Adrian Braissant

Die Prüfung

Ziemlich exakt vor acht Wochen war Michael Hartmann zehn Jahre alt geworden. Jetzt saß er gedankenversunken auf seinem Stuhl, steckte einen vollen Löffel Müsli in den Mund und drehte ihn langsam herum. Kuno wusste, dass er seinen Sohn nun ermahnen sollte, nicht mit dem Essen herumzualbern, doch er ließ es bleiben und tat so, als sehe er es nicht, indem er sich in die Tageszeitung vertiefte. Lina beobachtet ihren Sohn aufmerksam und fühlte seine Unrast. Doch auch sie kämpfte gegen eine enorme innere Unruhe. Warum bloß musste Kuno gerade heute damit anfangen, die Tageszeitung am Frühstückstisch zu studieren?

Kuno hatte wohl ihre Gedanken empfangen, er blickte über den Rand des Blatts und sah dann zu Michael hin. Dieser starrte mit dem umgedrehten Löffel im Mund zum Fenster hinaus und schien sein sonst so heißgeliebtes Müsli nicht zu mögen. Michaels Armbanduhr begann die Melodie zu spielen, die ihn an einem gewöhnlichen Tag dazu ermahnte, sich schleunigst auf den Schulweg zu machen. Bestürzt sah er auf, gleichzeitig erkannte er, dass er ja beobachtet wurde. Verlegen sah er auf seinen Teller dabei nutzte er die Zeit beim Kauen zum Überlegen.

„Mami - könntest du nicht einfach bei denen anrufen und sagen, ich sei krank?“

Lina Hartmann stellte ihre Kaffeetasse in den Teller, seufzte. „Das würde ich nur zu gern tun, mein Schatz. Nur, du müsstest trotzdem hin gehen. Die würden mir das nicht einfach so glauben...“

„Warum nicht? Erwachsene glauben doch immer, was Erwachsene sagen...“

„Ach weißt du, Michael, du bist bestimmt nicht der einzige an dieser Prüfung...“

„Aber Papa, niemand aus meiner Klasse muß sie machen.“ Der Junge blickte hilfesuchend von einem zum andern und hauchte: „Bin ich anders?“

„Wie kommst du auf so was?“ fragte Kuno empört.

Michael senkte den Kopf. „Ist doch so, auch wenn ihr es mir nicht sagt.“

Lina hob die Hand und strich ihrem Sohn sanft durchs dunkelblonde Haar.

„Mami, warum bin ich anders?“

„Das ist ja nicht zum Aushalten“, stieß Kuno gereizt hervor, stand vom Frühstückstisch auf und warf seine Serviette über die Stuhllehne. „Du bist ein ganz normaler, gesunder Junge. Du gehst wie alle anderen Kinder zur Schule und hast, so glaube ich wenigstens, ziemlich normale Eltern. Es gibt also nichts, absolut nichts, worüber du dir Sorgen zu machen brauchst. Weiß der Herr, wer dir das immer einredet Unterschiede zu sehen, wo gar keine sind...“

„Aber ich muss doch diese Prüfung machen...“

„Weißt du, Michi“, sagte Lina sanft, „es gibt doch Kinder, die müssen ihrer schlechten Zähne wegen zum Zahnarzt, während es auch andere gibt, die das nicht brauchen. Was glaubst du, unterscheidet denn die einen von den anderen?“

„Das Zähneputzen?“

„Zum Beispiel,“ Lina lächelte. „Aber da gibt es auch welche, die putzen ihre Zähne immer ganz gründlich und haben gleichwohl ab und zu Zahnweh...“

„Du meinst wie ich?“

„Und Tim und Fabian und vielleicht noch mehr deiner Kameraden.“ Lina schloss Michaels Hände in die Ihren. „So und jetzt sage mir, Michi, sind die anderen deswegen irgendwie anders als ihr?“

Michael dachte sorgfältig nach und sagte dann entschlossen: „Doch - schon...“

„Worin?“ hakte Kuno hastig ein.

