Adrian Braissant

Delta: 14. Ein Unfall

Andy rannte wie ein Wirbelwind den steilen Weg hinunter. Eine fremde Kraft riß ihn immer schneller vorwärts. Seine Füße konnten kaum noch mithalten.

Trotz der morgendlichen Frische schwitzte er wie ein junges Rennpferd. Sehr bald erreichte er die Hauptstraße, bremste ab und spähte mit leicht vorgebeugtem Oberkörper links und rechts um die vorgeschobenen Hausecken. Ein dunkler Kadett Kombi rumpelte mit einem toten Scheinwerfer vorbei und verschwand in der Kurve. Bald hörte Andy wieder das Bimmeln von Viehglocken, der Moment war nun günstig. Er überquerte die Dorfstraße und bog in die Lerchgasse am großen Platz ein. Sein Rennen war nun weniger stürmisch, als er am düsteren Lagerhaus vorüber eilte, die Simmenbrücke hinter sich ließ und die Bahnhofsstraße hinunter zur Station trabte.

Weder ein Mensch noch ein Tier war ihm bisher begegnet. Gut, er hätte in seiner Hast wahrscheinlich die meisten übersehen. Hauptsache war, daß ihn bisher keiner aufgehalten hatte. Jeder in der Gegend hätte sofort gewußt, daß er aus dem Internat ausgerückt war. Je länger dies nicht bemerkt wurde, desto mehr wuchs seine Chance, davonzukommen. War er erst mal weit weg, würde ihn keiner mehr kennen, und niemand würde mehr wissen, woher er einst gekommen war. Er war dann einer von vielen, denen keine besondere Beachtung geschenkt wurde.

Andy sah viele Lichter. Der Kiosk im verwitterten Holzschuppen neben dem Bahnhofsgebäude war geschlossen. Es fehlte die sonst übliche Menschenansammlung davor. Das Ausfahrtsignal flackerte dumpf rot, kein Zug stand bereit.

Ein Fahrplan war im Warteraum an die Wand geschlagen, Andy hatte ihn oft beim Vorbeigehen mit der Gruppe gesehen. Doch wie kam er jetzt unentdeckt dahin?

Auf den Bahnsteig konnte er unmöglich gehen, kein Mensch hielt sich dort auf. Er wäre sofort aufgefallen. Natürlich hätte auch der Bahnhofsvorstand in seinem hell erleuchteten Büro (von wo er den Bahnsteig wunderbar überblicken konnte) sofort gewußt, daß ein Junge, der allein um diese Zeit hier war, nur ein Flüchtling aus dem Internat sein konnte.

Andy wich hinter einen der Kastanienbäume zurück und beschloß, an der Bahnhofsrückseite entlang zum Toilettenanbau zu schleichen, der am anderen Ende an das Gebäude grenzte. Es sah aus wie ein großes L, wobei das Toilettenhäuschen den langen Aufstrich bildete und der kleine Grundstrich die Schmalseite des Bahnhofs war.

An dieser Schmalseite lag der hell erleuchtete Warte- und Schalterraum, und am äußersten Ende die Eingangstüre zum Büro. So konnte der kleine Hof vom Büro aus nur schwer beobachtet werden.

Mit großem Herzklopfen schlich Andy um die vordere Ecke des Toilettenanbaus und hockte nun im Schutze eines altertümlichen Zigarettenautomates, der genau zwischen der Damen- und der Herrentoilette stand.

Der helle Schein vom Warteraum zog lange Schatten über den schmutzigen Boden. Der Fahrkartenschalter schien unbesetzt. Dennoch traute Andy sich nicht gleich loszustürzen, denn was war, wenn er die Glastüre aufstieß und eintrat? Der Bahnhofsvorstand wurde ihn bestimmt hören und kommen. Es mußte einen anderen Weg geben. Viel- leicht konnte er von draußen den Fahrplan lesen?

Andy wartete noch eurige Sekunden, ehe er einen zweiten Blick zum Warteraum wagte. Die Luft schien immer noch rein.

"Jetzt oder Nie!"

