungrig die Suppe zu löffeln.

„Dann wünsche ich allen einen guten Appetit.“

In Windeseile schickte sich Frau Maeder an, den Raum mitsamt ihrem klapprigen Servierwagen zu verlassen. Von draussen erklang Kirchengeläut. Daniel blickte zum linken Handgelenk. Verwundert stellte er fest, wo sonst seine Uhr sass, war bloss ein weisser Fleck.

„Entschuldigen sie, ich bin völlig zeitlos. Wie viel Uhr ist jetzt?“

Frau Maeder hielt inne, schaute auf ihre Uhr und meinte: „Dreiviertel sechs.“ Während sie dies sagte, kehrte sie zu ihm ans Bett zurück und fuhr fort: „Falls sie ihre Uhr suchen, die liegt hier auf dem Nachttisch.“ Sie zeigte ihm die Uhr und legte sie danach wiederum in die Kunststoffschale zurück. „Alle weiteren Effekte finden sie im Schrank neben dem Zugang zum Bad. Achten sie einfach auf die Beschriftung ‚Fenster links‘.“

„Danke, hat mir vermutlich schon jemand gesagt. Ich muss mich entschuldigen. Ist wohl nicht mein Tag heute…“

„Kein Problem, das mache ich doch gern“, entgegnete Frau Maeder professionell und schwebte aus dem Zimmer.

Das warme Essen stimmte ihn gemütlich. Daniel hatte nicht das Bedürfnis, anschliessend fern zu sehen. Als das Geschirr abgeräumt war, dimmte der Pflegefachmann das Licht im Zimmer, nachdem er zuvor die Rollläden geschlossen hatte. Daniel vermisste den leuchtenden Weihnachtsbaum und schloss die Augen. In Gedanken sah er ihn, stolz und märchenhaft erhob er sich in den dunklen Nachthimmel. Daniel versank in Gedanken und sah sich in seiner Kindheit. Es gab kein glückliches Weihnachten. Es war die Zeit der Einsamkeit, obwohl er nie wirklich allein war. Er gehörte nicht dazu. Niemand schloss ihn aus oder erniedrigte ihn. Keiner stritt sich mit ihm um Kekse oder versuchte ihn zu necken. Sie spielten untereinander, aber kaum mit ihm. Alle Kinder brauchen Liebe. Ihm wurde sie vorgespielt. Er war ein Geist inmitten der Familie. Sein Mund klebte vor Trockenheit, der Rachen brannte. Daniel versuchte das Glas Tee auf seinem Nachttisch zu erreichen und trank. Minzen Tee liebte er zwar nicht, doch fühlte er Dankbarkeit, weil der Tee ihm die Trockenheit nahm. Indes wusste er nicht mehr, ob er nun träumte oder doch wach lag. Da herrschten Schatten die in Wellen um ihn wogten. Fluten wie Wände, die ihn verschlangen und endlose Tiefen düsterer Unendlichkeit. Und plötzlich drang Licht aus der Ferne.

„Guten Morgen“, verkündete eine weiche Stimme, das Licht ging an, die Rollläden der Fensterfront wurden geöffnet.

Erst eine ganze Weile später hob Daniel die Augenlider. Draussen herrschte noch schwarze Dunkelheit. In seinen Ohren hörte er ein fahles Klingen. Das Klingen verstärkte sich zum Klirren und Klappern. Wie ein Feuerwerk explodierten plötzlich seine Sinne, als sie erkannten, das Frühstück war da. Auf dem Tisch vor ihm lagen Brot, etwas Konfitüre, Süssgebäck, Joghurt, Saft und ein Kännchen mit Kaffee. Neben ihm schickte sich eine geübte Pflegefachfrau an, seine Infusion zu entfernen.

„Nach dem Frühstück dürfen sie aufstehen und duschen. Na, wie klingt das?“

„Einfach hervorragend“, gestand Daniel kurzweg.

Sobald alle Schläuche und Beutel entfernt worden waren, verschwand die Schwester, flink wie ein Wiesel, hinter der Trennwand. Daniel hörte wie sie mit dem Patient neben ihm sprach, bevor sie den Raum verliess. Hinter ihr schnappte die Zimmertüre wieder ins Schloss. Zu hören war nur mehr eifrig klapperndes Essgeschirr. Über die Steuerung verstellte Daniel das Bettgestell, bis er eine angenehme Sitzposition fand. Der duftende Kaffee war verführerisch. Geniesserisch goss er sich eine Tasse ein und schlürfte das heisse Getränk beim Betrachten der Gaumenfreuden, die noch vor ihm lagen. Ja, so was liess er sich gern gefallen.

 

„Herr Waber, guten Morgen. Na, wie fühlen Sie sich?“, fragte Doktor Balmer frisch.

„Etwas stumpf, abgespannt und irgendwie rastlos. Dann diese Kopfschmerzen wie ich sie noch nie verspürte.“

„Sie haben eine etwa drei Zentimeter lange Platzwunde an der Stirn. So was blutet immer sehr stark und sieht im ersten Moment gefährlich aus. Wir haben sie mit ein paar Stichen fixiert. Ihre Wunde wird sich bald beruhigen. Einzig die Gehirnerschütterung begleitet sie und verlangt möglichst viel Ruhe. Sind sie oft gestresst? Was machen Sie beruflich, Herr Waber?“

„Informatiker in einem Rechenzentrum.“

„Das ist sicher interessant und anspruchsvoll. Daher meine Bitte, schalten sie unbedingt einen Gang zurück. Ruhe ist die einzige Medizin in dem Fall. Bis nach Weihnachten sollten sie sich entlaste. Ich verschreibe ihnen einen Dispens. Wer ist ihr Arbeitgeber?“

„DataWig.“

„Sehr grosses Unternehmen, weltweit präsent. Hm - die werden das schon verkraften.“

„Oh ja, das bestimmt, aber meine Kollegen vielleicht nicht. Der Kostendruck hat unser Team ständig schrumpfen lassen…“

„Ihre Sorgen sind edel. Aber auch die Kollegen wissen, sie Herr Waber sind für diese Engpässe nicht verantwortlich. Nun frage ich, wie oft waren sie in diesem Jahr schon krankgeschrieben?“

„Eigentlich nie…“

“Na sehen sie. Somit werden ihre Kollegen das auch verstehen. Eine Gehirnerschütterung ist keine Bagatelle. Bitte seien sie sich dessen unbedingt bewusst.“

Doktor Balmer hob die Lesebrille auf die Nasenspitze und blätterte in der Krankenakte.

„Haben sie ansonsten gut geschlafen?“

„Mehr oder minder die ganze Zeit, seit gestern Mittag…“

Doktor Balmer blätterte erneut, notierte ein paar Details und fuhr dann fort: „Das ist ein guter Anfang. Wenn ich sie nach dem Frühstück entlasse, halten sie sich fern von Ärger und Beruf. Sie müssen sich unbedingt schonen. In zehn Tagen sehen wir uns dann wieder. Sollten bis dahin etwelche Beschwerden auftauchen, rufen sie ungeniert an. Passt das so für sie?“

„Ja – gewiss.“ Daniel versank für einen Moment in Gedanken. „Flex!“

„Wer ist ‚Flex‘?“

„Ich habe eine Katze!“

„Oh – Katzen sind nicht nachtragend und überstehen so manches. Bestimmt hat sich jemand in der Zwischenzeit um sie gekümmert…“

Daniel wusste es besser. Das arme Tier harrte wohl die ganze Zeit über draussen auf ihn. Mit etwas Glück, konnte der Kater vielleicht ins Treppenhaus flüchten. Er musste inzwischen völlig ausgehungert sein. Flex war dreizehn und von früheren Revierkämpfen gezeichnet. Das rechte Ohr war eingerissen und dem linken fehlte die Spitze. Daniel Waber hatte den zerzausten Tiger vom verstorbenen Vormieter der Dachwohnung übernommen. Doch eigentlich hatte Daniel gar keine Wahl gehabt. An dem Tag, als er die Wohnung besichtigte, war sie noch möbliert gewesen. Die Tochter des verstorbenen Gottlieb Wagner nächtigte hier, bis alle Formalitäten erledigt waren. Der Kater kauerte damals gerade in seinem Korb unter dem gusseisernen Heizkörper in der Stube. Von dort unten flehten die grossen gelben Augen, ihm den Lebensabend im Tierheim bitte zu ersparen. Seither dankte es der anhängliche Kater mit treuer Freundschaft und verströmte Gemütlichkeit.

 

Mit einer Plastiktüte in der Hand, verliess Daniel Waber wenig später das Krankenhaus. Die Tüte enthielt einige Medikamente, reichlich Verbandsmaterial und ein Sandwich für den Heimweg. Er fühlte sich euphorisch, war froh der bedrückenden Umgebung im Krankenzimmer entfliehen zu können. Auf den Gehwegen war der Schnee bereits geräumt. Ein eisiger Wind liess die vereinzelt fallenden Schneeflocken nicht zur Ruhe kommen. Daniel stellte den Kragen seiner Jacke hoch und hustete trocken. Trotz diagnostizierter Unterkühlung, hielt sich die zurückgebliebene Erkältung in erträglichen Grenzen. Er war so froh, hier zu sein. Und Flex?

„Wenn Flex jetzt bloss nicht draussen war“, dacht Daniel besorgt und stieg in den Bus.

Von der Endstation bis zum Bahnhof dauerte die Fahrt nach Anzeige 15 Minuten, also konnte er sich jetzt des kleinen Sandwichs annehmen. Gedankenversunken biss er ein Stück ab und genoss die Sicht aus dem warmen Wageninneren nach draussen, wo sich bei der nächsten Haltestelle die frierenden Leute bereits zum Einsteigen aufreihten. Allmählich füllte sich der Bus. Richtig laut wurde es, als eine Gruppe Mädchen den Bus erstürmte. Inzwischen waren auch alle Sitzplätze belegt, es herrschte Gedränge. Erst am Bahnhof entleerte sich der Bus wieder. Den Kragen hochgestellt strebte Daniel gegen den eisigen Wind und verwirbelnde Schneeflocken schnurstracks in die nächste Laube. Fast alle Gassen der malerischen Stadt umsäumten beidseitig Arkaden. In den als Lauben bekannten, gedeckten Gehsteigen konnte es, insbesondere bei schlechtem Wetter, schon mal ziemlich eng werden. Zudem präsentierten ansässige Geschäfte ausgesuchte Kleinigkeiten direkt vor ihren Schaufenstern, was die Zirkulation des Menschenstroms vielerorts zum Erliegen brachte. Wer’s allerdings eilig hatte, scherte zuweilen auf die Gasse aus, um sich wenig später auf Grund des garstigen Wetters doch wieder ins Gedränge zu fügen. Daniel gönnte sich die Zeit zum Schlendern nicht. Er drängte so gut es ging durch die Massen, um dann im grossen Einkaufsladen die paar Sachen zu besorgen, die er grad dringend benötigte. Zuträglich war, die Marketingabteilung hatte seit seinem letzten Besuch keine Umstrukturierung des Produktangebots verfügt. Somit konnte er zielstrebig vorgehen, weil er exakt wusste, wo was in welchem Regal zu finden war. Heil froh reihte er sich, nur Minuten später, mit seinen bloss sieben Artikeln legitim in die kurze Schlange vor der Expresskasse ein. Selbst da dauerte es eine Weile, bis Daniel, die Quittung in Händen, sich endlich auf den Heimweg begeben konnte. Mit zwei Tüten im Arm steuerte er geradewegs auf die Gasse zu, schob seine Kapuze über den Kopf und stapfte durch den rutschigen Schneematsch, während es leicht flöckelte.

„Flex – ich bin bald da“, murmelte er in Gedanken.

War der Kater im Haus geblieben, hatte er zumindest ein warmes Plätzchen. Womöglich hatte Frau Sulser - sie wohnte im ersten Stock und damit direkt unter ihm - verstanden, dass etwas nicht stimmte. Sie kannte Flex schon von früher, das war mithin lang vor seiner Zeit in dem Haus. Sie hatte Flex bei Abwesenheit des damaligen Meisters stets versorgt. Hoffentlich fiel ihr auf, dass er gestern nicht nach Hause gekommen war.

Vorbei an einladenden Kaffees, Boutiquen und schmucken Schaufenstern, verliess Daniel Waber den Trubel der Hauptgasse und entkam in ein charmantes, schmales Quergässchen, welches ihn geradewegs zu den Parkbänken im Garten des im Sommer stark frequentierten Restaurants führte. Von da ging es in wenigen Schritten hin zur Doppelbogenbrücke in genieteter Schweisseisenkonstruktion. Gleichsam mit dem Abschliessen des ersten Viertel Weges über die Brücke, peitschte ihm aus dem Nichts eisiger Wind direkt ins Gesicht. Intuitiv drückte er die beiden offenen Plastiktüten in seinen Armen, als diese auf einmal, unter heftigem Lärm, zornig flatterten. Daniel kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, gleichzeitig drehte er sich, im Versuch den Böen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, zur Seite. Die mit dem Luftstrom getragenen Eiskristalle ritzten indessen seine Wangen wund. Zudem lähmte die Kälte jegliche Kieferbewegungen. Daniel erhöhte das Tempo und damit unmittelbar auch die Atemfrequenz. Seiner Erkältung geschuldet, stach nun jeder Atemzug schmerzhaft bis tief in die Lungen. Erst zum Ende der Brücke ebbte der Sturm endlich ab. Nach dieser Strapaze war Daniel - trotz bewährter Allwetterjacke mit der passenden Bezeichnung ‚Icepeak‘ - völlig durchfroren. Als er die gedeckte Tramhaltestelle erreichte, setzte er seine beiden Tüten auf die Sitzbank ab, um endlich die starren Hände in den Hosentaschen wiederzubeleben. Zugleich stapfte er fröstelnd hin und her, da stieg ihm unvermittelt warmer Duft heissen Glühweins in die Nase. Verführt blickte Daniel in Windrichtung. Nirgends war ein Hinweis zu erkennen. Der Duft wurde offenbar von weit her getragen. Nichtsdestotrotz, der Gedanke beflügelte ihn. Er wusste wo im Keller eine geeignete Flasche Wein lagerte. Also raffte Daniel sich auf. Hastigen Schrittes bog er etwas später in die ruhige Quartierstrasse ein, wo er bald darauf vor der Haustüre des Dreifamilienhauses stand, in dem er wohnte. Mit noch klammen Fingern klaubte er den Schlüssel aus der Hosentasche. Dann brauchte es totale Konzentration, den Schlüssel ins Schloss einzuführen. Erst die Zusammenarbeit beider Hände baute schliesslich genügend Drehmoment auf, den Schlüssel im Schloss ganzheitlich gegen Uhrzeigersinn zu verdrehen. Daniel lehnte sich gegen die schwere Holztür. Ächzend wich sie dem Druck seiner Körpermasse. Sofort strömte Wärme ihm entgegen. Aufgeregt beförderte Daniel, abwechselnd mit beiden Füssen schiebend, die zwei Einkaufstüten vor sich in den Eingangsbereich, dann schloss sich die Tür hinter ihm zu. Ein hastiger Rundumblick zeigte einstweilen keine Spur von Flexs Dasein. Alles stehen und liegen lassend, sauste Daniel leichtfertig die Treppe hinunter. Stürmisches Herzklopfen entfachte pochendes Stechen in seinem Kopf. Die erwachte Euphorie dämpften die auffrischenden Schmerzen. Gepeinigt durchforstete er die Kellerräume. Flex liebte die Waschküche, fand er da doch allzu oft einen vollen Wäschekorb vor, dessen Verlockung, so richtig und ausgiebig darin zu fläzen, er ungebrochen erlag. Das löste in der Folge bei Frau Gerber ungeheure Dissonanz aus. Lena Gerber wertete den Sachverhalt als persönlichen Angriff und nahm es dem Kater, insbesondere seinem Besitzer, ausserordentlich übel, obgleich sie in letzter Konsequenz eigentlich nachlässig war. Oft liess sie ihre Wäsche nämlich so lange hängen, bis jemand sich aus Platzmangel genötigt sah, die Arbeit für sie zu erledigen. Auf dem Weg gelangte die dann längst trockene Aussteuer im betreffenden Korb. Daniels Blick verharrte: Der volle Wäschekorb stand zwar da, aber Flex kuschelte nicht darin.

Enttäuscht zog er sich zurück, löschte alles Licht im Keller, bevor er wenig später die Treppen nach oben zu seiner Dachwohnung stieg. Pochende Kopfschmerzen liessen ihn unterwegs wiederholt anhalten. Er musste sich daran gewöhnen, etwas gemächlicher vorzugehen. Oben angelangt fixierte sein Blick gebannt die Fussmatte vor seinem Eingang. Flex musste eine Zeit lang darauf gelegen haben, das belegten die frischen Fellhaare ganz deutlich. Nachdenklich sperrte Daniel die Wohnungstür auf und horchte kurz. Anschliessend ging er den kurzen Gang entlang in die Küche. Zielstrebig suchte er im Küchenschrank nach Flexs Leckerbissen. Mit der Blechdose rasselnd, ging Daniel nur wenig später die Treppe wieder hinunter und verliess das Haus. Das sah wohl ziemlich bedeppert aus, darin war er sich sicher. Doch so was zählte jetzt nicht. Flex war wichtiger. Darum rasselte Daniel entschlossen mit dem Inhalt der Dose, während er die schmale Wohnstrasse entlang schritt. Gleichzeitig achtete er auf tierische Details wie etwa Pfotenspuren im Schnee, reckte den Kopf zu Hauseingängen, sah über Gartenmauern oder Hecken hinweg und gab erst auf, als er vor dem Jugendwohnheim am einen Ende des Weges stand. Ausnahmsweise herrschte in dem Umfeld kaum Betrieb. Hektik verabscheute der gesetzte Kater, infolge war er eher selten weit in dieser Richtung unterwegs. Beharrlich mit der Futterdose rasselnd trottete Daniel in entgegengesetzter Richtung, bis der Quartierweg in die Hauptstrasse einmündete, wo Bus, Strassenbahn sowie Individualverkehr pulsierten. An der Stelle hatte er Flex niemals angetroffen, und das war auch gut so. Daniel sah sich ernüchtert um. Offenbar erregte das Rasseln der Blechdose unangenehme Aufmerksamkeit. Nahe Passanten musterten ihn erheitert, indessen blieb Flex weiterhin unerreicht. Betreten wandte Daniel sich ab und trottete mürrisch heimwärts. Was hatte er eigentlich erwartet? Flex war ein Überlebenskünstler. Nasskaltes Wetter verabscheute er. Mit Sicherheit hatte der Kater sich in einen Hauseingang verdrückt. Doch das konnte einfach überall sein. Selbst in einer Garage war es aktuell wärmer als draussen. Ausserdem besass Flex grosses Talent darin, unentdeckt zu bleiben, wenn ihm danach war. Im besten Fall bettelte er irgendwo, ausgehungert um Futter. Unwillkürlich drang die Blechdose wieder in den Vordergrund seiner Aufmerksamkeit. Durch die anhaltende Kälte fühlte sie sich allmählich wie ein veritabler Eiszapfen an. Intuitiv wechselte Daniel sie in die rechte Hand, wobei ihm die Dose durch die klammen Finger glitt und mit dumpfem Klang im Schnee stecken blieb. Daniels Atem dampfte, als er sich bückte und gleichzeitig seinem Unmut Luft verschaffte.

„Grüss Gott, Herr Waber.“

Ertappt blickte Daniel auf Frau Sulser, die von der Bushaltestelle her kommend, geradewegs auf ihn zu steuerte.

„Hallo Frau Sulser“, rief er in überhöhter Lautstärke, um die noch herrschende Distanz, insbesondere den vorangehenden Ausbruch, etwas zu entschärfen.

Frau Erna Sulser war mittelschlank und hatte einen leicht hinkenden, behäbigen Gang, der von dem hinter sich her ziehenden Einkaufswagen besonders akzentuiert wurde. Ihr dichtes, weisses, recht kurzgeschnittenes Haar schaute jetzt kaum unter dem tief ins Gesicht gezogenen grauen Winterhut hervor. Darunter trug sie elegante Ohrstecker. Sie war seit zwanzig Jahren Witwe und wahrscheinlich über Siebzig. Stets bemüht, um korrektes, standesgemässes Auftreten, hielt sie sich fortlaufend auf dem neuesten Stand, was im Quartier alles vor sich ging.

„Wozu die Futterdose?“

Daniel wollte moderat vorgehen. Er hasste es, ins Gerede zu kommen, insofern entschied er sich für eine Gegenfrage: „Haben Sie unterwegs Flex angetroffen?“

„Eigentlich nicht.“

Erna Sulser und er machten unterdessen noch ein paar Schritte, dann blieben sie vor dem Hauseigang stehen. Frau Sulser parkte den Einkaufswagen hinter sich und begann erwägend ihre Lederhandschuhe auszuziehen.

„Ist er gestern nicht heimgekommen?“

„Wahrscheinlich schon. Vermutlich hat er sogar auf der Fussmatte auf mich gewartet.“

Frau Sulser hob vielsagend eine Augenbraue, wobei sie umständlich ihre Handtasche nach dem Schlüsseletui durchsuchte. Schliesslich meinte sie ermittelnd: „Waren sie gestern nicht zuhause“?

