Klaus Mattes

Es brennt / 8333


 

Selten liest jemand diese Texte, aber spätabends sitzen wir oft da, um noch mehr davon zu schreiben. Auch am Wochenende, genauer gesagt, am Samstag, machen wir es. Dann brennt das kleine Licht am Schreibtisch, den wir gleich neben den Drehkreis der Balkontüre gestellt haben, weil nur dort das eine kleine Fenster dieser Wohnung sich befindet. Draußen ist die Nacht fast noch heiß an diesem Wochenende. Aber die Tür vom Balkon müssen wir geschlossen lassen, weil andernfalls kleine ockerfarbige Motten ihre Fadengelege in den versteckten Winkeln unserer Bücherstapel ausspannen würden. Schlimm sind auch Fliegen, die einen, nachdem man sie beim ersten Versuch, sie zu erschlagen, verfehlt hat, immer wieder finden und reizen. Mit anderen Worten, es ist zwar Sommer, aber nicht einmal unser Fenster haben wir gekippt, damit wir in aller Ruhe schreiben können.

Es riecht ja irgendwie schlecht. Verschmort eigentlich. Heikle Gerüche ist man allerdings gewöhnt in diesem Haus.

Jetzt ist es arg. Wie verbrutzelter Kunststoff, beklemmend und giftig. Nase zur Tastatur, nein, die Drähtchenummantelungen sind nicht geschmolzen. Irgendwo nebenan brennt halt ein Haus ab. Die Feuerwehr scheinen wir auch gehört zu haben. Das lenkt uns nicht weiter ab. Wir sind so gut im Flow.

Es ist so still, wie es auf keinen Fall wäre, wenn unser eigenes Haus brennen würde. Doch stinkt es durchdringend, als würden giftige Schwaden sich durch den Flur bis vor unsere Tür winden. Schnell hin und aufgerissen, Schnuppern ins Dunkel. Rauch zwar von fern, keine Schwaden aber, kein einziger Ton und kein Mensch, der nach draußen schaut. Wir drehen uns um, schließen die Türe. Die kleine Wohnung sieht fast ein bisschen verhangen aus von Rauch. Das gibt es doch gar nicht. Hat ein Schuh sich selbst entzündet im Schuhschrank, die Pflegespraydose entflammt? Etwas stimmt einfach nicht mehr. Das kreisen wir jetzt ein. Raus auf den Balkon.

Vom Balkon erglänzt ringsum die Welt wie eine Hochzeitstorte oder der Jahresabschluss. Ganz grell, sich bewegende Lichter und Schatten, vor allem viel Blau. Wenn das länger schon so war, hätten wir Widerscheine über unsere Wände huschen sehen sollen.

Feuerwehr zwar reichlich, aber nirgendwo ein Anzeichen von Feuer wie lodernde Flammen, krachendes Gebälk, schreckliche Hitze oder beißender Rauch. Wir beugen uns hinab, hängen uns über die kunststoffbeschichtete Balkonumrandung und versuchen, Blicke in die unten liegenden Räumlichkeiten zu schießen. Das gelingt uns nicht, doch irgendwas scheint dort zu tanzen oder zu züngeln. Nicht rot wie Feuer, sondern weißlich wie Löschpulvernebel oder Dämpfe.

Sollte dieses Haus brennen, was nehmen wir mit auf unsere Flucht? Erstens: Geldbeutel für in dieser Nacht noch anfallende Aufwendungen. Taxi ins Krankenhaus, denn wie wir schon erfahren haben, sie bringen einen da nicht hin, wenn man keinen ausgefüllten Beförderungsschein vorlegt. Zweitens: Girocard fürs womöglich nötig werdende Hotelbett. Drittens: Laptop. Smartphone haben wir nämlich keins. Dieses jetzige, in der Abfolge dritte, Laptop besitzen wir noch nicht lange und es ist das teuerste Elektrogerät das wir im Leben je selbst erworben haben. Wir haben keine Waschmaschine, den Kühlschrank hat noch die Mutter bezahlt und eine Fritteuse haben wir auch nicht, Fernseher sowieso nicht. Will sagen: Unser Laptop hat sich bis jetzt noch nicht rentiert.

Laptop unter Arm klemmen und sich zur sicheren Seite begeben. Vor hier gesehen müsste die sichere Seite jenseits der Kavalkade der Feuerwehrfahrzeuge liegen, also auf der Straße. Auf geistiger Projektionsfläche erscheint ein unter der Achsel rutschendes, auf Pflaster zerspringendes Konvolut von Plastikteilen und Metall. Also lautet der Beschluss: Einwickeln in eine Decke, runter in den Keller. Keine Liftbenutzung im Brandfall. Wo hängen die Feuerlöscher, fast wieder vergessen, man läuft täglich vorbei. Im Keller steht ein massiver Laptop-Safe, mein alter Kühlschrank, der nicht angeschlossen ist.

