Adrian Braissant

Delta: 4. Die Festung

Die Nacht zum Sonntag war kristallklar und geheimnisvoll. Der Mond stand hoch am Himmel und warf seinen Silberglanz durchs offene Fenster hinein in Andys Zimmer. Andy schlief geplagt von fürchterlichen Alpträumen unruhig und oberflächlich. Er sah Mum und Dad ganz weit weg. Verzweifelt rannte er auf sie zu, konnte sie aber nie erreichen. Eine furchterregende Gestalt mit leuchtend roten Augen, einer riesigen Hakennase und spitzen Ohren, die aus einem struppigen Fell hervor- stachen, hielt sie zurück.

"Andrea würde noch leben! Du hast sie getötet - du bist schuld..." krächzte die Gestalt und stieß ein ächzendes Lachen aus.

"Mum!'.' stöhnte Andy mit heiserer Kehle, und eisiges Schaudern packte ihn. Was sagte diese schnarrende Stimme da? Er, der Mörder seiner Mutter?

"...du hättest nie leben dürfen. Deine Geburt hat sie getötet! Getötet hast du sie! Du Mörder!"

"Aber Omi hat doch gesagt, Mum und Dad hätten sich so sehr gefreut!" schrie Andy verzweifelt der Gestalt zu, und seine Stimme überschlug sich.

Ein teuflisches Grinsen kam von der Gestalt. Sie entfernte sich humpelnd und schleifte Mum und Dad mit sich in die grausige Leere. Das Geräusch aufeinanderreibender Knochen begleitete sie.

Wie ein muffiger Hauch aus einer Gruft von tief unter der Erde, so hatte der Atem der Gestalt Andy angehaucht. Und sie hatte nach Tod und verwestem Fleisch gerochen.

"Daaad! Muuum!" schrie Andy, bis seine Kehle brannte und er erwachte.

Er schlug die Augen auf und sah, daß der Mond seine Bettdecke in einen silbernen Totenschleier verwandelt hatte.

"Andrea würde noch leben - du bist..." Andy preßte beide Hände auf die Ohren, er würde es bald nicht mehr aushalten. Aber die Stimme hallte schaurig weiter in seinem Kopf, grub sich tief in sein Gehirn. Sie nagte an seinem Verstand und trieb ihn mit jedem Laut schrittweise näher an den Rand des Wahnsinns. Bald würde er keine Kraft mehr haben und sich nicht mehr beherrschen können. Dieser Teufel zerfleischte seine Seele bei lebendigem Leib.

"Muum - was sollte ich denn tun     ... Ich kann doch nicht  ......  seine Stimme brach. Verzweifelt vergrub er sein Gesicht. Dann klopfte es plötzlich an der Tür.

"Andy  ... Was hast du?"

Es war Anderson, den er jetzt Tom nennen durfte. "Mach doch eben mal auf, ich möchte..."

"ich  ... sie ist offen", würgte Andy zwischen zwei Schluchzern hervor. Tom Anderson war im Pyjama und hatte sich einen braunkarierten Morgenmantel übergeworfen. Er knipste das schwache Licht der Nachttischlampe an und setzte sich neben Andy auf die Bettkante. Behutsam strich er ihm das wilde Haar aus der Stirn und fragte: "Was ist es? Was quält dich denn so? Ich habe dich schon öfters nachts weinen gehört. Willst du mir nicht erzählen..."

Andy wimmerte. Seine Augen waren verweint und ganz geschwollen, sie brannten wie Feuer.

"Es ist wegen Mum. Die Stimme im Traum sagt..." Andy schluchzte, setzte neu an, wobei seine Stimme kieckste. "Sie sagt, Mum würde noch leben, wenn ich nicht wäre."

"Aber Andy, so etwas darfst du doch nicht glauben. Deine Mum hat sich sehr auf dich gefreut. Es kommt manchmal vor, daß..."

"Ich bin schuld. Wäre ich nicht, Mum würde..." heulte Andy.

