Adrian Braissant

Jenseits

Kennen Sie das berauschende Gefühl nachts, unter hellem Mondschein, mit atemberaubender Geschwindigkeit auf den Latten eines klapprigen Schlittens kauernd, beherrscht von den spiegelglatten Zügen einer ehemaligen Bobbahn, talwärts zu stieben? Falls nicht, begeistert Sie bereits der bloße Gedanke an solch ein Abenteuer? Natürlich ist so was nicht erlaubt, weil die Bahn zu später Stunde geschlossen ist. Darin liegt doch auch ein gewisser Reiz. Wenn Sie jetzt sagen, das sei selbstmörderisch oder verantwortungslose Spinnerei, bin ich nicht erstaunt. Deshalb lassen Sie mich zu Rolf Kammermanns Entlastung bitte hier noch anfügen, daß er, vor vielen Jahren einmal, auf dieser inzwischen entschärften und zur Rodelbahn umgebauten Bobbahn selber einen Bob pilotiert hatte. Darum konnte sich sein elf Jahre alter Sohn Lukas zu dieser Zeit wohl nichts aufregenderes vorstellen, als in einer mondhellen Nacht, abseits vom täglichen Touristenrummel, mit seinem Vater ‚seine‘ Strecke zu fahren. Zwar mußten sie vorab mit ihren Schlitten den langen, steilen Pfad empor laufen, der sich vom Dorf bis hinauf zur Bergstation wand. Doch das war allemal die Mühe wert. Denn was einem nachher geboten wurde, war mit keiner Achterbahn zu vergleichen.

Lukas hatte sich für diese Abfahrt fest vorgenommen, alles daran zu setzen, schneller und besser zu sein als jemals zuvor. Dafür hatte er die Kufen seines Schlittens den ganzen Nachmittag lang speziell behandelt. Zudem vergaß er nicht die Stoppuhr mitzunehmen. Damit konnte er hinterher zweifelsfrei belegen, daß er es tatsächlich geschafft hatte. Insgeheim arbeitete er natürlich fieberhaft daran, die Bestzeit seines Vaters zu erreichen, doch selbst Lukas wußte, daß das ziemlich unmöglich war. Aber eben, ziemlich hieß für ihn nicht ganz. Da blieb immer noch ein klitzekleiner Spielraum. Auf solche ‚Unmöglichkeiten‘ hatte er sich spezialisiert. Alles, was irgendwie den Anschein machte, dieses Prädikat zu besitzen, stimulierte ihn mehr, als alles andere, wenn auch noch so schwierig zu schaffende, das nach allgemeiner Auffassung halt eben erreichbar war. Mutter nannte dieses Verhalten Verbohrtheit. Verbohrt war für gewöhnlich nur einer, nämlich Großvater, ihr Vater. Lukas mochte seine Ideen, sie waren ausgefallen und versprachen allemal Spaß oder Abenteuer. Da Großvater nur Töchter hatte, schien er es offensichtlich zu genießen, mit seinem Großsohn etwas zu unternehmen. Mutter hingegen schimpfte oft mit Großvater, weil er ihn zu allerlei Dummheiten anstifte. Ihre Lebensaufgabe bestand anscheinend darin, mit allen Mitteln zu verhindern, daß er so wurde wie Großvater. Vater war ihr dabei keine große Hilfe. All zu oft verteidigte gerade er Großvaters Vorhaben, wenn sie ihn rügte. Das nannte Mutter dann einen Komplott.

Eilig wechselte Lukas die Zugleine des Schlittens in die linke Hand. Vor Anstrengung schwitzte er wie ein Rennpferd. Am liebsten hätte er einiges ausgezogen, besonders das, was ihm überflüssig erschien. Mit dem Fahrradhelm auf dem Kopf und den Knie- und Ellbogenschonern, kam er sich geradezu lächerlich vor. Nur gut, daß keine Schulkameraden ihn in diesem Aufzug sehen konnten. Selbst sollte er die Bestzeit erreichen, würde diese Aufmachung vermutlich alles verderben. Er sah regelrecht albern darin aus, als würde er mit dicken Windeln herumlaufen, während Vater ganz cool ohne diese Mittel auskam. Das war schon hart zu schlucken, schien aber trotzdem notwendig, um Mutter zu beruhigen. Ihr wurde nämlich bereits beim bloßen Gedanken an die Rodelbahn schlecht. Sie hatte damals Vaters Fahrt am Fernseher mit verfolgt und gesehen, wie schnell die Bahn war. Da konnten ihr alle Leute vergeblich beteuern, der Umbau der Bahn habe sie gefahrlos gemacht.