Rauch im Treppenhaus fast nicht. Vor allem aber nicht eine lebende Seele. Viel, viel Blaulicht von draußen. Durch die Glasfront bläut es herein. Laptop nur zugeschlagen, kein ordentliches Herunterfahren, jetzt aber ab in die Kühlbox. Wenn am Ende aber das Haus doch abbrennt und die Hitze selbst Kühlschränke im Untergeschoss verformt? Zwar unwahrscheinlich, denn: Erstens: Trupps der Feuerwehr bewachen unser Haus wie ein Terroristenattentat. Dürsten nach dem Retter-Sein. Zweitens: Feuer sollte immer nach der Höhe streben, dem Sauerstoff entgegen, nicht hinab in einen Keller mit ganz wenigen, winzigen Fenstern und massiven Brandschutztüren. Auch verläuft der Gang zu unserem Keller ein gutes Stück abgebogen, unters Vorderhaus hinüber, weg von der Brandstätte.

Raus aus dem Haus und zu den Leuten, die zuschauen. Uns bekannte Nachbarn sind nicht auszumachen. Menschenleeres Haus am Samstagabend. Ein Fenster von der Wohnung unter unserem Balkon steht offen. Drinnen sind Feuerwehrleute, werfen Gegenstände raus. Von der Art wie Sitzbälle aus Kunststoff. Lange war in der Wohnung eine Fahrschule, inzwischen befinden sich dort die Praxisräume einer Physiotherapeutin. Auch diese ist nicht erkennbar. Keinerlei Feuerschein. Doch Schläuche hört man mehrmals zischen. Flackerlicht. Notbeleuchtung der Feuerwehr?

Weiterhin kein einziges helles Fenster an dieser Front des Hauses, keine Personen im Treppenhaus. Direkt neben uns wohnt eine alte Frau mit Rollator. Sonst ist sie immer zu Hause, aber kein Licht bei ihr. Unter ihr, anschließend an die Praxis, käme das Ehepaar, das ständig so viele Maschinen anschafft, dass sie schließlich im Hausflur, in der Waschküche und auf ihrem Balkon enden, wo sie den Sommer hindurch wohnen, zusammen Ketten rauchen und jeden Abend grillen. Heute allerdings niemand da.

Weiter passiert nichts. Es wird langweilig. Kein Menschenschaden, kein Krankenwagen. Ganz viele rote Feuerwehrautos die Straße entlang, die sich tief blau einen abblinken. Macht Eindruck von einer Brandschutzübung. Rauf und zurück in die Wohnung. Tür steht offen, die wir offen ließen, damit Feuerwehr löschen kann, sobald es hier dann noch brennt. Auch Balkontüre noch offen. Mittlerweile unfassbar viel Rauch in unserer Wohnung.

Viel mehr, als wir draußen irgendwo sehen konnten. Rundum grausige Stille. Sollen wir Tür zumachen und umklappen inmitten des Rauchs? Dieser Rauch scheint gar nicht von außen und durch die offene Balkontüre gekommen zu sein, sondern entweder durch den dünnwandig ummantelten Schacht an der Außenwand, immer noch innerhalb dieser Wohnung, durch den das Wasserrohr für die Regenrinne geführt wurde, oder durch einen weiteren Schacht, eine in die schiefe Ecke eingemauerte Besenkammer, wo noch einmal andere Rohre verlaufen, welche zur Wasserversorgung des Vorderhauses gehören.

Lass uns klingeln bei der Rollator-Frau. „Hallo Frau! Hallo, hören Sie?“ Keine Antwort. Bummern gegen die Tür. Null Reaktion, scheint verreist oder in der Klinik.

Ihr gegenüber die zweite alte Frau. Noch etwas älter, war vor mir schon im Haus, ewig also. Von ihr heraus riecht's immer wieder eklig, zumal auch diese Wohnung nur einen Vorplatz, aber keinen gegenüber dem Rest verschließbaren Hausflur hat. Gerüche wie zerfallende Überbleibsel von Nahrungsmitteln, Tag um Tag aufgewärmter Weißkohl, auch Altfrauenschweiß und Toilette. Diese Frau ist jeden Tag bis spät in die Nacht hinein anwesend, weil man sie um eins ihre tägliche kleine Runde ums Karree antreten hört, mit der sie kleinere Portionen ihres Abfalls in die Umwelt befördert. Ihr Licht bis eben nicht erblickt, weil Fenster zur Rückseite hinaus. Hatte einst meinen Hausschlüssel verloren und nachts um halb eins bei der Alten geklingelt. Keine Antwort. Bis ich dann um die ganze Wohnanlage noch mal herum war, war das Licht in ihrer Wohnung auch schon ausgegangen.