"Ich weiß, daß du sie, deinen Dad und auch deine Omi sehr vermißt. Aber du darfst dir niemals die Schuld an ihrem Tod geben. Es geschieht heute sehr selten, aber es kommt noch vor, daß eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Und glaubst du, diese Kinder seien alle Mörder?"

Tom zog, ein blaues Stofftaschentuch aus der Tasche und wischte ihm dann die Tränen aus den Augen. "Sieh mal Andy, es gibt Dinge, die man nicht so einfach erklären kann. Manche Menschen opfern ihr ganzes Leben, um daran herumzurätseln. Sie zerfleischen sich mit vielen Wenn und Aber, und am Ende bringt es sie gar um. Es sind unglückliche Menschen, ihr Leben lang. Sie zerbrechen unter der Last der Schuldgefühle." Tom machte eine gedehnte Pause und sah ihn dabei fest an. "Deine Mum hat dich zur Welt gebracht, damit du leben sollst, glücklich leben sollst! Sie und dein Dad lieben dich sehr. In dir sind sie vereint, denn in dir leben sie weiter."

Schnupfend rieb sich Andy die Augen und setzte sich auf. Jetzt endlich hatte er es jemandem erzählen können, jetzt war er nicht mehr allein mit seiner Angst. Bei Tom konnte er sein Herz ausschütten, er half ihm, den Schmerz zu ertragen.

Für einen Moment sahen sie sich stumm in die Augen, dann mußte Andy sich in Toms Arme werfen, er mußte es einfach tun, er hatte solches Verlangen danach. Zu lange hatten ihn keine Arme mehr gehalten, die ihm das Gefühl gegeben hatten, ihn zu beschützen und ihm die Geborgenheit zu geben, die er so sehr brauchte. Tom hatte starke Arme, aus denen ihn kein böser Teufel der Welt hätte reißen können, bei Tom war er sicher, er hatte für alles Trost - er war sein Freund.

"Oh, Andy, wein' dich nur aus, es hilft dir und gibt Kraft. Auch ich habe geweint, als meine Eltern starben, da war ich doch schon dreißig", sagte Tom, strich ihm sanft übers weiche Haar und drückte ihn fest an sich. "Du solltest mehr Freude am Leben haben und nicht immer so traurig sein. Ich bin überzeugt, deine Mum, dein Dad und deine Omi wünschen sich nichts mehr, als daß du wieder lachst und strahlst wie ein Sonnenschein."

Andy klammerte sich an Tom und wollte ihn nicht mehr loslassen. "Bitte bleiben Sie bei mir. Ich habe solche Angst. Was soll ich tun, wenn die Stimme kommt?"

"Wenn du sie hörst, beachte sie nicht, sonst gewinnt sie nur an Macht. Entkräfte sie, indem du auf dich einredest. Am besten hämmerst du dir irgend einen Satz fest ein", sagte Tom.

"Was soll ich denn..."

"Vielleicht folgendes: Mum will, daß ich lache, Dad will, daß ich lache, Omi will, daß ich lache... Das kannst du dann beliebig fortsetzen und wiederholen. Übrigens, auch ich möchte, daß du lachst!"

"Tom, warum haben Sie eigentlich keine Kinder?"

"Weißt du, das ist eine traurige Geschichte. Wenn du dich wieder ins Bett legst, erzähle ich sie dir, okay?"

Andy legte sich hin und Tom deckte ihn liebevoll zu. Es war beinahe wie bei Omi. Auch sie hatte ihn immer zu Bett gebracht und ihm dann eine kleine Geschichte erzählt.

Tom begann: "Als ich noch sehr jung war... "Wie alt waren Sie denn?" fiel Andy dazwischen. "Ich war achtzehn und hatte ein liebes Mädchen zur Freundin. Ich liebte sie wie niemand anderes auf dieser Welt. Wir waren zusammen aufgewachsen, wir waren in die gleiche Schule gegangen und hatten uns immer geliebt. Mit zwanzig wollten wir dann heiraten..." Tom unterbrach und biß sich auf die gestrafften Lippen.