„Eben das ist das Problem. Ich war verhindert.“

„Verhindert?“, wiederholte Frau Sulser einfordernd, währenddessen sie sich weiterhin ausgiebig mit ihrer Tasche beschäftigte. Erst eine gefühlte Ewigkeit später, als sie erkannte, dass definitiv keine Details folgten, ergänzte sie: „Warum haben sie mich nicht angerufen, ich hätte…“

„Hören sie – ich war im Krankenhaus und konnte nicht…“

Erschreckt schaute sie ihn an: „Sie sind ja verletzt! Oh, gütiger Gott. Hatten sie einen Unfall?“

„Ja – aber nichts Ernstes“, beschwichtigte Daniel nervös und umriss widerstrebend kurz die Situation, dann konzentrierte er sich wieder auf Flex, ohne Frau Sulser die Möglichkeit weiterer Fragen zu bieten. „Vielleicht hat ihn ja etwas aufgescheucht oder er wurde vertrieben? Flex ist eigentlich eher geduldig, und tigert nicht unnötig herum.“

„Vertrieben? Wo denken sie auch hin.“ Erna Sulser überlegte, schüttelte dann aber den Kopf: „Nein - ich habe wirklich nichts gehört. Wenn Flex Hunger hat, kommt er früher oder später an meine Wohnungstür und kratzt die Fussmatte. Sie wissen schon, das erzeugt so ein klopfendes Geräusch.“ In dem Moment ertastete Frau Sulser endlich ihr Schlüsseletui, nahm es heraus und klappte die Tasche nachdenklich zu. Dabei fixierte ihr Blick das rote Etui mit dem aufgenähten Eichhörnchen. „Moment mal“, sagte sie dann innehaltend und sah Daniel direkt in die Augen. „Als ich gegen zehn Uhr abends am Telefon war… Hm - eigentlich habe ich geglaubt, sie wären das. Es klang als seien sie die Treppe hoch gestiegen.“

Unterdessen gelang es Frau Sulser den Hausschlüssel endgültig auszupacken. Sie sperrte die Haustüre auf und Daniel folgte ihr in den warmen Flur.

„Mal sehen“, murmelnd stellte sie den Einkaufswagen in die Ecke, schritt zur Parterrewohnung und klingelte entschlossen.

Lena Gerber war grad zur Stelle, so als hätte sie jemanden erwartet. Lena war Ende Zwanzig, schlank dabei mittelgross. Ihr brünettes, schulterlanges Haar steckte unter einer dicken Wollmütze. Heute trug sie ausserdem einen dunklen Wollmantel, dazu ein gestricktes Halstuch.

„Was ist denn los?“, fragte sie etwas mürrisch.

„Oh – sie wollten grad gehen?“, erkundigte sich Erna Sulser reserviert.

„Ja – ich muss zur Arbeit.“

„Hören sie, meine Liebe. Herr Waber vermisst seinen Kater. Haben sie Flex vielleicht…“

„So?“, fiel sie Frau Sulser abrupt ins Wort. Lena schaute zu Daniel. In ihren Augen spiegelte tiefe Abneigung, während sie ihn von oben herab musterte: „Dann werden sich einige Missstände im Haus wohl bald bessern?“

„Ich bitte sie, seien sie konstruktiv“, hakte Daniel möglichst neutral ein. „Das arme Tier hat ihnen nichts getan.“ Daniels Augen funkelten gereizt.

„Schminken sie sich das mal ab. Ich mag den Kater zwar nicht, aber tue ihm auch nichts. Das können sie mir ruhig glauben!“

„Vielleicht haben sie ihn ja auch bloss rausgeworfen!“, konterte Daniel scharf und bereute im gleichen Augenblick.

„Nein, nein, nein - wo denken sie auch hin. Niemand will ihnen hier etwas unterstellen“, beschwichtigte Frau Sulser nahtlos.

Lena zog die Wohnungstür geräuschvoll ins Schloss und meinte: „Dann kann ich jetzt ja wohl gehen.“

Frau Sulser wich zur Seite. Daniel öffnete die Haustür. Lena Gerber zog, ohne ein weiteres Wort zu investieren, an den beiden vorbei, hinaus in die klirrende Kälte.

„Tja – dann weiss ich jetzt auch nicht weiter.“

Daniel Waber seufzte: „Nun werde ich wohl mal ein paar Anrufe machen. Wenn das nichts bringt, verteile ich Zettel mit Foto.“

Erna Sulser nickte zustimmend: „Immerhin trägt er ein Halsband.“

„Nun - ich vermute, er lässt keine Fremden so dicht ran, um es abzulesen.

Daniel Waber griff spontan nach dem Einkaufswagen und stellte ihn einen Stock höher vor Frau Sulsers Wohnungstür. Wieder pulsierte der Schmerz. Daniel schloss kurzzeitig die Augen.

„Vielen Dank auch, Herr Waber. Sie werden Flex schon finden. Der kommt wieder.“

„Ja – das hoffe ich.“

 

Lena Gerber arbeitete in der mittelgrossen Bäckerei ‚Backträume‘ mit integriertem gemütlichem Cafe. Das Geschäft lag etwa eine Gehminute unterhalb der ehemaligen Stadtmauer, an der Münstergasse. Lena besorgte mit Leidenschaft den Verkauf der Backwaren und bediente die verweilenden Gäste im Bistro. Meistens standen sie zu zweit im Laden, vor Festtagen auch mal zu viert. Lena mochte die Festzeit ganz besonders, wenn der warme Duft von Lebkuchen, Gewürzen und Glühwein in die Gassen strömte und den Weihnachtsmarkt mit all seinen flackernden Lichtern und Köstlichkeiten erfüllte. Derweil herrschte vielerorts geschäftiges Treiben. Jedes noch so unscheinbare Geschäft präsentierte sich herausgeputzt und liebevoll geschmückt. Lenas Talent im feinfühligen Gestalten, hatte sich längst herumgesprochen. So diente die Bäckerei manchen als Ausgangspunkt für den Bummel durch den Weihnachtsmarkt. Eine Tradition, die dem sonst gewöhnlichen Bäckerladen jedes Jahr eine ganz besondere Note verlieh. Dabei wusste wohl kaum einer, dass Lena bloss Angestellte und nicht Eigner war. Wie eine seltene Blume, verzauberte sie die Gäste durch ihre reine Anwesenheit.

Zu Sankt Nikolaus herrschte wie erwartet Hochbetrieb. Lena belegte die späte Tour und löste dabei ihre Kollegin Judit ab die, seit der Ladenöffnung um sechs, auf den Beinen stand. Judit Halter war eine angenehme Kollegin, im selben Alter. Lena unterhielt sich gern mit ihr, vor allem über ihr gemeinsames Hobby, die Ornithologie. Letzten Sommer schlossen sie sich gar zusammen einer Vogelbeobachtungsreise nach Island an. Daraus entstanden kunstvolle Aufnahmen und wertvolle Erinnerungen, die sie gern miteinander teilten. Heute war es allerdings zu umtriebig. Ausser ein paar geschäftlichen Informationen, konnten sie kaum miteinander plaudern. Beim Vorbeigehen winkte Judit noch kurz durchs eisblumenverzierte Schaufenster, während Lena einer älteren Dame zwei grosse ‚Grättimanne‘, vielerorts bekannt als Stutenkerle, vorsichtig in gesonderte Tüten schob. Auch das Kaffee war gut besetzt. Die wohlige Wärme kombiniert mit dem süssen Duft frischen Konfekts verlockte so manchen zum Geniessen und Verweilen, während draussen der eisige Wind mit den Schneeflocken tanzte und es allmählich eindunkelte. Das Ende des Nachmittags kündigte sich auch dadurch an, dass eine Gruppe Drittklässler, aus der Schule im unteren Stadtteil, auf ihrem Heimweg im Laden vorbei schauten. Ihr Besuch galt stets den übriggebliebenen Backwaren, die sie hier oft für wenig Geld erstehen konnten. In diesen Tagen war das jedoch kaum der Fall und so entschied sich Lena, weil heute Nikolaus war, den Jungen je einen Spitzbuben zu spendieren.

„Danke“ sagte Nils ordentlich und strahlte sie mit seinen tief blauen Augen, die unter dem weit in die Stirn fallenden, hellblonden Haarschopf hervorschauten, an als Lena ihm als letzten den Spitzbuben in die Hand legte.

„Lasst es euch schmecken, Jungs. Und Nils, richte Herr Thaler einen Gruss von mir aus – ja?“

„Mach ich…“

Lena mochte den grossgewachsenen, breitschultrigen ex Polizisten, der am Ende ihrer Strasse, wo sie wohnte, im staatlichen Jugendheim als Erzieher arbeitete. Erst richtig wahrgenommen hatte sie ihn, als er Ende Sommer mit Nils im Laden stand und die vorbestellten Brote bei ihr abholen wollte. Damals hatte sie geglaubt, er wäre wohl Nils Vater. Dass so eine sportliche, gutaussehende Erscheinung Mitte Dreissig wie aus der Werbung als Erzieher arbeitete, konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Seither hatten sie sich wohl ein paarmal auf der Strasse getroffen und dabei über Belanglosigkeiten geplaudert, über mehr aber leider nie. Auch warum er den Dienst quittiert hatte, erschloss sich ihr bis dahin nicht. Den Zusammenhang zur Polizei ergab sich nach und nach, aus aufgeschnappten Unterhaltungen. Stephan Thaler setzte sich manchmal zu seinen ehemaligen, uniformierten Kollegen hinten im Erker, wenn er vorbei kam und sah, dass sie gerade Pause machten. Lenas Träumereien fanden ein jähes Ende, als Frau Sulser in den Laden Trat. Zielstrebig steuerte sie auf Lena zu und begann: „Haben sie noch zwei Grittibänze?“

„Da sind grad welche aus der Backstube gekommen. Schauen sie, im Korb neben dem Schmutzli.“ Lena begleitete Frau Sulser. „Welcher darf‘s denn sein?“

Frau Sulser zog den rechten Handschuh aus und deutete auf einen mittelgrossen Stutenkerl mit verschnörkelter Krawatte und tönernen Tabakpfeife. „Der ist für mich und der untere mit der Zipfelmütze werde ich Herr Waber schenken.“

„Aber gerne, Frau Sulser“, heuchelte Lena professionell, dabei argwöhnte sie in sich hinein: „Warum ausgerechnet dem!“

„Haben sie eigentlich von Herrn Wabers Unfall gewusst?“

„Oh…“ entgegnete Lena betont mild. „Neulich im Flur machte er mir eigentlich einen gesunden Eindruck.“

„An seiner Stirn, sahen sie den Verband?“

„Ist mir nicht aufgefallen.“

„Er hatte gestern früh einen Unfall auf der Heimfahrt von der Nachtschicht. Der Schneepflugfahrer fand ihn, bewusstlos im Schnee liegend. Herr Waber war sogar auf der Intensivstation. Er verbrachte anschliessend den Tag und die Nacht im Krankenhaus, bevor er heute entlassen wurde...“

„Ach, darum die Frage nach der Katze?“

„Ein Unfall bei einem Schneesturm wie er in jener Nacht tobte, ist ziemlich übel. Glauben sie mir. Er hat einiges mitgemacht.“

„Oh – natürlich“, mehr fiel Lena dazu einfach nicht ein, während sie konzentriert die Tüten verschloss.

„Er ist immer so hilfsbereit. Darum dachte ich mir, eine kleine Aufmerksamkeit freut ihn bestimmt, besonders zu Nikolaus.“

Lena nickte vielsagend, reichte Frau Sulser das Rückgeld und begleitete sie zum Ausgang: „Besten Dank und auf Wiedersehen.“

Für einen kurzen Moment blickte ihr Lena sinnend hinterher, da hörte sie das vertraute Rasseln von Schellen. Sankt Nikolaus und Schmutzli kämpften sich mit vollbepacktem Esel durch den Schnee, dabei umringt von zahlreichen Kindern. Lena wärmten die Gedanken an ihre eigene Kindheit. Das wohlige Fell des Esels, den sie einfach hatte streicheln müssen. Und sie erinnerte sich auch wie sie ihm heimlich eine Karotte verfüttert hatte, als gerade keiner hin sah. Doch hatte sie nie damit gerechnet, dass der Esel fortan nicht mehr von ihrer Seite weichen wollte und deshalb die ganze Aktion aufgeflogen war. Sie schmunzelte und winkte dem Nikolaus träumerisch zu. Lange Zeit hatte sie auch geglaubt, dass Krähen im Dienste des Nikolaus übers Jahr hinweg all die guten und schlechten Taten der Kinder aufsammelten, die dann Eingang ins grosse Buch fanden, aus dem zu Nikolaus vorgelesen wurde. Sie lachte unweigerlich, während der Tross Richtung Münsterplatz zum Weihnachtsmarkt weiter zog. Selbst in Zeiten von Internet und maximaler Zerstreuung erfreute sich dieser Brauch, zumindest hierzulande, ungebrochener Beliebtheit.

 

Nils Handschin stürmte aus der Kälte in den Garderoberaum. Das Umziehen war ihm lästig und so geschah es auch diesmal, dass seine nassen Schuhe auf halbem Weg zum Rost im Keller auf dem Flur liegen blieben.

„Herr Thaler – Herr Thaler – ich soll einen Gruss bestellen, von der Tante im Bäckerladen. Sie hat uns…“ Nils hielt inne, da er wusste, sie durften keine Geschenke – Süssigkeiten gehörten ausdrücklich mit dazu – von Fremden annehmen.

„Aha – ich erinnere mich aber an keinen Auftrag, in der Bäckerei was abzuholen?

„Thomas und die andern, sie gingen da rein...“

„Und du musstest sie natürlich unbedingt begleiten?“

„Klar - und die Tante hat mich halt gesehen.“

„Dabei hast du nicht rein zufällig auch etwas gekauft?“

„Nein! Keiner hat was gekauft.“

„Interessant. Was wolltet ihr denn sonst in dem Laden?“

Nils Handschin fühlte sich ertappt und sah zu Boden. Bisher hatte er nicht gelogen. Das war enorm wichtig. Denn wenn ihm jetzt nicht ganz schnell was Handfestes einfiel, hatte er das Verhör zwar verloren, aber mit mildernden Umständen durfte er rechnen, solange er ehrlich blieb. Obwohl Stephan Thaler nie viel über sich erzählte, war seine Vergangenheit bei der Polizei doch allmählich durchgesickert. Das verschaffte ihm, nebst seiner eindrücklichen Erscheinung, natürlich zusätzlichen Respekt. Nils hatte ihn anfangs nicht gemocht, weil er irgendwie gnadenlos wirkte. Zum Flennen vertraute man sich dann besser Frau Kruger an. Das war früher wichtig zu wissen, als er noch klein war. Heute weinte Nils nicht mehr. Jetzt wollte er auch einmal Polizist werden wie Herr Thaler. Darum bemühte er sich intensiv, sein sicheres Auftreten zu kopieren und überspielte damit die Denkpause.

„Thomas Mutter organisiert doch immer die Pausenverpflegung fürs Singen...“

„Heute ist aber keine Probe im Münster – oder?“

„Vielleicht hat er das vergessen?“

„Nils – deine Sachen. Denk an den Nikolaus heute Abend...“

Frau Kruger war schlank und so Blond wie er. Oft wurde sie infolgedessen für seine Mutter gehalten, was natürlich nicht stimmte, obschon sie sich jetzt genau so anhörte, nämlich genervt. Dennoch war sie seine Rettung. Einerseits entzog er sich somit elegant dem laufenden Verhör, anderseits wollte Nils sich den Abend auf keinen Fall versauen. So stob er unverzüglich los, die Treppe hinunter in den Keller. Für gewöhnlich aber liess er sich bei solchen Geschäften gern viel Zeit. Als er nämlich vor zwei Jahren hier ankam, hatten sie ihm fast alles durchgehen lassen. Das war, weil Grossmutter bei den Weihnachtseinkäufen aus dem Bus gefallen war und sich dann nicht mehr um ihn kümmern konnte. Seither durfte er Grossmutter hie und da im Altersheim besuchen. Wenn sie ihn erkannte, schloss sie ihn immer ganz fest in die Arme. Das war manchmal etwas peinlich. Es gab aber auch Zeiten, wo sie ihn fragte, wer er denn sei. So wirr hatte er sich immer seine Mutter vorgestellt. Er konnte sich kaum an sie erinnern. Grossmutter hatte ihm aber erklärt, seine Mutter sei als Kind herzlich und enorm wissensdurstig gewesen. Noch vor seiner Geburt sei sie an einem unheilbaren Gehirntumor erkrankt, der sie in den folgenden Jahren allmählich aufzehrte. Zum Ende hin habe sie niemanden mehr erkannt und nur noch zur Decke hin gestarrt. Nils schluckte und fuhr mit dem Ärmel über die Augen, er wollte jetzt nicht weinen.

Im Keller standen bereits viele Schuhe und Stiefel auf dem über den Waschtrog geklappten Rost. Aus den weissen Fliesen ragte ein Wasserhahn, von dem ein kurzer Schlauch herab hing. Nur selten durften schmutzige Schuhe hier abgewaschen werden. Nils nervte sich, weil auf dem Rost kein Bereich mehr frei war. Somit versuchte er, mit grösster Fertigkeit, seine groben Winterschuhe im Randbereich zu platzieren. Weil er die Schnürsenkel nie richtig aufknüpfte, hingen diese jetzt in Knoten seitlich über den Rost hinab. Auf einmal fuhr eine getigerte Tatze aus dem Trog hervor und angelte nach den Knoten. Nils schrak zurück. Bereits verhakte sich eine Kralle an einem Schnürsenkel und im nächsten Augenblick fiel der Schuh polternd in die Wanne. Nils überwand den ersten Schreck schnell und blinzelte nach vorn gebeugt neugierig in den Trog, wo sich viele Spinnweben spannten.

Da - in der hintersten Ecke hockt ein zerzauster Kater. Dieser schaute ihn jetzt durch seine grossen, gelben Augen prüfend an. Spontan bückte sich Nils und streckte die Hand nach ihm aus. Er wollte ihn bloss streicheln. Doch der Tigerkater lehnte energisch fauchend ab. Nils zuckte überrumpelt zurück. Im ersten Affekt floh er geradewegs die Treppe hoch. Dort holte ihn klägliches Miauen ein. Er stoppte. Das war einfach nur dumm, planlos wegzurennen. Womöglich war das Tier verletzt und wollte deshalb nicht berührt werden? Beherzt kehrte er um. Niemand hier hatte eine Katze. Woher also kam sie?

Als Niels den Raum wieder betrat, schaute der Kater ihn vom Rand des Trogs aus grossen Augen an. Dabei hielt er sich mit den Vorderpfoten am Rand fest, während er auf seinen Hinterläufen in der Wanne stand. Ein erneutes, zaghaftes Miauen unter flehendem Blick, brach schliesslich das Eis. Nils musste ihm einfach helfen. Der Entschluss war schnell gefasst. Der Kater hatte Hunger. Nils jagte die Treppe hoch und schlich geradewegs in die Küche, direkt zum Kühlschrank. Ganz vorsichtig öffnend, horchte er intensiv auf verräterische Geräusche. Keine Reaktion so weit. Unterdessen streifte sein Blick durch das fahl beleuchtete Innenleben, auf der Suche nach katzengenehmer Nahrung. Schliesslich entdeckte er auf der Ablage unter dem Tiefkühlfach eine angebrochene Packung Kaffeerahm, abgepackt in kleinen Portionen. Kurzentschlossen brach Nils die vorderste Reihe zu fünf Töpfchen ab und verschwand geschwind, dabei ebenso geräuschlos wie er gekommen war, wieder ins Kellerreich. Der Kater hockte noch im Trog. Mit gespitzten Ohren verfolgte das Tier, enorm konzentriert, was hier vor sich ging. Als Nils die Abdeckfolie des ersten Töpfchens aufriss, wechselte der Tigerkater, zeitgleich mit dem charakteristischen Knackgeräusch, die Körperhaltung blitzschnell in den Bereitschaftsmodus. Elektrisiert fokussierte er fortan scharf beobachtend wie Nils etwas Rahm in seine Nähe tröpfelte. Trotz grösstem Verlangen, verharrte der Kater aber weiterhin geduckt, eindringlich der sich bildenden Lache entgegen schnuppernd. Die ausgeschüttete, weisse Flüssigkeit formte allmählich ein Rinnsal, das sich bereits den Weg in Richtung Abfluss bahnte. Unterdessen wippte die geschmeidige Schwanzspitze des Katers immer energischer auf und nieder, bis der Ruf der Verlockung schliesslich obsiegte. Ab diesem entscheidenden Schwellpunkt pirschte er sich zielstrebig, dennoch geleitet vom verbliebenen Rest Vorsicht, heran. Erneut ein kurzes Beschnüffeln, dann begann seine kleine rosa Zunge emsig die weisse Flüssigkeit aufzutupfen. Nils träufelte immer mehr Rahm aus, bis alle Töpfchen schliesslich leer waren. Akribisch leckte das Tier jegliche Spuren ab und beschnupperte im Anschluss den Umkreis, als längst nichts mehr zu sehen war. Erst mit der Zeit beruhigte sich der Tigerkater wieder. Von zaghaftem Schnurren begleitet, hockte er sich vor Nils hin, wobei die raue Zunge das mit Spinnweben übersäte Fell zu lecken anfing. Dabei entstand ein Geräusch so ähnlich wie Haare bürsten. Nils war ausser sich vor Freude und beobachtete den wuscheligen Kerl liebevoll. Dieser wiederum blinzelte ihn zuweilen freundschaftlich an.

„Ich werd‘ dich Maunz nennen“, sagte Nils leise und unternahm einen weiteren Versuch den Tigerkater zu streicheln.