„Falls das so ist“, so stets ihre Worte, „würdet ihr zwei euch wohl kaum derart für sie interessieren...“

Das war ein Argument, dem nur schwer zu begegnen war. Lukas wenigstens wußte keine Antwort darauf, weil Mutter selbstverständlich den Kern der Sache genau traf. Er war überzeugt, sie hätte ihm die Fahrt sofort verboten. Nur Vater kannte die stichhaltige Rechtfertigung, mit der er Mutter jedesmal geschickt ausmanövrierte.

Völlig außer Atem erreichte Lukas, dicht gefolgt von seinem Vater, den Einstieg in die Rinne der Rodelbahn. Diese ersten Kurven waren noch genau so wie zu Vaters Zeiten. Man mußte höllisch aufpassen, hier die richtige Technik anzuwenden, um die Geschwindigkeit aufzubauen, sonst schaffte man den kleinen Hügel vor der Brücke nicht. Lukas wartete gespannt auf Vaters Startsignal, rannte den Schlitten vor sich her schiebend los, schwang sich auf und steuerte in ziemlich idealem Kurs die erste Steilwandkurve an. Weit hinter sich hörte er Vaters Anweisungen, die er natürlich längst kannte. Lukas wußte, daß Vater ihm im Abstand von drei Minute folgte. Einerseits trieb ihn das unheimlich an, anderseits verlieh ihm dieser Umstand ein Gefühl der absoluten Sicherheit. Ihm konnte daher nie etwas zustoßen. Keiner vermochte ihm das Kleinste anzuhaben, denn Vater war dicht hinter ihm.

Der Schlitten nahm zuerst unmerklich schleichend, dann, nach dem Überwinden des Hügels, zusehends rasanter Fahrt auf. Links und rechts stoben kurze, Schneewolken von Lukas Schuhen. Die Bahn war unter der dünnen Pulverschicht total vereist. Tagsüber schmolz die bereits kräftige Frühlingssonne die Eisschicht leicht an, die beim Eindunkeln erneut steinhart gefror. Der bei der Abkühlung aufkommende Wind blies die fragilen Eispartikel des abendlichen Reifen von den Tannenästen und verteilte diese fein verwirbelnd über dem tückischen Eis. Solche Eispartikel stoben jetzt Lukas ins Gesicht und röteten seine unterkühlten Wangen. Nur gut, daß er die Skibrille auf hatte. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Kleine Unebenheiten konnten jetzt bei diesem Tempo verheerende Auswirkungen haben.

Soeben schoß Lukas aus der gefürchteten Hundertzwanziggrad-Kurve und glitt die kurze Gerade an den ehemaligen Tribünenbauten vorbei, um dann schräg rechts abfallend wieder in den Wald einzutauchen. Die halbe Strecke lag nun, wahrscheinlich in Bestzeit, hinter ihm. Wenigstens sagte ihm das sein Gefühl, denn auf die Uhr schauen, konnte er natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht. Wie von einer fremden Kraft gelenkt, lief ihm das Rennen heute so gut wie niemals zuvor. Mochte sein, vielleicht etwas zu gut. Ehe er sich darüber Gedanken machen konnte, raste er am Ende der voll ausgefahrenen Steilwandkurve plötzlich auf ein Stück der Beplankung zu, die abgebrochen seitlich in den Auslauf ragte. In jähem Schreck riß Lukas seinen Schlitten herum. Das verfluchte Ding reagierte allerdings viel zu träg. Im nächsten Augenblick bohrte sich ein stechender Schmerz in sein linkes Schienbein. Pfeilschnell schoß der Junge aus der Bahn, wirbelte durch die Luft, dann zertrümmerte etwas seinen Verstand.