"Warum habt ihr nicht geheiratet?"

"Eines Abends waren wir tanzen. Ich hatte getrunken, viel getrunken. Weil Dad mir sein Auto ausgeliehen hatte, wollte ich Ruth nach Hause fahren. Ich glaube, ich wollte ihr auch zeigen, wie gut ich fahren konnte. Ich fuhr sehr schnell. Im Rausch der Geschwindigkeit übersah ich ein Warnschild. Die Kurve wurde immer enger, und der Wagen geriet ins Schleudern. Er durchschlug die Leitplanke, überschlug sich viermal und krachte dann in den Entwässerungsgraben neben der Straße. Ruth war sofort tot."

"Und Sie?"

"Oh - ich habe verdammtes Glück gehabt, ich war angegurtet. Ruth nicht", erklärte Tom und seufzte. "Ich hätte mich bestimmt umgebracht, wäre Dad nicht gewesen. Er war ein guter Vater. Er hat mir geholfen, weiterzuleben."

"Das tut mir wirklich leid..."

"Nein, Andy, es muß dir nicht leid tun, es soll dich auch nicht belasten. Schlaf jetzt, und versprich mir, nicht mehr zu weinen.

Andy nickte und Tom löschte das Licht. Tom hatte Tränen in den Augen gehabt, Andy hatte sie im Licht glitzern sehen.

 

Als Andy am kommenden Morgen erwachte, war es schon acht und er hatte tief und fest geschlafen, ohne zu träumen, zumindest erinnerte er sich nicht mehr daran. Er setzte sich auf, blickte auf seine neue Armbandtaucheruhr, die ihm Frey gekauft hatte, damit er immer genau wisse, wann er vor die Kamera müsse. Andy war sehr stolz auf seine erste Uhr, und bestimmt war er der einzige Junge im Internat, der eine eigene Taucheruhr besaß.

Frisch und munter schwang er sich aus dem Bett, kniete nieder und zerrte eine Kartonschachtel darunter hervor. Er hatte darin eine gummierte Stablampe mit vier Rundbatterien versteckt, die er sich gestern von Stefan, dem Techniker, hatte geben lassen. Heute endlich wollte er auf eigene Faust die Gegend erkunden. Schule stand nicht an, und vor die Kamera mußte er erst am späteren Nachmittag, also blieb bis zum Mittagessen genügend Zeit, auf Entdeckungsreise zu gehen.

Andy warf sich schnell in die Kleider und öffnete vorsichtig die Zimmertür. Würde ihn die Tür verraten und knarren?

Sie tat es nicht und Andy trat erleichtert in den Flur. Tom schlief jetzt bestimmt noch, aber Andy wollte sichergehen und beschloß, an der Tür zu horchen.

Es war ruhig drinnen, nur das monotone Rauschen der See drang durch den feinen Türspalt. Tom schlief also bei offenem Fenster, entschied Andy und wollte eben gehen, als er plötzlich glaubte, Tom sprechen zu hören. Leise zwar und gedämpft, aber es war Toms Stimme.

Andy preßte sein Ohr fester an die Tür und horchte angestrengt, mit angehaltenem Atem. Ja, Tom sprach, und es hörte sich an, als führte er ein Telefongespräch. Aber wie denn? Außer dem Apparat unten in der Halle gab es im ganzen Hotel nirgends ein Telefon!

Ein zarter Lichtstrahl drang durchs Schlüsselloch. Andy ließ sich in die Hocke fallen, fuhr aber sogleich wieder hoch. Ein stechender Schmerz hatte sich in seinen Unterleib gebohrt.

"Die Stablampe", schoß es ihm durch den Kopf. Erschrocken tastete er nach der Lampe. Sie hing bereits bedrohlich aus der Hosentasche und wäre ihm bestimmt im nächsten Moment vor die Füße gefallen, hätte er nur noch eine kleine Bewegung gemacht. Kaum auszumalen, welcher Lärm davon entstanden wäre.

