Adrian Braissant

Delta: 1. Im Internat

Leise plätscherten die letzten Regentropfen von der durchnäßte Plane. Die Bretter der Pritsche im Wagen waren zwar hart, aber dafür trocken. Robin blinzelte unter seiner Wolldecke hervor. Er war so froh in dieser naßkalten Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Ob Vater gerade an ihn dachte?

„So – und nun mal immer rein in die gute Stube“, Ben nahm einen tiefen Schluck aus seiner Buddel und verlor das Gleichgewicht. Gerade rechtzeitig konnte er noch ein herabhängendes Stück Plane fassen und sich daran klammern.

„He, Ben – das war aber nicht ausgemacht. Du hast mir kein Wort davon gesagt, daß hier noch ein Junge ist. Publikum kostet dich was extra!“ Sie kniete zu ihm nieder, hauchte ihm dabei ihre Rumfahne ins Gesicht, während sie ihm durchs wilde Haar strich. „Oh – er ist ein so hübscher kleiner Junge...“

„Was ist denn los, verdammt noch mal? Platz da. Du kannst bei den Pferden schlafen“, er packte Robin und warf ihn aus dem Wagen in den Morast.

„Uh, du hast ganz schön starke Arme. Darf ich mal sehen?“

„Ja? Gefallen sie dir?“

Robin vergrub sein Gesicht in den Armen und schluchzte...

 

Andy steckte seine Finger zwischen die Seiten des Buches und murmelte: „So ein gemeiner Kerl“, sein Herz pochte. Ein trockener Wind blies unerbittlich in die nackten Äste der alten Bäume im Park des Internats Sonnegg. Hie und da ächzte es im Gehölz. Der Frühling war noch jung, in jenen Tagen des Jahres 1974. Täglich kroch der Schnee nur millimeterweise hinauf in die Berge. Graue Wolken türmten sich in den Winkeln des Simmentals. Es war die Zeit, in der es geschehen konnte, daß am anderen Morgen wieder alles weiß und verschneit aussah. Andy Carson war damals elf. Er saß auf dem ausladenden Ast einer alten Buche und sah versunken ins Tal. Er liebte dieses Buch. Kaum hatte er es zu Ende gelesen, gehörte er nicht mehr dazu und war wieder allein. Alle lachten schon über ihn, weil er sich das Buch aus der Heimbibliothek immer wieder auslieh. Alle Strafaufgaben der Welt konnte er ertragen - nur nicht ein Leseverbot. Andy seufzte. Seit nun beinahe einem Jahr, lebte er jetzt im Sonnegg. Es war ein sehr renommiertes Internat und lag etwas oberhalb des Dorfes Zweisimmen am Berghang nahe dem Waldrand. Des Morgens, wenn die Sonne den gegenüberliegenden Gebirgszug erklommen hatte, war das schneeweiß verputzte Haus mit seinen fast meterdicken Mauern eines der ersten, das sich sonnen durfte. Sogar unten vom kleinen Militärflugplatz, der unbenutzt in der Talsole lag, konnte jeder vormittags die Fensterscheiben des Sonneggs aufblitzen sehen. Andy zog es stets mit magischer Kraft zu Seinem Flugplatz hin. Er träumte davon, sein Dad, der einmal Pilot in der US Air Force gewesen war, würde eines Tages in seiner RA-5C Vigilante hier andonnern, um ihn, seinen einzigen Sohn, zu sich zu holen. Er stellte sich vor, wie er vor den geweiteten Augen des Rektors und den neidischen Blicken der Jungen, seinem Vater über das Rollfeld entgegen stürmte, ihn umarmte, mit der Sehnsucht und Liebe, die er all die Jahre für ihn im Herzen trug.