Bunte große und kleine Leuchtpunkte, dicht aneinander gedrängt in mehreren farblich orientierten Trauben, schwirrten emsig hin und her, so daß sich die Farben fließend vermischten, um schlußendlich transparent zu werden. Lukas fühlte Ameisenlaufen in den Beinen. Sein Körper bebte, er glaubte noch immer weiter zu fliegen, obwohl er spürte, daß er längst auf festem Boden lag. Einige Zeit verstrich, bis sich aus dem Dunst nicht endender Zyklen ein klare Gedanke kristallisierte, die Vorstellung wie Vater ohne Warnung, ungebremst auf die Planke zu raste.

„Nein!“ schrie Lukas und zerriß den Teig in seinem Kopf.

Im Reflex stemmte er sich hoch, fiel aber sogleich zurück. Das linke Schienbein schmerzte teuflisch. Die Planke hatte erst sein Knie getroffen und in der Folge am Schienbein eingehängt, ihn damit aus der Bahn geworfen. So ließ es die zerrissene Hose jedenfalls vermuten. Insofern hatte der verhaßte Knieschoner also vollen Schutz geboten.

Ganz sachte diesmal versuchte Lukas das Bein zu belasten. Unerwartet dumpf verhallte der Schmerz nach jeder Probe. Vorbeugend wollte er die Prellung mit ein wenig Schnee kühlen, bevor er sich steif und umständlich erhob. Vorerst zögernd, später zusehends stürmischer, stapfte er auf den Eingang der tückischen Kurve zu, erkletterte die kleine Böschung und begann so laut er es vermochte zu rufen.

Im nächsten Moment bretterte Vater mit dem selben Tempo heran wie er zuvor. Heftig winkend und rufend wagte sich Lukas ständig weiter vor, verlor letztlich den Halt und rutschte hinab in die Fahrrinne und landete geradewegs vor Vaters heranschießenden Schlitten. Rolf Kammermann reagierte blitzschnell. Sein Ausweichmanöver indes führte ihn dermaßen dicht an die herausragende Planke heran, daß sie ihn mit voller Wucht mitten in die Stirn traf.

Fassungslos sah Lukas wie der Körper seines Vaters unter dem gewaltigen Stoß zurückprallte wie ein Tennisball. Seine Beine hatten sich im Holzgestell des Schlittens eingehakt, er lag nun rücklings auf dem Lattenrost. Nach kurzem, heftigem Schlingern beschleunigte der Schlitten langsam und entschwand in der nächsten Biegung aus Lukas Augen. Wie angewurzelt verharrte der Junge, vor Schreck gelähmt und unfähig zu handeln. Unentwegt starrte er in die Richtung, in die der Schlitten verschwand.

Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, als er seine Ohnmacht endlich überwand und allmählich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Sein Herz pochte, ihm lief es heiß und kalt über den Rücken. Hatte die Planke etwa Vaters Kopf zerschlagen? Seine Gedanken zeigten ihm ein grausiges Bild. Lukas wurde schlecht, er mußte tief durchatmen, um sich nicht übergeben zu müssen.

„Neiiinn!“ schrie er aus voller Kehle, mit sich überschlagender Stimme, die morbiden Gedanken an, schlug die Hände vors Gesicht und sank auf die Knie. Doch das Bild des gräßlichen Unfalls glimmte ewig weiter, tief eingebrannt in seinem Kopf. „Vater – Vater!“ wimmerte er, während unaufhörlich das trockene Knacken in seinen Ohren krachte, das er vernahm, als Vater gegen diese Planke raste.

Wo war nun dieser Schutzengel, zu dem ihn Mutter immer beten ließ? Verzweifelt weinend, hinkte Lukas zu seinem Schlitten. Nein, nicht der Schutzengel hatte versagt - er war es, der ganz jämmerlich versagt hatte. So war das doch. Er hatte gepatzt wie ein kleines Kind, dabei hatte der Schutzengel ihm alle Zeit der Welt gegeben, Vater rechtzeitig vorzuwarnen. Der Schutzengel konnte ja nicht ahnen, wie unfähig er war, daß er die Chance nicht packte, die er ihm gab. Lukas schnupfte, nahm die Leine seines Schlittens auf, stellte ihn wieder auf die Kufe, humpelte mit ihm zurück auf die Bahn. Er hatte große Angst. Was war, wenn Vater wirklich tot war? Das hatte er doch nicht gewollt. Er rieb sich die Augen. Wenn Vater nicht mehr lebte, dann wollte er es auch nicht mehr.