Hastig steckte Andy sie zurück in die Tasche und ging vorsichtig in die Hocke. Diesmal hatte er noch mal Glück gehabt. Wie hätte er bloß erklären wollen, warum er früh morgens mit einer Taschenlampe an fremden Türen horchte?

Der Schlüssel steckte von der Innenseite im Schloß, soviel konnte er gerade noch entdecken, es war aber unmöglich, weitere Einzelheiten zu sehen. Andy beschloß daher, nochmals an der Türe zu horchen. Dies- mal konzentrierter und viel intensiver als zuvor. Dabei pochte sein Herz aber so laut, daß ihm jeder Pulsschlag wie ein Paukenschlag in den Ohren dröhnte.

Es war wieder ganz ruhig im Zimmer, aber Andy fühlte, was er gehört hatte, versuchte Tom zu verbergen. Es war keine Einbildung gewesen. Wüßte er nur, mit wem Tom gesprochen hatte. Vielleicht mit einem Besucher? Woher denn, der Besucher hätte doch auch mal antworten müssen.

Leise ging Andy weiter, tappte die Stufen hinunter in die Halle und in wenigen Schritten stand er schon vor dem Hotel, Niemand hatte ihn gesehen, und das war gut. So brauchte er keinen um Ausgang zu fragen, Collins oder Frey hätten es ihm bestimmt verboten. Und Tom Anderson?

Erst war es kein richtiges Rennen gewesen, doch jetzt rannte Andy, mit aus der Stirn gewehtem Haar, getrieben von der Ungewißheit, der Angst um Tom. Was war er? Ein Spion?

Er hatte keinen Besucher im Zimmer gehabt, nein, er mußte mit jemandem gefunkt haben. Ja, genau so hatte es sich angehört. "Charlie Bravo", und so'n Zeug hatte er gesagt.

So erreichte Andy bald die ersten Brocken des Brandungsgerölls, die wie kleine Berge aus dem glatten Sand wuchsen. Er nahm tüchtig Anlauf und setzt in einem weiten Sprung auf einen der Brocken, der aussah wie das Matterhorn.

Was wußte er von Tom Anderson? Tom war sein Freund, da gab es keine Zweifel, aber war er vielleicht noch was anderes - ein Agent?

Rasch kletterte Andy auf den Felsen und stellte sich ganz oben hin. Er sah seine Fußabdrücke im unberührten Sand, verfolgte sie zurück bis zur Straßenböschung und beobachtete dann das Hotel. Eine sanfte Brise spielte mit seinem Haar.

Das spitze und scharfkantige Gestein begann sich jedoch bald durch die Gummisohlen seiner weißen Turnschuhe zu bohren, aber Andy wollte noch aushalten, aushalten, bis er wußte, was mit Tom war. Doch das Stechen wurde schnell unerträglich und zwang ihn zum Aufgeben.

Mit einem gewaltigen Sprung vom Matterhorn flog Andy durch die Luft wie ein Fallschirmspringer im freien Fall. In einer eleganten Vorwärtsrolle fing er die harte Landung auf, und lag jetzt ausgestreckt auf dem Rücken im feinen Sand und blickte in das tiefe Blau des klaren Morgenhimmels, wo hoch oben eine Möwe kreiste. Sie tat es beinahe ohne mit den Flügeln zu schlagen.

Was würden Dad und er an so einem prächtigen Tag alles unter- nehmen? Oh - es gab tausende von Möglichkeiten. Andy griff in die Tasche und holte die Fotos hervor. Er betrachtete sie lange und ausführlich, so, als sähe er sie zum ersten Mal.

Würde er Dad überhaupt erkennen, wenn er ihm irgendwo über den Weg liefe? Herrgott, er hatte nur dies eine Bild von ihm, würde er ihn erkennen?

Andy sog die salzig-frische Seeluft tief in die Lungen und sah, daß die Möwe noch immer lautlos über der Bucht kreiste. Irgendwie fühlte er sich von ihr beobachtet. Sie hatte ihren spitzen Kopf mit dem scharfen Hackschnabel nach ihm gereckt, er hatte es genau gesehen, sie schielte auf ihn, die ganze Zeit schon.

