Adrian Braissant

Delta: 7. Das Semaphor

Fast zwei Stunden später, als der Opel wieder in die belebte Landstraße mit den gelben Mittelmarkierungen einbog, glaubte Andy zum Kamel oder Dromedar mutiert zu sein. In seinem Magen (der jetzt eher einem Höcker glich) glucksten Sirupreserven für mindestens zwei Wochen. Andy nahm sich fest vor, Marie in der nächsten Postkarte davon zu berichten. Ob sie wohl auch solchen Sirup machen konnte wie dieser seltsame, beinahe unheimliche Sam?

"Ist Sam immer so?"

Tom sah kurz zu Andy rüber und schmunzelte: "Immer."

"Hm - ich müßte mal.

"Was, jetzt schon? Hättest du das nicht bei Sam erledigen können?"

"Schon, aber hinterm Haus in dieses Holzhäuschen..."

"Ah, verstehe. Na gut. Ich halte gleich da vorne mal an."

Andy huschte aus dem Wagen und schlug sich in die dichte Buschhecke, die die Straßenausbuchtung umrandete. Er horchte. Irgendwo hatte er doch eben Stimmen gehört? Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich um so etwas lange Gedanken zu machen.

Es war aber keine Täuschung gewesen, er hätte doch besser daran getan, sich umzuschauen, denn er wurde beobachtet. Ein junges Paar saß unweit seines Versteckes auf Klappstühlen und schien offensichtlich darüber amüsiert zu sein, daß er sie erst so spät bemerkte. Andy hätte sich beinahe über die Finger gepinkelt, als er, so schnell es eben ging, aus dieser blamablen Situation zu flüchten versuchte.

Als er wieder in den Wagen stieg, hantierte Tom gerade am Radio herum und suchte einen Sender. "Na - können wir?"

"Ja, alles klar", entgegnete Andy und war erleichtert, daß Tom keine weiteren Andeutungen machte.

Der Anlasser nuckelte, und der Motor lief mühelos an. Tom legte den ersten Gang ein und beschleunigte rassig.

"Wie lange kennen Sie Sam schon?"

"Seit ich ihm unterstellt wurde, damals, als er die Untersuchungen leitete, die die Absturzursache der Vigilante klären sollten. Sam ahnte sofort die Verbindung zu Delta, da er sich schon lange zuvor mit der Organisation beschäftigt hatte."

"Dann waren Sie nie Lehrer?"

"Eigentlich nicht, Sam hat mir die Stelle besorgt, weil er Frey schon länger verdächtigt hatte, für Delta tätig zu sein. Hast du's denn gemerkt, daß ich kein Lehrer bin?"

"Natürlich..."

"Was - war ich so schlecht? Dabei habe ich in der Schule immer am Fenster gesessen, um besser zu werden."

Andy schmunzelte wie ein Honigkuchenpferd. "Nein, eben nicht! Lernen hat mir noch nie so viel Spaß gemacht wie bei Ihnen. Ich glaube, bei Ihnen habe ich viel mehr gelernt, als bei allen anderen, richtigen Lehrern."

"Vielleicht war ich nur nicht so streng?"

"Nein, ehrlich. Sogar Mathe ist bei Ihnen spannend. Sie können eben alles gut erklären, mit Beispielen und so, daß man sich das richtig vorstellen kann."

"Oh, danke, Andy. Du willst dir wohl im verabredeten Algebratest ein paar Sonderpunkte sichern, oder?"

Andys Lippen strafften sich wieder, er strahlte, dann begann er am Mittelwellenradio herumzudrehen. Es knatterte und kratzte im Lautsprecher, doch plötzlich trat das Rumpeln in den Hintergrund und die Beatles schmetterten durch den Äther.

„Help...“

"Hey - das ist Supersound!" kreischte Andy in voller Begeisterung, während er im Takt auf seine nackten Oberschenkel klatschte.