 

Als Daniel Waber die Wohnungstüre öffnete, lag ein Grittibänz, sorgsam in Zellophan verpackt und mit einer blauen Schleife versehen, vor ihm auf der Fussmatte. Ziemlich erstaunt bückte sich Daniel. Eine kleine Karte steckte schräg unter die Schleife geschoben, sie enthielt die einfachen Worte: „Frohe Festtage“, kein Name, keine Unterschrift nur den Kleber der Bäckerei. Auf den ersten Blick sah es ganz danach aus, als käme die Überraschung von Lena. Doch das war recht unwahrscheinlich. Einen Augenblick lang horchte Daniel darum gespannt ins Treppenhaus. War da was? Er reckte den Hals, um besser zwischen den Treppenzügen nach unten zu blicken. Alles blieb gespenstisch ruhig. Daniel traute der Sache nicht und ging ein paar Stufen hinunter. In dieser Minute sprang mit fauchendem Tosen die Heizung unten im Keller an. Ganz offensichtlich war jemand unten oder hatte vergessen, die Kellertür zu schliessen. Daniel Waber trabte begeistert die Stufen hinunter, da schoss ihm ein stechender Schmerz in den Kopf. Jählings gebremst, kniff er die Augen zu und griff instinktiv ans Pflaster über seinem rechten Auge. Die Intensität des Schmerzes steigerte sich unerbittlich mit jedem neuerlichen Pulsschlag. Benommen lehnte Daniel sich einstweilen an die Wand. Das forsche Treppenlaufen, im Kontext der latenten Gehirnerschütterung, strafte unmittelbar das Missachten des ärztlichen Rats. Tief durchatmend hockte er sich gebeutelt auf eine Treppenstufe. Während Minuten harrte er zusammengesunken der ersehnten Linderung. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Pulsieren den Zenit überschritten hatte und langsam wieder abebbte. Kaum hatte er sich aus dem Bann des Schmerzes befreit, schärften sich auch seine Sinne wieder und so schien es ihm plötzlich, in der Nähe ein Miauen gehört zu haben. Doch die dominant brausende Heizung nährte Zweifel. Rastlos begann Daniel im Flur jeden Winkel zu prüfen. Unten im Keller durchstreifte er Raum für Raum. Er konnte es kaum erwarten.

„Felx, bist du da?“

Daniel horchte gesammelt. Die eigentlich schummrige Beleuchtung blendete ihn jetzt. Seine Kopfschmerzen zogen erneut an. Er kniff die Augen zusammen. So sehr er sich auch anstrengte, die Heizung übertönte wirklich alles. Ein sanftes Miauen konnte er somit unmöglich gehört haben, ausser Flex hätte vielleicht direkt neben ihm gestanden.

„So’n Mist auch“, murmelte Daniel resigniert. „Nun - da ich schon mal unten bin, werde ich mir wohl endlich die längst verdiente Flasche aussuchen, um bei einer Tasse Glühwein zu Sankt Nikolaus auf neue Gedanken zu kommen.“

Nicht restlos überzeugt, sah sich Daniel noch einmal gründlich um, rief erneut nach dem Kater und öffnete erst dann seinen Spind. Mit einer Flasche Dôle in der Hand, kehrte er schliesslich gemächlich zurück in seine Dachwohnung. Lebkuchen und eine Schale mit Nüssen, befanden sich ohnehin auf dem Esstisch. Den Grittibänz lehnte er zudem an den Rand der Schale und entzündete zwei Kerzen. Etwas Musik fehlte im Hintergrund. Am Tablet wählte Daniel die Festzeitfavoriten vom letzten Jahr und schon begann das Heimunterhaltungssystem die entsprechenden Titel in gedämpfter Lautstärke und zufälliger Folge abzuspielen. Mit der Musik kehrte auch so etwas wie Gemütlichkeit bei ihm ein. In der Küche zog er ganz langsam den Korken aus der Flasche und betrachtete die anmutig glänzenden Kristalle aus speziellen Salzen der Weinsäure, dem Kaliumhydrogentartrat, an der Unterseite. Ein gutes Zeichen. Zur Degustation holte sich Daniel einen fachgerechten Weinschwenker aus dem Schrank. Samtig ergoss sich der Wein in das Glas. Der erste Schluck entfaltete sogleich das ganze Bouquet. Eigentlich ein zu edler Tropfen für sein profanes Vorhaben. Angetan hob er die Flasche und las das Etikett, gleichzeitig nippte er von neuem am Weinglas. Eine so hohe Qualität bescherte dem Glühwein einen kaum merklichen Mehrwert. Doch ein Sprichwort besagte: „In einen richtig guten Glühwein gehört ein richtig guter Wein.“

Daniel schmunzelte, leerte den Schwenker und schritt zur Tat.

„Sei’s drum.“

Dezidiert goss er den Wein in den Messbecher. Nachdem alle Zutaten vereint waren, erhitzte er die Flüssigkeit und liess sie einen Moment lang ziehen. Bald schon durchflutete ein verführerischer Duft der Festlichkeit die kleine Dachwohnung. Kurzum später liess sich Daniel in seinen Gamer-Sessel sinken. Nach einem ausgiebigen Schluck warmen Glühwein lehnte er sich entspannt zurück. Sein Blick schweifte durch die enge Stube. Es gefiel ihm, was ihn umgab. Seine Einrichtung drehte sich ganz um Gaming. Vor ihm der grosse Bildschirm. Links und rechts die Gestelle mit diversen Spielkonsolen, Controllern und in der Dachschräge hinten werkelte, bei Bedarf, das dicke Serverpaket von HP für die extra Rechenpower. Natürlich fehlte auch das Surround System mit voll ausgebauter Lautsprecherkonfiguration nicht. Vereint mit VR-Brille und seit neuestem der Tretmühle vermittelte diese Technologie ein Maximum an Realitätsnähe, somit das ultimative Spielerlebnis. In der Scene im Netz war Daniel ein ‚Pro Gamer‘. Damit verdiente er gar nicht schlecht dazu. Darum konnte er sich die speziellen Extras auch getrost leisten. In der realen Welt hatte er demgegenüber kaum Freunde. Nur ein Kumpel war ihm treu. Unter dem Heizkörper, wo Flexs Korb verlassen stand, blieb sein Blick abrupt hängen. Der alte Kater, den er aus blossem Mitleid übernommen hatte, war ihm mittlerweile ans Herz gewachsen. Ja, dazu stand er, denn ihm fehlte sein Kumpel nunmehr sehr. Wo steckte er bloss die ganze Zeit? Erfahrungsgemäss war Flex nicht so rasch zu vergraulen. Schliesslich fand er beharrlich einen Weg ins Haus zurück, selbst wenn Lena ihn wie so oft vertrieben hatte. Da musste etwas Einschneidendes hinter stecken. Nutzte Lena Gerber etwa die Gunst der Stunde, um den lästigen Kater endgültig los zu werden? Flex hatte zweifellos Hunger und würde ferner jegliches Futter dankbar annehmen. Hatte Lena den Kater vergiftete und den Kadaver einfach im Wald entsorgte? Hätte sie ihm dann einen Grittibänz vor die Türe gelegt? Vielleicht aus Reue, weil es ihr plötzlich leid tat? Aber, nein doch! Lenas abgrundtiefe Abneigung ihm gegenüber hatte System. Sie kam als Spenderin des Stutenkerls gewiss nicht in Frage. Wer aber würde ihm überhaupt etwas schenken und warum? Daniel kam an diesem Abend nicht mehr aus dem Grübeln heraus. Auch das sonst mit intensiven Eindrücken fesselnde Gamen brachte nicht die ersehnte Ablenkung. Viel mehr zog es ihn anhaltend auf die Internetplattform vermisster Katzen. Flex rangierte dort ganz oben. Im Umkreis von nur drei Kilometer waren es alsdann 25 Katzen, die sein Schicksal teilten. Unruhe packte ihn. Er wollte es nicht einfach so hinnehmen und beschloss auf einem Rundgang die angebrachten Vermisstmeldungen zu prüfen, ganz in der Hoffnung eventuell und rein zufällig doch auf Flex zu stossen.

 

Während der darauffolgenden Tage erhielt Daniel Waber etliche Anrufe von Passanten, ja auch von Nachbarn, die glaubten, Flex gesehen zu haben. So gut gemeint die Hinweise alle auch waren, handelte es sich doch stets um Katzen, die wohl sonst hier herum streunten. Dennoch vorfolgte Daniel jeden Anhaltspunkt akribisch. Ein Gutes hatte das Ganze freilich, inzwischen kannte er jede Katze, die im Quartier unterwegs war und es überraschte ihn wie viele sie tatsächlich zählten. In der ganzen Anrufbilanz war jedoch ein Anruf, der ihn richtig freute, er konnte seinen Alfa aus der Werkstatt abholen. Das war schon mal ein guter Anfang. Doch an diesem späten Nachmittag kreuzte Chris, ein etwas jüngerer Kollege von der Arbeit, spontan bei ihm auf. Daniel zeigte sich leicht angesäuert über den unerwarteten Besuch. Er vermutete, Chris kam keineswegs aus freien Stücken, sondern hatte den Auftrag gefasst, ihn zu behelligen. Widerstrebend liess ihn Daniel schliesslich ins Haus. Chris Thaler machte sich keineswegs die Mühe, die groben Schuhe auszuziehen oder wenigstens den Schnee abzuklopfen, bevor er eintrat. Er war mindestens ein Kopf kleiner als Daniel und wirkte gedrungen. Seine pechschwarzen Haare umsäumten eine ausgeprägte Stirnglatze auf der sich, nach dem Treppensteigen, einige Schweissperlen bildeten. Chris musterte mit seinen kecken, rehbraunen Augen die Dachwohnung und sagte: „Schön hast du’s in deiner Bude. Wusste gar nicht, dass du ein Gamer bist.“

„Bitte komm zur Sache. Wer schickt dich und wie lautet dein Auftrag?“

„Würdest du mir vielleicht ein Bier anbieten?“

„Oh – sorry, hast du denn keins mitgebracht?“

Nicht überrascht von Daniels Antwort, zog Chris prompt zwei grosse Flaschen Dunkelbier aus den Innentaschen seines altmodischen, abgetragenen Wintermantels.

„Ja - jetzt staunst du! Hast du wenigstens zwei Gläser oder soll ich die Flaschen gleich wieder mitnehmen?“

Daniel murrte und holte überrumpelt die Gläser aus der kleinen Küche.

„Hör mal, wir machen uns echt Sorgen, was ist passiert?“

„Wie meinst du das?“, fragte Daniel argwöhnisch, als er mit den beiden Gläsern in die Stube trat.

„Es geht um dich und die Arbeit lass mal ruhen.“

Chris öffnete beide Flaschen und verteilte sie.

„Von wem hast du den Auftrag, mich zu überwachen?“

„Erst mal Prost!“

„Prost – nun sag schon…“

„Wenn auch etwas ausgedünnt, so sind wir doch ein Team. Rodolfo hatte die Idee aber nicht den Mut, so blieb’s halt an mir hängen.“

„Das rührt mich zu Tränen…“

Chris prustete.

Mit dem ersten Schluck Bier taute zumindest Daniels grenzenloses Misstrauen etwas auf.

„Kaum zu fassen, Rodolfo fürchtet mich.“

„Wundert dich das?“

Daniel zuckte die Schultern.

„Wir haben es alle nicht leicht. Nun aber eine gute Nachricht: Unser Laden wird vorerst nicht reorganisiert.“

„Ich kann’s kaum glauben. Einmal nicht um die Stelle bangen und die Festtage geniessen?“

„Tja – vielleicht finden wir nun endlich zur Ruhe, nach all den Umstrukturierungen im Halbjahreszyklus.“

Daniel stiess spontan mit Chris an: “Auf uns Humanoiden!“

Beide tranken einen grossen Schluck Bier. Chris wischte sich mit dem Handrücken über den Mund: „Du hast eine Mietze?“

„Einen Kater. Zumindest hatte ich den.“

„Was heisst, du hattest?“

„Seit dem ich aus dem Krankenhaus raus bin, ist er nicht mehr aufgetaucht.“

„Oh, das gibt sich wieder. Wir hatten auch mal eine Katze. Die war im Sommer oft länger unterwegs und kam halt wochenlang nicht mehr zurück…“

„In dem Fall könnte auch wer nachgeholfen haben.“

„Warum sollte das jemand tun? Hast Du Katzenhasser in der Umgebung, denen du so was zutraust?“

„Die im Erdgeschoss steht auf Vögel…“

„Solche wie dich?“

„Jetzt mal Ernst, sie ist Hobbyornithologin, geht in den Ferien auf Exkursionen zur Vogelbeobachtung und sie hasst den alten Kater.“

„Oh - das klingt in meinen Ohren nach `ner Hassliebe aus der Regenbogenpresse.“

„Sicher, lach du nur…“

„Im Ernst. Traust du ihr das wirklich zu?“

„Sie könnte den armen Kerl verjagt haben, während dem er im Haus auf mich gewartet hat.“

„Ah so – dann kommt er nach einer Zeit von selbst wieder – spätestens, wenn er Hunger hat.“

„Den hat er bestimmt. Du vergisst wie kalt es da draussen wird und wie lange er schon weg ist. Zudem ist er ein alter Kater und somit nicht mehr so robust. Wer weiss, ob sie ihn nicht einfach vergiftet hat.“

„Jetzt gehst du wohl etwas zu weit…“

„Echt jetzt. Zuzutrauen wäre es ihr auf jeden Fall.“

„Na ja, zumindest hättest du dann keinen Ärger mehr mit der Dame im Erdgeschoss…“

„Wirklich ein schwacher Trost, danke.“

„Überleg mal, wenn sie gut ausschaut, liegt somit kein Stein mehr im Weg?“

„Eher kein Interesse. Sie zickt und Vögel interessieren mich nicht sonderlich.“

Chris Telefon posaunte in der Tasche.

„Ja? Okay, bin gleich da, bis dann…“ Chris stand auf, leerte sein Bierglas und sagte: „Sorry, das war mein Bruder. Er arbeitet im Kinder oder Jugendheim am Ende der Strasse. Wir wollten mal wieder ins Bowling. Kommst du mit?“

Daniel war überrascht und suchte Zeit zu gewinnen, indem er die Gläser abräumte. „Danke für’s Angebot, aber ich soll mich ruhig halten, sagt der Arzt.“

„Dann ein andermal – okay?“

„Ja, bestimmt, danke“, sagte Daniel während er Chris die Treppe hinunter begleitete, wobei sie auf Frau Sulser stiessen.

„Herr Waber, gut dass ich sie treffe. Sie wissen ja, der Kinderchor probt wieder im Münster für’s Weihnachtskonzert. Ich dachte, vielleicht würden sie mich dieses Jahr beim Verteilen der Pausenverpflegung an die Kinder unterstützen?“

„Flex ist noch nicht aufgetaucht, zudem soll ich mich wegen der Gehirnerschütterung ruhig halten, dann passt das wohl nicht.“

„Das ist aber genau die Medizin, die ich ihnen verschreiben würde: Weihnachtsstimmung aufsaugen, gemeinsam mit den Kindern im Münster. Alles vollends ohne Stress. Einfach mit dabei sein, kein Leistungsdruck.“

Nach längerem Argumentieren, liess sich Daniel schliesslich doch überreden, zumal Chris inzwischen gegangen war und er sich letztes Jahr mit der Ausrede, nächstes Jahr dann bestimmt mitzumachen, vertan hatte.

 

Am Mittwoch setzte gegen 10 Uhr morgens wiederum leichter Schneefall ein. Daniel sass in seinem frisch reparierten Alfa Romeo und genoss die Fahrt von der Werkstatt nach Hause. Das Heizgebläse sorgte für ein angenehmes Klima und die Strasse war nur von einem Schaum Schnee bedeckt. Mit diesen Verhältnissen konnte der stolze Italiener gut umgehen. Aus dem Lautsprecher des Soundsystems donnerte sein Lieblings Gamer-Song. Die akustische Lautstärke war dabei so hoch, dass unter jedem kräftigen Bassschlag die Lade des Handschuhfachs mit vibrierte. Einziger Wermutstropfen inmitten dieses Höhenflugs, sein Mobiltelefon hatte erwiesenermassen nicht im Wagen gelegen. Ärgerlich nicht zuletzt aus dem Grund, weil Daniel versäumt hatte, die ganzen Daten regelmässig zu sichern. Das passierte ausgerechnet einem Fachmann. Echt peinlicher Schnitzer. Unterdessen erreichte Daniel die Tiefgarage, unweit seiner Wohnung, wo er ein Parkplatz gemietet hatte. Der Alfa Romeo stand am Ende einer Reihe von zehn Fahrzeugen, seitlich zur Wand und gegenüber dem Treppenabgang. Niemand wollte diesen Parkplatz haben, weil es schon besonderes Geschick erforderte, ein zu manövrieren. Daniel konnte deswegen einen Rabatt aushandeln. Im Grunde sollte der Alfa einfach nicht draussen herumstehen, wo sich Anwohner um zu wenige Parkplätze zankten. Eiskratzen und Schneeabräumen entfielen ebenso und im Sommer brannte die Sonne nicht tagelang auf das Leder.

Zurück in der Dachwohnung bereitete Daniel Waber sich ein Sandwich, eine Tasse Kaffee und begab sich an den Computer. Für Weihnachten wollte er ein neues Handy bestellen. Dementsprechend verflog die Zeit mit Vergleichen von Angeboten, Prüfen verschiedener Datenblätter, Bewertungen lesen und vor allem Nachdenken. Über die Festtage rechnete er mit genügend Zeit, um das Smartphone, trotz mühseliger Datenrekonstruktion, komfortabel einzurichten. So ein Neuanfang hatte durchaus auch Vorteile. Ziemlich zeitgerecht fand er am Ende den passenden Anbieter, wo der letzte Mausklick die Bestellung auslöste. Dann musste er sich sputen, denn Frau Sulser stand bereits an der Wohnungstür. Wie immer hatte sie sich fein gemacht. Daniel kam sich daneben vor wie ein Bauerntölpel. Doch Frau Sulser löste ihn aus den Bedenken indem sie von der geplanten Weihnachtsaufführung schwärmte. Er musste aufmerksam zuhören, um sich schnell mit all den Details vertraut zu machen. Erna Sulser war ziemlich anspruchsvoll. Wenn sie etwas absolut nicht leiden konnte war das, Dinge zweimal zu erklären.

Nach der Überquerung der Brücke, verliessen die beiden die Strassenbahn und schickten sich an, die Gasse hinunter, Richtung Münster, zu gehen. Daniel war die gemächliche Gangart von Frau Sulser nicht gewohnt. Für ihn bedeutete es ein mühsames Tippeln. Erna Sulser blieb ausserdem häufig stehen und betrachtete irgendwelche Kleinigkeiten, worüber sie sich im Anschluss auszulassen pflegte. So freute sie sich an den glitzernden Schneekristallen wie sie vom Himmel fielen und dabei Dächer und Pflaster verzauberten. Sie erlabte sich am Duft von Glühwein. Erwähnte die Girlanden von Tannästen und Lichterketten, versehen mit funkelnden Sternen und glänzenden Weihnachtskugeln, die sich über die Gassen spannten und wenig später das herrliche Parfüm von Zimt und Süssgebäck, als sie die Bäckerei passierten. Daniel beobachtete wie Lena Gerber dem Paar am Tisch im Erker Kaffee und einen Teller mit assortiertem Weihnachtskonfekt servierte. Frau Sulser winkte ihr durchs Fenster zu und rühmte derweil die festliche Stimmung in der Bäckerei, die einzig Lena zu verdanken sei. Ein paar Schritte weiter stürmte eine Horde Kinder voraus und geradewegs auf einen Markthändler zu, der mit dem Besenstil unter die Plane seines Verkaufsstands stiess, um die angesammelte Schneelast abzuwerfen. Wie Daniel auffiel, nutzte er wohl die Gunst der Stunde und liess das Weiss treffsicher auf die Kinder herabregnen. Sie lachten und johlten vergnügt, dann stoben sie davon. Daniel fragte sich wie lange es her sein mochte, seit dem er sich wirklich die Zeit genommen hatte, einfach über den Weihnachtsmarkt zu schlendern, ohne Hektik und Zeitdruck. Daniel verspürte allmählich ein längst begraben geglaubtes Vergnügen. Weiter führte sie der gemeinsame Weg um den Weihnachtsbaum am Markt, anschliessend über den Münsterplatz zum Portal. Beim Aufstossen der wuchtigen Holzpforte, strömte ihnen der warme Duft von unzähligen, brennenden Kerzen entgegen. In der Stille des Gotteshauses herrschte indessen reges Treiben. Sofort ergriff Frau Sulser das Zepter. Sie wies die Kinder an ihre Mäntel und Jacken geordnet zu deponieren, sie zu begrüssen bevor sie ihre Plätze auf dem Podium einnehmen sollten. Erna Sulser versäumte dabei nie, die Kinder zu ermuntern auch Daniel willkommen zu heissen. Sie bemühte sich überhaupt auffallend, ihn in die Gesellschaft und ihre Gepflogenheiten einzuführen. Als schliesslich der Chorleiter mit der Probe begann, legten sich die Wogen. Frau Sulser zeigte Daniel wie die Ausgabe der Pausenverpflegung durchgeführt werden sollte. Sämtliche Abläufe schienen wohl durchdacht und nahtlos übergreifend. Gemeinsam begannen sie also mit den Vorbereitungen wie Tische zurechtrücken, Folie auslegen, anrichten. Trotz geschäftiger Betriebsamkeit, lauschte Daniel bezaubert den Klängen der feierlichen Musik. Die Stimmung entspannte und durchströmte ihn. Daniel gestand sich nur ungern ein, sie wirkte tatsächlich wie Medizin. Es wurde demnach Zeit, sein Vorurteil diesem höchsten christlichen Fest gegenüber, neu einzuordnen. Noch heute Morgen hätte er über solche Gedanken gelacht, jetzt genoss er ihre Realität. Die Kinder amüsierten sich sogar über die lockeren Sprüche, die er während der Verpflegungsausgabe klopfte. Ihn erstaunte eigentlich ihr lebhaftes Echo, weil die Pointen, die waren doch schon uralt und längst nicht mehr zeitgemäss. Nach der Pause, beim Aufräumen, während die Chorprobe ihren Fortgang fand, stellte Daniel fest wie sich vermehrt Leute auf die hinteren Bänke setzten. Im Zwielicht der Kerzen glaubte er sogar Lena Gerber zu erkennen. Doch Frau Sulser deckt ihn jetzt mit so viel Arbeit ein, dass er den flüchtigen Eindruck schnell vergass. So verlief die Probe für ihn unerwartet kurzweilig und zuweilen sogar hektisch. Am Ende waren die Kinder offensichtlich froh gehen zu können. Daher vergassen einige, all ihre Sachen zusammenzusuchen, bevor sie sich verabschiedeten. So blieben Handschuhe, Mützen oder Halstücher liegen, die Daniel einsammelte und für die kommende Probe zurück legte. Danach verabschiedete auch er sich zügig von Frau Sulser.