Sein Blick kehrte zurück zu den Fotos und wieder hinauf zur Möwe. Mum, Dad und Omi, schauten sie gerade jetzt in diesem Moment auf ihn nieder? Vielleicht waren es die Augen der Möwe, durch die sie auf ihn schauten, wie durch eine Fernsehkamera. Warum bloß sagten sie denn nie etwas? Waren sie stolz, daß er einen Film drehen durfte?

Die Sonne brannte heiß auf Andys Jeans, am liebsten hätte er gleich kehrt gemacht und die rote Turnhose im Hotel geholt, aber er hatte keine Zeit zu verlieren, wollte er bis Mittag etwas entdeckt haben. So beschloß er zu leiden und wanderte an den mit stinkendem Abfall überschütteten Bunkern am Fuße der Kliffs vorbei und bog dann in einen schmalen und steilen Saumpfad ein.

Erst kraftvoll, dann allmählich erschöpfter stapfte er den teils tief eingeschnittenen, mit schneeweißem, puderfeinen Sand bedeckten Saumpfad hinan, der häufig von dornigem Gestrüpp derart überwuchert war, daß Andy wie ein Storch stelzen mußte. Jetzt zahlte es sich doppelt aus, daß er nicht die kurze Turnhose anhatte.

Der Schlangenpfad schwang sich am Rande der Felsen im stechen den Kliffgras steil empor auf die Landzunge, die sich wie ein mächtiger Keil trotzig in den Atlantik schob. Vorne, an der Pointe du Raz, stand ein großes Semaphor, und ganz am äußersten Ende der Landzunge, schon halb im Meer, klebte auf einem Riff ein Warnlicht, das er abends, wenn er auf der Fensterbank saß und träumte, aufblitzen sah.

Keuchend und trotz der kühlen Brise verschwitzt, erreichte Andy die Hochebene. Er hatte extra laut gestampft, um Schlangen, die es hier vielleicht gab, damit zu verscheuchen. Man konnte ja nie wissen, ob es da nicht doch weiche gab. Abgekämpft ließ er sich ins stechende Gras fallen, jetzt mußte er unbedingt den feinen Sand aus den Socken schütteln. Die Zehen brannten, als wäre er in Brennesseln getreten, bestimmt waren sie ganz wundgescheuert.

Einen Seufzer ausstoßend streifte er die Turnschuhe mitsamt den Socken vorsichtig ab und betrachtete die gerötete Haut. Seltsam, kein Mensch war ihm bisher begegnet, er war völlig allein, aber er war es gewohnt.

Andy sah in die klare Luft. Die Möwe flog noch immer elegant ihre Runden und beobachtete jede seiner Bewegungen, jedenfalls hatte er den Eindruck, daß es so war.

Hatte eine Möwe auch Heimweh? Konnte sie sich einsam fühlen, so wie er? Was war das für ein Gefühl, da oben zu kreisen und hinunter zu schauen?

Er schüttelte die Turnschuhe aus und schlüpfte wieder hinein. Ja, jetzt fühlten sich seine Füße wieder viel besser. Er sprang auf und stellte sich auf einen überhängenden Vorsprung. Fast automatisch hob er die Arme und streckte sie aus wie Flügel, dann wog er sich im frischen Wind. Sein weißes Sweatshirt mit der roten Aufschrift "Robins Abenteuer" über einem stolzen Piratenschiff, flatterte wie eine Fahne wild im Wind. Ein berauschendes Freiheitsgefühl jagte ihm reihenweise Schauer über den Rücken. Er spürte, wie der Wind ihm unter die Anne griff, und er glaubte, im nächsten Moment abzuheben, sich tragen zu lassen.

"Der helle Wahnsinn", dachte Andy hingerissen, und sein Magen drehte sich, als hätte er eben einen Looping geflogen. Auch Dad mußte dieses wunderbare Gefühl gekannt haben, er mußte einfach.

