Adrian Braissant

Delta: 5. Tom Anderson

"He - Hallo! Andy, was ist denn?"

Er hörte diese Stimm hallend von weit, weit her auf sich zukommen. Er wollte die Augen öffnen, aber er hatte nicht die Kraft dazu.

"Er muß von diesem Fels gefallen sein. Sehen sie nur, seine Nase blutet!“

Mühsam und mit hämmernden Kopfschmerzen rang er sich schritt- weise aus der dumpfen Leere seiner Bewußtlosigkeit. Jetzt hatte die Stimme schon viel klarer und näher geklungen. Aber er fühlte sich gerädert und glaubte, mindestens hundert Jahre geschlafen zu haben. Dann versuchte er nochmals langsam die Augen zu öffnen. Ins grelle Sonnenlicht blinzelnd sah er Herrn Frey neben sich in Sand knien, die Kellnerin mit den großen Ohrringen war auch da. Jetzt trug sie keinen weißen Kittel mehr.

"Rufen sie schnell einen Arzt", sagte Frey.

Die Kellnerin mit den Ohrringen stelzte auf ihren langen Beinen da- von und Andy fiel auf, daß sie noch immer diese schwarzen Lackschuhe trug, wie am ersten Abend.

Nur nach und nach und mit großem Erstaunen begann Andy zu begreifen, wo er war. Vor ihm wuchs das Matterhorn in Miniatur aus dem Sand und er mußte genau da liegen, wo er gelegen hatte, als er die Möwe beobachtet hatte. Sie war weg.

"Die Fotos", schoß ihm jäh ein Gedanke durch den Kopf und sofort tastete er nach seinen Taschen.

"Du darfst dich nicht bewegen, Andy, ganz ruhig", beschwichtigte Frey und hielt seinen Arm zurück.

"Wo sind die Fotos?" "Welche Fotos?"

"Sind sie in meiner Tasche?"

Frey schob seine Hand in Andys Taschen und fand einen glitzernden Stein, ein Taschenmesser und ein braunes Taschentuch, aber keine Fotos.

"Sie haben sie mir weggenommen. Sie haben mir meine einzigen..."

"Schscht, reg' dich nicht auf. Der Doktor wird bald hier sein."

Andy wimmerte leise, er hatte das Gefühl, zwanzig Pferde seien auf seinem Körper herumgetrampelt. Alle Knochen taten ihm weh. Aber noch viel schlimmer plagte ihn der Verlust seiner Fotos.

"Anderson, wo waren Sie denn? Sie sollten doch auf Andy aufpassen!" knurrte Frey verärgert als Anderson und Collins mit dem Arzt herbeieilten.

Andy legte den Kopf in Richtung der herannahenden Stimmen und sah im Sand die Stablampe liegen. Das Schutzglas war zerbrochen.

"Was machst du denn für Sachen, Andy?" fragte Anderson beunruhigt und kniete neben ihm nieder.

"Tom, sie haben mir die Fotos weggenommen."

"Wer hat sie dir weggenommen?"

"Bitte treten sie doch beiseite", brummte der weißbärtige Arzt mit der auffallenden Stirnglatze und stellte seine braune Ledertasche mit den Instrumenten neben Andy hin.

"Nein - nein - nein, ich will nicht!" brüllte Andy mit sich überschlagender Stimme und wand sich wild im Sand wie ein gefangener Panther.

"Was hast du denn, Andy? Er will dir doch nur helfen", beruhigte ihn Collins erstaunt.

Der Arzt zog eine Spritze auf und sagte trocken: "Will mir mal jemand den Jungen halten!"

Andy sträubte sich aus Leibeskräften, schlug verzweifelt um sich und verletzte sich damit am scharfen Rand des Schutzglasrings der Stablampe. Dann spürte er wie Collins, Frey und Anderson ihn festhielten. Ein Stechen in der Ellbogeninnenseite. Bald darauf wurde ihm wie- der schwarz vor Augen.

Der Geruch von frischer Wäsche strömte ihm mit jedem Atemzug in die Nase und eine wohlige Wärme umgab ihn. Er war jedoch noch unendlich müde, so müde, daß er nicht die Augen öffnen, sondern noch weiterschlafen wollte.

Wo war er, was hatten sie mit ihm gemacht? Hatten sie ihn getötet? "Quatsch mit Sauce", murmelte er und rutschte unter die Decke.

Aber was hatten sie mit ihm gemacht? Auch wenn sie ihn nicht getötet hatten, irgend etwas mußte mit ihm geschehen sein.

War es nun Tag oder Nacht?