„Sie mögen keine Zuckerwatte...“

Lina lachte ihr fröhliches, unbeschwertes Lachen und Kuno schüttelte erleichtert den Kopf.

„Mami,“ Michael unterbrach und schaute verschüchtert von einem zum anderen.

„Ja, mein Sonnenschein?“

„Ich habe aber trotzdem Angst...“

„Oh, das brauchst du aber nicht. Schließlich hast du dich ordentlich vorbereitet...“

„Weißt du Michael, Angst darfst du haben. Sie hält deinen Übermut in Zaum.“ Kuno rückte etwas grob den Stuhl vor ihm zurecht. „Deine Mutter hat wie immer recht. Wir haben so viel zusammen geübt, eigentlich dürftest du deshalb tatsächlich übermütig sein. Es kann einfach nur gut gehen. Und nun komm, mein Sohn, die Zeit verrinnt. Du willst doch bestimmt nicht, dass die Experten gleich zu Anfang einen schlechten Eindruck von dir haben nur, weil wir spät sind.“ Er zwinkerte mit einem Auge und zerzauste ihm mit einer Handbewegung das glatte Haar. „Hattest du nicht auch große Angst, wie du das erste Mal zum Zahnarzt musstest? Dabei war’s doch nur zu einer Kontrolle gewesen.“

Michael zuckte die Schultern und nickte zaghaft.

„Siehst du, genau so verhält es sich auch heute. Es geht bloß um eine Kontrolle, für die du bestens gewappnet bist. Bereits am Nachmittag wirst du wieder lachen, weil wir alle zusammen deinen Erfolg feiern gehen...“

„Ist wahr, Papa, hast du heute frei?“

Kuno blinzelte verstohlen.

„Papa und ich werden dir ganz fest die Daumen drücken und zu Hause auf dich warten...“

Michael versuchte ein Lächeln.

Unter der Tür drückte Lina ihren Michael noch einmal fest an sich, rückte den Kragen seines karierten Hemds zurecht und fuhr den Reißverschluss des blauen Anoraks hoch, obgleich es draußen schon fast sommerlich warm war. Sie hob die Hand und Michael winkte zurück, als sie durchs Gartentor die Straße erreichten.

Jeder in seine Gedanken vertieft gingen die beiden neben einander her zur U-Bahnstation. Kuno hatte letzte Nacht nur wenig geschlafen, weil er sich mit Lina gestritten hatte. Gott allein wusste, wie ungern er sich mit ihr stritt. Er liebte sie so sehr, dass er jederzeit bereit war, alle möglichen Sünden auf sich zu nehmen. Doch hier ging es um Michael.

„Hat es diese Prüfung wirklich noch nicht gegeben, als du so alt warst wie ich?“

„Nun, damals gab es viele Prüfungen, um zum Beispiel in eine höhere Schule zu gelangen. Du hingegen mußt nur diesen einen Test bestehen und hast die Zukunft vor dir. Ist doch viel einfacher, anstatt sich immer von neuem zu sorgen, ob man es auch diesmal wieder packt.“

„Das ist wirklich die einzige Prüfung für mein ganzes Leben?“

„Die einzige dieser Art auf jeden Fall. Heutzutage will der Staat eben wissen, wie intelligent seine zukünftigen Bürger sind. Es liegt doch im allgemeinen Interesse, daß es zum Beispiel keine Leute mehr gibt, die weder lesen, noch schreiben oder gar kaum rechnen können. Der Staat fordert nur ein Minimum an Fähigkeiten, die heute zum Überleben unentbehrlich sind.“

„Oh, ich kann gut lesen und schreiben...“

„Na, siehst du. Rechnen kannst du auch nicht schlecht.“

„Du meinst also, das ist es, was sie von mir wissen wollen?“

„Es geht nur darum. Sie wollen sehen, wie geschickt du bist.“

„Warum müssen denn die andern aus meiner Klasse diesen Test nicht auch machen?“

„Oh, Kindchen“, die hagere Dame auf der Hinterbank lehnte sich zu ihnen vor, dabei verströmte sie ihr üppiges Parfüm. Zärtlich strich sie Michael die Wangen und setzte in ihrem mitleidigen Ton fort: “Deine Eltern haben dir das doch eingebrockt...“

„Sie halten sich da bitte raus!“ fauchte Kuno bitter.