„Ich geh jetzt mal lieber. Flex sitzt womöglich vor verschlossener Tür…“

„Oh – das wäre dann ja wunderbar. Hat es ihnen gefallen? Ich glaube, die Kinder mögen sie.“

„Die Kinder sind ganz in Ordnung.“

„Dann darf ich auch bei den nächsten Proben mit ihnen rechnen?“

„Bin dabei.“

Eilig stieg Daniel die paar Stufen zum nahen Seitenausgang hoch und schlüpfte unbehelligt auf die Gasse. Eisig stach ihm eine Böe in den Nacken. Sofort stellte er den Kragen hoch. Es fiel Schnee. Kein nasser oder schwerer. Leichte Flocken nur, die sich wie Staub im Wind verloren. Diese erreichten somit auch Ecken, die für gewöhnlich guten Wetterschutz boten.

„Ein Glühwein wäre jetzt die richtige Wahl“, dacht Daniel als er sich fröstelnd in die Laube gegenüber verdrückte. Erst weit hinter den Arkaden fand er schliesslich ein erträgliches Plätzchen, wo er es einstweilen aushalten konnte. Da stand er nun, einigermassen geschützt und sinnierte. Er brauchte letztlich den Moment, um sich zu sammeln. Ja - es hatte ihm gefallen. Die feierliche Stimmung. Das Dabeisein. Auch die Kinder. Anfänglich hatte er sich wohl ziemlich dumm angestellt. Offenbar fiel aber keinem auf wie verkrampft er da stand. Obwohl er doch selbst einmal in dem Alter gewesen war, löste in ihm die Gegenüberstellung mit dieser Altersgruppe stets Unbehagen aus. Eigentlich war es einfach Hilflosigkeit. Daher ging er Kinder im Alltag möglichst aus dem Weg. Doch heute war es besser gelaufen, als er je für möglich gehalten hätte. Bedächtig sog er die kalte Luft ein und stiess sie wie inhalierten Rauch langsam wieder aus. Bei all dem Positiven, war er doch heil froh, der gutherzigen, zuweilen aufgedrehten, Frau Sulser solange entronnen zu sein.

Jetzt beobachtete Daniel wie sich die Seitentür durch die er das Münster unlängst verlassen hatte kurz öffnete und wieder schloss, ohne dass jemand austrat. Niemand hatte nach ihm die Seitentür im Kirchenschiff benutzt. Nun war deutlich zu vernehmen wie von innen mit einem wohl groben Schlüssel das Schloss verriegelt wurde. Ein Blick auf seine Armbanduhr mahnte, auch für ihn war es mitunter an der Zeit, zu gehen. Aus seiner Nische kommend, musste er sich regelrecht in die Menge einfädeln. Vor allem in den Lauben, aber auch auf der Gasse herrschte noch immer reger Betrieb. Ein Windstoss warf eine Handvoll Schnee wie Konfetti in die Lauben. Bunte Kugeln in den Girlanden aus Tannästen, verziert mit glitzernden Schneeflocken und funkelnden Sternen, projizierten beim Wiegen im Wind ein wunderbares Lichtspiel an die Hausfassaden. Daniel zog nun auch die Kapuze über, der Wind blies ihm frontal ins Gesicht, während er im Schutz der Laube, dem Münsterplatz zusteuerte. Sowie er das Kirchenschiff umrundet hatte entdeckte er, nicht sonderlich weit entfernt auf dem Münsterplatz, Lena. Sie stand, eingehüllt in einen adretten weissen Wintermantel mit grossen Knöpfen und flauschigen Kunstpelzansätzen, in der Nähe des Glühweinstands beim Weihnachtsbaum und nippte an ihrem dampfenden Becher. Sie sprach mit einem Mann, der aussah wie ein Wandschrank. Wer mochte das sein? Ein Kind stand direkt daneben und duckte sich. Ein ausgelassenes Lachen scholl herüber. Das war mit Sicherheit Nils. Sein Kumpel Chris bewarf Nils soeben mit einem Schneeball. Daniel kombinierte blitzschnell. Bestimmt war der grosse Chris Bruder, der ex Polizist vom Jugendhaus. Lena schien tatsächlich an ihm interessiert zu sein. Jedenfalls raspelte sie ordentlich Süssholz und las ihm jedes Wort von den Lippen. Daniel fühlte, dass ihn das irgendwie betraf. Er musste einfach hinsehen. Aufgewühlt tappte er ins Dunkel einer Arkade zurück und atmete verhalten. Turtelte Lena tatsächlich mit dem Typen? Hin und wieder drangen verräterische Wortfetzen zu ihm herüber, die sein Hirn rasend schnell kombinieren wollte. Viel zu spät, erblickte er dadurch Frau Sulser wie sie mit dem Sigrist im Schlepptau aus dem Hauptportal des Münsters tretend, geradewegs auf ihn hin zielte.

„Das trifft sich aber hervorragend!“ Sie brauchte eine kurze Atempause. „Haben sie vielleicht einen Zettel von Flex mit dabei?

„Ja – hab ich. Warum?

„Wissen sie“, begann der Sigrist mit warmer, sonorer Stimme, „ich schreibe ab und zu kleine Begebenheiten ins Pfarrblatt. Warum also nicht die Geschichte um Flex?“

„Das ist sicher gut gemeint, danke. Eigentlich will ich nur Flex finden und nicht meine Geschichte vor der Gemeinde ausbreiten.“

„Keine persönlichen Sachen, nur der Umstand wie Flex verloren ging, natürlich auch seine Beschreibung und vielleicht ein Foto. Grad jetzt, in der Weihnachtszeit, geniesst ihr Anliegen sicher besondere Aufmerksamkeit. Und wenn sie Flex dadurch finden, resultiert gar eine seelenvolle Weihnachtsgeschichte. Das würde viel Freude verbreiten.

Daniel fühlte sich hin und her gerissen. Er wollte Flex unbedingt wieder haben, jedoch nicht den Tratsch anheizen. Schliesslich redeten die beiden so überzeugend auf ihn ein, dass ihm keine Alternative, lediglich Zustimmung blieb. Der Sigrist nahm den Zettel mit Flexs Signalement an sich und verabschiedete sich höflich. Zu dieser Zeit wurde Daniel bewusst, dass sie sich während des vergangenen Gesprächs immerzu in Richtung Lena bewegt hatten.

„Sehen sie mal, da drüben ist ja ihr Freund.“

Frau Sulser trieb ihn nun buchstäblich vor sich her, so als fürchtete sie, die Gruppe könnte sich noch vor ihrem Eintreffen auflösen.

„Guten Abend, Frau Gerber“ rief sie vorweg, „hat es ihnen gefallen heute?“

„Oh - Frau Sulser - habe sie gar nicht kommen sehen. Ja, sehr. Ich liebe die feierliche Stimmung, das Besinnliche. Die schönste Zeit ist die Vorweihnachtszeit...“

„Da haben sie wohl recht.“ Sie wandte sich an den etwas abseits stehenden Nils und sagte zu ihm: „Siehst du, die Plagerei lohnt sich.“

Der Junge blickte kurz auf, während er verlegen in den Schneehaufen vor ihm kickte, dass es nur so spritzte.

„Wusste gar nicht, dass du eine soziale Ader hast?“, flötete Chris derweil beissend.

Lena verzog amüsiert die Miene, während sie ihn wie neulich abschätzig musterte.

„Nun – es hat sich halt so ergeben“, beschwichtigte Daniel angesäuert. Aller Augen ruhten nunmehr auf ihm. Achselzuckend und sich räuspernd schob er bedrängt nach: „Ich werd jetzt wohl besser gehen. Mein Kater steckt da draussen irgendwo in Schwierigkeiten.“

„Das würde ich auch tun“, hauchte Lena fast schon spöttisch.

Für Frau Sulser das ultimative Stichwort endlich ihre Version der Geschichte, um den entlaufenen Kater, zu berichten. Daniel nickte grüssend und räumte aufgekratzt das Feld. Ihm war heiss und kalt zugleich. Warum nur liess er sich derart leicht in die Defensive abdrängen? Weil Lena ihn so kämpferisch gemustert hatte? Nicht unbedingt. Es war etwas anderes, subtileres: Sie hatte ihn einmal mehr verhöhnt. Dazu vor seinem Kumpel, der den Faden fraglos aufnehmen würde, um bei nächster Gelegenheit in der Fima beim Kaffeetratsch zu glänzen, und das war nicht mehr aufzuhalten!

Der anfangs leichte Schneefall intensivierte sich währen Daniel mit vorgezogener Kapuze, bei böigem Wind, über den vereisenden Gehsteig der Doppelbogenbrücke heimwärts tapste. Seine nunmehr miese Stimmung begann allmählich die positive, festliche Energie aufzuzehren.

„Nein – ich lass das nicht zu!“, schrie er mit aller Entschlossenheit in die Nacht hinaus. Dabei sah er sich nicht einmal um. Es kümmerte ihn jetzt einfach nicht, ob ihn jemand gehört hatte. Seine Schritte verlangsamten sich. Hoffentlich war Flex nicht draussen schutzlos am herumstreunen. Bei dieser Kälte hatte er verloren.

Im Vorbeigehen überprüfte Daniel noch die Orte an denen er seinen Aushang angebracht hatte. Traurig - traurig. Zwei seiner Vermisstenanzeigen fehlten. Entweder wurden sie willentlich abgerissen oder der Wind hatte sie mitgenommen. Beim nächsten Versuch wollte er Folierte Affichen anheften. Vermutlich fand die Anzeige im Internet eh mehr Aufmerksamkeit. Wenn er ehrlich war, beachtete er selber derartige Aushänge selten. Daniel klopfte die Schuhe aus und trat auf den Socken in den warmen Hausflur. Er hielt inne und horchte gespannt. Die Heizung pausierte gerade, daher war es seltsam still im alten Haus.

„Flexiboy – Flexi – Flex! Komm, mach’s mir doch nicht so schwer, alter Kumpel…“

Nichts tat sich - kein Schnurren, kein Mauen, kein verdächtiges Rascheln. Angespannt tastete Daniel Waber sich, beinahe lautlos, mit den Schuhen in der Hand, die Treppe hoch. Unterwegs blieb er jeweils vor den beiden Wohnungen stehen und hielt sogar ein Ohr an die Türen. Es tat sich nichts, nirgendwo. Der Kater war nicht im Haus. Was hatte er übersehen? Oben in seiner kleinen Wohnung, kam erst dann allmählich Gemütlichkeit auf, als seine Gedanken damit aufhörten, ständig um das Geschehene zu kreisen. Ein paar Kekse, Glühwein und das geräuschvolle hochfahren der Spielkonsolen verhiessen Ablenkung. Eine Runde ‚Call of Duty, Black Ops‘ würde die Stimmung definitiv anheben.

 

Unterdessen hatte sich auch Salomon auf dem Münsterplatz eingefunden. Ein ziemlich quirliger Kerl und kaum grösser als Nils. Mit seinen knapp vierzehn Jahren, gehörte er neu in den Jugendchor, während Nils weiterhin im Kinderchor sang. Salomon spielte ausserdem noch die Solotrompete in der Weihnachtsaufführung. Sein Instrument enthielt allerdings einige Dellen, die im Scheinwerferlicht auch deutlich in Erscheinung traten. Sie passten aber irgendwie in die Weihnachtsgeschichte, die dieses Jahr besonders aufwendig inszeniert wurde. Salomon musste daher oftmals am Ende der regulären Probe dies oder das mit dem Chorleiter besprechen und zuweilen sogar einüben. Als Salomon also endlich dazu stiess, hatte Nils, vom Schneehaufenkicken, bereits nasse Schuhe. Ungewöhnlich und ziemlich bemerkenswert war indes, Herr Thaler hatte ihn während der ganzen Aktion nie ermahnt, doch endlich mit dem Unsinn aufzuhören, wodurch er – Nils – natürlich automatisch gezwungen war, weiter zu kicken, obwohl er eigentlich nicht mehr mochte. Das rächte sich prompt auf dem Nachhauseweg. Die nassen Socken rieben bei jedem Schritt auf der blossen Haut, zudem plagten ihn nun die eiskalten Füsse. Lena Gerber tänzelte unterdessen neben Herr Thaler her und redete anhaltend auf ihn ein. Niemand erwähnte mehr die gesuchte Katze. Nils hingegen gab die Sache schwer zu denken: Was war, wenn Maunz nun der Kater war, der von Herr Waber vermisst wurde? Sollte er, Herr Thaler nun doch einweihen? Nein – erst dann, wenn er sich ganz sicher war. Sollte Maunz nämlich nicht der gesuchte Kater sein, wollte Nils ihn weiterhin behalten. Verplapperte er sich zu früh, flog sein Geheimnis auf und wäre nicht mehr zu retten. Aber wie konnte er unbemerkt herausfinden, ob Flex ihm zugelaufen war?

Frau Gerber verlangsamte und blieb vor ihrem Hauseingang mit den Worten stehen: „Übrigens - ich wohn‘ hier gleich im Erdgeschoss. Wenn sie mögen, kommen sie doch zum Kaffee vorbei.“

„Ja – okay, ein verlockendes Angebot. Ich werd‘s mir merken“, bestätigte Stephan angetan.

Im Weiteren verabschiedete sich Lena Gerber ziemlich langfädig. Solange tänzelte Nils von einem Bein aufs andere in der Hoffnung auf diese Weise die Taubheit in seinen Füssen etwas zu lindern. Sowie Lena endlich hinter der Haustüre verschwunden war, ging’s endlich weiter, die Wohnstrasse entlang. Salomon schubste Nils in einem unbeobachtet geglaubten Moment an und schnitt ihm eine vielsagende Grimasse.

„Das eben habe ich gesehen“, bemerkte Herr Thaler und versetzte Salomon einen Klaps auf den Hinterkopf.

Nils verdrehte die Augen und grinste. Wenige Schritte später erreichten sie das Jugendhaus und damit die ersehnte Wärme. Während Salomon Mantel und Schuhe möglichst zügig deponierte, liess sich Nils viel Zeit. Erst als er sich unbeobachtet fühlte, kam Hektik auf. Er suchte im Keller fieberhaft nach dem Kater, konnte ihn aber nirgends finden.

„Nils, wo steckst du, wir warten mit dem Essen...“

„Ich komme schon!“

In dem Moment erkannte er, dass im Vorratsraum das sonst leicht angewinkelte Fenster geschlossen war. Maunz war wohl draussen und konnte nun nicht mehr herein. Schleunigst holte sich Nils den Abfalleimer bei der Tür und baute ihn unter dem Fenster auf. Der Kübel stand leider ziemlich unstabil. Mangels Alternativen, musste dieser aber herhalten. Nils setzte einen Fuss auf den Eimer. Der wankte bedrohlich, sobald er Gewicht dahin verlagerte. Um den eingerasteten Riegel am Fenster zu erreichen, musste Nils sich zusätzlich auf die Zehenspitzen stellen und über das darunter liegende Regal lehnen. Es lärmte und Nils hatte Mühe sein Gleichgewicht zu stabilisieren. Der zweite Versuch war alsdann von Erfolg gekrönt. Quietschend klappte das Fenster in die Endposition.

“Was treibst du da unten?“, rief Frau Kruger, da stand sie auch schon auf der Kellertreppe.

„Ich bin bloss über den Eimer gestolpert“, erklärte Nils aufgeschreckt, stellte ihn wieder an seinen Platz, bevor er ihr entgegen hastete. Er musste unbedingt vermeiden, dass Frau Kruger bemerkte, dass er das Fenster wieder geöffnet hatte.

„So - so. Na dann komm, das Essen wird kalt.“ Sie liess ihn vor gehen, ging dann aber doch die restlichen paar Stufen in den Keller hinunter und schaute sich um.

Nils Atem stockte. Bewegungslos horchte er in der Diele. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Aber endlich hörte er Frau Kruger den Lichtschalter bedienen. Beherzt betrat Nils eilends den Essraum und setzte sich erleichtert neben Salomon an den Tisch.

„Was war denn? Hast du Mäuse gejagt?“, fragte Herr Thaler erstaunlich entspannt.

„Ach – nichts“, entgegnete Nils trocken und stocherte versunken im ungeliebten Salat herum. Was war, wenn Maunz nicht mehr wieder kam?

Der weitere Abend verlief dann glücklicherweise in gewohnten Bahnen. Zähneputzen, Duschen und um neun Lichterlöschen. Danach dauerte es schier endlos, bis Salomon endlich ruhig wurde. Noch warf er sich zuweilen von einer Seite auf die andere. Manchmal bettete er sich gar um. Etwas später begannen aber die Atemzüge doch regelmässig zu werden. Jetzt zählte Nils langsam auf Hundert. Salomon schlief und Nils machte sich vorsichtig auf die Socken. Leise zog er den Wollpullover sowie die Cordhose über den dünnen Pyjama. Anschliessend schlüpfte er in seine Hausschuhe, dann drapierte er seine Bettdecke sorgfältig, damit nicht sofort auffiel, wenn er fehlte. Zum Schluss angelte er die Taschenlampe behutsam von der Ablage über seinem Bett. Beim Öffnen knarzte die Schlafzimmertüre neuerdings bedrohlich. Nils hielt vor Schreck den Atem an. Unten blieb es aber ruhig. Nils liess die Schlafzimmertüre jetzt angelehnt stehen und ging. Renate Kruger trank in der Küche mit Stephan Thaler gerade eine Tasse Kaffee. Sie plauderten gelassen und so gelang es Nils beinahe lautlos in den Keller hinunter zu schleichen. Im Kegel seiner Taschenlampe Tauchte plötzlich Maunz auf. Geblendet blinzelte er ihn an. Nils atmete beruhigt auf.

„Da bist Du ja wieder“, murmelte Nils während der hungrige Kater mit aufgestelltem Schwanz auf ihn zu tänzelte. „Bist du Flex?“

Der Kater antwortete mit intensivem Schnurren. Nils kraulte ihn ausgiebig unterm Kinn, da beobachtete er wie sich ein Tropfen Speichel im Mundwinkel sammelte, einem Barthaar entlang hangelte und am Ende zu Boden tropfte. Maunz legte den Kopf leicht seitlich, um anzudeuten, wo er am liebsten liebkost werden wollte. Nils grinste und kraulte über die Wange bis hin zum Hals. Dabei ertastete Nils ein dunkles Lederhalsband, tief eingegraben im Fell. Behutsam hob er es an und entzifferte: „Ich bin Flex...“

Nils erstarrte. Oben in der Diele wurde es plötzlich lebendig. Herr Thaler schickte sich an, zu gehen. Ausgerechnet in einer Konversationspause stiess Flex, völlig verzückt, ein schnurrendes Miauen aus. Das fand fraglos Gehör. Schritte näherten sich.

„Ist da wer?“ Herr Thaler neigte sich über die Treppe und schaute in den Keller.

Nils schwitzte, drückte den Kater an sich, wobei ihm seine Taschenlampe entglitt. Scheppernd fiel sie auf den Betonboden, rollte eiernd von ihm weg.

„Was machst du?“, erkundigte sich Renate aus der Küche.

„Mir war, als hätte ich aus dem Keller ein Rasseln gehört“, entgegnete Stephan und knipste das Licht der Kellertreppe an.

„Wird wohl die Heizung sein. Die klingt in letzter Zeit komisch“, beschwichtigte Renate.

Stephan Thaler liess nur zu gern davon ab und löschte das Licht. „Ich gehe jetzt besser, bevor ich noch Gespenster jage. Bis morgen dann…“

Nils setzte den Kater entschlossen in den Vorratsraum und zog die Türe hinter sich zu. Schon erklang oben in der Diele der Gong, als Signal der Türöffnung.