"Ah - nein!" stöhnte er im Halbschlaf. Es wäre noch früh genug, wenn er dies morgen herausfinden würde, jetzt fühlte er sich einfach hundemüde... Aber wann war morgen?

"Nein! Jetzt will ich schlafen!" schrie er sich in Gedanken an und wollte damit jede Gehirntätigkeit ersticken.

Wo waren die Fotos? War er nun tatsächlich in dem Bunker gewesen, hatte er das alles richtig erlebt? Wieviel Uhr war es denn?

"Nicht! Schlafen will ich jetzt und nicht..."

"Die Fotos!" hämmerte es weiter, und damit war es endgültig um seinen Schlaf geschehen. Denn auch das Herz begann gleich energisch zu klopfen.

Jetzt mußte er einfach wissen, wo die Fotos waren. Hier und jetzt! Andy drehte sich im frisch bezogenen Bett von der Seitenlage auf den Rücken und begann ganz vorsichtig und behutsam, seine Augenlider zu heben. Er wollte jederzeit die Gelegenheit haben, sie wieder schließen zu können, wenn ihm die Umgebung unbehaglich erscheinen sollte.

Aber dazu gab es keinen Grund. Er befand sich in seinem Hotelzimmer, tief eingebend in frische Laken, und die Sonne schien grell und leuchtend durchs milchige Fensterglas. Er war allein.

Neben dem Bett auf dem wackeligen Rohrstuhl lagen fein säuberlich zusammengefaltet (bestimmt frisch gewaschen und gebügelt) sein Sweatshirt, die Jeans und Unterwäsche. Aber wo waren die Fotos?

Auf der schmalen Ablage beim Waschbecken entdeckte Andy neben dem verkalkten Zahnputzglas, in dem seine gelbe, etwas struppige Zahnbürste steckte, aufgereiht den Glitzerstein, das Taschenmesser mit zugehöriger Kette und das Taschentuch. Aber wo waren die Fotos?

Aufgeregt wand er sich unter der Decke hervor, schnellte aus dem Bett. Er fühlte erst jetzt, wie ausgeschlafen er im Grunde war. Seinem dunkelblauen Morgenmantel einen verächtlichen Blick zuwerfend, stürmte er im Pyjama und barfuß aus dem Zimmer in den Flur. Er hatte einfach keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Tom, er mußte jetzt unbedingt zu Tom.

Andy hängte sich an die Türklinke und platzte in Andersons Zimmer. Er war nicht da. Auf dem Bett lag Toms schwarze Reisetasche und daneben ein kleiner Reisekoffer. Genau so einer, wie Andy ihn auch hatte, nur hatte seiner ein helleres Braun und dieser hier hatte dazu noch einige schwarze Wasserflecken im Leder.

Ein großer Wecker klackte aufdringlich in der Ecke auf der zerkratzten Holzplatte des Nachttischs: Es war jetzt genau achtzehn Uhr. Regiebesprechung? Aber Tom ging sonst nie zu den Regiebesprechungen. Alles deutete darauf hin, daß Tom eben noch im Lehnstuhl gesessen und im aufgeschlagenen Jerry Cotton Krimi gelesen hatte. Er schien überhaupt diese Art von Lektüre in Massen zu verschlingen. Andy fielen gleich neben dem Fenster am Boden zwei große Stapel solcher Heftchen ins Auge.

Etwas verwirrt und mit vielen offenen Fragen beschäftigt, ließ sich Andy in den Lehnstuhl fallen und griff das aufgeschlagene Heftchen vom Boden...

"Sie haben Jack Himes die Kohle geklaut. Roger, dieses Schwein, hatte alles ausgepackt. Zeitpunkt und Ort der Übergabe..."

.Andy schielte scharf über den Rand der Seite. Er entdeckte, daß unter dem Heftchen seine Fotos lagen. "Waas?! "

Wie vom Blitz getroffen starrte er auf das kleine Häufchen vor ihm am Boden, und alles in ihm geriet ins Wanken. Wie kam Tom dazu? Tom ein Spion? Er hatte doch das seltsame Telefonat gehört, oder war es tatsächlich ein Funkruf gewesen! Gehörte Tom zu den Leuten mit dem Dreieck auf der Uniformtasche?

"Hallo Siebenschläfer. Na, endlich aufgewacht?" Andy fuhr erschrocken zusammen, schmetterte das Heftchen wütend auf den Boden und hielt Tom die Fotos hin. "Wieso haben Sie mich belogen? Gehören Sie etwa auch zu denen..."

"He, Moment mal. Du schläfst über einen Tag ohne Unterbrechung, dann finde ich dich plötzlich in meinem Zimmer vor, und dann schimpfst du auch noch lauthals über mich. Was ist denn los?"

