Klaus Mattes

Rezzo Schlauch / 4362

Je weiter man von Stuttgart entfernt wohnt, desto mehr ist man geneigt zu glauben, alle Baden-Württemberger wären Schwaben. Das ist natürlich grottenfalsch. Sehr unbekannt dürfte weithin sein, dass ein großes Stück im Nordosten des Bundeslandes von Franken bewohnt wird. Und dass von genau dort, jeweils etwa sieben Kilometer von der einstigen hohenlohischen Residenz-Kleinstadt Langenburg weg, zwei früher mal führende Grünen-Politiker stammen. Metzgerssohn im ehemaligen Amtsstädtle Gerabronn, das liegt auf der Höhe droben, war der nachmalige Außenminister Joschka Fischer. Sohn eines Pastors und im Hohenlohischen heute noch legendären Heimatschriftstellers war Rezzo Schlauch, der nachmalige Fraktionsvorsitzende im Berliner Reichstag. Dieser Schlauch wurde in Gerabronn zwar geboren, lebte aber im Dorf Bächlingen, das ist unten im Tal der Jagst. Obwohl vom Alter her nur ein starkes halbes Jahr auseinander, sind sie sich in der gemeinsamen Heimat damals noch nicht begegnet. Über Ausbildung und Berufstätigkeit entwickelten sie sich mit ihren immer noch hörbaren Dialektakzenten immer weiter weg vom Hohenloher Fränkisch, hin zu zwei verschiedenen Großstädten. Aus Fischer wurde der Frankfurter Pflastertreter und Taxifahrer. Aus Schlauch der honoratiorenschwäbische Stuttgarter Advokat.
In den neunziger Jahren fertigten Hobbyjournalisten und ehrenamtliche Helfer in Stuttgart für die Mitglieder diverser schwuler Initiativen und die Gäste der paar Bars und Saunen ein kostenlos verteiltes Blättle an. Dort legte ich mir seinerzeit meine ersten bunten Federn als Schriftsteller zu. Dann trug einer von unseren Sympathisanten die uns vermessen scheinende Idee heran, über einen Kumpel bei den Stuttgarter Grünen könnte er anfragen, ob Rezzo sich von uns interviewen lasse. Soweit ich weiß, war das vor der rot-grünen Regierungszeit unter Kanzler Schröder. Rezzo Schlauch hat auch zweimal, vergebens, um die Position der Oberbürgermeisters von Stuttgart gekämpft. Ich glaube, zumindest unmittelbar, stand keine dieser Wahlen an.
Wenn man in jenen Jahren die Stadtillustrierte Prinz aufschlug, konnte man Monat für Monat irgendwo im Heft Rezzo Schlauch bei irgendwas begegnen. Meist auf diesen Fotoseiten, wo die Party- und Night Life Animals beim Spaßhaben gezeigt werden. Es scheint für den Politiker Schlauch ein Mittel gewesen zu sein, sich mit Volksverbundenheit beim jüngeren Wahlvolk bekannt zu machen.
Wir mit unserer Auflage von 2000 Stück, mit sehr vielen Anzeigen, mit Tratsch und reichlich Hochjubeln von erbärmlichen Freizeit-Travestie-Aktricen sowie mehr oder weniger verkrachten Wirten, fielen fast vom Schlitten, als das Okay vom Rezzo kam. Zu einem Gespräch in seinem Anwaltsbüro wäre Herr Schlauch bereit. Einer musste es machen und so schoben die sieben Schwaben den tapferen Hasen nach vorne, der so wenig ein Schwabe war wie Rezzo: mich nämlich. Der sozusagen amtliche Vorsitzende der Stuttgarter Schwulenschaft war bereit, mir zu assistieren. Einen solchen gab es natürlich gar nicht, aber es gibt zum Beispiel Menschen, die in fast jeder Aktionsgruppe mitmischen und denen es zu verdanken ist, wenn nach vielen Jahren der Traum von einem Homosexuellen Kulturzentrum für die Stadt sich doch noch erfüllt. Eigentlich war ich sehr dankbar, dieses Back-up zu bekommen. Allerdings stellte sich beim Termin heraus, dass dergleichen Leute vor allem gerne auf ihre üppigen Forderungspunktelisten abheben und dass Schlauch und ich etwas freier, entspannter und humoriger miteinander kommunizieren konnten, als jeweils mit dem grauen Wolf der Bewegung.
Wie gesagt, waren die Grünen weder in der deutschen Hauptstadt noch im Land bei Ministerposten schon angelangt. Ich war in der Summe noch lange nicht so dauerhaft arbeitslos gewesen, wie ich dann noch werden sollte, war auch nicht durch die von Grünen beförderte Hartz-IV-Mühle gegangen, da von ALG II noch gar nicht die Rede war. Folglich war meine (bis heute währende) Abkehr von der grünen Partei noch nicht eingetreten. Für die Landesebene war Rezzo Schlauch so ziemlich der Prominenteste von der Partei, der ich bei den Wahlen immer meine Kreuzchen schenkte. Weder gegen seine Partei noch gegen ihn hatte ich groß was einzuwenden. Das wäre auch kaum möglich gewesen, weil Schlauch sich als extrem gut informiert, reflektiert und rhetorisch brillant herausstellte. Auch fand ich ihn nett. Erotisch mein Typ ist er natürlich nicht, was ich anderswo nachzulesen bitte.
