Adrian Braissant

Zip & Zap

Es war Abend und Zip, das kleine Eichhörnchen, streckte seine Nase vorwitzig aus dem kugelrunden Nest. Es schlüpfte just in dem Moment hinaus, als es von drinnen „Da bleiben!“ hiess. Natürlich hörte Zip nichts. Sein Ziel war überaus wichtig: Ganz nach oben klettern, wollte er, bis da hinauf, wo die Tannenspitze war. Er hatte darum gewettet, der erste zu sein. Keines seiner Geschwister getraute sich das. Unbedingt musste er der mutigste sein. Flink hangelte er sich tapfer den immer schlankeren Stamm hinauf. Zweige bogen sich unter seinem Fliegengewicht, ja sogar der Wipfel senkte sich langsam in eine Richtung, als er endlich oben war. Zips Herz hüpfte. Stolz erfüllte ihn. Jetzt war er da, und er war bestimmt der Grösste. Keine Spur von Angst plagte ihn. Er hatte auch kaum darüber nachgedacht. Auch nicht, als die zarte Tannenspitze etwas mehr schaukelte, als ihm lieb war. Alles war wahnsinnig aufregende und Zip genoss arglos seinen Mut. Aber aus dem sanften Schaukeln wurde im Nu ein Wiegen und nur wenig später ein unerträgliches Schleudern und Schlingern. Zip hatte plötzlich unendlich viel zu tun, konnte sich kaum noch festkrallen.

Eine stürmische Nacht brach herein. Der Regen peitschte in Wellen durch die Bäume und benetzte so selbst die sichersten Schlupfwinkel. Wie aus Eimern ergoss er sich auch über Zip. Sturmböen zerrten und rissen an seinem gewöhnlich buschigen Schwanz, der nun wie eine nasse Fahne, willenlos im Wind gaukelte. Blitze zerschnitten die Dunkelheit. Es krachte entsetzlich im Gehölz. Zerfetzt von feurigem Faustschlag, stürzte im nächsten Moment die mächtige Tannespitze rauchend in den Bach. Zip wirbelte kopfüber durch die Luft. Mit letzter Kraft krallte er sich am nächsten Stück Treibholz fest, während sein wohliges Nest nun zerschmettert in Trümmern lag. Zip wimmerte, aber ihm blieb keine Zeit zur Trauer. Bereits schob das reissende Gewässer ihn unerbittlich vorwärts, hinein in unbekannte Düsternis.

 

Erst lange Zeit später, als es endlich wieder ruhig um ihn ward, spülte eine sanfte Welle sein Holz ans Ufer. Der Morgen graute. Erschöpft schleppte Zip sich so weit wie möglich vom Wasser weg und blieb schliesslich liegen. Doch die Ruhe war nur von kurzer Dauer. Während die ersten Sonnenstrahlen gerade durchs Gehölz blendeten, entdeckten drei Frösche das junge Einhörnchen und hüpften aufgeregt quakend hin und her.

„Wer seid ihr? Wo bin ich? Was macht ihr da? So sagt doch was!“ bettelte Zip erschrocken.

Die Frösche schliesslich verharrten beobachtend. Endlich sagte einer: „Ich bin Quick und das ist Quack. Der da, der grad zum Biber hüpft, ist Quck. Wir haben dich im Zauberwald noch nie gesehen. Wie heisst du und wie kommst du hier her?“

„Eh – ich bin Zip.“ sagte er zögerlich. Schliesslich erzählte er von seinem waghalsigen Abenteuer, seinem grossen Stolz und dem schlimmsten Unwetter seines Lebens.

Die Frösche hörten aufmerksam zu. Auf einmal quakte Quick: „Zap!“

Quack stimmte ein und hüpfte freudig um Zip herum.

„Nein - nein, so hört doch – ich heisse Zip…“

„Na, klar!“ unterbrach Quack im Luftsprung.

Inzwischen stiessen der Biber und Quck zu den dreien. Der Biber war ein alter Nörgler, aber im Grunde ganz gutmütig.

„Eichhörnchen können nicht schwimmen“, sagte er grantig. “Wo du uns nun vom Gegenteil überzeugt hast, hat dich plötzlich der Mut verlassen, gell...“

Zip wollte grad etwas sagen, doch der Biber liess ihn nicht dazwischen.