"Ich habe es neulich genau gehört! Sie - Sie sind ein dreckiger Spion, wie die Kellnerin und die anderen! Sie haben mich nur benutzt..." schrie Andy verzweifelt, rannte heulend in sein Zimmer und verriegelte die Tür. Heiße Tränen rannen ihm über die Wangen. Wieso hatte ihn Tom - sein einziger Freund hier - so betrogen und ausgenutzt? Er hatte ihm vertraut...

"He, Andy!" rief Tom und rüttelte energisch an der Tür. "Nu' sei doch vernünftig. Ich habe dir doch nichts getan. Ich weiß ja nicht mal was läuft!"

"Gehen Sie weg. Bitte gehen Sie..." und Andy warf sich heulend in sein Kissen. Wenn er nun Tom unrecht getan hatte? Aber er hatte doch die Fotos gehabt. Vielleicht hatte er sie am Strand aufgesammelt und sie für ihn aufgehoben? Vielleicht wollte er ihn damit überraschen, ihm eine Freude machen, und jetzt? Aber warum hatte er gefunkt und versuchte, es zu verheimlichen?

Bestimmt war er ein Spion, einer von denen. Wer mochte bloß alles da- zugehören? Die schwarzhaarige Kellnerin mit den großen Ohrringen, der seltsame Arzt mit der ausgeprägten Stirnglatze - und Tom? Wem konnte er jetzt noch trauen? Andy wartete, bis er hörte, daß Tom von der Tür weg war. Wahrscheinlich war Tom wieder in sein Zimmer gegangen, denn Andy hatte eine Tür zuschlagen hören. Geplagt von tausend zermürbenden Fragen, setzte er sich wieder auf und holte die Fotos unter seinem Pyjamaoberteil hervor - seine Fotos.

Aber ... Andy schluckte leer, das waren ja gar nicht seine Fotos! Ja - Dad war drauf und...

Wie von der Sehne geschnellt schoß er auf, sprang zur Tür und würgte den alten Schlüssel brutal im müden Schloß herum, dann sprang die Tür ächzend auf.

"Tom! " rief er, stürmte, wie ein Wirbelwind durch den Flur und klopfte hart an Andersons Zimmertür. Sein Puls raste, es waren beinahe keine einzelnen Schläge mehr, sondern nur noch ein Flimmern, aber das kümmerte ihn jetzt nicht sonderlich.

Keine Antwort kam.

"Sind Sie..." Andy drückte aufgeregt die Klinke runter und öffnete. Tom war nicht da und das Krimiheftchen lag noch genau so zerfetzt und anklagend auf dem Fußboden, wie er es in seiner blinden Wut hin- geschmissen hatte. Jetzt schämte er sich seiner Untat und fühlte ein dringendes Verlangen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Andy ließ sich auf die Knie fallen und begann, die herumliegenden Seiten einzusammeln. Wie unrecht hatte er Tom getan. Er hätte es wirklich besser wissen müssen. Tom war hier sein einziger Freund, und gerade den hatte er jetzt verloren.

Schritte näherten sich. Es waren bekannte, große Schritte. Andy beeilte sich, denn er hatte jetzt fast alle Seiten wieder beieinander.

"Das ist aber eine Überraschung."

"Tom", hauchte Andy und blickte in Toms graue Augen, die, wie es ihm jetzt schien, noch viel trauriger auf ihn nieder schauten, als sie es sonst taten. "Es tut mir so leid... Ich habe alle Seiten wieder eingesammelt. Aber vielleicht sind sie nicht ganz der Reihe nach."

"Oh, Andy... Wollen wir uns wieder vertragen?"

In diesem Augenblick hätte Andy hunderttausend Luftsprünge gleichzeitig machen können. Tom hatte ihm vergeben, sie waren wieder Freunde! Ein großes Glücksgefühl überkam ihn, wie er niemals ein größeres hätte empfinden können. Andy raste los und warf sich mit all seiner Kraft in Toms offene Arme.

"Sie haben Dad gekannt!"

"Ja, Andy - Phil Carson war mein bester Freund. Zusammen gingen wir durch dick und dünn. Als er dann deine Mum kennenlernte, war es Liebe auf den ersten Blick. Doch bald kam alles anders. Wir stürzten mit der Rockwell ab, ich überlebte, er nicht. Damals erfuhr ich zum ersten Mal von der Geheimorganisation mit Namen DELTA. Sie hatte bei dem Absturz die Finger im Spiel!"

"Ist das nicht so ein Dreieck?" fiel Andy dazwischen und berichtete aufgeregt von seinem Erlebnis in der Festung.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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