„Schönen Abend noch, Renate, ich bin dann mal weg…“

Herr Thaler hatte soeben das Haus verlassen und die Eingangstür war im Begriff sich wieder zu schliessen. Nils stob die Treppe hoch und schaffte es gerade rechtzeitig, geschmeidig durch den letzten Spalt hindurch zu schlüpfen. Dann schnappte das Schloss ein. Gleichzeitig ward Nils klar, er hatte weder seine Jacke noch die Mütze mit, zudem steckten die Füsse lediglich in den Hausschuhen. Hinein kam er nun nicht mehr, ohne Aufsehen zu erregen. Aufgeben war sowieso keine Alternative und der Weg zu Herr Waber ausserdem nicht sonderloch weit. Er würde es überleben. So stakste Nils in die Fussstapfen von Herr Thaler den Gehsteig der Quartierstrasse entlang. Als er, weisse Dampfwolken ausstossend, sich dem Haus von Daniel Waber näherte, standen Herr Thaler und dessen Bruder bereits vor dem Eingang. Sie lachten und scherzten, als plötzlich Frau Gerber in die Türe trat: „Ihr kommt zum Kaffe?“

„Oh – guten Abend, Lena. Eigentlich wollten wir meinen Arbeitskollegen, Daniel Waber, motivieren uns zu begleiten. Wie es scheint, ist er momentan unabkömmlich. Oder habe ich die falsche Klingel erwischt? Natürlich ziehen wir in dem Fall eure Gesellschaft vor“, säuselte Chris grinsend mit Blick zu seinem verdutzten Bruder.

„Das ist aber nett, ich freu mich richtig, mal nicht allein auszugehen.“

„Das trifft sich ja hervorragend, ich gehe auch nicht gern allein aus“, entgegnete Chris geschmeidig, „dann ruf ich Daniel von unterwegs noch mal an und sag ihm, wohin wir uns verdrückt haben…“

Lena Gerber war froh, mit ihrem kühnen Vorpreschen, die Gelegenheit erhascht zu haben, endlich näher an Stephan Thaler heran zu kommen. Vergnügt holte sie rasch warme Kleidung.

Sobald die Drei abgezogen waren, stakste Nils frierend vor das Haus und drückte die oberste Klingel. Kein Ton war zu hören, es blieb dunkel im Treppenhaus. Nils ging einen Schritt zurück und blickte an der Fassade hoch. Im Dachgeschoss flackerte ein Lichtschimmer. War der Fernseher an? Jetzt vernahm er dumpfes Donnern oder Dröhnen, es kam eindeutig aus dem Haus. Herr Waber war also daheim. Nils stapfte zurück zur Haustür und drückte den Klingelknopf energisch ein, während er auf Zehn zählte. Immer noch regte sich nichts, nur hie und da dumpfes Poltern. Niels fröstelte. Enttäuscht setzte er sich auf die Fussmatte vor der Eingangstür und überlegte. Vielleicht war die Klingel kaputt? Oder der Fernseher zu laut! Nils musste mit Herr Waber sprechen, das war jetzt wichtig. Gehässig hämmerte er im Stakkato zehnmal auf die Klingel, wartete eine Weile, ging ums Haus und versuchte einen Schneeball an die Fensterscheibe im Dachgeschoss zu werfen. Das Kneten des Schnees war bereits schwierig. Seine Hände wurden klamm und kraftlos. Unglücklicherweise verfehlte er beim ersten Wurf das Ziel. Der zweite Schneeball traf keinen Deut besser. Neulich an der Wärme erschien der Plan so simpel. Einfach hingehen und Bescheid geben. So hatte er sich das vorgestellt. Und nun? Zurück konnte er nicht, ohne grosse Schelte zu kassieren. Wäre Herr Waber mit dabei, sähe die Lage schon deutlich besser aus. Es musste also eine andere Lösung geben. Nils überlegte. Morgens stand die Eingangstür jeweils kurz vor dem Frühstück zum Luftaustausch offen. Wenn er exakt während dieser Zeit einschlich, bestanden gute Chancen, sich unentdeckt den anderen anschliessen zu können. Das konnte sogar klappen! Einziger Knackpunkt, wo verbrachte er die Zwischenzeit? In der Schule? Dort war es warm. Sein Pyjama, Pullover und die Hose würden auf dem Radiator zwischenzeitlich gut trocknen während er es sich in seinem Turnzeug im Flur oder dem meist offen stehenden Abstellraum gemütlich machte. Andererseits war das Schulzimmer stets verschlossen, wenn kein Unterricht stattfand. Allerdings durfte er im Schulhaus kein Licht einschalten, was von aussen hätte entdeckt werden können. Nils klammerte sich an diesen Gedanken. Doch bevor er los eilte, trommelte er abermals auf den Klingelknopf ein. Erst als sein Zeigefinger schmerzte, zog er ab. Zunehmend wich das Gefühl aus seinen Füssen, sie mutierten zu hölzernen Klötzen, die bei jedem Schritt Schmerzen auslösten. Unterwegs sucht er den Passanten, die ihm begegneten, auszuweichen. In den Lauben war das jedoch nicht mehr möglich. Trotz der noch herrschenden Betriebsamkeit fiel seine unzulängliche Kleidung offenbar niemandem auf. Aus den Restaurants strömte wohlige Wärme, wann immer sich eine Türe öffnete. Nils nutzte einige Male diesen einen ganz kurzen Augenblick, bevor er weiter tapste. Die Unterstadt erreichte er am schnellsten über die elend lange, gedeckte Holztreppe, wo es, besonders zu warmen Zeiten, schneidend nach Urin stank. Diesmal fegte ein kalter Wind ihm entgegen, der jeglichen Gestank neutralisierte. Die ohnehin schummrige Beleuchtung funktionierte nur teilweise, somit entstanden Etappen fast völliger Dunkelheit. Nils fürchtete sich besonders vor verwinkelten Nischen. Er entschied, sie einfach zu ignorieren, worauf er meist auch sein Tempo erhöhte. Weil nicht alle Tritte im selben Abstand lagen, stolperte er einige Male, überdies waren einzelne Planken der Holzstufen ziemlich ausgetreten oder unstabil. Bis jetzt war ihm auf dem Abgang keine Menschenseele begegnet. Endlich unten angekommen, sah er im Bereich das Schulhaus kein Licht. Nicht einmal eine Katze streunte herum. Das wertete Nils als gutes Zeichen. Bald hatte er es auch geschafft. Das Ziel vor Augen, stieg Nils die fünf Kunststeinstufen zum Eingang hinauf. Seine gesamte Hoffnung hing in dem Moment an der Messingtürklinke der Eingangstür als er sie drückte. Es Klackte trocken im Türschloss, doch nichts geschah. Nils rüttelte, lehnte sich mit all seiner Verzweiflung dagegen. Die massive Pforte liess sich einfach nicht öffnen. Nils schossen die Tränen in den Augen. Alles lief schief heute. Er hustete, sah sich suchend um. Kein Schlupfwinkel, keine Wärme bot sich ihm an. Kapituliert kauerte er sich vor den Eingang und heulte. Es war so kalt hier draussen. Seine Nase triefte. Jeder Atemzug glitt wie ein Eiszapfen in die Lungen hinab. Ein Hustenreiz schüttelte ihn. Auf einmal vernahm er eine Stimme. Sein Atem stockte: Der Hauswart machte seine Runde! Nils schoss hoch und humpelte in die Dunkelheit. Das fehlte grade noch, dass dieser mürrische Kerl ihn hier aufgriff und im Heim verpetzte!

 

Nils zog anschliessend ziemlich planlos durch die Gassen, Richtung Oberstadt. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, drückte er sich einen Moment in die wärmende Nische eines Hauseingangs. Auf diese Weise hangelte er sich mehr zufällig zum Restaurant Schlüssel. Zwei Gäste traten heraus. Noch bevor sich die Türe wieder schloss, fasste Nils sich ein Herz und schlüpfte in die Wärme. Nils zuckte zusammen, als die Glocke über der Tür seinetwegen bimmelte. Viele Augen richteten sich unmittelbar auf ihn. Er durfte nicht stehen bleiben. Rettung versprach ein bekanntes Schild. Nils flüchtete schleunigst in Richtung der Toiletten. Das führte ihn einstweilen aus den Blicken und der Gaststube, die Treppe hinunter ins Untergeschoss. Dort empfing ihn ein gusseiserner Heizkörper. Nils kauerte sogleich nieder und umarmte das Teil fast liebevoll. Die Wärme fühlte sich so wunderbar an, während sie sich allmählich den Weg über die Hände, die Brust in seinen Körper bahnte, wobei sie die Kälte immer weiter zurück drängte. Nils schloss für einen kurzen Augenblick die Lider. Sein Körper entspannte sich, die Atmung verlangsamte, er entschwand unter den Mantel des Vergessens. Erst stechende Schmerzen seiner sukzessiv auftauenden Hände zerrten ihn in die Realität. Das Pochen und Hämmern in den Fingerspitzen schwoll rasant an. Brüsk riss Nils die Hände vom Heizkörper und purzelte schlaftrunken rücklings weg. Auf der Suche nach Halt, kratzten die Finger entlang der Backsteinwand, womit die Schmerzen explodierten. Nils heulte. Im Reflex steckte er beide Hände in den Mund.

Schnelle Schritte näherten sich: „Was ist da unten los?“

Nils geriet in Panik, stolperte die Treppe empor, an der verdutzten Serviererin vorbei, flüchtete quer durch die volle Gaststube, hin zum Ausgang. Das spontane Gelächter verstummte erst nachdem die schwere Holztür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Jetzt rannte Nils, der beissenden Kälte zum Trotz, unaufhaltsam weiter, bis er nicht mehr konnte und sich erschöpft im Dunkel einer schmuddeligen Passage hinkauerte. Er schlug die Arme um die Beine und ertastete die Füsse. Seine Hausschuhe hatte er bei der Flucht verloren, lediglich die nunmehr gefrierenden Socken bedeckten seine nackten Füsse.

„Hey – was hast du Junge?“, grölte eine raue Stimme aus dem Dunkel im Hintergrund.

Aufgeschreckt stürzte Nils in höchster Eile aus dem Versteck zurück in die helle Laube. Alle Leute schauten jetzt nach ihm. Jedenfalls hatte er das Gefühl, dass es so war. Angetrieben von panischer Angst, quälte er sich durch den harschen Schneematsch. Hinter einem gezimmerten Marktstand, zwischen Hausfassade und Rückwand, fand er endlich etwas Schutz. Nils sank erschöpft zu Boden. Zusammengekauert, mit eng an den Körper gepressten Armen, hielt er die Hände gefaltet unter das Kinn gedrückt, dabei zitternd vor Kälte. Wimmernd schloss er die Augen. Tränen brannten auf ihrem Weg über die geröteten Wangen. Er fühlte sich hilflos und verlassen. Ganz in sich gekehrt, erreichte ihn die Realität erst wieder, als er eine nasskalte Schnüffelnase mitten in seinem Gesicht spürte. Nils zuckte und sah in die geweiteten Augen eines Pudels, der ihn paralysiert anstarrte. Nach diesem reglosen Moment raste der Pudel erschreckt bellend um die Bretzelbude, unter die Menge. Zu der Zeit nahm Nils den betörenden Geruch von Süssigkeiten war, welcher sein latentes Hungergefühl unwiderruflich entfachte. Verführt raffte er sich auf und schlich um den Marktstand herum zur hochgeklappten Frontseite. So bot sie der Klientel etwas Schutz vor dem leichten Schneefall. Nils beobachtete konzentriert die rege Kundschaft beim Herumstöbern. Das Angebot war überwältigend. Da lagen Kekse, Lebkuchen, hingen Brezel, Tüten mit gebrannten Mandeln, Nüssen, Magenbrot, Ofenküchlein sogar Dörrobst fein säuberlich drapiert bereit. Einer der drei Markthändler war soeben dabei an der Maschine eine Zuckerwatte aufzuziehen und führte den Holzspiess langsam drehend im Kupferbottich ringsherum. In dieser allgemeinen Betriebsamkeit griff Nils den nächsten Lebkuchen von der Ablage und spurtete los. Ein junger Mann mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze hatte ihn beobachtet und setzt hinterher. Er fasste den Jungen nach kurzem Sprint am Pullover noch bevor der Bub in der Menge untertauchen konnte. Mit eisernem Griff hielt er ihn fest und donnerte: „Da geblieben, Freundchen. Klauen ist nicht. Schon gar nicht in der Adventszeit!“

Voller Verzweiflung versucht Nils sich loszureissen. Alarmiert preschte der Patron herbei und knallte Nils erbost eine saftige Ohrfeig. So entstand ein riesen Durcheinander. Bloss ein Steinwurf davon entfernt war Daniel unterwegs zu seiner Verabredung mit Chris. Natürlich vernahm er das Geschrei. Überrascht wandte er sich in die Richtung, woher es kam, da hetzte ihm bereits der Jung entgegen, der sich letztendlich doch hatte losreissen können. Frappiert blickt Daniel den Bruchteil einer Sekunde in das verstörte Gesicht des Jungen, bevor er ihm entgegen rief: „Nils!“

Geschickt entging der Bub aber Daniels zugriff und tauchte rasch in der Menge unter.

„Sie kennen den Buben?“, fuhr ihn der heran preschende Patron schnaufend an.

„Was hat er getan?“, fragte Daniel noch unschlüssig.

„Der hat geklaut“, fauchte die Dame im Kamelhaarmantel, beim Einpacken ihrer Kekse. „Die Jugend von heute hat keinen Respekt mehr…“

„Woher kommt er? Haben sie seine Adresse? Ich rufe die Polizei“, röhrte der Patron und suchte in der Tasche seiner weissen Schürze nach dem Telefon.

„Er heisst Nils Handschin und wohnt in meiner Strasse. Mehr weiss ich nicht.“

„Da sehen sie: Den Lebkuchen wollte er mitgehen lassen. Mit dem Bruch kann ich ihn unmöglich verkaufen.“

Spontan holte Daniel die Geldbörse aus der Tasche und fragte: „Ich kaufe ihn. Was kostet er?“

Verdutzt sah ihn der Patron einen Atemzug lang an, zuckte die Schultern und sagte schroff: „Mir soll’s recht sein.“

Daniel zog eine kleine Note aus dem Fach. Der Patron begab sich zum Marktstand, öffnete die Holztür an der Seite und tauchte hinter dem Tresen wieder auf, wo derweil seine beiden Mitarbeiter zum Tagesgeschäft übergegangen waren.

„Aus dem Bub wird nichts, wenn sie ihn decken. Eine gehörige Tracht Prügel wirkt oftmals Wunder“, sagte der Patron während er ihm zwei Münzen in die Hand legte.

„Ich vermute, der Junge hat schon dafür gebüsst.“

„Sie müssen‘s wissen“, brummte der Patron scharf und verstaute den Schein unter die Kleingeldkassette. Mit dem Blick auf Daniel gerichtet, schob er verbittert nach: „Saubande!“ Es folgte eine Bedenkpause, dann fuhr er fort: „Sie haben ja keine Ahnung wie viel heutzutage geklaut wird. Wo soll das noch hin führen? Wenn sie den Jungen kennen, sorgen sie dafür, dass er das nie wieder tut. Um seiner Zukunftswillen.“

Daniel nickte belehrt und ging. Sowie er in die nächste Seitengasse bog, bemerkte er, dass Nils ihm heimlich folgte. Um Nils zur Rede zu stellen, blieb er in der folgenden Nische stehen und harrte. Es dauerte nicht lang, da schlich sich Nils auch schon vorbei.

„Nils, bleib stehen, ich tue dir nichts…“

In wilder Panik versuchte sich der Junge loszureissen, ergab sich dann aber schluchzend: „Sie waren zu Hause. Ich hab es gesehen und geklingelt. Warum haben sie nicht auf gemacht?“

„Wovon sprichst du?“

„Es war Licht in ihrer Wohnung!“

„Du warst an meiner Tür! Warum?“

„Die Katze. Es ist ihr Flex…“

„Du weisst wo Flex ist?“

Nils nickte verschüchtert.

„Und das wolltest du mir sagen?“ Daniel strich Nils die nassen Strähnen aus dem Gesicht. „Aber, wieso bist du weggelaufen?“

Mit einmal brach es aus dem Jungen heraus. Die ganze Geschichte. Daniel hörte zu, während sie in einer Taxe heimwärts fuhren. Vor dem Jugendheim angekommen bezahlte Daniel den Fahrer. Im gleichen Augenblick raste Nils überstürzt davon. Daniel war perplex. Stieg aus dem Taxi und setzte dem Jungen nach. Auf der Höhe seines Hauses holte er den Buben schliesslich ein: „Was soll das! Wolltest du mich nicht zu Flex führen?“

„Ich will nicht ins Heim!“

„Warum nicht?“

Nils klammerte sich an Daniel: „Kann ich nicht bis morgen bei dir bleiben?“

„Was denkst du dir dabei? Das geht doch nicht. Wie stellst du dir das denn vor?“

„Ich könnte morgen, vor dem Frühstück, einfach wieder ins Heim gehen. Das merkt keiner, weil die Eingangstür zum Lüften dann immer offen steht.“

„So ganz zerzaust und verwahrlost? Das nimmt dir keiner ab.“

„Frau Kruger ist nicht mehr wach. Das merkt keiner, wenn ich weg bin. Bitte – es ist doch nur bis morgen…“

Daniel schaute auf seine Uhr, öffnete die Haustüre: „Wir können nicht ewig hier draussen stehen bleiben. Rein mit dir. Aber kein Laut im Flur. Wärm dich bei mir auf. Wir werden einen Weg finden.“

Daniel machte Licht im Treppenaufgang. Nils tapste ihm in den auftauenden Socken dankbar hinter her. Daniel schloss die Wohnung auf und sie traten ein. Nils fielen sofort der Fressnapf in der Diele sowie der gemütliche Katzenkorb unter dem Heizkörper im Wohnzimmer auf. Wie ferngesteuert ging er da hin und hängte sich an die wärmenden Stahlrippen. Daniel zog derweil Mantel und Schuhe aus.

„Ich setz uns erst mal Wasser auf. Ein heisser Tee wird uns bestimmt gut tun.“

Daniel verschwand für eine Weile in die Küche. Nils hörte ihn dort herumhantieren, umklammerte den Radiator, während sein Pulli langsam zu tropfen begann. Mit stetigem pochen kehrte auch das Gefühl in die Fingerspitzen zurück.

„Vielleicht ziehst du besser die nassen Sachen aus. Wenn du möchtest, kannst du eine warme Dusche nehmen...“

Daniel zeigte dem Buben das Bad und machte die Dusche zurecht: „Musst das Wasser vorab voll laufen lassen und dann zurück drehen. Ansonsten kommt es plötzlich, unerwartet heiss. Sobald der Durchlauferhitzer dort drüben sich zuschaltet, hörst du ein Brausen. Wärm dich auf. Wenn du fertig bist, schlüpf in den Bademantel hier, ich leg ihn dir da über den Stuhl. Bis dahin ist der Tee soweit und wir sehen, wie‘s weiter geht. Okay?“

„Ja – danke“, stammelte Nils, zog die nassen Kleider aus, legte sie auf die Fliesen vor dem Bad. Daniel führte die Türe ins Schloss und ging mit Nils Sachen in die Stube. Während er sie über dem Radiator auslegte, erheiterte ihn die doch seltsam anmutende Kombination von Pyjama mit Pullover und Cordhose. Der Bub war schon ziemlich verwegen.

Nils hörte den gasbetriebenen Durchlauferhitzer Fauchen, drehte den Wasserhahn wie empfohlen langsam ein, bis die Temperatur für ihn stimmte. Bewusst genoss er das wärmende Wasser, das über seinen Körper rieselte. Es tat so unendlich gut, nicht mehr allein auf der Gasse sein zu müssen. Bei geschlossenen Augen wandte er sein Gesicht zur Brause hin, die in endlosem Strom, unentwegt aufgewärmtes Wasser über ihn regnen liess und schwelgte in Erinnerung an Weihnachten wie es einmal war. Ein prasselndes Feuer im Kanonenofen. Der Duft aus der Küche. Die Spannung auf das, was er geschenkt bekommen würde. Wie sehr er sich gewünscht hatte, diese portable Spielkonsole zu bekommen. Und dann kam alles anders. Grossvater hatte einen Schlaganfall und verstarb innerhalb einer Woche. Kaum ein Jahr später fiel Grossmutter aus dem Bus. Davon erholte sie sich nie mehr. Nichts blieb mehr wie es mal war…

„Hallo Chris. Ja – ich bin’s. Hör mal, da ist was zwischen gekommen...“

Eine Tür fiel ins Schloss.

Das risse den Jungen jäh aus den Träumen. Nils stellte das Wasser ab und horchte mit angehaltenem Atem. Was tut er da? Sein Herz klopfte heftig, bis in den Hals hinauf. Es blieb still. Hals über Kopf stolperte Nils aus der Duschkabine und trat in die Diele. Die Küchentür, warum war die nun plötzlich geschlossen? Nils strengte sich an. Jetzt konnte er zwar hören, dass gesprochen wurde, verstand aber kein Wort davon. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Chris war doch der Bruder von Stephan Thaler. Die beiden hatte er neulich vor Daniels Haus gesehen. Nils schluckte trocken. Informierte Daniel einmal Chris, wusste Herr Thaler ebenfalls, dass er ausgebüxt war. In dem Moment verriet Daniel bestimmt alle Details! Dabei hatte er, Nils, ihm doch vertraut. Daniel hatte vorgegeben, sein Freund zu sein. Und jetzt? Er musste unbedingt beim Heim sein, bevor Herr Thaler dort an kam. Das war Schadenbegrenzung. Aber wo waren die Kleider? Nils schaute aufgeregt um sich, sah sie aber nirgends liegen. Selbst das passte nun ins Bild. Daniel hatte sie ihm weggenommen, damit er nicht fliehen konnte. So was Fieses aber auch!