Im Weiß des Schnees fielen Lukas einige Blutstropfen auf, die sich bei näherem Hinsehen zu einer deutlichen Spur aneinanderreihten. So sehr er sich dazu auch einzureden versuchte, dieses Blut könne ebensogut von einem Tier stammen, so wußte er doch tief in seinem Inneren, wie unmöglich solche Zufälle waren. Das Blut war frisch.

Vielleicht hatte Vater nur Nasenbluten? Ja, das konnte es sein. Genau so sah es nämlich auch bei ihm aus, wenn seine Nase blutete, und das tat sie ziemlich oft, er wußte also, wovon er redete. Dies war Vaters Bahn, Vater kannte sie auswendig. Ihm konnte auf seiner Bahn einfach nichts passiert sein, das war gänzlich unmöglich.

Nach wenigen Schritten glitt Lukas aus, fiel torkelnd auf das harte Eis. Sein Empfinden war wie eingefroren. Kein Schmerz drang bis in sein Bewußtsein vor. Er ließ es geschehen, wehrte sich nicht. Seinem Schlitten folgend, glitt er durch die spiegelglatte Rinne in die kalte Nacht hinein.

Ganz zerschunden spie ihn die Bobbahn unten aus. Nach einigen Überschlägen auf dem Auslauf, kam Lukas wieder zu sich. Das Licht der Straßenlaternen funkelte durch die Bäume in sein Gesicht. Lukas nieste heftig und steckte die verfrorenen Hände in den Mund. Seine Handschuhe hatte er an irgendeiner Stelle verloren. Zu allem Elend erwachten langsam die Schmerzen, der ganze Körper tat ihm weh. Mühsam rappelte er sich hoch, schüttelte den Schnee von sich ab, ertastete die Leine seines Schlittens und stand auf. Durchnäßt und völlig durchfroren wankte er den Weg entlang, als ihm etwas verdeckt von einen Busch Vaters Schlitten auffiel. Weiter vorne, wo der Wald endete, fand er im grellen Schein der Natriumdampflampe auf dem Weg einige Tropfen Blut, zwar verwischt durch die Fußspuren etlicher Leute, aber dennoch sichtbar.

„Vater!“ Lukas Atem dampfte.

Womöglich hatte ihn bereits jemand gefunden und zum Arzt gebracht. Es gab einen Arzt im Dorf, das wußte er, der Vermieter ihres Chalets hatte mit Mutter darüber gesprochen, ihr die Telefonnummer gegeben. Lukas nahm Vaters Schlitten, befestigte die Leine an seinem und stolperte los. Auf der Hauptgasse herrschte trotz der zunehmenden Kälte reges Treiben. Leute streiften lachend von einem Restaurant zum anderen, einige blieben interessiert vor Schaufenstern stehen oder verschwanden ganz schnell wieder in einem warmen Hauseingang, nachdem sie mit ihrem Hund gassi waren. Lukas zerrte die Schlitten über die aperen Stellen, der Splitt knirschte markzerreißend unter den Kufen. Keinen kümmerte seine Hilfe suchenden Blicke, dafür waren alle viel zu beschäftigt.

Lukas kannte die Adresse des Arztes nicht, wußte lediglich, es mußte ein altes Eckhaus sein, in dem sich unten ein Früchteladen befand. Bis zur Erschöpfung suchte der Junge die Hauptgasse auf und ab, tappte in jede Seitengasse, ohne ein Haus auszumachen, das seiner Vorstellung entsprach. In seiner Verzweiflung sprach er mehrere Passanten an. Die wenigen, die ihn verstanden, kannten jedoch weder den Arzt, noch wußte sie etwas von seinem Vater oder hatten generell von einem Verletzten gehört.

Resigniert setzte Lukas sich abgekämpft auf seinen Schlitten. Nach Hause ins Ferienchalet konnte er unmöglich, was hätte er Mutter sagen sollen? Da war kein anderer Weg, er mußte zuerst herausfinden, wo Vater war, wie es ihm ging, ob er gesund war.