"Ja, tolle Musik. Wußte nicht, daß du einen so guten Geschmack hast!"

"Hab' ich auch nicht. Herr Roth stellt das Radio immer gleich aus, wenn solche Musik kommt. Er sagt, es sei keine wertvolle Musik und würde uns ein schlechtes Beispiel geben. Dafür müssen wir so langweilige klassische Scheiben hören. Da ist einfach kein Schwung drin."

"Als minderwertig würde ich die leichte Musik nicht gerade bezeichnen. Dauernd nur Anspruchsvolles zu hören ist schließlich anstrengend. Manchmal braucht man eben etwas Leichtes zur Entspannung."

Tom stellte den Blinker und überholte einen klapprigen Citroën-Lieferwagen, den nur noch seine mattgraue Farbe zusammenzuhalten schien.

"Wie ist denn dieser Herr Roth sonst? Das war doch der, der dich ins Studio gebracht hat, nicht?"

"Ja. Oh, er ist ganz okay - nur eben streng."

"Ich habe ihn kurz im Flur getroffen. Er sah wirklich finster aus. Schlägt er euch Jungen manchmal zur Strafe?"

"Ja, manchmal..."

"Hast du denn auch schon..."

"Ja - schon. Aber..."

"Komm laß es. Vorbei ist vergessen. Ich bekam auch oft Prügel. Man sagte, ich sei schwierig. Na ja, mag sein. Vielleicht bin ich es noch heute..."

"Sie sind super, Tom!

Tom lächelte, warf Andy einen vergnügten Blick zu und setzte an, als wolle er etwas sagen, ließ es und fuhr ihm statt dessen übers dunkelblonde, etwas zu lange Haar.

 

Tom hatte nicht die Abzweigung zur Bucht genommen, sondern war geradeaus weitergefahren, bis ganz nach vorne zur Pointe du Raz. Er parkte den Opel auf dem großen Parkplatz hinter dem Museum. Andy hatte ein seltsames Gefühl in der Magengrube gehabt, als er im Vorbei- fahren die Bunkerruinen der Festungsanlagen gesehen hatte. Keine zehn Pferde hätten ihn jetzt wieder dahin gebracht.

Tom schloß den Wagen ab und nahm Andy bei der Hand. Es war siebzehn Uhr und die Sonne hing noch hoch am klaren Spätjunihimmel. Die Buden und das Museum mit den merkwürdig verschnörkelten Figuren am Eingang waren bis auf zwei Ausnahmen geschlossen. Nur vereinzelt trappelten Touristen im Budendorf umher, fuchtelten mit ihren Kameras in der Gegend herum, um bald im Hotel Relais de l'Atlantique zu verschwinden.

Andy fiel ein dicker Mann mit knalligem Schlapphut auf, der nervös am Objektivring seiner Leica herumfingerte und dabei manchmal musternd zu ihnen rüber schaute. Bestimmt glaubte er, Tom sei sein Dad, dachte Andy, und der Gedanke wärmte ihn sehr.

"Siehst du, Andy, das ist nun das Semaphor", sagte Tom, als sie bei der Creperie les Mouettes um die Ecke bogen und das Budendorf in Richtung Aussichtsplateau verließen. "Es ist ein sehr wichtiger Küstenwachtposten. Bei Tag und bei Nacht, egal welcher Sturm gerade tobt, die Männer im Turm da oben leisten ihren Dienst."

Andy beobachtete die drehenden Radarantennen, die er nicht mehr aus den Augen ließ, bis sie an der Mauer vorbei gegangen waren, die die ganze Anlage umschloß.

"Gehört das auch zu Delta?"

"Nein, ich glaube nicht. Die Leute im Turm wissen vermutlich nicht einmal, daß die Bunkerruinen von Delta zu neuem Leben erweckt worden sind."