Gehetzt warf er einen flehenden Blick zur Bürotür und spurtete los. Auf einmal flog die Glastüre zum Büro auf und eine Straßenmischung (an der wahrscheinlich ebenso viele Rassen beteiligt waren wie sie Haare im struppigen Fell hatte) preschte bellend auf Andy los, als wäre er ein Kaninchen, das zu jagen war. Andy erstarrte vor Schreck. Sein Herz hatte für einen Moment aufgehört zu schlagen. Er fühlte wie das Blut in seinen Adern gerann.

"Ich muß weg!" schrie sein Wille den gelähmten Muskeln zu. Dann stürzte er mit entsetzt gewerteten Augen der Damentoilette zu.

Doch er hatte zu lange gezaudert. Ein reißender Schmerz schoß wie hundert Pfeilspitzen ins Fleisch seines rechten Schienbeins. Andy brach zusammen. Das Bündel mit der Wurst und dem Brot wirbelte durch die Luft und knallte gegen das gespaltene Holz der Toilettentür.

Die schwarze Bestie zerrte wie wild knurrend an seinem Bein. Sie schüttelte, um es zu zerfetzen. Andy schrie!

In Gedanken hörte er ein schauderhaftes Knacken. Es war ihm, als zermalmten die spitzen Zähne gerade seinen Beinknochen.

"Hasso! - Komm hin!" hallte der Befehl aus dem Vorstandsbüro. Die Bestie ließ augenblicklich los und jagte zu Herrchen.

Heulend wälzte sich der Junge am Boden und umklammerte das blutverschmierte Bein. Der Schmerz war mörderisch und kaum auszuhalten. Andy taumelte am Rande einer Ohnmacht.

"Wer ist da?" gellte die gleich rauhe Stimme von der Tür. Ein schmaler Lichtkegel stach wahllos in die Dunkelheit. "Zeig dich, du Strolch!"

So schnell er konnte, schleppte sich Andy wimmernd hinter den Automaten und preßte die Lippen zusammen. Er durfte den Schmerz nicht heraus schreien, er durfte sich nicht verraten.

Der Mann tat einige Schritte und ging bald wieder zurück. Die Glastüre schwang ins Schloß, der Mann hatte aufgegeben.

Andy hielt die Augen fest geschlossen, während Blut wie warme Milch über seine Finger rann. Sein Blut!

"Muum - Dad, so helft mir doch!" schrie er verzweifelt in Gedanken, dann wurde es dunkel um ihn.

 

Nur zaghaft traute sich Andy wieder zu atmen. Entsetzliche Kälte durchströmte ihn. Er spürte, wie seine Finger klebten.

Verwirrt tastete er nach seinem Bein. Aber ein stechender Schmerz ließ ihn zurückzucken. Er riß die verweinten Augen auf.

Mit versteinertem Blick betrachtete er seine blutverschmierten Hände und dann den rotverkrusteten Stoff der Hose, der in Fetzen von seinem Bein hing. Den Boden zeichneten zahlreiche dunkelrote, vertrocknete Blutstropfen, die teilweise zu einem ganzen Fleck verschmolzen.

Andy lehnte zurück an den Automaten und schloß tief durchatmend die Augen. Ihm wurde übel. Konnte er es jetzt noch schaffen?

Nur langsam ließ in der Wunde das stechende Hämmern nach. Mit zittriger Hand tastete Andy nach seinem Bündel, knotete es auf und leerte den Inhalt. Rote Abdrücke zeichneten jede Stelle seiner Hand auf dem weißen Stoff.

Es durfte ihn nicht beeindrucken. Nicht mehr, er hatte eine Mission zu erfüllen, er mußte standhalten.

Äußerst vorsichtig wand er das Tuch um sein Bein und verknotete es sorgfältig an den Enden. Es hatte sehr weh getan.

"Ich muß weg. Niemand darf mich hier finden. Ich muß zu Tom!“

Sogleich schossen seine Hände in die Taschen seines Anoraks und glitten wenig später erleichtert wieder heraus, alles war noch da. Mühsam stemmte er sich hoch und sah das Brot und die Wurst da- liegen. Langsam wie ein Wurm kroch er über den befleckten Boden, griff aus Versehen in ausgespuckten Rotz und halbharte Kaugummireste, bevor er sein Essen erreichen konnte.

Die Salami roch noch würzig gut, auch klebte kein sichtbarer Schmutz an der Anschnittfläche. Dennoch wischte er sie am Anorak ab und steckte sie neben die Mappe in die Tasche. Das Brot legte er in die Kapuze und kroch der Herrentoilette zu. Dabei stieß er an einen Besen. Der klappte um und klatschte laut auf den Boden.