„Frau Krauß! Frau Krauß! Es brennt hier bei uns! Bitte kommen Sie zur Tür!“ Auch sie ist heute Abend ausgeflogen oder sie versteckt sich mit ihrer Angst.

Plötzlich geht Licht an. Ach so. Man steht nämlich sehr schnell im Dunkeln, seitdem die Hausverwaltung zur Wahrung der Interessen der Eigentümergemeinschaft den Hausmeister angewiesen hat, die Intervalle der mit Gemeinschaftsstrom betriebenen Lampen ganz knapp zu justieren. Zwei Männer von der Feuerwehr sind gekommen, stehen vor der offenen Tür meiner Wohnung und fragen, ob wir hier Rauch haben. Wir haben Rauch hier. Funkspruch: „Erster Stock. Hier ist Rauch. Wir schauen nach den Bewohnern.“

Erst klingeln sie, dann rufen sie, dann trommeln sie gegen die Krauß-Tür. Man hört, wie Frau Krauß die Kette losmacht, Tür einen Spalt auf und Kopf vor. „Hier hat's gebrannt. Haben Sie Rauch bei sich?“ Krauß hat keinen Rauch, glaubt offenbar nicht an ein Feuer und scheint zu zweifeln, ob die Feuerwehr wirklich echt ist. Bei der Rollatorfrau ist keiner daheim. Nächste neben Krauß auch keiner. Weiter vorne erscheint einer, aber kein Ruch dort vorne. Funkspruch: „Erster Stock, Rauch nur in der Wohnung über dem Brandherd.“

Obwohl die Feuerwehrmänner in meinem Rücken aufgetaucht waren, habe ich von vorne gesprochen, je mehr sie sich von mir wieder entfernten. Liegt daran, dass wir uns im Hofgebäude befinden, dessen erste Etage man auch vom Treppenhaus des Vorderhauses her betreten kann. Meine ist die letzte Wohnung des Hofgebäudes. Die Praxis im Erdgeschoss ist an der Straße vorn, greift aber um die Ecke ins Hinterhaus hinein. Dort drüber dann genau nur mein Balkon. Noch mal drüber ist ein kleines Verbindungsstück Flachdach zwischen den zwei Gebäuden. Zwischen Hinterhaus und Vorderhaus gibt es eine brandschutzgesicherte Stahl-und-Panzerglastüre. Dann gleich zwei sich gegenüber liegende Türen im ersten Obergeschoss vom Vorderhaus.

„Und was ist hier?“, fragt die Feuerwehr. „Keiner da“, sage ich. Auf der einen Seite ist ein Naturheiler, auf der anderen Seite sind junge Türken oder Kurden, die gemäß Schild an der Wand einen Exporthandel betreiben. Sie grüßen nie und man sieht nie weibliches Personal und es macht vor allem den Eindruck von einer Zockerbude für lauter Jungspunde.

Zu meiner Überraschung geht das Sicherheitsschloss vom Naturheiler im Nu auf. Sie sind kurz drin, kein Rauch, schon wieder draußen. Kleben Hinweis: „Schloss wurde wegen Notfall von Feuerwehr heute geöffnet.“ Gern hätten wir einen Blick in die Zockerbude geworfen. Die Feuerwehr macht sie nicht auf. Sie liegt von der Seite mit dem Brand im Erdgeschoss weiter weg als der Naturheiler, bei dem ja nichts war.

Meine Tür lasse ich offen und folge den Feuerwehrmännern zur Straße. Immer noch wartet Handvoll Menschen und eine etwa ebenso große Anzahl roter Blitzewerfer-Fahrzeuge aller denkbaren Größen und Stärken. Erste Nachbarin, die man kennt: „Na, die wird sich freuen, die weiß noch nichts.“ Diese Frau aber weiß: Backofen war nicht aus, Feuer erfasste einen Stapel Gymnastikmatten.

Der Rauchgeruch ist tagelang zu Gast. Scheint weniger vom Rauch, der hier drin war, zu stammen, vielmehr von einem Hügel aus verbranntem Material, der direkt unter meinem Balkon liegt und den der Regen bisweilen nässt. Her mit unserem Laptop, aufklappen und schreiben: „Etwas Seltsames ist hier passiert. Heute Nacht hat es gebrannt.“


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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