Andy hätte ewig da stehenbleiben können, wäre ihm nicht allmählich kalt geworden. Jetzt wußte er es so deutlich wie nie zuvor: Er mußte wie Dad Pilot werden.

Andy verließ den Klippenweg, der haarscharf oberhalb des Randes der überhängenden, bis zum Rand hin mit Gras bewachsenen, Geröll- wand klebte und folgte einem anderen Pfad, der sich durch Farnhaine, kratzige Brombeerstauden und Gestrüpp mit bohnenartigen Früchten auf eine Kuppe schlängelte. Andy nannte sie den Festungshügel, weil sich dort eine der größten Befestigungsanlagen befand.

Nach dem etwa fünfzehnminütigen Marsch ließ er sich ermattet auf dem Dach des größten Festungsbaus nieder und sah sich um. Zwei kaminartige Rechtecke wuchsen am vorderen Ende links und rechts aus dem Bau. Gleich daneben entdeckte Andy die abgesagten Überreste zweier Gittermasten. Vielleicht war da mal eine Funk- oder Radaranlage untergebracht gewesene

Wenig später entdeckte Andy eine große Rampe, die hinunter zum verwinkelten Eingang führte. Der Betonkoloß selbst bestand gar nicht nur aus Beton. Die Außenschicht war mit klebrigem Teer übergossen, dann folgte eine dicke Schicht aus Backsteinen und erst darunter war die eigentliche Betonhülle zu sehen.

Die Aussicht von hier oben war grandios. "Ein hervorragender Ort für eine Festung", dachte Andy und fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen. Wie froh wäre er gerade jetzt um einen großen Schluck Wasser aus der meergrünen Perrierflasche, die noch da stehen mußte, wo er sie gestern bereitgestellt und heute morgen vergessen hatte. Na ja, wenigstens hatte er die Taschenlampe mit, sie war schließlich auch viel wichtiger.

Er raffte sich auf und kletterte vom Bau. Die Zufahrtsrampe war gerade so breit, daß ein Lastwagen bequem zufahren konnte. Neben einer alten Waschmaschine begegnete Andy noch einem ausgedienten Fahrrad und einem halben Dutzend Autoreifen, bevor er schließlich zum verdeckten Eingang kam.

Etwas ängstlich schon, aber dennoch fest entschlossen, klammerte er sich an seine Taschenlampe und knipste sie an. Er konnte es jetzt kaum mehr erwarten, einen Blick ins Innere dieses mit meterdickem Eisenbeton gepanzerten Baus werfen zu können.

Ein fauler Gestank stieg ihm in die Nase, als er den ersten Schritt hinein wagte. Beinahe schlecht wurde ihm davon. Angeekelt verzog er das Gesicht und hielt sich ein Taschentuch vor die Nase. In diese Festung wollte er, daran hinderte ihn selbst dieser nach verrottenden Fäkalien und dahinfaulendem Abfall riechender Gestank nicht.

Gähnende Leere in vollkommener Dunkelheit tat sich vor ihm auf. Andy war einen Moment lang verunsichert. Wenn ihm da drinnen nun wer auflauerte? Selbst eine Mieze würde ihn in der finsteren Nacht zu Tode erschrecken. Aber wozu hatte er denn die Lampe mit? Er mußte nur genügend vorausleuchten, dann würde er schon früh genug erkennen, ob da was auf ihn wartete.

Jeder seiner Schritte knirschte, und überall lagen Scherben zerbrochener Glasflaschen herum. Vom Sonnenschein geblendet erschien Andy der sonst kräftige Lichtkegel seiner Stablampe wie das blasse Schimmern eines Talglichtes. Er schloß die Augen, um die Gewöhnungsphase zu verkürzen und sah jetzt überall rote, gelbe und weiße Punkte und Ringe herumfliegen, die er sogar irgendwie steuern und verfolgen konnte.

Es hatte gewirkt, und langsam zeichneten sich fahle Umrisse vor ihm ab. Schrittweise tastete er sich immer weiter in die Festung hinein, wobei der üble Abfallgestank mehr und mehr einer muffigen Frische wich.