Vielleicht hatten sie ihn auch mit einer Ambulanz in ein Spital gebracht? Dann hätte er unbedingt das Martinshorn gehört. Und, wenn er tot war, dann brauchten sie das Martinshorn nicht einzuschalten. Lukas schluchzte, er würde alles darum geben, alles, was ihm lieb war, wenn nur Vater nicht gestorben war. Fröstelnd kauerte er sich zusammen, steckte die Hände unter die wattierte Jacke, da fühlte er etwas auf seiner Schulter. Aufgeschreckt fuhr er herum, seine Augen weiteten sich.

„Vater?!“

„Junge, wo zum Teufel bist du die ganze Zeit über gewesen?“

„Aber...“

„Deine Mutter wollte schon, daß ich die Polizei rufe, falls ich dich nirgends finde. Lukas, das waren jetzt ganze drei Stunden...“

„Aber du hattest doch...“

„Sag mal, wie siehst du denn aus?“ Rolf Kammermann zog das Taschentuch hervor und wischte seinem Jungen die Tränen aus dem Gesicht. „Hast du etwas abbekommen?“ Er kniete nieder, sah sich sein Bein genauer an. “Du, das sieht aber gar nicht gut aus. Tut‘s sehr weh?“

Lukas schüttelte den Kopf.

„Na ja. Die Hose kann man zwar flicken, aber wie erklären wir den Vorfall deiner Mutter?" Er steckte das Taschentuch zurück und reichte Lukas ein Hustenbonbon. „Wir werden uns bestimmt was einfallen lassen.“ Danach nahm er ihm den Sturzhelm ab, setzte sich auf den Schlitten und strich ihm sanft übers dunkle Haar. „Was ich dir jetzt sagen muß, wird nicht leicht für dich sein. Es tut mir auch sehr leid, denn ich weiß, was sie dir bedeutet hat. Es ist Miggi. Sie ist gestorben. Deine Mutter wollte ihr eine frische Karotte geben. Du weißt ja, wie gern sie Karotten mochte...“

„Miggi?!“ Lukas schlug das Herz bis in den Hals hinauf.

„Obgleich ich immer dagegen war, daß du ein Kaninchen hast, muß ich eingestehen, sie war ein liebes Tier und hat uns viel gegeben.“

„Das ist unmöglich. Miggi war doch noch überhaupt nicht alt...“

„Sie hat nicht gelitten. Komm, ich werde sie dir zeigen. Sie liegt im Heu und scheint nur zu schlafen.“ Rolf Kammermann nahm seinen Sohn bei der Hand. „Morgen werden wir Miggi an einem schönen Plätzchen im Wald begraben. Das wird ihr bestimmt gefallen und du kannst sie jedes Jahr besuchen, wenn wir hier im Urlaub sind.“

Gänzlich verwirrt tappte Lukas hinter seinem Vater her, musterte ihn so oft es ging. Er konnte die Dinge nicht begreifen. Weswegen war nichts, absolut nichts an Vater zu erkennen? Weshalb schien er keine Ahnung vom Unfall in der Kurve zu haben? So etwas war einfach ausgeschlossen. Dieser ungeheure Aufprall konnte kaum ohne Folgen geblieben sein. Oder hatte er sich die Geschichte etwa bloß eingebildet? Lukas preßte die Lippen zusammen und schüttelte energisch den Kopf. Nein, so weit war er noch lange nicht, daß er sich solche Sachen einfach einbildete. Der Unfall hatte stattgefunden, er wußte, daß es so war. Er hatte den gesamten Ablauf, bei vollem Verstand, mit seinen eigenen Augen ansehen müssen. Vater war definitiv gegen diese Planke geprallt!

Lukas Herz pochte wie ein Hammerwerk in seiner Brust, während er mit seinem Vater vor all den Schaufenstern vorüberzog. Was war, wenn Vater gar nicht Vater war? Er schauderte. Hatte er nicht eine Geschichte gelesen, in der ein Mann, der durch einen Autounfall ums Leben kam, plötzlich wieder auftauchte, weil er seiner Frau unbedingt vergeben mußte? War Vater etwa ein lebender Toter? Lukas schauderte. Waren lebende Tote nicht kalt und zerbrechlich oder gar Geister, die man nicht wirklich anfassen konnte? Stufenweise drückte er seine Hand jedesmal fester zu.