Nils packte Verzweiflung. Verstört ergriff er den Bademantel, hastete durch die Diele ins Treppenhaus, während dem er in den übergrossen Bademantel zu schlüpfen versuchte. Beim Sprung über die Schwelle der Wohnungstür trat er auf den herabhängenden Saum des Frottees. Strauchelnd krallte Nils sich in letzter Sekunde am Treppengeländer fest, womit er sich zum Glück wieder stabilisieren konnte. Kopflos trabte er nachfolgend die Treppe hinunter, riss die schwere Eingangstüre auf und hetzte in die kalte Nacht hinaus. Im nächsten Augenblick stand er bereits draussen vor dem Gartentor, da hörte er die Eingangstür zuschlugen. Jäh begriff Nils, dass er wieder fror. Zeitgleich bog ein Streifenwagen in die Quartierstrasse ein. Entsetzt starrte der Junge auf das herannahende Fahrzeug. Das war der Beweis für Daniels falsches Spiel. Nils wollte entwischen, aber sie hatten ihn bereits entdeckt. Der Streifenwagen verlangsamte auf seiner Höhe und setzte zurück.

„Was führt dich zu dieser Zeit auf die Strasse?“, fragte die Polizistin am herunter gelassenen Fenster.

Es schneite. Nils stand barfuss im Matsch, bekleidet nur mit einem weissen, vielzugrossen Bademantel zudem wirkte er völlig verwirrt. Ohne seine Antwort abzuwarten, stieg sie aus.

„Wie heisst du?“

Der Junge zitterte vor Kälte wie Espenlaub und brachte kein Wort heraus. Mittlerweile stieg ihr Kollege ebenfalls aus, holte aus dem Kofferraum eine Decke, umrundete den Streifenwagen und legte sie Nils behutsam um.

„Besser du steigst schleunigst in den warmen Wagen, damit du dich nicht erkältest“, sagte er und öffnete die hintere Tür.

Nils schob sich auf die Rückbank. Die Türe klappte zu. Im Wagen roch es seltsam muffig. Nun reichte ihm der Polizist einen Becher warmen Tee aus seiner persönlichen Thermosflasche.

„Trink einen Schluck, es ist Weihnachtstee. Schmeckt etwas nach Zimt, mit einem Schuss Honig. Danach erzählst du uns in aller Ruhe, was passiert ist. Einverstanden?“

 

In der Dachwohnung legte Daniel Waber das DECT-Telefon auf die Theke. Das Wasser kochte seit geraumer Zeit, daher verwunderte es nicht, dass die Pfanne nun etwas leichter war, als er den Tee aufgoss. Aus dem Küchenschrank holte er zwei grosse Tassen, danach legte er den mitgebrachten Lebkuchen auf einen bunten Teller. Voll beladen betrat er so den Wohnraum und deckte den Tisch. Allerdings musste er zuerst Platz schaffen, damit auch zwei am Tisch richtig sitzen konnten. Kaum in der Stube, schnarrte die Klingel der Haustür. Verwundert über die erst jetzt auffallende, angelehnte Wohnungstür, drückte Daniel die elektrische Entriegelung und ging die Treppe hinunter zum Hauseingang. Obwohl die Türe einen Spalt weit offen stand, wartete die Polizeipatrouille draussen. Auffällig war das unterschiedliche Grössenverhältnis der beiden. Der Polizist war dunkelblond, hager, hochgewachsen, die Polizistin rothaarig, pummelig und kaum grösser als einen Meter siebzig.

„Guten Abend. Mein Name ist Binz“, eröffnete der Beamte das Gespräch förmlich.

„N‘ Abend - was kann ich für sie tun?“

„Sie sind Herr Waber?“

„Ja – bin ich.“

„Können sie sich Ausweisen?“

„Sicher…“

Daniel zog die ID aus seiner Geldbörse und reichte sie dem Polizisten. Dieser fotografierte Vor- und Rückseite der Karte und fragte die Fahndungsdatenbank ab. Nach ein paar Wischbewegungen auf dem Display seines Mobiltelefons, gab Herr Binz die ID an Daniel Waber zurück.

„Wir gehen nur einem Hinweis nach und werden sie kaum lange aufhalten. Dürfen wir uns in ihrer Wohnung kurz umsehen?“

„Eh – wie bitte?

„Das mag sie jetzt überraschen, aber es würde uns doch sehr helfen.“

„Okay, dann kommen sie mal mit“, entgegnete Daniel überrumpelt und schritt den Polizisten voraus die Treppe hoch.

„Sie wohnen hier allein?“, wollte Frau von Werdt wissen.

„Allein – ja.“

Unterdessen führte sie Daniel in seiner Dachwohnung direkt in die Stube, wo er mit Schrecken die zum Trocknen über den Heizkörper unter dem Fenster zurechtgelegten Kleidungsstücke des Jungen fixierte. Daniel erstarrte. Sekunden eiskalter Stille folgten.

„Haben sie Kinder?“, erkundigte sich Herr Binz rhetorisch.

Daniel verneinte stumm.

„Sie kennen Nils Handschin?“, fragte Herr Binz weiter, während Frau von Werdt ihm ein Bild des Jungen auf ihrem Handy zeigte.

„Ja. Neulich während der Chorprobe im Münster habe ich ausgeholfen. Dabei sah ich ihn.“

Fast unmerklich strafften sich die Gesichtszüge des Beamten. Er nahm wiederum sein Mobiltelefon zur Hand und fotografierte. „Wozu haben sie den Jungen mit in ihre Wohnung genommen?“

„Nicht, was sie denken“, schnarrte Daniel bitter.

„Wir denken, es gibt Klärungsbedarf“, entgegnete Herr Binz scharf.

„Das gibt’s doch nicht!“, rief Daniel empört, wobei seine offene Handfläche auf das Tischblatt neben ihm nieder sauste.

„Auf Grund der veränderten Situation, müssen wir sie bitten, mit uns zu kommen“, verfügte der Beamte monoton.

Daniel blickte aufgewühlt um sich: „Was versuchen sie mir da bloss anzuhängen?“

„Es ist klüger, jetzt nichts Unüberlegtes zu tun“, ergänzte Frau von Werdt unmittelbar.

„Der Junge ist doch da drin! Im Badezimmer. Er steht unter der Dusche“, keuchte Daniel energisch in die Richtung weisend.

„Nein.“ Die Polizistin schüttelte den Kopf: „Wir griffen den Knaben draussen vor ihrem Haus auf.“

„Was?!“, schnaubte Daniel und ging vorweg durch die Diele. Die Türe zum Bad stand angelehnt. Das Licht brannte. Wütend versetzte er der Tür einen so kräftigen Stoss, dass sie am Ende krachend in den Stopper prallte: „Das glaub ich jetzt einfach nicht!“

„Wir klären das. Wenn sie uns nun begleiten. Es führt kein Weg daran vorbei“, sagte Herr Binz deeskalierend.

Fassungslos ergab sich Daniel wie eine Marionette gehorchend in sein Schicksal.

„Ziehen sie sich bitte eine Jacke über“, mahnte Herr Binz, als sie kurz darauf gemeinsam die Wohnung verliessen.

Im Treppenhaus trafen sie ausgerechnet auf Frau Sulser. Die knarrende Treppe hatte wohl ihre Aufmerksamkeit geweckt. Hinter halb geschlossener Tür hatte sie abgewartet, um zu sehen, was hier vor sich ging.

„Das ist bestimmt ein Irrtum“, sagte sie energisch an Herr Binz gerichtet.

„Beruhigen sie sich. Alles in Ordnung. Gehen sie bitte wieder in ihre Wohnung. Es gibt nichts zu sehen.“

Frau Sulser ignorierte die Anweisung, trat aber etwas zur Seite. Von da schaute sie der Gruppe konsterniert nach.

Direkt vor dem Haus stand der Streifenwagen. Daniel musste auf dem Rücksitz Platz nehmen, die beiden Beamten stiegen vorne zu. Herr Binz meldete sich am Funk. Frau von Werdt fuhr derweil los, in Richtung Innenstadt. Daniels Verstand arbeitete fieberhaft, um die Situation vollends zu erfassen. Dabei verlor er sich zusehends in Details. Hatte er das Licht ausgeschaltet? Was war mit dem Wasserkocher? Sein Puls raste. Die Wohnung, er hatte sie nicht abgeschlossen! Seine Kehle war wie zugeschnürt. Ein hastiger Griff in die Hosentaschen verriet, er hatte zumindest den Hausschlüssel und die Geldbörse mit. Daniel atmete flach. Obwohl der Streifenwagen eher gemütlich unterwegs war, fühlte Daniel sich so übel, als müsste er gleich brechen.

Der Streifenwagen hielt vor einem hohen Rolltor. Herr Binz stieg aus und meldete sich an einer Sprechstelle. Sogleich schalteten sich Scheinwerfer an, die den Bereich um die Einfahrt zum Amthaus erhellten. Im nächsten Augenblick zog sich das Tor zu einem Gitter auseinander und glitt nach oben hin weg. Der Streifenwagen fuhr in eine Schleuse. Hinter ihnen schloss sich das Rolltor wieder. Dann leuchtete eine grüne Ampel auf und das Gitter vor ihnen wurde hochgezogen. Dahinter breitete sich ein kleiner Innenhof aus. Er war leer, dabei fast schwarzgeräumt. Der Streifenwagen fuhr einige Meter weit und hielt wiederum in einer Art Schleuse an, zu deren rechten Längsseite sich auf halber Höhe eine verspiegelte Fensterfront entlang zog. Grelle Scheinwerfer blendeten. Sobald sich das Tor hinter dem Streifenwagen geschlossen hatte musste Daniel aussteigen, drei Schritte zur Stirnwand gehen, um sich auf die Gelb markierte Fläche zu stellen, dies mit dem Blick zur Wand unmittelbar vor ihm. Unterdessen öffnete sich eine der zwei Längsseits gegenüber liegenden Seitentüren und ein Uniformierter Wachmann trat heraus. Pomadisierte, dunkle Haare, leicht gekraust, schwarze Hornbrille und schmaler Oberlippenbart zählten offenbar zu seinem gepflegten Markenzeichen. An seinem vom überhängenden Bauch teilweise verdeckten Ledergurt baumelte eine massive Schlüsselkette am Karabinerhaken eingeklinkt. Ausser dem ebenfalls am Gürtel befestigten Telefon hatte der behäbige Mann, auf dessen blauem Namensschild ‚Johann Schneiter‘ stand, keine weiteren Utensilien mit dabei.

Herr Binz machte ihm Meldung. Die beiden schienen sich von früher zu kennen. Daniel konnte das Gespräch kaum verfolgen, er kämpfte mit der Übelkeit und saurem Aufstossen. Unter ständigem Schlucken versuchte er den Brechreiz zu bändigen, bis es nicht mehr ging.

„Oh – nein!“, rief der Wachmann, Johann Schneiter und verzog das Gesicht angewidert.

„Dann mal viel Spass beim Aufwischen“, scherzte Polizist Binz und setzte sich schleunigst zu seiner Kollegin in den Streifenwagen.

„Herr Waber, was haben sie für ein Problem?“

„Tut mir leid. Es geht schon wieder.“

„Gut - dann folgen sie mir bitte“, sagte der Wachmann professionell freundlich und trat durch die zweite Tür in eine Art Umkleideraum, wo die Luft zwar muffig aber dennoch besser war.

Daniel leerte auf Geheiss seine Taschen. Der Inhalt gelangte in die transparente Kunststoffbox, die vor ihm auf der Ablage stand. Sie war bereits mit seinem Namen beschriftet. Herr Schneiter verschloss die Box und übergab ihm einen gelben Trainingsanzug, schwarze Socken sowie blaue Turnschuhe mit weissen Kunststoffsohlen. Sobald er auch die Strassenkleider abgelegt hatte, wechselten sie in den nächsten Raum. Eine Fotokamera starrte ihn an einem Schlitten von der Decke hängend direkt an. Daniel musste sich vor eine Messskala stellen und wurde anschliessend von vorn und im Profil geblitzt. An einem Pult folgte die Daktyloskopie. Das AFIS-Sensorterminal war im Prinzip eine Glasscheibe auf die er wie bei einem Dokumentenscanner Finger und Handballen legte, um sie abzutasten. Damit war er biometrisch erfasst.

„Wünschen sie einen Arzt zu sprechen, Herr Waber?“

„Nein, es geht wieder. Ich kann’s einfach nicht fassen und bin völlig am Ende.“

Vom Stapel neben der Tür reichte ihm Johann Schneiter Bettwäsche sowie Handtücher. Nun führte er ihn weiter durch den nüchternen Flur, über die blitz blanke Treppe hinauf in den dritten Stock des Gebäudes zu der ihm zugeteilten Zelle. Sie trug die Bezeichnung: U-33. Der Wachmann öffnete eine kleine Klappe in der massiven Tür. Dabei kam ein rechteckiges Fensterchen zum Vorschein, durch welches er ins Zelleninnere sehen konnte. Nach dem Kontrollblick entriegelte Herr Schneiter mit dem Doppelbartschlüssel an seiner Kette die gewichtige Stahltüre. Diese war aussen dunkelbraun, innen dagegen weiss gestrichen, ihre Dicke ergab geschätzte zehn Zentimeter. Daniel Trat ein.

 

Nachdem die Polizei mit Daniel Waber das Haus verlassen hatte, kehrte einstweilen wieder Ruhe ein. Just in dem Moment, als Frau Sulser sich allmählich fasste, vernahm sie erneut wie die Haustüre zuschlug. Elektrisiert trat sie sofort zurück in den Flur und beugte sich vor, um ins Parterre hinunter blicken zu können.

„Ah - Frau Gerber“, sagte sie dann aufgedreht und stieg ein paar Stufen die Treppe hinab: „Ich weiss nicht, was ich sagen soll…“

Lena schaute verdutzt zu ihr auf, streifte den Ohrenwärmer ab, wobei nasser Schnee auf die ziegelbraunen Kacheln am Flurboden platschte: „Geht es ihnen gut?“

„Herr Waber ist soeben von der Polizei abgeholt worden. Sie müssten sie draussen gesehen haben!“

„Was? Nein - ich habe niemanden angetroffen. Nicht auf dem gesamten Weg von der Strassenbahn bis hier her...“

Frau Sulser hielt sich überwältigt die Handfläche an die rechte Schläfe, dann fuhr sie besorgt fort: „Ich hätte nie gedacht, dass Herr Waber kriminell ist?“

„Wieso kriminell?“ Lena war bereits aufgewühlt durch voran gegangene Ereignisse und wusste somit die Neuigkeit kaum zeitnah einzuordnen. Um Raum zu gewinnen, ergänzte sie salopp: „Ein kauziger Eigenbrötler bestimmt, aber…“

Erna Sulser schüttelte vehement den Kopf: „Wer zu so später Stunde von der Polizei abgeholt wird, hat etwas verbrochen!“

Lena räusperte sich, legte den Kopf in den Nacken, um ihre schulterlanges Haar durch ein paar Handgriffe zurechtzurücken und sagte gelassen: „Nun denn, mir fehlt er jedenfalls nicht.“

„Also - ich finde, er ist ein anständiger Kerl“, entgegnete Erna Sulser dezidiert.

„Wer weiss, vielleicht betreibt er unlautere Onlinegeschäfte?“ Lena Gerber fingerte bewusst uninteressiert an ihrem Schlüsselbund. Schliesslich sortierte sie den mit rotem Ring markierten Schlüssel aus und steckte diesen ins Schloss an ihrer Wohnungstür. In dem Augenblick klingelte das Handy in ihrer Umhängetasche.

„Was ist heute bloss los?“, sagte sie entnervt, während sie das Gerät in den Tiefen der braunen Ledertasche ertastete. Sobald sie dann das Display überflog, wechselte ihr Gesichtsausdruck von blanker Ablehnung zu freudiger Zuversicht.

„Hallo Stephan…“

Mittlerweile obsiegte Erna Sulsers ungenährte Neugier. Gebannt blieb sie, unverhohlen lauschend, stehen und lauerte der weiteren Vorgänge, obwohl sie wusste, dass sie genau das nicht hätte tun sollen.

Lena konzentrierte sich ungeachtet dessen auf das Gespräch, dabei starrte sie steif in die entgegengesetzte Ecke im Flur.

Eine Weile lang hörte Erna Sulser bloss Nuscheln vom etwas zu laut eingestellten Handy kommend. Hingegen war sie überzeugt, den Namen ‚Nils‘ gehört zu haben.

„Das beruhigt mich. Ja – ich bin eben zu Hause angekommen. Nein, der ist… Okay – ich komm rüber.“ Lena versorgte das Mobiltelefon zurück in die Tasche und schloss in Gedanken versunken ihre Wohnungstür neuerlich ab.

„Is‘ was mit Nils?“, hakte Frau Sulser sichtlich besorgt ein.

„Er ist ausgebüxt. Während Frau Krugers Nachtwache...“

„Ausgebüxt?“, doppelte Frau Sulser bestürzt nach.

„Ja, aber inzwischen ist er wieder im Heim. Scheinbar Barfuss, ohne Kleidung und völlig durchfroren.“

„Bei der Kälte? Der arme Bub.“

„Stephan Thalers Kollegin, Frau Kruger, fand das Bett von Nils während ihres ersten Rundgangs unvermittelt leer vor. Vorerst ging sie von einem Streich aus, da sie die Jacke und Schuhe unberührt an ihrem angestammten Platz vorfand. Später, nach erfolgloser, intensiver Suche, rief sie schliesslich Stephan an. Wir sassen unsererseits in einer gemütlichen Runde, als der Anruf kam. Hinterher war Stephan plötzlich ziemlich aufgewühlt.“

„Hat er denn nichts gesagt?“

„Nicht wirklich viel. Er verabschiedete sich spröde und ging allein weg. Sein Bruder und ich unterhielten uns anschliessend noch ein paar Minuten, bevor auch wir uns trennten.“

„Was ist bloss in den Jungen gefahren? Das passt einfach nicht zu ihm. Er wirkt sonst eher schüchtern.“

„Keine Ahnung“, antwortete Lena Gerber hastig. „Vielleicht erfahre ich mehr, wenn ich mir einmal die Katze anschaue. Stephan sagte, Frau Kruger habe während der erfolglosen Suche nach Nils ein Miauen aus dem Keller vernommen und da eine ausgehungerte Katze vorgefunden. Es könnte sich um Flex handeln…“

„Das wäre wenigstens ein Lichtblick. Warten sie, ich gebe ihnen für alle Fälle etwas Katzenfutter mit. Ist es Flex, wird ihn das beruhigen.“ Nach einer Bedenkpause fuhr sie fort: „Da fällt mir ein – soll ich ihnen auch den Transportkorb, unten im Keller, holen?“

„Kann nicht schaden“, erwiderte Lena ohne Enthusiasmus, schliesslich war die Katze bloss ein guter Vorwand, den Kontakt mit Stephan zu vertiefen.

Frau Sulser registrierte die Finesse, schickte sich aber umgehend an, die Dinge zu richten.

Wenige Minuten später stapfte Lena Gerber mit Katzenkorb und Futter ausgerüstet durch den Schnee. Eisige Kälte herrschte. Böig fegte der Wind unter ihren in der Eile offen gelassenen Mantel. Das nahm sie hingegen kaum wahr. Sie konnte es schwerlich fassen, dass ausgerechnet dieser alte Kater ihr auf einmal dienlich war. Sie begann sich auszumalen wie hoch wohl ihre Chancen lägen, mit Stephan anzubändeln. Ein wirklich warmherziger, offener Mann wie er ihr noch kaum begegnet war. Somit war sie entschlossen sich von ihrer allerbesten Seite zu zeigen. Heute gehörte halt Katzenliebe mit dazu. Sie schmunzelte verschmitzt, schaute sich aber sofort beschämt um. Sie war allein unterwegs. Gehsteig und Strasse bildeten unter den Strassenlaternen kaum noch sichtbare Konturen. Weder Fuss- noch Fahrspuren waren zu sehen, lediglich ihr eigener Weg wie er sich sachte unter der weissen Decke verlor, die unumwunden alles entspannte. Mit ihr lag feierliche Ruhe über der gesamten Stadt. So war es kurz vor Mitternacht, zwei Tage vor Weihnachten, als Lena das Gartentor aufschob hinter dem sich zurückgedrückter Schnee türmte. Lena hielt den Transportkorb vor sich hin und gelangte auf diese Weise ohne weitere Hindernisse zum Eingangsbereich des Hauses. Es war eine stolze alte Villa wie sie bei den Englischen Anlagen vielerorts standen. Nahe der umtriebigen Stadt verhalf die Trennung durch den Fluss hier zu entspannter Atmosphäre. Lena berührte die Klingel, entschloss sich aber, zu dieser fortgeschrittenen Stunde, bloss leise anzuklopfen. Es dauerte ein Wimpernschlag, dann kam Stephan durch den Flur geschritten, dessen Parkett sogar von draussen hörbar knarzte.

„Hallo Lena. Komm herein. Wie ich sehe, hast du wohl an alles gedacht?“, sagte Stephan schmunzelnd während er ihr Filzpantoffeln bereit legte. „Die Katze hat sich bis jetzt nicht hervor getraut. Sie sitzt hie und da jämmerlich miauend im Waschtrog unten im Keller, wo die Kinder ihre Schuhe versorgt haben.“

Lena legte im Vorbeigehen ihren gefütterten Wintermantel über einen Stuhl im Entree und folgte Stephan die paar Stufen hinab in den Keller. Unter dem heruntergeklappten Gitterrost kauerte Kater Flex tatsächlich im unzugänglichsten Teil des Waschtrogs und blinzelte mit Safran gelben Augen in das plötzliche Licht.