Der Gang mündete in verschiedene Räume, die aber alle klein waren. Doch dann fand Andy einen größeren Raum, der ungefähr dreimal so groß schien, wie die Eisenbahn im Internat, nur halt um vieles niedriger. Andy schaffte es, obwohl er für sein Alter nicht gerade groß gewachsen war, die verkrustete Decke zu berühren.

Schön sauber war es hier drinnen auf einmal, kein Vergleich zum Dreck am Eingang, das war ihm gleich aufgefallen. Andy begann zu rätseln, wann wohl der letzte Mensch diesen Raum verlassen hatte, als plötzlich der Boden unter seinen Füßen vibrierte wie der eines Eisenbahnwaggons, der mehrere Weichen überrollt. Konnte das von den Bussen kommen, die vom letzten Drei-Häuser-Dorf Lescoff über die schmale Asphaltstraße hinaus zur Pointe du Raz donnerten? Die Straße befand sich aber ziemlich weit weg, und diese Festung bestand aus massivem Beton.

"Möglich ist alles", entschied Andy und begann den Raum mit der Lampe systematisch auszuleuchten.

Mit einem Mal sah er sich zwei leuchtendgelben Augen gegenüber, die ihn aus einer kleinen Nische am anderen Ende des Raumes anfunkelten. Vor Schrecken gelähmt, ließ Andy die Lampe fallen und hörte, wie das Schutzglas zersprang, es wurde dunkel.

Sein Herz verkrampfte sich und schmerzte wie wenn tausend Spritzennadeln hinein stechen würden. Die Augen waren wieder weg.

"Ein Monstrum!" schoß es ihm jäh durch den Kopf, und er begann instinktiv zurückzuweichen. Die Lampe mußte irgendwo da vor ihm liegen, er mußte sie unbedingt wieder kriegen. Er kniete nieder und tastete vorsichtig über den Boden.

Hatte es ihn entdeckt? Kam es auf ihn zu? Bewegte es sich? Nein, bestimmt stand es still, aber wie lange noch? Vielleicht ließ es ihn ganz in Ruhe, es hätte sich ja längst auf ihn werfen können...

Andy spürte, wie ein harter Griff ihn plötzlich von hinten an der rechten Schulter packte und sein Herz krampfte sich zusammen. Das Monstrum, es hatte ihn doch gefunden!

In der Nische, wo zuvor die Augen gewesen waren, flammte ein starker Scheinwerfer auf und zerriß brutal die Dunkelheit.

"Wir kommen jetzt rein", hörte Andy eine kräftige Baßstimme hinter sich sagen, dann fühlte er kalten Angstschweiß aus den Poren strömen.

Kreideweiß, mit stotterndem Herzen blinzelte er ins grelle Scheinwerferlicht und spürte, wie ihn eine große Kraft in die Nische schleifte. Seine rechte Schulter und der Oberarm schmerzten rasend, bald hatte er kein Gefühl mehr darin.

Der Scheinwerfer erlosch, sowie sie die Nische erreichten, ein rotes Licht ging statt dessen an, dann schob sich hinter ihnen eine schwere Stahltür knirschend vor, und der Boden senkte sich langsam ab wie bei einer Hebebühne, oder war es etwa ein Aufzug?

Der feste Griff an Andys Oberarm lockerte sich langsam. Es war kein Monstrum, das da hinter ihm stand, er konnte es jetzt genau sehen. Es war ein kräftiger Mann, der ihn mit Pranken wie Roboterklammern am Arm hielt, und seine Augen leuchteten auch nicht. Er trug sogar eine dunkle Brille.