Erschrocken fuhr Andy zusammen und warf den Kopf zur Seite. Verängstigt starrte er zur Glastüre. Keine Reaktion.

So schnell er konnte, angelte er sich den Besen, stellte ihn auf und versuchte an ihm hochzuklettern.

Das Blut schoß in die Wunde und verursachte große Schmerzen, aber er gab nicht nach.

Als Krückstock war der Besen etwas zu lang, doch. vorerst genügte er. Jedenfalls gelang es Andy mit seiner Hilfe rasch in die Herrentoilette zu verschwinden. Mit jeder Minute wuchs die Gefahr.

Die Türe knallte zu. Andy lehnte am Waschbecken. Er versuchte, sich Gesicht und Hände zu waschen. Erfrischend sprudelte das klare Wasser über seine Hände und gurgelte dunkelrot verfärbt ins Ablaufrohr. Seife war keine mehr da. Lediglich ein kleiner Rest klebte am grauen Kunststoffröhrchen des blank verchromten Seifenhalters, der nur noch an einer verborgenen Schraube an der unsauberen Fliesenwand hing.

Jeden möglichen Rest versuchte Andy vom Röhrchen zu bekommen. Das Waschen machte ihm aber große Schwierigkeiten. Mehrmals hatte er das Gleichgewicht verloren und sich am Becken festhalten müssen.

Die Bißwunde begann wieder zu pochen. Andy hob den rechten Fuß und netzte den Verband. Es kühlte wunderbar und linderte.

Der Hahn gurgelte als er das Wasser abdrehte. Andy griff nach seinem Besen und wollte gehen, da verspürte er Drücken unterhalb des Magens, so als müßte er dringend mal.

Langsam stieß er sich vom Becken und wankte einige Schritte in Richtung Pissoir. Aber schon bald blieb er stehen. Ein penetrant beißender Geruch von Kampfer und Salmiak bohrte sich in seine Nase. Überdies fiel sein Blick auf eine braune Lache undefinierbarer Brühe, die unter der beigen Holztrennwand hervor sickerte.

Angewidert verzog Andy das Gesicht und machte kehrt. Der Druck in seiner Blase war ja eigentlich auch gar nicht so stark. Bestimmt würde er ohne weiteres damit noch etwas warten können.

Langsam öffnete er die Tür einen Spalt und spähte hinaus. Die hell erleuchtete Bahnhofsuhr zeigte jetzt bereits fünf Uhr an. Nun galt es, sich zu beeilen, er mußte fort sein, wenn sie im Sonnegg aufwachten.

Draußen stellte Andy den Besen wieder an die Wand und versuchte, ohne ihn zu gehen. Es gelang mit einigermaßen erträglichen Schmerzen recht gut.

In einem hinkenden Hüpfen humpelte er den Weg hinten um den Bahnhof zurück und betrat beim flackernden Ausfahrtssignal den Schotter. Er brauchte jetzt nur den Schienen zu folgen, die führten ihn bestimmt geradewegs talwärts zum nächsten Bahnhof Dort wollte er sein Glück nochmals versuchen.

Wenn ihn ein Zug unterwegs überraschte, würde er ihn schon recht- zeitig hören. Vielleicht würde es ihm sogar gelingen aufzuspringen!

Die Schienen führten ziemlich genau an dem Uferbord der Simme entlang. So konnte Andy immer wieder seine Wunde kühlen, und das war sehr oft nötig.

 

Er hatte die erste Talenge bereits weit hinter sich gebracht. Zweisimmen war dahinter verschwunden. Ab und zu fuhr ein Auto auf der etwas oberhalb verlaufenden Hauptstraße vorüber. Andy konnte manchmal die Scheinwerfer aufblitzen sehen.

Ja, er schaffte es, er kam vorwärts, er gab nicht auf Dad und Tom hätten auch niemals aufgegeben. Andy begann Stolz zu empfinden und stimmte ein Lied an: "Mit dem Pfeil und Bogen durch Gebirg und Tal."