Die Ansage der nächsten Station plärrte aus den Lautsprechern im Waggon. Die Dame beugte sich ein Stück weiter zu ihnen vor, um die künstliche Stimme zu durchdringen: „Ach ja? Vielleicht sollten Sie besser noch den Mut aufbringen und dem Jungen die Wahrheit sagen, ehe es zu spät ist...“

„Sie meinen, weil ich anders bin“, fragte Michael forsch dazwischen.

„Anders?“ Sie versuchte einen übertrieben erstaunten Gesichtsausdruck. „Kindchen, dich trennen Welten...“

Die Bahn hielt - die Türen öffneten - die Dame verließ den Waggon, ohne noch mal umzudrehen. Kuno beobachtete ihren mühsamen Gang. Anfängliche Wut verschmolz zu Scham. Natürlich hatte sie recht in dem, was sie sagte. Gerade das ärgerte ihn ganz besonders. Gewiss, sie wollten es Michael seit langem sagen und hätten es bestimmt auch längst getan, lauerte da nicht die latente Gefahr, so seine Illusionen zu zerschlagen. Michael sollte eine glückliche unbeschwerte Jungend verleben. Ihr Fehler war nur, dass sie in all den Jahren ihres Zauderns nicht erkannten, wie zerbrechlich ihr kostbarer Elfenbeinturm in Wirklichkeit war. Und noch viel schlimmer, welch katastrophale Folgen ein plötzlicher Zusammenbruch haben konnte. Kuno lief ein kalter Schauder über den Rücken, er wagte sich nicht auszumalen, was geschehen wäre, hätte die Dame noch länger auf Michael eingeredet.

Sie stiegen aus und schritten gemeinsam durch die langgezogene Häuserschlucht. Kuno kam sie diesmal regelrecht feindselig vor. Instinktiv hielt er Michael an der Hand, obgleich er wusste, dass der Junge es nicht mochte, wenn er ihn, wie Michael es ausdrückte, wie ein kleines Kind behandelte. Diesmal hingegen sträubte er sich keineswegs dagegen und für einen Moment lang hatte Kuno sogar das Gefühl, Michael wünschte sich von ihm an der Hand gehalten zu werden. Ganz verstohlen sah er auf ihn herab und genoss das Vatersein.

Michael verlangsamte den Gang je näher sie dem Grundstück mit der Nummer 1024a-g kamen. Der monströse Bau aus Spiegelglas und Stahl lag umgeben von einem gepflegten Park erstaunlicherweise ganz im Grünen. Eine Oase inmitten einer Betonwüste. Früher einmal hatte hier eine alte Villa gestanden, ein Landsitz, der schon vor vielen Jahren der gefräßigen Stadt zum Opfer fiel. Die idyllische Lage trügte. Das Amt für Bildungswesen wurde gemieden. Niemand beging die eigentlich öffentlichen Spazierwege. Nur Gärtner zupften hie und da Unkraut aus den verschlungenen Kieselwegen. Nicht mal die Beamten, die im Komplex beschäftigt wurden, suchten in ihren Pausen Erholung im Grünen. Besonders Eltern mit Kindern wechselten gar die Straßenseite, um dem Grundstück nicht etwa zu nahe zu kommen. Es war wie ein schlafendes Ungeheuer, das man besser in Ruhe ließ.