Andy fühlte sich keineswegs zu alt, um bei Tom an der Hand zu gehen. Im Gegenteil, er genoß es sogar. Wann hatte er schon die Gelegenheit, im Internat von jemandem an der Hand gehalten zu werden?

Andy kletterte auf einen Felsen und setzte sich dicht neben Tom hin. Einige Zeit lang saßen sie wortlos nebeneinander und schauten in Gedanken versunken auf die gleißende See hinaus. Andy hörte weit weg eine Möwe schreien und war glücklich. So lange er bei Tom sein konnte, fühlte er sich nie einsam, brauchte vor nichts Angst zu haben und niemanden zu fürchten.

"Tom", sagte Andy nach einer Weile. "Was wird aus mir, wenn alles vorbei ist? Müssen Sie dann wieder weg?"

"Ja, wahrscheinlich."

"Werden Sie mich mal besuchen kommen?"

"Bestimmt. Und Andy, laß das Sie weg. Ich bin einfach nur Tom, okay?"

"Wann kommen Sie - eh, ich meine, wann wirst du mich besuchen kommen?"

"Ich weiß nicht..."

"Wirst du mich denn nicht schon bald vergessen haben?"

"Bestimmt nicht."

Andy schob seine Hand langsam auf Toms und sagte leise: "Ich wünschte, du könntest mein Dad sein. Dad hätte bestimmt nichts dagegen.“

Tom holte tief Atem, ließ seinen Blick in die Ferne schweifen und sagte: "Du hast viel von Phil. Du bist so ruhig und grübelst über alles nach, genau wie er. Ich bin sicher, er wäre stolz auf dich."

Dann stieg er vom Stein, drehte sich um und stand da, mit offenen Armen und sagte: "Na, spring' schon, Andy.“

Andy ließ sich in Toms Arme fallen und klammerte sich an ihn.

"Bitte, ich möchte immer bei dir bleiben."

"Ich glaube nicht, daß das gehen wird", sagte Tom nur leise, während sie sich auf den Rückweg machten.

 

Zum Abendessen gab es wieder die üblichen Meerestiere. Bald türmten sich vor den weißen Tellern hohe Schrotthaufen in rosa und schwarz auf. Da lagen die kunstvollsten Antennen in allen Größen und Längen oder krallige, schlanke Beine in verschiedenen Ausführungen. Jedoch am stärksten beeindruckt war Andy von den außen schwarzen und innen perlmutternüberzogenen Muscheln (nur wenn man sie nicht essen mußte). Selber saß er vor einem dampfenden Teller Fischsuppe, auf deren Geschmack er nur dank Tom gekommen war. Er wußte, daß draußen in der Küche bereits ein köstliches Schnitzel auf ihn wartete.

Die Kellnerin mit den großen Ohrringen und den langen Beinen trabte daher und stellte dem Kameramann Caspar Hild einen neuen Krug Wein hin. Caspar unterbrach sein, wie Andy schien, angeregtes Gespräch mit Frey und würdigte sie eines flüchtigen Blickes. Hild war ein hagerer, hellblonder Mann von ungefähr zweiunddreißig, wenn er sich aufregte, röteten sich seine Wangen zum Tomatenrot.

Jetzt regte er sich auf, und Andy hätte zu gern gewußt warum, denn Hild und Frey verstanden sich nicht besonders und redeten nur selten miteinander. Hild war ein Könner seines Berufes, und Collins hatte da- rauf bestanden, daß er mit dabei sein müsse.

 

Es war erst zwanzig Uhr gewesen, als Andy sich in sein Zimmer aufmachte. Er hatte allen gesagt, er wolle für den kommenden langen Montag ausgeruht sein und daher früh schlafen gehen. Doch in Wirklichkeit zog ihn das neue Buch von Tom wie ein Magnet an. Es lockte die Reise von 20.000 Meilen unter dem Meeresspiegel mit Kapitän Nemo und natürlich der legendären Nautilus.