„Komm, setz dich auf den Schlitten. Dein Bein tut dir wohl doch mehr weh, als du zugibst.“

„Nein, nein. Es geht schon...“

„Keine Angst, ich werde deiner Mutter nichts sagen. Ehrenwort. Aber nun setz dich hin, ich kann das nicht mit ansehen, wie du dich abquälst.“

Und, wenn das hier gar nicht real passierte, er alles lediglich träumte? Dann konnte er freilich aufwachen und der Spuk hatte ein Ende.

Wohin konnte er aufwachen? Wie sah die wirkliche Wirklichkeit aus? War in Wirklichkeit Vater tot? Lukas überlegte. Aber nein, soviel er wußte, fühlte man in Träumen keine Schmerzen. Da war sein Schienbein, und das tat verdammt noch mal echt weh. Irgend eine vernünftige Erklärung mußte es aber gleichwohl dafür geben. Gedanken versunken fiel sein Blick in das Schaufenster einer Apotheke. Dort drehte sich ein kleines Mobile aus lauter leuchtenden Sternen. Was war, wenn diese Wirklichkeit seine zweite Chance war? Der Schutzengel - er hatte gesehen, daß er die erste Chance vertan hatte und nun gab er ihm diese zweite. Ja, genau, so mußte es sein. Wie dumm er doch manchmal war. Beinahe hätte er noch diese Möglichkeit verpatzt. Aber diesmal wollte er unbedingt alles richtig machen. Er konnte es sich nicht leisten, nochmals zu pfuschen.

Vater stapfte zur Eingangstür. Lukas brachte die beiden Schlitten in den Schuppen. Er hörte, wie er mit Mutter sprach. Als indes er die Stube betrat, stellte sie keine Fragen. Sie hieß ihn schnurstracks ins Bad, zog ihm die Hose aus und umwickelte sein Schienbein mit einem dicken Verband aus Essigsaurertonerde. Das war neu und äußerst seltsam. Für gewöhnlich wollte sie immer genau wissen, wie die Abfahrt gewesen war, ganz besonders, wenn es etwas zu Verbinden gab. Meist erzählte Lukas dann ihre Erlebnisse in ziemlich dramatisierter Form, ereiferte sich zuweilen derart, daß Vater abschwächen mußte. Mutter kommentierte dabei alle paar Sätze mit ihrem: „Gott sei Dank, euch ist nichts passiert“, was Lukas wiederum dazu veranlaßte, noch dicker aufzutragen. Doch an diesem Abend war Mutter die Ruhe selbst. Sie schimpfte nicht, machte auch keine Vorwürfe wegen der kaputten Hose. Sie behandelte ihn, als wäre sie diejenige, die eine zweite Chance bekommen hatte. Oder war es wegen Miggi?

Sie hatte Miggi bereits auf einen weichen Bausch Heu in eine Schuhschachtel gebettet. In den Deckel hatte sie einige Löcher geschnitten, damit, falls Miggi doch nur schliefe, sie auf jeden Fall genug Luft zum Atmen bekam. Lukas würgte es im Hals, als er sie so reglos daliegen sah. Jetzt, wo die Schachtel vor ihm war, mußte er es glauben.

Miggi war das liebste und beste Kaninchen gewesen, das es je geben konnte. Er hatte sie immer überall mitgenommen und sie an allem teilhaben lassen, was ihr hätte gefallen können. Daheim hatte er im Garten ein riesiges Gehege mit vielen Tunneln und Unterschlüpfen für sie gebaut, eben eine eigene Welt. Und nun lag sie mit eng an den Körper anliegenden Ohren auf ihrem Heu und atmete nicht mehr. Lukas streichelte ihr seidenweiches Fell, weinte und dachte an die vielen schönen Erlebnisse. Was mochte Miggi bloß gefehlt haben? Sie hatte immer alles gefressen, er konnte sich nicht erinnern, je ein Anzeichen von Krankheit an ihr bemerkt zu haben. Er streichelte ihren Kopf und über die Nase. Ihre Augen waren geschlossen, so als sei sie wirklich im Schlaf gestorben. Lukas grübelte. Hatte er in seiner Verzweiflung nicht gesagt, er würde sein Liebstes darum geben, wenn Vater nichts passiert war? Ein unbeschreibliches Gefühl aus Wut und Entsetzen wallte in ihn auf. War Miggi der Preis für die zweite Chance?

„Lukas, essen. Bitte wasch dir die Hände“, rief Mutter aus der Küche.