Alles nur ein Traum. Ihn konnte niemand abholen. Seine Eltern waren ja tot. Andy drückte das Buch an sich. Robin - der hatte noch einen Vater. Einen Vater, den er suchen konnte. Wie sehr freute er sich jedesmal für ihn, als Robin nach einem wilden Sturm schiffbrüchig an Land gespült, noch in letzter Minute von seinem Vater gefunden und gerettet wird. Um diesen Abschnitt zu lesen, schloß er sich immer im Schuppen ein.

Der auffrischende Bergwind raschelte im dürren Laub und wehte ihm das dunkelblonde, etwas zu lange Haar aus der klaren Stirn. Fröstelnd tastete Andy nach dem Reißverschluß seines braunen Anoraks und fuhr ihn hoch, bis übers Kinn. Heute morgen hatte er zusammen mit den anderen Jungen des Sonneggs auch gewartet. Sie hatten alle übermütig gelacht und waren herumgetobt. Fern von allem Trubel hatte Andy am Fenster gestanden und zugesehen, wie sie zu ihren Eltern gingen, und es hatte so unendlich weh getan. Es war doch so: Niemand machte sich Sorgen oder käme ihn suchen, würde er jetzt weglaufen.

Omi hätte sich gesorgt. Sie war die Mum seiner Mum gewesen und hatte immerzu Angst, ihm könnte etwas zustoßen. Wie oft hatte er sich geschämt, wenn sie ihn bei der Hand nahm, um mit ihm über eine Straße zu gehen. Deswegen hatte sie alles frühzeitig geregelt, damit er hier im Internat eine gute Erziehung bekäme, falls sie eines Tages sterben würde. Andy hatte natürlich nie daran geglaubt, daß es einmal soweit kommen könnte und sich gar lustig darüber gemacht, wenn sie ihm das Versprechen abverlangte, ihr im Sonnegg keine Schande zu machen. Er zwängte die Hände in die Taschen seiner trotz schlanker Taille zu engen Jeans und zog ein zerknittertes Foto hervor. Omi sah darauf so würdevoll und elegant aus. Ihr blondes, nur unmerklich angegrautes Haar trug sie aufgesteckt in einem Knoten und immer die passenden Ohrklips zum selbst entworfenen Kleid. Andy schloß die Augen. Mit selbstsicherer Hand führte sie ihr kleines Modeatelier und nur die aller feinste Arbeit war ihr gut genug. Oh, sie konnte jederzeit jedem etwas vormachen. Andy strich mit der Hand über das Bild: sie war die einzige Verbindung zu Mum und Dad, die er selber nie hatte kennenlernen dürfen.

Der stürmisch auffrischende Wind fauchte im Nadelholz und trieb die trägen Regenwolken an die Bergwände, um sie auszupressen wie einen nassen Schwamm. Andys Ast schaukelte immer heftiger. Bereits klatschten ihm die ersten kieselsteingrossen Regentropfen kalt aufs Haar. Er schüttelte den Kopf, steckte das Foto zwischen die Seiten des Buches und ließ sich vom Ast fallen. Wie ein gehetztes Reh jagte er den Kieselweg hinauf zum Haus und warf hinter sich keuchend die Kellertüre ins Schloß. Ein Hastiger Blick durchs eingelassene Fenster verriet ihm, daß er keine Sekunde zu früh gehandelt hatte. Heulend peitschten Windböen die Regentropfen gegen die Fensterscheiben und schüttelten die ehrwürdigen alten Bäume derart heftig, daß vereinzelt abgebrochene Äste auf den Kieselweg krachten, wo sich schon wackere Rinnsale ihre Wege bahnten.

Abgekämpft trottete Andy zu seinem Umkleideplatz, setzte sich auf die Holzbank an der Wand und streifte seine Turnschuhe ab. Eben in dem Moment stolzierte Murrli herbei. Andy nahm sie in seine Arme und vergrub sein Gesicht in ihrem weichen Fell. Murrli war eine junge Tigerkatze, seine beste Freundin. Ihr konnte er alles anvertrauen, denn sie hielt immer zu ihm. Vielleicht tat sie es aus Dankbarkeit, weil sie durch ihn ein Zuhase gefunden hatte. Andy ernoss verhalten. Murrli hob aufgeschreckt ihren Kopf und blinzelte ihm dann beruhigt zu. Sie wußte, von ihm hatte nichts zu befürchten. Er kraulte ihren Kopf und spürte ihren Körper fein vibrieren. Sie schnurrte wie eine Nähmaschine, das war ihr Markenzeichen. In einem Mundwinkel perlte bereits ein Tropfen frischer Speichel. Andy wischte ihn mit seinem Taschentuch weg, dann nahm er seine Turnschuhe und stellte sie in den Kasten mit den Initialen AC. Im selben Augenblick strömte ihm der süßlicherem Duft von frischem Apfelstrudel in die Nase. Jetzt merkte er, wie hungrig er im Grunde war. Mit rumpelndem Magen tapste er in den Socken die kalten Stufen der Steintreppe hinauf ins Parterre. Ganz leise öffnete er die Küchentür, er wußte, daß genau das eigentlich verboten war, denn Zutritt hatte nur, wer zum Küchendienst eingeteilt war...

„Ha! Hab ich mich erschreckt.“

„Entschuldigen Sie, ich...“

„Ach, Junge.“ Marie, die stämmige Köchin, die ihrem Handwerk alle Ehre machte, stellte die Kasserolle auf die Anrichte und kam zu ihm hin: „Was schaust du mich denn so traurig an, mit deinen großen rehbraunen Augen? Ist doch nichts passiert?“

Andy senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

„Hast du Hunger?“

Andy nickte.

Marie runzelte die Stirn und meinte nach einem prüfenden Blick zur Wanduhr: „So gegen sechs müßte mein Apfelstrudel aus dem Backrohr. Ah- es wird bestimmt halb sieben, mit dem Abendbrot. Jetzt, wo die Jungen alle weg sind, brauche ich auch nicht zu hetzen. Hältst du?s so lange aus?“ Sie wartete seine Antwort nicht ab sondern hielt ihm gleich ein Stück Früchtekuchen hin. „Da, iß und laß dich bloß nicht von Rektor Roth erwischen...“

Ganz heißhungrig verschlang Andy das wunderbar duftende Stück Kuchen, während Marie ihn schmunzelnd dabei beobachtete und strahlte, wie sie es immer tat. Er konnte sich nicht erinnern, Marie je mit schlechter Laune gesehen zu haben.

„So und jetzt trage mal bitte die Teller auf.“

Damit hatte er nun Küchendienst und ebenso das Recht, sich da aufzuhalten. Das war gut so, denn wer weiß, wollte es gerade der Zufall, begegnete ihm im Flur Herr Roth. Andy drehte sich um und zuckte zusammen - aber da war nichts. Es war so ungemütlich in dem leeren großen Haus, wo er auffiel, was immer er tat. Vor dem Schrank im Esssaal stellte Andy sich auf die Zehenspitzen und angelte vorsichtig die Teller vom oberen Gestellbrett. Gewöhnlich stieg er auf einen Stuhl, doch für die paar Teller lohnte es kaum. Marie schlug den Gong. Gerade rückte Andy die Stühle zurecht, als Rektor Roth den Esssaal betrat. Wortlos setzte er sich an das obere Ende des Tisches, wo er in ein paar Notizen zu blättern begann. Andy beobachtete den hageren Mann, mit dem markanten, gepflegten Schnurrbart aus den Augenwinkeln heraus. Manche behaupteten, er sei Mitte vierzig, doch keiner wußte es wirklich genau. Jetzt kamen die drei Gruppenleiterinnen, sie unterhielten sich aufgeregt miteinander, lachten und schienen keinerlei Notiz von Rektor Roth zu nehmen, bis dieser sich schließlich lautstark räusperte.

Fräulein Minder war vermutlich etwas über zwanzig, sie trug ihr braunes Haar schulterlang. Manchmal, wenn sie sich ganz vorbeugte, schlossen sich die Haare vor ihrem schmalen Gesicht wie ein Vorhang. Nur wenige wußten, daß sie rechts ein Glasauge hatte. Fräulein Kusch, schätzte Andy, war bestimmt ihre beste Freundin. Ihr blondes Haar trug sie meist ordentlich zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz, der mit jeder Kopfbewegung munter hin und her pendelte. Fräulein Jung blickte, wie gerade jetzt, oft ziemlich streng durch ihre dunkelbraune Hornbrille. Sie war Gruppenleiterin der jüngsten und gleichzeitig Kindergärtnerin. Andy hatte einmal aus einer Unterhaltung heraus gehört, sie sei beinahe vierzig, was ihm ziemlich alt vorkam. Doch am ältesten war bestimmt Herr Fuchs, der Gärtner, der im und ums Haus alles besorgte. Mit seiner breitspurigen Art, wirkte er oft etwas tolpatschig, was im Grunde gar nicht zutraf. Andy hatte ihn sehr gern, er kannte viele Geschichten und wußte stets genau, welche davon er ihm schon erzählt hatte. Er kannte alle auswendig, so auch „Robin’s Quest“, die er als Junge auch mehrmals gelesen hatte. Herr Fuchs stieß im Vorbeigehen scheinbar unbeabsichtigt Andys Stuhl an und zwinkerte mit einem Auge. Etwas verlegen schaute Andy dann vor sich hin. Heute durfte er am gemütlichen Ecktisch sitzen, an dem für gewöhnlich nur die Erwachsenen saßen. Sein Stuhl kam ihm da aber ziemlich unbehaglich vor, er fühlte sich ausgestellt, glaubte sich ständig beobachtet. Herr Roth jedenfalls schaute oft zu ihm hin, dabei strich er unentwegt seinen buschigen Schnurrbart zurecht, was meist ungutes erahnen ließ.

Die Küchentür ging auf und Marie trug den Apfelstrudel herein. Er duftete nun noch besser als zuvor. Marie setzte sich neben Herr Fuchs an den Tisch und half aufwarten. Andy warf dem einsamen Stück auf seinem Teller derweil gierige Blicke zu.

Endlich sprach Herr Roth das Tischgebet: „Wir danken Dir oh Herr für all die gütigen Gaben, die Du uns heut? bescheret hast - Amen.“ Er schaute prüfend zu Andy hin und murmelte verdrossen: „Das gilt auch für dich, junger Mann, oder glaubst du, weil deine Kameraden nun weg sind, hört es der Liebe Gott nicht?“

„Aameen.“

„Darüber macht man sich aber nicht lustig.“

„Tut mir leid.“

„In Ordnung und nun, guten Appetit...“

Andy griff schnell nach seiner großen Ohrentasse. Wie nützlich sie doch war, er konnte warme Schokolade trinken und sich gleichzeitig hinter dem breiten Rand vor unangenehmen Blicken schützen.

„Nach dem Essen kommt der Herr Carson noch zu mir ins Büro“, Rektor Roth wischte sich mit der Serviette den Mund. „Ist das soweit durchgekommen?“

„Ja, Herr Roth.“

„Gut, doch zuerst hilfst du Marie im Küchendienst...“

Nur der Spur nach verzog Andy das Gesicht.

„Kommt es Ihnen ungelegen, Herr Carson?“

„Es ist nur so ... ich meine, Sie brauchen mir das nicht extra sagen...“

„Zu sagen, heißt das, mein Sohn, zu sagen. Na ja, dann ist ja alles klar.“

Ganz erwartungsgemäß gab es nach dem Essen nicht viel zu tun. Marie zwinkerte ihm schon bald zu, als Zeichen, daß er seinen Teil geleistet hatte und nun gehen durfte. Dabei hätte Andy gerade heute liebend gern lange weiter gearbeitet. Er seufzte unbewußt, weil er glaubte ein seltsames Funkeln in Maries Augen entdeckt zu haben. Konnte es sein, wußte sie, worum es ging? Aber nein, er bezweifelte, daß es so war, fühlte sich aber dennoch nicht ganz sicher, als er die Küchentür zum Flur hinter sich zu zog. Nun stand er im dunklen Gang und hatte ein kribbeliges Gefühl in der Magengegend. Er wußte, es verhieß nie Gutes, bei Herrn Roth im Büro vorsprechen zu müssen. Entweder peitschte schon nach kurzem Gespräch der verteufelt elastische Kunststoffteppichklopfer auf den brennenden Hintern (die meisten konnten tags darauf noch nicht stillsitzen) oder eine Ohrfeige ließ die Sonntagsglocken auch wochentags erdröhnen. Andy grübelte: Was war es, was er von ihm wollte? Er konnte sich an kein Verfehlen erinnern. Und – wenn es vielleicht schon weiter zurück lag? Aber wie weit war weit? Er ballte die Fäuste in den Taschen und ging langsam, jeden Schritt genau überlegend, vorwärts. Sein Herz hämmerte wie ein Preßlufthammer und das Schlucken würgte. An der Biegung bei der Holztreppe, die hinauf in die oberen Stockwerke zu den Schlafräumen führte, blieb der Junge erneut stehen. Verloren schweifte sein Blick über die zwei sich gegenüberstehenden Holzbänke, die in der getäfelten Fensternische standen wie in einem Eisenbahnabteil. Dieser Ort hieß denn auch die Eisenbahn und stellte den zentralen Sammelpunkt vor Mahlzeiten oder Schulbeginn dar. Gleich Wand an Wand folgte das gefürchtete Büro. Andy versuchte sich zusammenzureißen, ging weiter und legte vorsichtig ein Ohr an die Tür. Es war totenstill im Büro. Vielleicht hatte Herr Roth sich verspätet und war noch gar nicht da? Zaghaft hob er seine Hand, klopfte dreimal.

„Ja – herein!“ schnarrte Herr Roths Stimme prompt.

Die Klinke quietschte, als Andy sie bis zum Anschlag herunter drückte und langsam die lindengrüne Türe öffnete. Eigentlich verdiente das Büro seinen Namen nicht. Seinen Dimensionen entsprechend glich es eher einer etwas geräumigen Putzkammer, hatte allerdings ein eigenes großes Fenster. Die Eisenbahn und das Büro hatten exakt die gleiche Größe.

Ganz automatisch suchten Andys Augen sofort den Teppichklopfer, der gewöhnlich zur Einschüchterung gut sichtbar neben der Türe an der ehemals weissgestrichenen Wand lehnte.

„Setz dich“, sagte Herr Roth streng und lehnte sich auf seinem Stuhl hinter dem monströsen Schreibtisch gemütlich zurück.

„Danke“, hauchte Andy und nahm auf dem unbequemen Besprechungsstuhl Platz. Ihm kam alles so sonderbar vor. Jedoch eines schien nun klar: Er würde keine Schläge bekommen, das war ohne den Teppichklopfer schier unmöglich und beruhigte ihn zumindest ein wenig.

„Du erinnerst dich noch an unsere Weihnachtsaufführung?“

„Oh, ja“, antwortete Andy mit leuchtenden Augen. „Sie war wunderschön.“

Rektor Roth nickte befriedigt und sog genüßlich an seiner Tabakpfeife. „Bestimmt hast du auch nicht vergessen, was ich euch damals gesagt habe?“

Andy zog die Augenbrauen zusammen, konnte sich aber an nichts Besonderes erinnern.

„Wir harren doch einen besonderen Gast unter den Zuschauern...“

„Genau, jetzt fällt?s mir wieder ein“, unterbrach ihn Andy hastig. „Das Spiel; wir sollten uns besonders viel Mühe geben.“ Andy fühlte plötzlich, wie Herr Roths Blick den seinen einzufangen suchte. Er mußte wegsehen.

„Der Herr aus Deutschland, er hatte dich nie besonders beeindruckt?“

„Habe ich was falsch gemacht?“

„Aber nein doch, mein Sohn. Ich bin sehr stolz, daß ein Zögling aus unserem Haus ausgewählt wurde“, Rektor Roth lächelte (das tat er wirklich nur ganz ausnahmsweise).

„Ausgewählt – wofür?“

„Er heißt Ellison...“

„Das war der, wie sagten Sie noch mal?“

„Der Agent aus Deutschland, er ist Besetzungschef und sucht für eine Filmrolle einen elf oder zwölf Jahre alten, begabten Jungen“, Herr Roth kramte einen Brief aus der Schublade hervor. „Herr Ellison schreibt hier, daß ihm dein Part besonders gut gefallen habe. Du seist sehr talentiert. Er würde dich deshalb gern seinem Regisseur Herr Collins vorstellen. Du bist zu Probeaufnahmen nach München eingeladen“, der Rektor musterte den Jungen mit einem prüfenden Blick.

Andy sah immer noch vor sich hin, zog die Stirn zusammen und fragte: „Was wird aus Murrli, während ich weg bin?“

„Murrli? Oh, deine Katze. Nun - da läßt sich bestimmt was machen“, Herr Roth entzündete ein Streichholz und sog die kleine Flamme in die Tabakpfeife. „Freust du dich denn gar nicht?“

Andy zuckte die Schultern.

„Es wäre eine besondere Ehre für dich und natürlich auch für unsere Internatsschule. Zwingen tut dich niemand. Du kannst es dir allerdings nicht mehr all zu lange überlegen, weil ich es dir erst sagen konnte, nachdem alle deine Kameraden abgeholt worden sind. Wir müßten bereits morgen früh losfahren...“

„Nur ich. Ganz alleine?“

„Das glaube ich kaum. Bestimmt werden noch viele andere Jungen vorsprechen dürfen, davon bin ich überzeugt...“

Andys Gesicht hellte sich auf: „Ich sage ja - wenn Murrli für immer bei uns bleiben darf!“

„Herr Carson, Sie sind nicht in der Position, solche Forderungen zu stellen“, er legte die Pfeife in den Ständer und begann nervös auf und ab zu gehen. „Von Anfang an, als du mit der Katze hier ankamst, habe ich dir gesagt, ich dulde keine Tiere im Haus. Wo würde das denn hinführen. Dann hast du mich beinahe genötigt und ich gestattete dir die Katze so lange zu behalten, bis sich ein geeigneter Platz für sie gefunden hat, immer mit der Auflage, sie bleibt draußen oder höchstens im Keller...“

„Bitte, bitte. Murrli hat doch sonst niemanden...“

Rektor Roth blieb stehen, schüttelte den Kopf, ging wieder ein paar Schritte, blieb erneut stehen, sah durchs Fenster hinaus in den Park und seufzte: „Gewiß, Junge, du hast ein Talent.“

„Oh – danke! Vielen Danke!“

 

Die Nacht war stürmisch und laut. In höhnischem Lied preßte sich der Wind durch Schlüssellöcher und rüttelte an Fenstern und Türen. Andy konnte keine Ruhe finden. Er saß aufrecht in seinem Bett und blätterte in seinem Buch. Dabei kreisten seine Gedanken noch immer um Begriffe wie Besetzungschef und Regisseur. Alles ganz neue Worte, deren Bedeutung er nicht recht kannte. Schließlich war er noch nie in einem Kino gewesen und fernsehen durfte er bestenfalls die Kinderstunde am Mittwoch im Nachmittagsprogramm. Ob es da wohl auch Regisseure und Besetzungschefs gab?

Durch den Sturm drang das verwehte Dröhnen des Stundenschlages der Dorfkirche von Zweisimmen. Andy gelang es jedoch nicht, einwandfrei mitzuzählen. Er vermutete aber, daß es bestimmt zehn Uhr geschlagen hatte und beschloß, nun endlich zu schlafen. Im Sprung eilte er zur Türe, knipste das Licht aus und flüchtete unter die Decke. Welche Unmenge Geräusche da plötzlich zu hören waren. Ein leichtes Schaudern erfaßte ihn, er traute sich nicht, sich zu bewegen. So unendlich einsam und schutzlos kam er sich vor in diesem schlauchlangen Dreierzimmer. Keiner, der überlaut schnarchte, keiner, der im Traum stöhnte, niemand, der ihm beistehen konnte, denn Dani, sein einziger Freund und Zimmergenosse, war heute morgen nach Hause gefahren. In Andy erwachte das Gefühl, allein in einer längst verlassenen Höhle zu sein. Er fühlte sein Herz schlagen und begann zu schwitzen. Zu allem Übel kam noch, daß er glaubte, auf die Toilette gehen zu müssen.

„Oh nein! Warum nicht früher?“ dachte er verärgert und legte sich möglichst geräuschlos auf den Bauch. Wie lange würde es wohl dauern, bis der Moment günstig war, schnell aufs Klo zu flitzen? Das mußte freilich gut überlegt sein, denn sein Bett war das von der Türe am weitesten entfernte, und das bedeutete, er mußte eine unheimlich lange Strecke in vollkommener Dunkelheit zurücklegen, bevor er endlich den rettenden Lichtschalter erreichte. Es war einfach nicht auszudenken, was ihm alles unterwegs begegnen konnte. Er hielt den Atem an und lauschte angespannt ins Dunkel.

„Zu gefährlich“, entschied er nach einer Weile und verwarf den Gedanken wieder. Es war besser, damit noch zu warten, Er wand sich gegen die Wand und wollte Schafe zählen. Es mußte ihm einfach gelingen, noch vor morgen etwas zu schlafen. In welchem Bett würde er wohl morgen abend schlafen?

Die Turmuhr schlug gerade elf, als Andy erschöpft in ruhigen Schlaf fiel. Nach einer unendlichen Leere, huschten plötzlich unscharfe Bilder an ihm vorüber, die ihm zunehmend plastischer erschienen. Wie durch einen Schleier tretend fand er sich wenig später im Stadtpark von Hamburg wieder, wo er früher mit Omi sehr oft spazierengegangen war. Doch jetzt sah alles völlig anders aus, beinahe wie ausgestorben. Zudem fror er entsetzlich, obwohl es Sommer sein mußte. Aber das Schlimmste: Er war allein, ganz allein. Unfähig zu denken, starrte er entsetzt auf die heranstürmenden Jungen. Er kannte sie. Es waren die Jungen, die ihn schon früher immer verhauen hatten. Wie besessen stürmten sie auf ihn zu. Verzweifelt versuchte er zu fliehen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Schon nach wenigen Metern stürzte sich der rothaarige Anführer, den alle Fritz nannten, auf ihn und riß ihn zu Boden. Andy konnte den stechenden Schmerz in sein linkes Knie fahren fühlen, als er fiel. Und dann, auf einmal trat Omi herbei. Sie hob majestätisch ihre schmalen Hände und ein Leuchten ging von ihr aus, wie von einem Engel.

„Omi!“ rief Andy heiser und riß die Arme hoch. Er berührte ihre Hand und das Leuchten umschloß ihn. Ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte ihn, eine Art Wärme, als wäre Omi mit all ihrer unendlichen Liebe mitten durch ihn hindurch, geradewegs in seine Seele gegangen. Geblendet mußte Andy die Augen schlissen, als das Glück langsam aus seinem tiefsten Inneren gegen Außen strömte und ihn eintauchte, in einen riesigen Ozean aus Liebe.

„Omi!“ rief er erneut und wollte sich ihr um den Hals werfen, doch sie war verschwunden, und er lag wieder ganz allein in seinem Bett, war völlig durchgeschwitzt und zitterte am ganzen Körper. Ein Hund bellte irgendwo in der Ferne, noch immer tobte draußen der Sturm. Ehe Andy richtig zu sich fand, flogen mit einer gewaltigen Böe die Fensterläden auf und schlugen krachend gegen die Hauswand. Ein kalter Wind fauchte ins Zimmer und zerrte wütend an den Vorhängen. Erschrocken schoß Andy aus seinem Bett, sprang ans Fenster und sah mit entsetzt geweiteten Augen auf die Silhouette eines brennenden Flugzeuges, das aus dem Dunkel geradewegs auf ihn zu raste!

Regen peitschte ihm ins Gesicht, er mußte blinzeln. Nur für einen Moment hatte er seine Augen geschlossen gehabt. Und jetzt? Es war weg, einfach verschwunden. Kein brennendes Flugzeug war mehr da, das mit schrecklich kreischenden Turbinen auf ihn zu raste, nur ein dichter Vorhang aus abertausenden von Wassertropfen, vermischt mit Schneeflocken, hing zwischen Himmel und Erde, sonst nichts.

Andy rieb sich die Augen und starrte angestrengt hinaus in die stürmische Dunkelheit. Es war eine Rockwell gewesen, er hatte sie deutlich erkannt. Dad hatte eine geflogen, er war in der RA-5C abgestürzt und dabei ums Leben gekommen. Konnte es möglich sein, hatte er Dads Flugzeug wirklich gesehen? Andy spürte die Nässe durch sein Pyjamaoberteil dringen und schauderte. Er mußte geträumt haben, oder war er etwa verrückt geworden? Langsam zog er die Fensterläden wieder zu und ließ die Verriegelung einschnappen. Er wollte sicher gehen und schloß nun auch das Fenster ganz.

Es war Dads Flugzeug gewesen, er fühlte, daß es so war. Mit einem Mal war es ihm egal, wer oder was ihm unterwegs begegnen konnte. Er rannte einfach los zu dem Lichtschalter. Müde blinzelte er in die plötzliche Helligkeit und huschte fröstelnd zurück, um sich schnell wieder ins warme Bett zu legen. Tastend griff er unter sein Kopfkissen und zog ein Foto hervor. Lange betrachtete er es im matten Lampenschein und träumte. Mum sah so glücklich aus in ihrem blendend weißen Kleid und dem flatterndem Brautschleier. Dad trug stolz seine Paradeuniform der US Air Force, strahlte vor Freude. Andy hatte sich fest vorgenommen, nicht mehr zu weinen, wenn er das Foto anschaute, aber es fiel ihm so unendlich schwer. Plötzlich stutzte er: Hatte Dad ihm nicht gerade eben zugezwinkert? Andy starrte wie besessen auf das Foto und wartete. Er hatte es doch deutlich gesehen, Dad hatte ihm  zugezwinkert. Das Würgen und Brennen in der Kehle schmerzte beinahe unerträglich, Tränen schossen ihm in die Augen. Dad hatte ihm zugezwinkert, er wußte, daß es so war.

Andy setzte sich im Bett auf und schneuzte die Nase, danach rieb er die Tränen aus den Augen und schnupfte. Hätte er nur einmal die Möglichkeit, sie zu umarmen, ihnen zu sagen, wie sehr er sie vermißte, wie sehr sie ihm immer gefehlt  hatten. Er begann zu frieren, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und schüttelte ihn. Andy kroch wieder ganz ins Bett und zog die Decke hoch, bis unter die Nasenspitze. Noch bei brennendem Licht und mit dem Foto in der Hand schlief er schließlich ein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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