Kuno versuchte sich möglichst keine Gedanken darüber zu machen, während er mit Michael an der Hand dem Empfangsschalter zu steuerte. Gleich gegenüber im Warteraum saßen bereits einige Kinder still auf ihren Stühlen. Da war nicht der leiseste Hauch von Fröhlichkeit auf ihren Gesichtern. Kuno zog Michael weiter. Er wollte sich nichts anmerken lassen, was Michael auf irgend eine Weise hätte verunsichern können. Aber gerade jetzt, in diesem Moment brüllte seine innere Stimme lauter denn je: “Nimm Michael und hau bloß ab von hier. Zieh Leine, bevor es wirklich zu spät ist. Geh’ mit ihm irgendwo hin, wo euch keiner findet. Mach, daß du weg kommst...“

„Papa, siehst du, ich bin doch nicht allein“, sagte Michael und zeigte ins Wartezimmer.

Kuno nickte beklemmt: „Ja, ich hab’s dir doch gesagt...“

„Papa, warum drückst du meine Hand so?“

„Weil ich dich lieb hab’.“

„Hast du Angst, Papa?“

Er atmete hörbar tief ein. „Nein...“

„Das brauchst du auch nicht. Ich bin ja da...“

Kuno lächelte und tippte mit dem Finger auf Michaels Nasenspitze.

„Wir bleiben zusammen, denn keine Macht der Erde kann Kinder von ihren Eltern trennen.“ Michael schaute zu ihm auf. „Hast du mir immer gesagt...“

„Der nächste, bitte...“

Wie aufgescheucht löste sich Kuno vom eindringlichen Blick seines Sohnes und reichte dem Schalterbeamten die Unterlagen. Dieser grüßte knapp währenddem er die Daten in sein Computerterminal einlas: „Michael Hartmann?“

„Ja“, sagten Vater und Sohn im Duett.

„Die Tests wurden schon mal verschoben?“

„Er – er hatte die Masern. Steht das nicht in...“

„Nein. Müsste es das?“ Der Beamte blickte prüfend über seinen Terminal.

„Ich habe keine Angst. Ich kann gut lesen und schreiben...“

Kuno schloss die Augen.

„Fein. Hier hast Du deine Codekarte. Auf ihr werden alle deine Daten gespeichert. Du darfst sie also nicht verlieren...“

„Ist das jetzt meine eigene richtige Meldekarte, wie sie die Erwachsenen haben?“

„Nein. Erst nach bestandener Prüfung, kann sie jeweils ausgehändigt werden. Siehst du nun dort drüben, wo die anderen warten?“

Michael nickte.

„Gehe da rüber. Die Karte wird dir genau einmal diese Türe öffnen. Setz‘ dich hin. Über die Karte wirst du zu einem späteren Zeitpunkt aufgerufen. Befolge ihre Anweisungen genau, dann wirst du keine Schwierigkeiten bekommen.“

„Darf ich hier auf ihn warten?“

„Nein. Die Bestimmungen wurden Ihnen mit dem Aufgebot zugestellt. Zusammengefasst heißt es: Sie hören von uns, sobald die Daten ausgewertet sind. Alles andere verstößt gegen die Regeln, insbesondere das versuchte Erwirken bevorzugter Behandlung. Sie möchten doch nicht gegen das Gesetz verstoßen, Herr Hartmann?“

„Ist schon klar“, winkte Kuno ab und stellte sich auf Michaels Höhe ein. „Also dann, jetzt wird’s nun ernst. Mach alles so, wie wir es geübt haben“, er sah ihm in die Augen. „Ich hab’ dich so fest lieb...“

Michael fiel ihm in die Arme.

„Du wolltest doch nicht weinen.“ Kuno presste die Augenlider zusammen. „Verlass dich darauf: Mami und ich drücken dir ganz fest die Daumen, wie wir es dir versprochen haben.“

Michael löste sich und nickte beklemmt. Zaghaft trottete er den Flur entlang, blickte dabei immer wieder zurück. Die Glastür fuhr auf und schloss sich sofort hinter ihm wieder.

Kuno winkte mit der Hand.

„Sie sollten jetzt gehen“, drängte der Schalterbeamte bestimmt.

„Ja - ja, sicher. Immerhin ist es mein Junge“, knirschte Kuno harsch und bereute sogleich, was er gesagt hatte. Er wollte den Beamten nicht unnötig reizen.

Kuno ging, winkte erneut durch die Glastüre, aber Michael reagierte nicht darauf. Wahrscheinlich konnte er ihn gar nicht mehr sehen, weil das Glas innen verspiegelt war. Unaufhörlich schaute Kuno zurück, bis er schließlich das Portal verließ. Er kam sich so feige vor. Warum bloß hatten sie nicht den Mut aufgebracht, dem System zu trotzen? Er schüttelte den Kopf. Keiner hatte es bisher getan, obwohl Eltern betroffener Kinder dieses Recht ausdrücklich offenstand. Das war alles ganz klug eingefädelt. Denn wer die Reifeprüfung anfechten wollte, mußte das Reglement beanstanden. Dies wiederum erforderte, dass ein entsprechendes Schreiben eingereicht wurde, bevor das Aufgebot zur Prüfung im Haus war. Im anderen Fall erklärte man sich automatisch mit dem Reglement einverstanden. Tja, und wer wohl würde sich zu diesem Zeitpunkt freiwillig aufs Glatteis begeben, um sich gegen das gesamte System aufzulehnen? So etwas hatte tiefgreifende Konsequenzen, die weit ins tägliche Leben reichten. Wer es trotzdem wagte, dessen Familie wurde vom Staat mit sofortiger Wirkung freigestellt, was so viel bedeutete, wie sie gehörten so lange nicht mehr zur Gesellschaft, bis das Verfahren abgeschlossen war. Damit erlosch gleichzeitig jeglicher Anspruch auf Dienstleistungen. Ohne sie war aber ein normales Leben kaum denkbar: Während beide Elternteile tagsüber ihre Berufe ausübten, kümmerte sich der Staat um die Erziehung und Bildung der Kinder. Das entlastete einerseits die Familie, degradierte diese aber gleichzeitig zur Farce. Wer nicht kooperierte, verlor das Sorgerecht für sein Kind. Viele endlose Nächte lang hatten Lina und er nach dem besten Weg für Michael gesucht, um schließlich doch klein beizugeben.

Kuno hastete aus der U-Bahn. In einem plötzlichen Gedanken hatte er sich entschlossen, eine Haltestelle früher auszusteigen. Er spürte das Bedürfnis noch ein paar Schritte durch den Park zu gehen, in dem sie oft ihre Freizeit verbrachten. Niemand sonst war heute hier ausgestiegen. In Gedanken versunken ging er die hell erleuchtete Röhre entlang. Jeder seiner Tritte verhallte verzerrt. Hatte er nun mit Michael wirklich alles erörtert, was jetzt für ihn wichtig war? Seine Hände schlossen sich fest um die Daumen, bis sie schmerzten. Die Fingernägel bohrten sich in die Haut, aber Kuno scheute keinen Schmerz. Unerwartet frisch blies ihm der Wind ins Gesicht, als er die Unterführung verließ. Von seiner leicht erhöhten Position aus konnte er nun den künstlichen See gut einsehen. Im Winter war er manchmal zugefroren. Hier hatte er Michael das Schlittschuhlaufen beigebracht und im Sommer paddelten sie oft auf Luftmatratzen darauf herum. Michael versuchte sie immer an seinen Lieblingsplatz zu bringen, der ziemlich unzugänglich auf einer kleinen Landzunge an der äußeren Schilfgrenze lag. Grillieren war, wegen der dabei entstehenden krebsfördernden Substanzen verpönt und nicht mehr so ganz gesellschaftsfähig. Doch hier im Verborgenen bot sich die Gelegenheit, ungesehen zu genießen. Kuno verließ den Park wieder durch den Westausgang und bog in die Straße ein, wo sie wohnten. Lina und er hatten schon alles vorbereitet. Sobald Michael nach Hause kam, wollten sie mit dem unauffällig verpackten Spezialgrill, Patent Kuno Hartmann, unter dem Arm losmarschieren, um den Fall ihrer Sorgen zu feiern.

Als Kuno schließlich das Haus betrat, empfing ihn Lina bereits unter der Tür. Bestimmt hatte sie am Fenster gestanden und auf ihn gewartet, wie sie das immer tat, wenn sie ihn von einem gefährlichen Feuerwehreinsatz zurückerwartete. Diesmal mochte Kuno nichts sagen, umarmte sie innig und hoffte damit ihrem fragenden Blick zu entfliehen.

„Sag schon. Weißt du was Neues von Michael?“

Kuno druckste herum.

„Hat es Probleme gegeben?“

„Ach, wo.“ Er sah ihren prüfenden Blick und fügte hinzu: „Der Beamte am Empfang hat mich zu verunsichern versucht...“

„Womit?“

„Du weißt doch. Wegen der Masern.“

„Hat er was gewusst?“

Kuno runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel hoch.

„Jetzt sag’ schon...“

„Es hat erst so geklungen, aber ich glaube nicht, dass er Zweifel an der Richtigkeit hatte.“

„Womöglich schadet es Michael...“

Kuno schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Die hätten längst ein Arztzeugnis verlangt. Das allerdings wäre uns, wie Du weißt, sehr peinlich gewesen. Wir hatten hoch gepokert. Diese Runde ist nun voll an uns gegangen. Hoffen wir, dass wir auch weiterhin...“

„Dann hätten wir es wieder tun sollen...“

„Schlechte Lösung. Diesmal müssten wir bestimmt Beweise liefern.“

Lina sank auf ihren Stuhl.

Die Zeit bewegte sich nur millimeterweise vorwärts. Sie saßen am großen Esstisch bei einer Tasse Tee, doch keiner hatte seine bis dahin angerührt. Eine bunt bemalte Blechdose voller Süssgebäck stand aufgeklappt neben einer leeren Tasse, vor einem leeren Stuhl, über dessen Lehne Michaels blauer Pullover fiel. Lina rückte die Gebäckdose hin und her. „Er wird Hunger haben, wenn er nach Hause kommt.“

„Du kennst ihn ja. Zuerst wird er sich die Schokoladenwaffeln einzeln herauspicken und uns dabei ganz kritisch beobachten...“

Lina schmunzelte, schloß die Dose, dabei streichelte sie mit der Hand über den Deckel. „Glaubst du, wir haben damals falsch entschieden?“

Kuno räusperte sich. Die Frage nervte ihn gerade jetzt, weil sie stets heftige Diskussionen auslöste, deren Resultat immer offen blieb. Dennoch gab er sich gelassen und entgegnete neutral: „Bestimmt nicht.“

„Woher nimmst du diese unumstößliche Sicherheit?“

„Oh bitte, fang’ nicht wieder damit an. Es bringt doch nichts, wenn wir uns hier streiten.“

„Du tust ja immer so klug. Nur diesmal vergißt du, daß unser Michael der Leidtragende ist.“

Kuno schlug mit der offenen Hand auf den Tisch: „Lina, wir haben es uns doch nicht leicht gemacht, es uns reiflich überlegt...“

„Wie kannst du nur so sicher sein? Du machst mich rasend, mit deiner Selbstgefälligkeit. Während du hier gemütlich zurücklehnst und dich beglückwünschst, badet Michael alles aus.“ Sie vergrub ihr Gesicht in beide Hände und schluchzte.

Kuno bereute, dass er sie angefahren hatte: „Michael wird bestehen. Er ist ein sehr intelligenter Junge.“

„Oh ja, gewiss. Aber was ist, wenn er wieder Angst hat und niemand ist da, um ihm zu helfen? Ich wünschte, wir hätten besser auf diesen Familienberater gehört, als wir unser Gesuch stellten. Er hatte uns sehr eindringlich davor gewarnt, ein eigenes Kind zu bekommen. Die Nachteile waren wirklich erdrückend...“