„Kein Zweifel, das ist Flex“, frohlockte Lena fast schon übertrieben. „Du hast sicher Hunger“, säuselte sie und klapperte mit dem Inhalt einer kleinen Plastikbox.

Flex erwachte blitzschnell aus seiner Lethargie, spitzte die Ohren und gab ein krächzendes Miau von sich.

„Der Gute ist heiser“, sagte Stephan gelöst.

„Der kann nicht anders. Jedenfalls nicht, solange ich ihn kenne, und das sind nun auch schon ein paar Jährchen.“

Lena liess einige Futterböckchen zwischen dem Gitterrost in den Trog fallen. Flex frass sie gierig, ohne wie üblich lange daran herum zu schnuppern. Weiter zog sie eine Spur zum offenen Ende des Trogs hin. Stephan öffnete indessen den Transportkorb und hielt sich bereit. Als Flex sich endlich so weit vorgewagt hatte, dass Stephan ihn greifen konnte, packte er das Tier unter der Schulter und versuchte den Kater so irgendwie in den offenen Korb zu stopfen. Aber Flex reagierte ungestüm, sperrte ja krallte sich überall fest und liess das Vorhaben kläglich scheitern. Schliesslich musste Stephan Flex sogar absetzen, worauf der Kater geschmeidig durch die einen Spalt weit offenstehende Kellertür schlüpfte und hinauf ins Haus entfloh.

„Oh – nein. Den finden wir nie mehr!“, stiess Lena sichtlich ernüchtert aus.

„Das ist vielleicht ein wildes Biest.“ Stephan rieb sich die zerkratzten Handrücken. Aus einigen Verletzungen sickerte etwas Blut. „Oben sind die Türen zu den Schlafräumen geschlossen. Die Versteckmöglichkeiten schränken sich mithin deutlich ein.“

„Wasch dir doch schnell die Hände mit Seife. Das Wasser spült den Schmutz aus den Kratzwunden, tut gut und die Seife verhindert das Schlimmste“, schlug Lena besorgt vor.

„Die Katze ist hier!“, hörten die beiden im Keller Renate Kruger aus dem Obergeschoss rufen.

Hastig trocknete sich Stephan die Hände am Handtuch ab und packte den Transportkorb. Lena drückte den Deckel der Futterdose auf den Ring und schwirrte Stephan hinterher die Treppen hinauf.

„Eben sah ich sie hinten in der Spielecke unter der Bank kauern…“

Dem Hinweis Renate folgend, kniete sich Stephan vor der Sitzbank nieder, da flitzte Flex hervor, um ihn herum und verschwand im Flur Richtung Schlafräume. Renate gibbelte wie ein Teenager. Währenddessen platzierte Lena den Transportkorb in der gegenüber liegenden Ecke, neben einer Zimmerlinde und öffnete lediglich das vordere Türchen. Somit sah der Korb nicht mehr so bedrohlich aus, eher wie ein Zufluchtsort wie sie selber fand. Mit der Futterdose klappernd streute sie eine Spur von Crackers Richtung Flur und rief verhalten nach Flex. Eine Minute später spähte der Kater, auf der obersten Treppenstufe lauernd, in ihre Richtung. Bloss die Umrisse seiner ungleichen, kampfzerfetzten Ohren ragten gelegentlich hervor, während er mit seinem Hunger haderte. Schlussendlich obsiegte die Gier. Ganz vorsichtig, stets den Fluchtweg im Auge behaltend, schlich er entlang der Wand auf sie zu und erst beim letzten Annähern, mit aufgerichtetem Schwanz. Die herrschende Stille durchbrach einzig die Monotonie der Lockrufe Lenas. Dann erreichte der Kater die ersten Brocken, senkte den Kopf schnupperte. Beim leisesten Geräusch hielt er inne, um die Umgebung neu zu taxieren. Erst nach endlosem Abwägen erreichte Flex die letzte Etappe, den Schritt hinein in den Korb. Flex stand da, spähte auslotend hinein und nur seine inzwischen abgesenkte Schwanzspitze wankte seidenweich hin und her. Da lockte tatsächlich prominent der gesamte Restinhalt der Futterdose in der hintersten Ecke!

Aller Augen richteten sich nun auf Flex. Lena stand angespannt bereit, das Türchen sofort zu schliessen, sobald Flex einmal drin war. Flex hingegen tastete sich argwöhnisch und behutsam in den Korb. Sobald die Hälfte seines Körpers darin verschwunden war, hielt es Lena nicht mehr aus und schob den Kater mit einem energischen Schubs ganz in den Korb hinein. Nervös verriegelte sie unmittelbar die kleine Tür, denn blitzschnell hatte sich Flex in dem Engnis umgedreht und fauchte sichtlich betrogen. Von da an ging’s erst richtig los: Flex miaute ohne Unterlass. Zuerst ziemlich heiser, dann aber schien sich seine Stimme zu kräftigen und nahm ausserdem bald einen forschen Ton an. Flex legte mit seinem Klagelied eine Ausdauer vor, die allesamt erstaunte. Lena fühlte sich durch den Kater arg gestresst. Es verlangte ihr einiges ab, dies zu verbergen. Stephan wirkte dagegen eher locker, wischte sich plakativ den Schweiss aus der Stirn und bemerkte: „Endlich Feierabend…“

„Dann husch nach Hause. Nicht, dass du morgen oder besser heute verschläfst. Ich zähle auf dich!“, witzelte Renate Kruger entspannt.

Stephan warf einen Blick auf seine Armbanduhr: „Das lohnt sich kaum. Ich leg mich wohl eher hier im Krankenzimmer aufs Ohr.“

„Geht nicht, Nils ist da drin.“

Im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür gegenüber und Nils tapste schlaftrunken in den grellerleuchteten Flur. Er rieb sich die Augen: „Tut ihm nicht weh…“

„Jetzt kannst Du doch im Krankenzimmer ruhen“, flüsterte Renate, ging zu Nils hin und beugte sich zu ihm: „Kennst du die Katze?“

Nils nahm ihre Hand und zog sie zum Korb, wo Flex sich ungebrochen, lauthals beschwerte: „Das ist Flex.“

„Er gehört nicht uns“, erklärte Renate Kruger beschwichtigend.

„Ich weiss, wem er gehört. Daniel, dem Mann vom Singen. Ich habe gedacht, dass er mein Freund ist. Aber dann hat er mir die Kleider weggenommen, damit ich nicht weg kann“, schnaubte Nils unter Tränen.

„Wie meinst Du? Daniel Waber hat dir die Kleider abgenommen?“, forschte Lena aufgeraut.

Nils nickte.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, stiess Lena erzürnt aus.

„Eine Streife griff ihn vor dem Haus auf. Dabei hatte er nur einen Bademantel um. Nils machte einen ziemlich verstörten Eindruck, daher brachten die Beamten ihn vorsorglich ins Kinderspital. Dort hatte die eilends aufgebotene Psychologin grösste Mühe herauszufinden, wer er ist. Schliesslich bekam ich einen Anruf von der Klinik. Natürlich konnte ich nicht einfach so weg, also rief ich Stephan an. Er war dann so nett, den Jungen im Krankenhaus abzuholen“, erklärte Renate Kruger unaufgeregt.

„Hat er mit dir was gemacht?“, bohrte Lena angewidert.

„Das fragte die Tante mich auch andauernd!“, entgegnete Nils trotzig.

Mit einmal dämmerte es Lena. „Als ich vorhin heim kam, stand unvermittelt Frau Sulser vor mir. Völlig ausser sich eröffnete sie mir, dass die Polizei den Daniel Waber soeben abgeführt habe.“

„Dann ist doch was dran“, sinnierte Stephan ernst.

„Was haben sie dir im Krankenhaus gesagt?“, wollte Renate von Stephan erneut wissen.

„Nicht mehr, als ich dir schon gesagt habe. Er sei erschöpft und leicht traumatisiert. Aber nichts Ernstes.“

Nils hockte neben dem Katzenkorb und kraulte Flex mit zwei Fingern durch die Gitterstäbe in der kleinen Tür. Das schien ihn zu beruhigen. Der Kater genoss es sichtlich und schnurrte leise. Indes leuchteten seine safranfarbigen Augen wachsam. Niemand redete mehr. Nils hatte zwar nicht wirklich zugehört, die beklemmende Stille nährte hingegen wachsendes Unbehagen. Schliesslich hob er den Kopf und erkannte, aller Augen ruhten nunmehr auf ihm. Er blinzelte bedrückt, dann begann er, kaum hörbar flüsternd, bruchstückhaft seine Erlebnisse zu schildern, bis schliesslich der Damm brach. Schluchzend vergrub er danach sein Gesicht in beide Hände.

„Unglaublich, was du mitgemacht hast“, sagte Stephan mit einem Seufzer. „Langsam kommt aber Licht in die Sache. Demnach hat Daniel Waber sich deiner angenommen, um dir zu helfen. Weil er dich vom Chor her kannte. Darum gelang es ihm nicht mehr wie verabredet zu uns zu stossen. Er rief also von zu Hause aus meinen Bruder an, denn Chris ist ja sein Arbeitskollege und er war mit uns unterwegs.“

„Er hat mich aber verraten!“

„Nein. Chris hat mir nichts dergleichen gesagt, was auf deine Anwesenheit bei Daniel Waber hätte hindeuten können.

„Und warum versteckt er dann meine Kleider?“, argwöhnte Nils weiter.

„Keine Ahnung“, gestand Stephan grübelnd.

„Hat er dich wirklich nicht irgendwie bedräng?“, bohrte Lena Gerber hartnäckig.

Diesmal verneinte Nils bestimmt.

„Was machen wir denn jetzt?“, erkundigte sich Renate ernüchtert.

„Die Beschuldigung von Kindsmissbrauch ist so ziemlich unterste Schublade. Ein Richter wird eine Wohnungsdurchsuchung anordnen. Sollten dabei Nils Kleider auftauchen, hat er ganz schlechte Karten. Nils, was genau hast du ausgesagt?“

 

Unterdessen lag Daniel Waber erledigt auf der Pritsche, in seiner schmalen Zelle im Amthaus. Der intensive Geruch von Desinfektionsmittel und Bohnerwachs besiegelten die Bestimmung dieses Raums. Zum Kopfende Lag die Tür, daneben ein Waschbecken, angeschlossen ein WC. Zur Längsseite hing die Pritsche, fest mit der Wand verschraubt. Zum Fussende befand sich ein kleiner Tisch mit rudimentärem Stuhl, direkt unter dem vergitterten Fenster, das sich nicht öffnen liess. An der fahlen Decke prangte dezent brummend eine verkappte Leuchtstoffröhre. Die Wände waren vor Jahren einmal Weiss gestrichen worden. Zahllose Striemen überzogen das Linoleum des Fussbodens und verrieten von reger Benutzung dieser Zelle. Daniel schloss die brennenden Augen. Die Untersuchungsbeamtin hatte ihn mehrmals gefragt, ob er jemanden anrufen möchte. Mal ernsthaft, wem konnte er sich in dieser Lage schon anvertrauen? Seine Eltern trennten sich, als er kaum ein Jahr alt war. Beide fanden danach ihr Glück mit jeweils anderen Partnern. Fortan wurde er nach Belieben hin und her geschoben, fühlte sich nirgends geborgen. So versickerte sein Urvertrauen. Und Chris Thaler? Sicher, der hatte sich ja plötzlich so rührend um ihn gesorgt. Zwar kämpfte er im selben Team, bislang pflegten sie aber kaum den persönlichen Kontakt. Verblieb noch Erna Sulser. Die einzige, die sich regelmässig nach seinem Wohlbefinden erkundigte. Wahrscheinlich sah sie in ihm so etwas wie den Ersatz ihres Sohnes, der unglücklicherweise kurz nach der Geburt verstorben war.

Daniel verschränkte die Hände unter dem Hinterkopf, während er ausgestreckt auf dem Rücken lag. Ziemlich verwirrt durch die intensive Vernehmung, kreisten seine Gedanken um eine Sphäre, in die er einfach nicht eindrang. Warum flüchtete Nils Hals über Kopf vor ihm, nachdem der Junge ihn noch kurz davor geradezu angefleht hatte, ihn die Nacht über bei sich zu behalten? Daniel fehlte die logische Erklärung und mithin jegliche Glaubwürdigkeit seiner Aussage. In seiner Wohnung lagen Kleider eines fremden Jungen, den sie zuvor halbnackt vor seinem Haus aufgegriffen hatten. Obendrein wurde das Kind womöglich schon vorher vermisst gemeldet! Wie wohl musste dies auf die Beamten wirken? Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht, den Jungen überhaupt mit in seine Junggesellenwohnung zu nehmen? Als Mann verlor er in so einer Situation von vornherein. Noch nie in seinem Leben war er tiefer gesunken. Alle mit denen er seit seiner Festnahme Kontakt hatte, straften ihn mit abgründiger Verachtung. Selbst während der gesamten Vernehmung sah ihm die Untersuchungsbeamtin nur dreimal in die Augen, ansonsten vermied sie jeden Blickkontakt und starrte stattdessen konzentriert in ihren zierlichen 24 Zoll Flachbildschirm. Indessen vergeudete Daniel keinen Gedanken, um die adäquate Formulierung einer Erklärung für sein Handeln zu finden. Sein Kopf hämmerte. Ihm war speiübel. Ihn hatte ein Strudel angesogen, aus dem es kein Entrinnen gab.

Von der Gasse draussen hörte Daniel instrumentale Klänge wohlbekannter Weihnachtslieder. Die Kinder im Chor hatten sie intensiv eingeübt. Somit kannte Daniel den dazugehörigen Text. Gedanklich begann er ihn zu murmeln, während draussen die kleine Blechkappelle spielte. Dies geleitete ihn aus tiefster Finsternis zurück in die Weihnachtszeit. Nein, er brauchte sich nichts vorzuwerfen. Er hatte niemandem etwas getan und musste sich für nichts schämen. Einfältig und töricht hatte er möglicherweise gehandelt, aber nicht selbstsüchtig. Die Not des Jungen war offensichtlich, er hatte ihm beistehen müssen, weil gerade er wusste wie hilflos und verlassen sich ein Kind in so einer Situation fühlte. Niemand war ihm je beigestanden. Keiner nahm sich die Zeit, seine Sorgen anzuhören. Daniel ging zum Fenster und schaute auf das Spiel der Heilsarmee. Es wärmte ihn. Bestimmt hatten sie sich hier aufgestellt, um den Inhaftierten etwas Trost zu spenden. Bisher hatte er nie derart empfunden, wenn er sie irgendwo in der Stadt auf Plätzen hatte musizieren gehört. Klar passten sie irgendwie zur Weihnachtszeit so wie Glühwein zu Lebkuchen. Für ihn verblassten sie aber bislang schnell in der allgemeinen Hektik und Konsumlust. Daniel ertappte sich dabei, dass er die Stimmung genoss und in sich aufsaugte. Etwas Festlichkeit und ein kleinwenig Vergessen.

Lange blieb er am Fenster stehen, bis die Gruppe sich schliesslich zerstreute. Eine gute Stunde noch, bis Mitternacht. Morgen war also Heiligabend. Wie gern wäre er dann gegen 18:00 Uhr im Münster gewesen. Die jüngste Mithilfe im Chor vermittelte ihm ein kleines Stück Zugehörigkeit. Von der für ihn gänzlich verblassten Weihnachtsfeier ging plötzlich ein seltsamer Zauber aus, der ihn einfach glücklich stimmte. Dieses Jahr wäre Weihnachten nun ganz anders gewesen. Mit diesen Gedanken im Kopf trat er zurück zur Pritsche. Einen Moment lang sass er seitlich auf dem Rand, dann legte er sich hin und döste schliesslich ein.

 

Zum Frühstück weckte ihn ein hagerer Wachmann mittleren Alters. Er überreichte ihm ein Tablett. Es enthielt ein Kännchen Kaffee, frisches Brot und etwas Käse. Sogar je zwei Töpfchen mit Butter und Konfitüre lagen auf dem Tablett.

„In einer Dreiviertelstunde haben sie einen Termin beim Untersuchungsrichter“, sagte der Wachmann fast beiläufig.

Beim Gehen, fiel die Türe hinter ihm schwer klackend in den Riegel. Das hörte sich beinahe an wie ein sich schliessender Tresorraum. Hungrig setzte sich Daniel an den kleinen Tisch am Fenster und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Das weckte seine Lebensgeister. Draussen vor dem Fenster tanzten einzelne Schneeflocken. Immer wieder fegte ein Windstoss den Schaum liegengebliebenen Schnees vom Fensterbrett. Man musste sich heute für letzte Besorgungen wohl ziemlich warm anziehen. Zwei Krähen segelten über die Dächer und landeten in der Nähe eines Weihnachtsbaumverkäufers, der gerade die Krümel seines Sandwichs vom Rüsttisch wischte, weil Kundschaft nahte. Mit dem letzten Schluck Kaffee aus der Plastiktasse, öffnete sich die Zellentür. Wieder der hagere Kerl. In seiner Begleitung wurde Daniel nun pünktlich dem Richter vorgeführt. Der Mann sass in Akten lesend hinter seinem einfachen Schreibtisch. Er trug einen dunklen Pullover, darunter ein weisses Hemd, dessen Kragen war aufgeknöpft. Keine Krawatte. Sein lichtes, graues Haar fiel in sanften Locken auf seine Schultern. Die glatten Gesichtszüge unterbrach ein etwas zerzauster Schnurrbart. Der Untersuchungsrichter blickte über den Rand seiner weit vorn auf der Nasenspitze sitzenden Lesebrille und erklärte ihm nach kurzer Identifikation nüchtern den Sachverhalt.

„Sie haben den neunjährigen Nils Handschin am späten Abend in der Oberstadt aufgegriffen. Anschliessend nahmen sie ihn mit sich in ihre Wohnung, weil er sie darum gebeten hatte, die Nacht bei ihnen verbringen zu dürfen. Er fürchtete Schelte und wollte erst in der Früh, notabene unbemerkt, im Jugendheim auftauchen.“

Der Untersuchungsrichter schaute Daniel in die Augen: „Ist das korrekt?“

Daniel nickte.

„Nils Handschin gab an, sie hiessen ihn seine Kleider ausziehen, damit er sich unter der Dusche aufwärmen könne, was er dann auch tat...“

Daniel hörte sich das Protokoll schweigend an und hatte nichts dazu zu sagen. Obwohl Nils ein paar ungeschickte Angaben gemacht hatte, die ihn nun zusätzlich belasteten, liess sie Daniel im Raum stehen. Sein Kopf war leer, ausgebrannt. Aus heutiger Perspektive hätte er den Jungen wohl besser seinem Schicksal überlassen und einfach weitergehen sollen. So sah die Realität aus. Doch Daniel wusste, dass er das nie hätte tun können. Ein Rätsel blieb allerdings, was hatte Nils derart beunruhigt, dass dieser so urplötzlich aus seiner Wohnung flüchtete?

„Sie möchten wirklich nichts mehr dazu sagen oder ergänzen?“

„Ich verstehe die Sachlage. Die Interpretation jedoch nicht. Der Junge steckte in einer Notlage, die mich bewegte.“

„Als Bürger kann ich sie verstehen. Ein Richter jedoch muss sich an Fakten orientieren. Faktum ist, die Psychologin, die mit Nils gesprochen hat, fand keinerlei Hinweise auf schwere traumatische Erfahrungen. Sie sind nicht aktenkundig. Damit liegt - aus meiner Sicht - nichts gegen sie vor. Die rubrizierte Anklage gegen Daniel Waber wegen Kindsmissbrauch wird hiermit fallengelassen. Der Fall ist somit abgeschlossen.“

Daniel war wie vom Donner gerührt, einstweilen unfähig zu begreifen, was die letzten Sätze für ihn und sein Leben bedeuteten. Auf einmal überschlugen sich die Ereignisse. Die Hölle schien ihn wieder auszuspeien!