Andy sprang im Hechtsprung aufs Bett (das seiner Meinung nach leider etwas zu wenig mitfederte), stützte den Kopf in den rechten Arm und schlug das Buch auf. Auf die erste Seite hatte Tom mit schwarzer Tinte und kunstvoller Handschrift eine Widmung geschrieben: "Ich werde dich nie vergessen. Denk daran: Ich möchte, daß Du lachst! Dein Tom Anderson.“

Andy las die Widmung mehrmals. Er sah sich schon mit Tom an einem prasselnden Lagerfeuer sitzen. Es war ein warmer Sommerabend und sie würden im Freien zelten. Vor ihnen läge ein klarer See, in dem sie jeden Tag miteinander schwimmen gingen. Es würde der schönste Urlaub werden, den er jemals erlebt hatte. Und bestimmt auch tausend- mal schöner, als die Abenteuer, von denen die Jungen im Internat immerzu erzählten, da war Andy sich ganz sicher.

Nach einer Weile schloß er das Buch wieder und wanderte ans Fenster. In weiter Ferne zog ein Frachter gemächlich dahin. Andy genoß es hinaus zu schauen, zu beobachten, wie es Nacht wurde, wie nach und nach die Lichter kamen. Gerade blitzte das mächtige Leuchtfeuer grell auf und suchte nach verlorenen Seelen.

Morgen würden die unangenehmsten Sequenzen gedreht werden, dachte Andy. Es waren die Szenen, vor denen ihm schon lange gegraut hatte. In einer Einstellung mußte er, in einem langsam sinkenden Boot ausgesetzt, hilflos herumpaddeln. Das konnte ganz schön kalt werden, wenn Collins lange herumnörgeln mußte, bis alles stimmte. Dann die endlose Wanderung durch einen elend sinkenden und brackigen Sumpf. Andy schauderte bei dem Gedanken daran, daß es dort vielleicht auch Blutegel geben konnte.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er unbedingt den Text noch mal gründlich durchgehen mußte. Es gab da so einige Stellen, über die er einfach nicht hinweg zu kommen schien. Andy wühlte in seiner Mappe und zog die zusammengehefteten Seiten hervor. Er würde sich nicht verkrampfen und nicht pauken, um die Stellen zu nehmen. Ein bis zwei Mal durchlesen, das war schon alles, denn mehr Aufwand hatte er noch nie benötigt. Es klappte dann immer irgendwie, wenn er vor der Kamera stand. Na ja, nicht ganz immer, einige kleine Ausrutscher gab es schon mal.

Wollten nicht morgen auch ein paar Presseleute bei den Dreharbeiten zusehen? Andy fürchtete sich vor peinlichen oder gar unangenehmen Fragen, bei denen er um eine Antwort ringen mußte. Tom hatte versprochen, dabei zu sein, wenn die Reporter ihn interviewten. Er wollte denen einfach nicht alleine ausgeliefert sein wie ein gejagtes Reh. Und wenn sich bestätigte, was über Reporter erzählt wurde, dann mußten sie ihn sogar nach Delta fragen? Vielleicht waren auch Agenten dabei, die ihn ausquetschen wollten?

Andy fand den Gedanken so unbehaglich, daß er jetzt nicht mehr den Sprechtext studieren konnte. Er legte die Blätter zurück, knipste das Licht aus und setzte sich unters offene Fenster. Er brauchte dringend Abwechslung, wenn er in dieser Nacht ruhig schlafen wollte, und das mußte er. So beobachtete er die zahlreichen Warnlichter, die am Horizont nervös aufblinkten und niemals zur Ruhe kommen wollten und träumte von einem Urlaub mit Tom. Gerade schob der Leuchtturm der Ile de Sein seinen scharfen Lichtkegel über die dunkle See. Das monotone Rauschen der Brandung war von einzigartiger Ruhe. Es war jetzt genau zweiundzwanzig Uhr und schon recht dunkel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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