Der Junge setzte sich an den Tisch. Sein Hals war wie zugeschnürt, er konnte jetzt bestimmt nichts essen. War es so, hatte er Miggi für seine Fehler bezahlen lassen? Hatte er genau das getan?

„Du mußt doch etwas zu dir nehmen“, Mutter streckte ihm ein mit Honig bestrichenen Toast hin, den er sonst sehr mochte.

Lange knabberte Lukas daran herum, bis er ihn schließlich gegessen hatte. Miggi war die treuste Seele, die er jemals kannte. Ihr konnte er alle Sorgen anvertrauen. Sie war die einzige, die ihn niemals auslachte, was immer er ihr klagte. Er kam sich so schäbig vor.

Gleich nach dem Essen wollte er zu Bett gehen. Selbst dieser ungewöhnliche Umstand löste bei Mutter keine Frage aus. Miggi war gestorben, da hatten sie großes Nachsehen mit ihm. Mehr zum Schein putzte er sich die Zähne und schlüpfte ins Bett. Mutter wollte Miggi in den Keller bringen, doch Lukas bestand sehr energisch darauf, sie noch diese Nacht in seinem Zimmer zu behalten.

Kaum hatte er sich hingelegt, begann irgend etwas ihm den Verstand abzusaugen. Ein grauenhaftes Gefühl, aus dem es kein Entrinnen gab. Die Welt um ihn herum verzerrte sich in schräge Dimensionen. Die Wirklichkeit verkam zu grotesken Bildern, die sich wie auf eine Gummihaut gemalt verengten und schließlich zerplatzen. Er stürzte ewig tiefer in endlose Leere. Mit einem Schlag tauchte er in ein Meer aus Schmerzen. Die Wucht, mit der sein Körper ihm diese Qual entgegen schmetterte, erdrückte beinahe seinen Verstand. Aus weiter Ferne näherkommend, vernahm er ein hektisches Stimmengewirr. Jemand zerrte seine Augenlider auf und blendete ihn mit einer Lampe. Lukas versuchte zu schreien, doch etwas steckte in seinem Hals. Angst loderte in ihm auf, er konnte nicht frei atmen und wollte sich befreien. Schmerzen, nichts als Schmerzen, und sie wurden zunehmend stärker, je mehr er sich dagegen wehrte. Seine Beine, er konnte sie nicht bewegen und an den Armen zogen bleischwere Gewichte. Dann riß er die Augen auf. Durch den sich lichtenden Schleier zeichnete sich ein furchteinflößendes Bild. Verhüllte Gesichter in grünen Roben beugten sich über ihn, machten an ihm herum. Er versuchte sich ihnen zu entziehen, wand sich wie ein Wurm. In letzter Verzweiflung führte ihn ein Gedanke zu Mutters Worten, sich zu kneifen, wenn er aus dem Teufelskreis erwachen wolle. Nur dieser heimtückische Traum hatte vorgesorgt, er konnte sich nicht kneifen, weil er sich nicht bewegen konnte. In hilfloser Panik biß er so fest er nur konnte auf das, was in seinem Rachen steckte. Und endlich verspürte er einen erlösenden Schmerz, der ihn weit zurück in die Dunkelheit entfliehen ließ.

Nach der ungeheuren Last der Schmerzen, begann sich nun sein Bewußtsein sanft und leise aufzulösen. Sein Körper wurde getragen und schwebte wie eine Feder. Er strebte einer riesigen Kuppel entgegen, die erfüllt war von warmem Licht. Sie verlangte nach ihm, genau wie er nach ihr. Von ihr sprühte eine Fülle überwältigender Gefühle, weit mehr, als er überhaupt erfassen konnte. Es war das Schönste und Einzigartigste, was er jemals empfinden durfte. Hier gab es keine Grenzen die trennten zwischen Traum und Wirklichkeit, hier verschmierten die Dimensionen, denn bald war er in der Unendlichkeit. Mit geschlossenen Augen ergab sich Lukas den sphärischen Klangen, die ihn tief erfüllten, als ein gewaltiger Sog ihn schlagartig erfaßte und in einem Wirbel nach unten zog.

„Lukas, kannst du mich hören?“ rief eine sonore Stimme.

„Wir haben ihn!“ frohlockte eine Frau.

Lukas schrie.

 

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