Nun erhob sich der Untersuchungsrichter, trat hinter dem Schreibtisch hervor und reichte Daniel die Hand: „Ich wünsche ihnen fröhliche Weihnachten.“

 

Vor dem Amthaus blies ihm eine steife Brise ins Gesicht. Daniel schlug den Kragen seiner anthrazitfarbenen Outdoorjacke hoch und schob die Kapuze über den Kopf. Sein Atem dampfte. Ein Wegmacher streute gerade etwas Splitt über den festgetretenen Schnee auf dem Gehsteig. Daniel genoss die unvermittelt gewonnene Freiheit. Ein echtes Weihnachtsgeschenk. Er querte die Gasse, ging beim Weihnachtsbaumhändler vorbei, dann bog er nach rechts ab, zu einem Kastanienröster. Mit einer Tüte knuspriger Maroni in der Hand schlenderte er über den Weihnachtsmarkt, schaute dem Treiben zu und freute sich. Jetzt stand nichts mehr im Weg, heute Heiligabend im Münster der Feier beizuwohnen. Er würde sich ins hintere Schiff einschleichen, so dass ihn keiner wahrnahm. Aber irgendwann würde er sich erklären müssen. Vielleicht begegnete ihm die allgegenwärtige Frau Sulser früher als ihm lieb war. In weiser Voraussicht sollte er sich also die passenden Worte vorgängig bereit legen. In diese Thematik vertieft erreichte er die Haustür des Wohnhauses. Es rumste wie gewohnt als die Türe wieder ins Schloss rastete. Daniel hielt den Atem an. Es blieb ruhig im Flur. Mit einem flüchtigen Blick streifte er die Wohnungstür von Lena Gerber. Sie würde ihm fortan mit noch viel grösserer Abneigung begegnen. Das war wohl nicht mehr zu ändern. Behutsam stieg Daniel die Treppe hinauf in den ersten Stock. Wiederum schweifte sein Blick zur Wohnungstür diesmal die von Frau Sulser. Auch da, keine Anzeichen. Geschickt zog er sich am Treppengeländer stufenweise hoch, dabei achtete er darauf, seine Füsse möglichst ausgeglichen zu belasten, um jegliches Knarren der nunmehr Holztritte zu vermeiden. Fast lautlos erreichte er mit dieser Akrobatik seine Wohnungstür. Anfangs erschrocken erinnerte er sich flüchtig daran, beim überstürzten Verlassen der Wohnung, in Begleitung der Beamten, die Wohnungstür nicht abgesperrt zu haben. Ein erster Rundblick zeigte keine fremden Eingriffe in seine Welt. Auch die zum Trocknen über den Radiator geschlagenen Kleidungsstücke des Jungen verblieben unberührt. Als erstes setzte Daniel Wasser auf, um sich einen Weihnachtszaubertee aufzugiessen. Während das Wasser langsam zu blubbern begann, nahm er Nils Kleidungsstücke vom Radiator und legte sie fein säuberlich zusammen. Dann nahm er den in Zellophan geschlagenen Lebkuchen vom Tisch. Alles zusammen steckte er in eine Plastiktragtasche und schob den Lebkuchen mit dazu. Nun goss er den Tee auf und setzte sich mit einem Stück Weihnachtsstollen und der grossen Tasse Tee in seinen Gamer-Sessel am Computer. Gerade als er die Powerleiste anmachen wollte, vernahm er ein vertrautes Geräusch aus dem Flur. Erst fehlte ihm der Glaube, aber da war es wieder und wieder. Aufgewühlt stellte Daniel Tasse und Kuchen auf den Tisch und hastete zum Eingang. Er musste sich so beherrschen, nicht ungestüm die Wohnungstür aufzureissen. Das war Flex! Dieser mit allen Wassern gewaschene Kater sass einfach so auf der Fussmatte, als sei weiter nichts gewesen. Auffordernd blinzelnd, begann er sich zuerst ausgiebig zu strecken, bevor er danach majestätisch in die Wohnung stolzierte. Flex wusste, da war sein Zuhause.

„Wo warst du die ganze Zeit über?! Hast mir echt gefehlt, Kumpel…“

Daniel liess sich zum Kater nieder und kraulte ihm intensiv Wangen und Hals. Sogleich begann Flex in vertrauter Manier zu schnurren, so dass es wohl bis hinunter in den Keller hörbar sein musste. Als er schliesslich genug hatte, streckte er sich erneut und stolzierte zielstrebig zu seinem Fressnapf im Flur, direkt vor der Küche. Sichtlich verstimmt schnupperte er gelangweilt im leeren Topf, um dann mit anklagendem Blick miauend einzufordern, was ihm längst zustand. Überglücklich holte Daniel eine Dose Katzenfutter aus dem Küchenschrank: „Bist wohl ziemlich ausgehungert, was?“

Der Kater schien zwar hungrig, aber keineswegs so ausgehungert wie Daniel nach der doch langen Absenz erwartet hätte. Offensichtlich hatte ihm eine gute Seele ein paar Häppchen zugehalten. Ob Flex schon länger im Haus weilte, liess sich lediglich vermuten. Sein Fell fühlte sich eben nicht kühl an wie sonst, wenn er von draussen herein kam. Während Daniel dem Kater beim Fressen zusah, trank er seinen Tee und genoss den Stollen. Vielleicht sollte er doch bei Frau Sulser anklopfen? Woher sonst konnte er gekommen sein? Allmählich fand er Gefallen an der Idee und beschloss, dem auf den Grund zu gehen. Während Flex sich in den Korb zurück zog, behändigte Daniel sich der Plastiktragtasche mit Nils Kleidern, um diese gleich anschliessend im Jugendhaus abzugeben.

Gestärkt und guter Dinge verliess er die Wohnung. Im Treppenhaus war lediglich das Fauchen der Heizung zu vernehmen. Die Treppe begrüsste ihn wie üblich mit ihrem vertrauten Knarren. Im ersten Stock drückte Daniel auf den Klingelknopf, worauf die verstimmte Glocke schrillte, aber weiter nichts geschah. Eine ganze Weile verharrte er noch auf dem Flur, dann fuhr er den Reissverschluss seiner Outdoorjacke hoch und schloss den Klettverschluss darüber. Draussen schneite es leicht. Die Wegmacher hatten sich alle Mühe gegeben, die Gehsteige passierbar zu halten. Links hin bäumte sich ein ansehnlicher Schneewall zur Quartierstrasse. Nach ein paar Schritten stand Daniel umgehend vor dem Gartentor des Jugendheims. Das Tor stand halb geöffnet und liess sich nicht weiter bewegen. Daniel schlüpfte hindurch, stieg die paar Stufen zum Eingang hoch und betätigte den althergebrachten Klingelzug. Er wartete eine ganze Weile, bis sich schliesslich im Inneren etwas tat. Renate Kruger hiess ihn eintreten und begleitete ihn wortlos in die Halle.

„Eigentlich wollte ich lediglich dies hier abgeben“, sagte Daniel verloren während er ihr die Tragtasche hin hielt.

Renate Kruger schaute kurz prüfend auf den Inhalt und meinte knapp: „Sind sie Daniel Waber?“

„So ist es…“

Der nun folgende Moment des Schweigens strapazierte Daniels innere Spannung. Mit steigendem Unbehagen fühlte er sich zusehends genötigt, eine Erklärung abzugeben. Unentwegt rang er um Worte, welche ihm alsdann im Hals stecken blieben und schliesslich in einen tiefen Seufzer mündeten. Sein Blick glitt zum nahen Fenster, um ihrem auszuweichen.

„Dann danke ich für den Lebkuchen. Nils wird sich sicher darüber freuen“, sagte Renate emotionslos und geleitete Daniel wieder zur Pforte.

Erleichtert begab er sich daraufhin auf den Rückweg. Eigentlich war ihm ein Mühlstein vom Herzen gefallen, dennoch lastete eine Schuld auf ihm, die er sich so nie aufgeladen hatte. Was zum Kuckuck hätte er Renate Kruger erklären sollen? Ferner las er tiefe Verachtung in ihren Augen. Nun - zumindest hatte er die unvermeidliche Konfrontation hinter sich gebracht. Jetzt konnte er vorwärts schauen, sich freuen, Flex geniessen, der gesund und munter wieder zu ihm gefunden hatte. Nur darauf wollte er sich fokussierten. Was war, konnten Worte nie richtigstellen.

Auf dem kurzen Weg zurück knirschte der harte Schnee unter den Schuhsohlen und sein Atem stiess riesige Dampfwolken aus. Trotzdem nahm er sich die Zeit, die Weihnachtsdekoration der säumenden Grundstücke und Häuser im Vorbeigehen zu studieren. Ja, er hatte Zeit und gönnte sie sich. Beim näheren Hinsehen, zeigten sich bemerkenswerte Unterschiede. Angefangen bei kunstvoll geschmückten Fenstern, die wie in einem Adventskalender mit Nummern versehen, verschiedene Motive der Weihnachtsgeschichte spiegelten, ging es weiter zu Projektionen an Hausfassaden. Einige hatten ganze Weihnachtsbäum im Garten zurechtgemacht. Glitzernde, üppig blinkende Girlanden wanden sich um Balkone, Sträucher und Gartenzäune. An dem von ihm bewohnten Haus prangte dagegen lediglich ein goldgelber Weihnachtsstern, direkt über dem Eingang. Erfasste diesen ein Windstoss, funkelte er eigentümlich unter dem reflektierenden Licht der Strassenbeleuchtung. Frau Sulser befestigte den Stern jedes Jahr an derselben Stelle. So hing stets ein einfacher aber charmanter Schmuck zur Festzeit am sonst eigentlich unbeleuchteten Haus. Daniel tappte durch den Flur und stieg die Treppen hinauf. Es war ruhig. Dem Anschein nach, weilte niemand sonst im Haus. Frau Sulser war vermutlich längst unterwegs zur Hauptprobe. Nicht mehr lange und auch er musste aufbrechen. Der Gang zum Münster beanspruchte normalerweise etwa fünfzehn Minuten. Somit verblieb genügend Spielraum, auch etwas Feststimmung in seine Stube zu zaubern. Schwärmerisch zog er die unterste Schublade des Einbauwandschranks im Schlafzimmer heraus und entdeckte dort einzelne, alte Weihnachtskugeln. Auch ein paar Glöckchen waren dabei. Er hatte sie schon lange nicht mehr hervorgeholt, wollte sie eigentlich längst entsorgt haben und dennoch hatte ihn stets etwas davon abgehalten. Jetzt verstand er es. Über Jahre lag dieser Schatz verborgen, bereit für diesen speziellen Moment. Vorahnung, vielleicht Schicksal? Gab es die Vorsehung? Daniel orientierte sich stets an Fakten und Zahlen. Verschwörungstheorien konnte er gewöhnlich nichts abgewinnen. Dieser Sachverhalt hingegen brachte ihn schon ins Grübeln. Er nahm ein Glöckchen und stiess es an. In seinen Ohren klang es seidenfein und hell. Daniel schloss die Augen, dabei stieg ihm unweigerlich der Duft eines frisch in die Stube gebrachten Weihnachtsbaums in die Nase. Der Realist in ihm meuterte. Daniel riss die Augen wieder auf. Natürlich war alles wieder wie es sein musste. Aber Daniel wusste insgeheim, es gab diese eine Dimension.

Aus Mangel eines echten Weihnachtsbaums, hängte Daniel kurzerhand den Weihnachtsschmuck an die Ständerlampe in der Stube, was eigentlich ziemlich abgefahren aussah. Es machte aber Spass, zudem erwartete er keine Gäste. Flex blinzelte ihm entspannt aus seinem sicheren Korb heraus zu und beobachtete verzeihend die stilistische Entgleisung seines Menschen. Nach einer Weile streckte er sich ausgiebig, um sich andersrum wieder hinzufläzen. Offenkundig erwartete er keine Gefahr von dem absurden Kunstwerk. Immerhin bezeugte ein gemütliches Schnurren seine Wertschätzung. Daniel schmunzelte. Ein Blick auf die Uhr verriet wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Hurtig räumte er auf, denn er hatte beschlossen, sich rechtzeitig auf den Weg zu machen, damit konnte er gemütlich schlendern und gleichzeitig die Stimmung geniessen. Nach den einschneidenden Ereignissen fühlte er sich wie ein trockener Schwamm, bereit alles aufzusaugen, was seine Freiheit ihm nun bot. Dieses Jahr war Weihnachten definitiv ganz anders - besser.

Zuerst bekam Flex eine ausgiebige Streicheleinheit. Dieser hob den Kopf, blinzelte zufrieden und erhöhte umgehend die Lautstärke seines Schnurrens. Lächelnd erhob sich Daniel und ging zum Eingang, wo er in die neben den Turnschuhen stehenden hohen Schnürschuhe stieg. In weiser Voraussicht packte er sich tief in die obligate Outdoorjacke ein. Wohlgemerkt, die einzige Jacke in seinem Besitz. Allerdings konnte das Innenfutter dieser Multifunktionsjacke herausgetrennt, in wärmerer Jahreszeit, unabhängig als Faserpelz getragen werden.

Im Treppenhaus herrschte bereits fortgeschrittene Dämmerung, so dass Daniel das Licht einschaltete. In zügigen Schritten erreichte er unbehelligt die Eingangspforte, die er hinter sich bewusst ins Schloss zog. Ein hektischer Griff in die Hosentasche verriet, er hatte den Hausschlüssel nicht vergessen. Lena passierte das ziemlich oft. Meist klingelte sie dann Frau Sulser an, ganz selten auch mal ihn. Auffallend war, bei der dann wohl notwendigen Entschuldigung, sah sie ihm niemals in die Augen, sondern verschwand schnellstens hinter der dementsprechend unverschlossenen Wohnungstür. Offenbar plagte sie, trotz zur Schau gestellter Abneigung, eine gewisse Verlegenheit. Während Daniel gedankenversunken durch die Gassen und Lauben flanierte, kam ihm plötzlich in den Sinn, er hatte für die kommenden Festtage gar keine Lebensmittel eingekauft und nach der Feier waren die Geschäfte vermutlich geschlossen. Sensibilisiert blieb er stehen, reflektierte. Was hatte er eigentlich im Kühlschrank liegen? Er musste scharf nachdenken und eingestehen, seit seiner Abwesenheit hatte er nicht wirklich in den Kühlschrank geschaut. Doch eine tiefgefrorene Lasagne sollte eigentlich noch da sein. Etwas Reibkäse fand sich bestimmt noch irgendwo. Natürlich ein Glas guter Wein. Ja, damit war zumindest Heiligabend gerettet, ohne sich hektisch noch in Einkäufe stürzen zu müssen. Im Verlauf des späteren Abends bestand zudem die Option, sich in den Gamer-Sessel zu schmiegen und gestärkt bis weit in die Nacht hinein zu Zocken. Während Daniel sich diese Dinge sorgfältig zurechtlegte, erreichte er den belebten Weihnachtsmarkt vor dem Münster. Er war mit viel Liebe geschmückt worden und erstrahlte nun in voller Pracht. Zwar waren die Verkaufsbuden im Begriff zu schliessen, doch am Glühweinstand an der Peripherie herrschte Hochbetrieb. Der warme Duft von köstlichem Feingebäck zog die Besucher magisch an. Gleich daneben erhob sich die ganze Herrlichkeit eines riesigen Weihnachtsbaums, umringt von einer lieblichen Darstellung der Heiligen Nacht. Auch Daniel gönnte sich einen Becher Glühwein mitsamt Weihnachtsgebäck und stellte sich zufrieden in die Reihe vor dem Eingang ins Münster. So vergingen gut zehn Minuten, bis er das Portal schlussendlich erreichte, wo der Sigrist jedem eine kleine Kerze mit den Notenblättern zum Mitsingen aushändigte. Als die Reihe an ihm war, erkundigte sich der Sigrist mit der ihm eigenen, warmen Stimme, ob Flex inzwischen wieder zu ihm gefunden habe. Daniel nickte eifrig: „Er ist gesund und munter plötzlich vor meiner Wohnungstür aufgetaucht.“

„So solle es sein“, bekräftigte der Sigrist lächelnd und drückte ihm die Gesangsnoten mitsamt einer weissen Kerze in die Hand.

Schon ging es weiter durch das Portal ins Innere des Vorschiffs. Daniel hegte keine Absicht mitzusingen. Er wollte möglichst nicht erkannt werden und setzte sich wie geplant in der Nähe der linken Arkade, ganz aussen in eine eigentlich unattraktive Bankreihe, wobei er das gefaltete Notenblatt abermals gefaltet unter sein Gesäss schob. Die nackte Kirchenbank knackte unter der ungewöhnlichen Last, dicht aneinander gedrängt sitzender Menschen. Fliessend begannen sechs der sieben mächtigen Glocken im Sandsteinturm zu Läuten. Es fehlte nur die Armsünderglocke. Warum eigentlich? Zum grössten Fest aller Christen gehörten doch ebenso alle Sünder oder etwa nicht? Daniel schmunzelte ob den für ihn ungewöhnlichen Gedanken. Mit zunehmender Intensität des Geläuts begann die Luft im Münster förmlich zu vibrieren. Daniel erinnerte sich, oben in der Wohnung des Turmwarts war jetzt, auf Grund der zum Teil synchronen Bewegung der tonnenschweren Glocken, ein deutliches hin und her Wanken zu verzeichnen.

Das Mittelschiff füllte sich schnell. Einige standen bereits zwischen Säulen oder setzten sich, wo möglich, auf Stufen und Treppen. Die Akustik hatte sich, im Gegensatz zu den Chorproben, massiv verändert. Das verdeutlichte sich, als die Orgel hinter ihm auf der Empore mit ihrem bombastischen Vorspiel die Weihnachtsfeier eröffnete. Gleichsam wurde auch das Licht gedimmt. Die Aufführung begann mit dem Einzug der Chorkinder, die aus verschiedenen Bereichen des Münsters kommend, in biblischen Gewändern, zu kleinen Gruppen, singend durch das Schiff schreitend nach vorne hin zur Bühne zogen. Dort empfing sie das anmutige Spiel eines kleinen Kammerorchesters. So der Aufbau der altbekannten Geschichte nach Lukas. Der Erzähler verkündete zum Auftakt die Worte: „Schließlich kam die Zeit, dass Maria ihr Kind zur Welt bringen sollte...“

Sodann nahm die Geschichte ihren Lauf und begeisterte durch die wechselweise auf der Bühne beim Altar und an ausgesuchten Spielorten im Kirchenschiff, verteilten Handlungsorte. Insofern spielten die Stationen der Weihnachtsgeschichte themenorientiert, in direkter Nähe zum Publikum. Am Ende der mitreissend gestalteten Geschichte erstrahlte ein Weihnachtsbaum hinter dem Chor. Daraufhin übernahmen die jeweils aussen in der Bankreihe sitzenden Zuschauer die Flamme eines mit einer Kerze herumgehenden Engels auf ihre Kerze und reichten ihre Flamme wiederum in ihrer Bankreihe weiter. Jeder entfachte mit seiner Flamme die Kerze des nebenan sitzenden, bis schliesslich alle eine brennende Kerze in Händen hielten. Dazu wurde der Kanon „Mache dich auf und werde Licht“ angestimmt. So verinnerlichte sich die Festlichkeit in jedem einzelnen. Sogar Daniel liess sich mitreissen die Melodie wenigstens zu summen. Der Ausklang übernahm wiederum die Orgel. Sie spielte leise, während sich die Bankreihen langsam leerten. Als Daniel schliesslich aufstand, tippte ihn die Dame hinter ihm unerwartet an.

„Sie haben da was verloren“, sagte sie und hielt ihm das zerknitterte Notenblatt hin, auf dem er die ganze Zeit gesessen hatte.

Daniel schaute zurück, nickte anerkennend und steckte das Papier in die Tasche. Draussen war es, bis auf die festliche Beleuchtung, dunkel. Der Glühweinstand neben dem prächtigen Weihnachtsbaum hatte inzwischen den Laden dicht gemacht und der Markt sich entvölkert. Es schneite nicht mehr, dafür schnitt ihm ein eisiger Wind ins Gesicht, sobald er die schützenden Mauern des Sandsteinbaus verlassen hatte. Durch die eifrige Schneeräumung lugte nun hier und dort ein grauer Pflasterstein aus dem festgetretenen Schnee hervor. Übermütige Kinder, auch von der Messe kommend, bewarfen sich mit Schneebällen. Erst nach geraumer Zeit verloren sich die verschiedenen Gruppen fröhlich lachend und plaudernd in Lauben und Gassen, als das Münster seinerseits die Tore schloss. Daniel begab sich soeben auf den Heimweg, als auf einmal sein neues Handy, tief vergraben in der Tasche, nervös vibrierte. Neugierig klaubte er es hervor und betrachtete argwöhnisch das Display. Wer rief ihn heute, um diese Zeit noch an?

Es war Chris Thaler! Was zum Donnerwetter wollte der denn jetzt? Daniel widerstrebte der Gedanke, die schöne Stimmung durch das Geplänkel mit einem eigentlich belanglosen Arbeitskollegen zu trüben. Es fehlte dazu einfach ein triftiger Grund. Überdies war er noch krankgeschrieben, also lehnte er den Anruf kurzerhand ab und drückte das Handy zermürbt zurück in die Tasche. Dadurch stiess er abermals auf das Notenblatt. Etwas unsanft zerrte er es heraus und beschloss, das Papier ungesehen in den nächsten Abfalleimer zu stopfen. Als es dann so weit war, warf er mit einem gewissen Automatismus gleichwohl einen flüchtigen Blick darauf und entdeckte, in den ersten Papierbogen eingelegt, ein in Schülerschrift verfassten Text, der definitiv nicht zu den Noten passte. Blitzartig erwachte sein Interesse. Flink zog er den zerknitterten Zettel über seinem Oberschenkel glatt, danach las er ziemlich überrascht die Worte: „Es tut mir leid, dass sie ins Gefängnis mussten. Ich hatte solche Angst. Dann habe ich gemerkt, sie sind doch mein Freund. Bleiben sie nicht allein an Weihnachten. Kommen sie zu uns. Es ist in Ordnung...“

Das Handy vibrierte abermals in Daniels Tasche. Bewegt zog er das Gerät hervor und meldete sich unbedacht.

„Ja…“

„Wer?“ Daniel las vom Display.

„Lena?!“, stammelte er ungläubig, „ich dachte, es sei Chris?“

Er blieb stehen, konzentrierte sich aufs Hören.

„Ja, habe ich gefunden“, dann sah er auf das Papier in seiner Hand: „Echt jetzt?“

Nach einem hastigen Blick auf seine Armbanduhr ging er zielstrebig weiter.

„Natürlich freue ich mich...“

Er stolperte über die Bordsteinkante zum Gehsteig, dabei entglitt ihm sein Mobiltelefon und flog im Bogen in den nächsten Schneehaufen. Panisch kniete er sich nieder und begann fieberhaft im harschen Schnee nach dem faktisch neuen Mobiltelefon zu graben. Zu seinem Glück leuchtete die Anzeige. Aber als er das Gerät endlich wieder in Händen hielt, war die Verbindung abgebrochen und die Bildschirmtastatur reagierte dusselig. Daniel atmete tief durch, schaute zum Himmel und schüttelte verständnisvoll den Kopf.

„Na, dann - fröhliche Weihnachten.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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