Die Fahrt dauerte nur wenige Sekunden und ging etwa zehn Meter tief in einen Schacht hinab. Dann krachte es, der Boden senkte sich nicht mehr weiter, zwei richtige Fahrstuhltüren glitten fast geräuschlos auseinander. Ein kleiner Raum tat sich vor ihnen auf, in dessen Mitte so etwas wie ein Kommandopult stand. Dahinter, an der weißgetünchten Wand, klebte eine mächtige, mindestens einen Meter dicke und zwei Meter hohe Tresortür, blank poliert und glatt, so daß jeder Fingerabdruck darauf sofort ins Auge gesprungen wäre. Helle Leuchtstoffröhren flimmerten brummend in zwei engen Reihen an der Decke, und Andy hatte das Gefühl, so etwas wie einen Luftschutzkeller betreten zu haben.

Der gedrungene Mann am Kommandopult trug ebenfalls eine dunkle Brille und eine grasgrüne Uniformjacke mit einem großen Dreieck oberhalb der linken Brusttasche. Das auffällige Dreieck stand wie eine Pyramide und sah sehr kunstvoll gearbeitet aus. Die Umrißlinien bestanden aus einem hellen Weiß auf dunkelblauem Grund.

"Deltacontrol", sagte der Mann am Kommandopult in seine Kopfhörersprechgarnitur und tippte etwas in sein Terminal ein. Dann klickte und klackte es in der glänzenden Tresortür, und ein Summen wie beim Motor einer Straßenbahn ertönte. Die Tür schwang auf und der Boden vibrierte. Andy hatte wieder das Gefühl, als würden tausend Ameisen in seinen Schuhen krabbeln. Das war es also gewesen, sie hatten gewußt, daß er kam...

Hinter der Tür folgte ein etwa zehn Schritte langer Gang und dann, Andy schluckte leer und staunte, eine Kommandozentrale wie sie die NASA bei den Apolloflügen eingesetzt hatte. Überall standen große Metallschränke in geordneten Gruppen, auf denen ebenfalls dieses Dreieck stand. Daten huschten wirr über große Monitore, Kontrollampen flammten nervös auf und Drucker hämmerten in rasendem Tempo auf meterlange Papierbahnen, aber niemand saß an den Arbeitsplätzen. All das lief wie von Geisterhand gelenkt, automatisch ab. Gleich im ersten Moment war Andy aufgefallen, daß sich nicht ein Stuhl in diesem phantastischen Raum befand, also mußten Menschen hier total überflüssig sein.

Der große Mann mit der Sonnenbrille packte wieder härter zu und zerrte ihn in einen Nebenraum, der aussah wie das Krankenzimmer im Internat. Andy verzog das Gesicht vor Schmerz und beugte sich der Gewalt.

"So, Junge, nun leer mal deine Taschen aus", sagte die wie eine Krankenschwester gekleidete Frau mit schwarzen Haaren und großen Ohrringen.

"Die Kellnerin..." schoß es Andy durch den Kopf. Er gab sich Mühe, sich die Angst nicht anmerken zu lassen, als er sein Taschenmesser, das Taschentuch und einen glitzernden Stein aufs hingehaltene Tablett legte.

"Ist das Alles?" knurrte ein weißbärtiger Mann mit auffallender Stirnglatze, als er hinter dem Paravent hervortrat.

"Nein, der Junge hat noch Fotos in der Tasche", sagte die Kellnerin scharf.

"Die dürft ihr mir nicht wegnehmen...“ wehrte sich Andy heftig.

Der Mann mit der Sonnenbrille packte ihn fest am Arm, riß ihm die Fotos aus der Tasche und warf sie achtlos auf das Tablett.

"Es sind meine Eltern, ich habe nur..."

Wortlos zog die Kellnerin (jetzt Krankenschwester) eine Ampulle aus ihrem weißen Kittel und saugte eine trübe Flüssigkeit in einer Glas- spritze hoch.

Alles ging jetzt sehr schnell. Andy war gelähmt vor Angst, hätte sich auch sonst kaum wehren können, denn der Weißbärtige packte bereits seinen linken Arm, schob mit einem Ruck seinen Ärmel hoch und hielt den gestreckten Arm der Krankenschwester hin.

Mit entsetzt geweiteten Augen sah Andy die lange Nadel in eine der angeschwollenen Adern seiner Ellbogeninnenseite fahren, und augenblicklich schwanden ihm die Sinne.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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