„Nichts wie Ärger hat man mit diesen Grünschnäbeln. Nichts wie Ärger.“ Mürrisch wies er Zip auf seinen Rücken und trug ihn von der schmalen Insel ans sichere Ufer.

Quack fuchtelte indes in der Luft herum. Mit grellem Schrei stürzte ein Falke vom Himmel und landete. Die drei Frösche schienen sich eine ganze Weile mit ihm zu unterhalten. Überraschend flog der Falke in der Folge geradewegs zu Zip herüber, der sich vor Angst duckte und nicht mehr bewegen konnte.

„Wir brauchen deine Hilfe“, krächzte der Falke sachlich. „Die verteufelte Elster hat dem Zauberer die Brille gestohlen. Nun kann er keine Sprüche mehr lesen, um uns vor dem Volur zu bewahren. Hilf uns. Die Zeit drängt.“

„W - was muss ich tun?“ fragte Zip verdattert.

„Eichhörnchen sind die besten Sucher. Zap wird dir alles erklären. Nun komm schon…“

Zip stutzte einen Augenblick, fasste sich ein Herz und stieg mutig auf die Kralle des Falken. Schon schwang dieser sich in die Höhe und landete hernach zuoberst auf dem Hauptturm des Zauberschlosses. Von hier aus überblickte der alte Zauberer Kublikumba gewöhnlich sein ganzes Reich. Heute schaute er jedoch nicht in die Ferne sondern gebannt in seine Wunderkugel. Er suchte, doch ein böser Schleier verzerrte das Bild. Zap, das grosse Eichhörenchen, lauschte versunken neben Kublikumba, entdeckte plötzlich Zip und wirbelte freudig herbei.

„Endlich - ich bin nicht mehr allein! Zu zweit wird’s klappen. Wirst du uns helfen?“

Inzwischen hatte Kublikumba einen schwachen Hinweis darauf gefunden, wo sich das Nest der Elster befinden könnte: „Der Falke wird euch in die Nähe bringen. Seid auf der Hut und bleibt ja unentdeckt. Die Elster ist stets wachsam. Denkt an ihren mächtigen Verbündeten - den Volur.“

Sie flogen davon. Zip hatte sich unterdessen an die Fliegerei gewöhnt. Der Falke sank zwischen den Bäumen immer tiefer in den Wald hinein. Als er schliesslich landete, krächzte er fast flüsternd: „Ab hier müsst ihr euch durchschlagen. Sucht einen Baum, dessen Krone purpurne Blüten trägt, von denen der Gestank der Hölle strömt.“

Zip und Zap flitzten durch die Baumkronen, als ein kalter Hauch ihnen schliesslich die ersehnte Botschaft brachte. Sie mussten sich beeilen, die Elster war grad nicht da, doch der atemberaubende Gestank begann die Eichhörnchen zu lähmen. Zip fand endlich die Brille, sank aber benommen zusammen. Zap besaß grad noch die Kraft, zu rufen: „Wind, Wind - Wind, komm ganz geschwind!“

Erst vernahm man bloss ein Rauschen. Jetzt schwoll es an. Tosend sauste ein Wirbelwind heran, hob die beiden Eichhörnchen aus der Krone. Wie buntes Herbstlaub, wirbelten Zip und Zap durch die Luft. Wenig später glitten sie ganz sanft zu Boden. Ziemlich benommen erst, kamen die beiden allmählich wieder zu Kräften. Dann jagten sie davon, denn die Elster hatte sie erspäht und stach in steilem Winkel auf sie hernieder. Die Eichhörnchen spielten all ihre Tricks aus, um in letzter Anstrengung, grade so, ins rettende Gemäuer des Zauberschlosses zu entwischen.

„Danke, meine lieben Freunde!“ rief Kublikumba erlöst. Sogleich holte er den Zauberstab, pendelte ihn im Takt seiner Worte hin und her, während er Wort für Wort aus dem dicken Buch las.

Ein gewaltiger Donnerschlag besiegelte abschliessend die Niederlage des weichenden Volur. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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