Nie zuvor hatte ich versucht, einen aufgenommenen Originalton derart umfänglich und genau zu transkribieren. Das erwies sich als Mordsarbeit. Dann gab es immer noch so viel zu redigieren. Wie schön muss es sein, Gespräche aus der Erinnerung nachzuerzählen! Aber das wagte ich nicht. Dann wurde es an Schlauchs Kanzlei geschickt. Und er hat es in genau dieser Form abgenommen, ohne ein einziges Komma umgeschrieben haben zu wollen. Ich muss sagen, von all den schwulen Bewegungsschwestern, die ich bei irgendwelchen Engagement-Zirkeln befragte, kannte ich es sehr anders.
Allerdings hatte ich am Ende diese eine Frage riskiert, die ich für tollkühn hielt. Ob er jemals Sex mit einem Mann gehabt hätte? Schlauch zögerte etwas. „Ich will mal so sagen: Mir ist nichts Menschliches fremd. Wie den Grünen überhaupt. Allerdings kann ich mit viel Erfahrung nicht wuchern. Aber wenn ich zurückdenke, als ich sehr jung war ... Da gab es einen etwas Erfahreneren, mit dem so was schon mal vorgekommen ist. Das möchte ich auch nicht missen müssen.“
Genau diesen Passus wollte das Büro gestrichen haben. Sonst war alles gut. Ich ließ es also draußen. Aber dadurch wurde aus Schlauch für mich ein Verräter. Dem Politiker trug ich das lange nach. Es handelte sich doch bloß um das Käseblatt einer provinziellen Schwulenszene. Irgendwie hätte es zwar an einen findigen Reporter von Bild Stuttgart gelangen können, aber jenes Sudelblatt hätte uns ja nicht als Quelle nennen können. Es war also nicht zitierbar.
Was mich allerdings schon während des Gesprächs irritiert und eher von Schlauch weg bewegt hatte, war die Erkenntnis, dass ich es mit einem äußerst gewieften Selbstdarsteller zu tun hatte. Da lernte ich nun einen Typ kennen, der unermüdlich damit beschäftigt war, sich selbst seinem Publikum zu verkaufen. Ihm war es Bedürfnis und Begabung, nun gut, vielleicht die Grundvoraussetzung, um als Politiker nach oben zu kommen. Nichts Inhaltliches, was er sagte, ging mir gegen den Strich, aber dieses Ringen um Sympathie und Bewunderung schmeckte mir nicht. In meinem Text kam das dann aber nicht vor, da es sich um ein Interview und nicht um ein Porträt handelte.
Eine gehörige Portion Zeit später sehe ich Rezzo Schlauch wieder. Es ist 23 Uhr und er schnürt, unruhig auf seinen Zug wartend, am Gleis im Stuttgarter Hauptbahnhof hin und her. Gepäck dabei. Wahrscheinlich der Nachtzug nach Berlin, denke ich. Obwohl ich mich inzwischen schon auch frage, ob die DB diese langen Nacht-Verbindungen quer durch Deutschland damals nicht schon gestrichen hatte.
Ich will erst gar nicht glauben, dass es der ist, nach dem er aussieht. Er ist es aber wirklich. Der medienbekannte Politiker im Mantel, ganz alleine auf einem winterlich ausgestorbenen Bahnsteig. Wie es oft ist, genau, wenn man mit Blicken durchbohrt wird, merkt man auf und starrt intensiv zurück. Und jetzt schwöre ich, Schlauch erkannte mich wieder. Er wusste, obwohl mehr als ein Jahr vergangen war, noch immer, wer ich war. Nun scheint er ja kontaktfreudig zu sein. Ich aber halt nicht. Mir schien, er war auf dem Sprung „Hallo. Und? Wie läuft's denn so bei Ihnen?“ Obwohl er nicht auf denselben Zug wie ich wartete, wir also kein gemeinsames Stück Weg vor uns liegen hatten, fühlte ich keine Lust, der ersten Begegnung eine weitere hinterher zu schicken. So schlug ich schnell die Augen nieder und trippelte, ihm den Rücken kehrend, etwas weg, jedoch nicht zu brüsk.
Jahre später, als ich in Form von Mails über Popmusik mich regelmäßig mit einem Berater und Verkäufer vom Berliner Kulturkaufhaus Dussmann austausche, erzählt dieser, kürzlich habe er Rezzo Schlauch bedient und irgendwie sei ihm fast gewesen, als flirte Schlauch mit ihm. Das hätte ihn ziemlich verunsichert, weil der bärenmäßige Schlauch-Typus seinen erotischen Fantasien voll entspreche. Dagegen habe er den unausstehlichen Gregor Gysi bereits öfters bedient und möge ihn nicht, der sei fürchterlich schnippisch und narzisstisch.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde von Anne Degen



Zusammen mit Freunden am Kamin zu sitzen bedeutet:
Gute Gespräche führen, den Tag geruhsam ausklingen lassen, seinen Gedanken und Träumen nachhängen ...
Der Gedichtband „Am Kamin – Gedichte zur blauen Stunde“ von Anne Degen will genau das: Den Leser als guten Freund, mit Gedichten, die wie kleine Geschichten aus dem Leben erzählen, am Träumen teilhaben lassen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Skurriles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Beim Füllen der leeren Mägen von Klaus Mattes (Absurd)
Der Erste Kuß von Rita Bremm-Heffels (Skurriles)
Es wird Zeit zu gehen... von Rüdiger Nazar (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen