Klaus-D. Heid

Was auch immer es war...

Da stand sie nun – und sah mich an, wie man eine schimmliges Brot anstarrte, das man eben zum Sonderpreis beim Bäcker um die Ecke erworben hatte. Während ihr entgeisterter Blick mich von oben bis unten musterte, kam ich mir tatsächlich wie ein verschimmeltes Brot vor. Was stimmt an mir nicht? Unsicher fasste ich an meine Nase, um eventuelle Peinlichkeiten schnell beseitigen zu können. In und an meiner Nase kann es nicht gelegen haben. Alles war in bester Ordnung. Meine Frisur? Man sieht niemanden so an, nur weil die Frisur etwas durcheinander aussah. Der Hosenschlitz? Um Himmels Willen! Hatte ich etwa nach dem letzten Klogang vergessen, meinen Hosenstall zu schließen? Auch daran lag es nicht. Alles, was verborgen sein sollte, war auch verborgen! Was aber war es? Wieso sah sie mich mit einem Blick an, der mich bis in die Grundfesten meines Selbstbewusstseins erschütterte?

Ich könnte sie ja fragen. Einerseits wäre das der einfachste Weg, um die Wahrheit zu erfahren – und andererseits gab es kaum ein besseres Mittel, um sich komplett zu blamieren.

Als ich Idiot noch damit beschäftigt war, fehler an meinem Äußeren zu suchen, nahm sie mir den Gang nach Kanossa ab, indem sie mich ansprach:

„Ist irgendetwas an mir? Du siehst mich so seltsam an, dass ich fast glaube, eine Außerirdische zu sein. Wenn es Dir nichts ausmacht, würde ich gerne wissen, was es ist, dass Dich so irritiert!“

Um die Situation besser verstehen zu können, muss man wissen, dass dieses Mädchen und ich uns seit drei Jahren täglich im Bus trafen und sahen. Seit drei Jahren spukte sie mir also im Kopf herum, ohne dass es zwischen uns auch nur einen einzigen Wortwechsel gegeben hatte. Sie kannte meinen Namen nicht – ich kannte ihren Namen nicht. Kurzgesagt: wir kannten uns nicht!

„Das Gleiche wollte ich Dich eben auch fragen. Kann es sein, dass heute etwas an mir sehr auffällig ist? Hat mir ein Vogel auf den Kopf gekackt? Fallen meine O-Beine heute mehr auf, als sonst? Hab ich vielleicht eins meiner Glasaugen verloren...?“

Sie fing plötzlich an, herzhaft zu lachen.

„Ich heiße Susanne. Susanne Beck. Und Du?“

Diese Szene spielte sich vor acht Jahren ab. Inzwischen haben Susanne und ich zwei süße kleine Mädchen bekommen, die gestern von einem fröhlich blickenden Jungen verstärkt wurden. Bis heute habe ich keine Erklärung für das, was damals im Bus passiert ist. Susanne geht es genauso. Irgendetwas muss aber in unseren Köpfen geschehen sein. Egal.

Was auch immer es war – es war gut so!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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