„Jetzt mach’ aber mal einen Punkt, Lina. Soweit ich mich erinnere, warst du diejenige, die es auf die traditionelle Weise haben wollte.“ Kuno schoß hoch, ging um den Tisch herum zum Computer und überprüfte zum X-ten Mal, ob alles in Ordnung war und sie das Mail auch wirklich verzögerungsfrei erhalten würden. Dann kam er zurück, holte sich seine Tasse Tee und goß sie wütend in die Spüle. „Da wird einem ja richtig schlecht bei. Schau sie dir doch nur mal an, diese Eltern von heute. Sie lassen sich allesamt einschüchtern vom Staat und die lizenzierten Institutionen verdienen sich eine goldene Nase damit. Zu unserer Zeit ließen sich kaum zwanzig Prozent dotierte Kinder geben, wogegen es heute weit über neunzig sind.“ Kuno drehte sich um: „Sei ehrlich, hättest du ein solches Kind wirklich gewollt?“

Lina sah auf - schüttelte halbherzig den Kopf.

„Du hättest es wohl ausgetragen, zur Welt gebracht und dennoch wäre es nicht wirklich unser Kind gewesen, weil wir nie erfahren hätten, wie viele unserer Gene für gut befunden und welche davon ausgetauscht oder geringfügig verändert worden sind.“

„Es hätte ihm, als dotiertes Kind, zumindest diese Tortur erspart...“

„Begreifst Du denn nicht? Michael wäre niemals unser Michael geworden!“

Lina weinte.

„Dieser Staat ist längst nicht mehr unser Staat. Wir sind nur seine Sklaven...“

„Sei still! Du bringst uns noch in Teufelsküche...“

„Wieso verteidigst du auf einmal diesen Staat?“

„Denk doch an Michael...“

„Genau das tue ich, und ich hätte es schon viel früher tun sollen, denn das System ist außer Kontrolle geraten. Wieso wohl lassen wir uns so was überhaupt gefallen? Sie kontrollieren die Zeugung, Erziehung und Ausbildung unserer Kinder, ja sogar den Tod. Das sind inzwischen Generationen, die ganz nach den Vorstellungen dieses Staats geformt worden sind...“

Das lang ersehnte Signal kam wie ein Aufschrei aus dem Dunkeln und wiederholte sich in aufreizend penetranten Sequenzen. Lina und Kuno sahen sich gelähmt an. Auf einmal wünschten sie sich viel mehr Zeit. Was war, wenn ihr Michael nicht zu den zwei von zehn Kindern gehörte, welche die Prüfung laut Statistik jeweils bestanden?

„Wir sollten sie besser abrufen“, sagte Lina sanft.

Kuno schluckte trocken, es würgte ihn im Hals. Wenn er ehrlich war, dann wollte er jetzt lieber nichts wissen. Aber dennoch sehnte er sich nach Erlösung und betet wie noch niemals in seinem sonst gottlosen Leben. Wenn nur gerade in diesem Moment ihr Michael zur Tür hereingestürmt käme...

Lina umschloß seine Hand, während sich das Bild auf dem Monitor aufbaute und eine synthetische Stimme in einem warmen, bestimmten Ton zu ihnen sprach:

 

„Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Ihr Sohn Michael hat die nach Reglement 78106.12b spezifizierten Leistungen im staatlichen Eignungstest nicht erreicht. Nach Artikel 197, Absatz 27a können Sie nun anordnen, wie sie den Leib Ihres Sohnes beigesetzt haben möchten. Wir erwarten Ihre Verfügung umgehend auf beigeschlossenem Formular, widrigenfalls die im Reglement 78106.13a definierte Standardprozedur automatisch in Kraft tritt, womit sämtliche Kosten zu Ihren lasten fallen.

Es obliegt unserer Pflicht Sie weiter darauf hinzuweisen, daß hiermit jeglicher Anspruch an erteilter Bewilligung Nummer 4513 mit Berechtigung zur Zeugung sowie dem Aufzug eines nicht dotierten Kindes erlischt. Neue Anträge stellen Sie unter Beilage aller erforderlichen Unterlagen an die Zentralstelle für Populationskontrolle und lassen Sie sich von dem für Sie zuständigen Familienberater informieren.

 

                                                                                                              Hochachtungsvoll

Einwohnerzentralamt“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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