Zielstrebig und unter Aufbietung aller Kräfte steuerte er dem Punkt zu, wo die Straße mit den Schienen kreuzte. Dahinter verschwanden die Gleise in dem schwarzen Loch einer schroffen Felswand. Die Straße überquerte die Simme und wand sich in die enge Simmenschlucht.

Erschöpft setzte sich Andy an den Straßenrand bei der Brücke und pflegte seine Wunde. Sie pochte wild und brannte wie Feuer. Zwei, drei Autos waren inzwischen an ihm vorübergerauscht und in der Schlucht verschwunden.

Mühsam versuchte Andy, wieder auf die Beine zu kommen und wankte auf die Brücke zu. Gerade streckte er die Hand nach dem Geländer aus, als ein weiterer Wagen dicht an ihm vorbeibrauste, er hätte ihn auch beinahe gestreift. Plötzlich flammten die roten Bremslichter auf. Der Wagen hielt. Das Getriebe kratzte. Der Wagen setzte zurück und hielt neben ihm. Ein Mann stieg aus. Andy sah es und wollte fliehen.

"Halt - halt, junger Mann. Wohin denn so eilig?"

Andy spürte eine kräftige Hand auf seinen Schultern lasten, traute sich aber nicht, sich umzudrehen. War es ein Polizist?

"Was ist denn mit deinem Bein?"

"Ach, nichts", sagte Andy und stützte sich etwas fester aufs Geländer.

"Sieht aber böse aus. Ich glaube nicht, daß du noch sehr weit damit kommst."

"Doch, doch, es geht schon..."

"Wovor hast du solche Angst? Ich möchte dir doch nur helfen. Ich bin Arzt."

Jetzt drehte sich Andy langsam um und spürte eine stützende Hand unter seine Schultern greifen. Er fühlte sich ertappt. Schuldbewußt schaute er den freundlich lächelnden Mann mit den leicht angegrauten Schläfen und der hohen Stirn an und senkte den Blick.

"Na, siehst du. Ich muß nach Erlenbach ins Spital zu meinen Patienten. Wie wäre es, wenn du mich begleitest?"

"Liegt das talabwärts Richtung Thun?"

"Ach dahin willst du? Ja, es ist in der Richtung. Es gäbe zwar auch ein Spital in Zweisimmen, doch ich glaube, du schaffst das schon bis Erlenbach. Ich würde mir deine Wunde nämlich gerne selber ansehen."

"Was kostet das? Ist es sehr teuer? Ich hab' nicht viel Geld..."

Der Doktor gab keine Antwort, sondern hob Andy auf seine Arme, öffnete die hintere Wagentür und legte ihn auf die Rückbank.

"So, Junge, in etwa zwanzig Minuten sind wir da. Wenn du willst, schlaf ein wenig."

Das Auto schaukelte, als der Mann einstieg und sich anschnallte. Er legte einen Gang ein und ließ den Motor etwas überlaut aufheulen. Hopsend beschleunigte das Fahrzeug und schlich in die Kurven als versperre dichter Nebel die Sicht. Offenbar konnte der Doktor mit Autos nicht so gut umgehen, dachte Andy, denn keinen Gang konnte er sanft einlegen, ohne zu rucken.

Langsam wurde es warm im Wagen, und Andy fühlte sich sofort viel besser.

"Mein Name ist Ärni und wie heißt du?"

„Andy.“

"Nur Andy?"

"Andy Carson."

"Was bist du so früh schon unterwegs?"

"Ich muß weg."

"Nach Thun? Wohnst du da?"

"Nein.“

"Du sprichst nicht gern mit mir, was? Na gut, wenn du nicht willst, werde ich dich nicht weiter belästigen. Frierst du?"

"Nein, danke. Es geht schon."

"Das ist gut so. Weißt du, ich spreche oft mit meinem Auto, während ich fahre. Es ist schon sehr alt. Es braucht das. Man muß ihm immer wieder gut zureden, damit es nicht streikt."

"Warum kaufen sie kein neues?"

"Tja, warum? Glaube, weil ich mich schon sehr daran gewöhnt habe. Hat dein Vater auch ein Auto?"

Andy stutzte eine Sekunde und sagte dann kurz entschlossen: "Ja, ein ganz neues, amerikanisches."

"So? Was arbeitet er?"

"Er ist Pilot bei..."

"Ist das wahr? Als Junge war es mein Traumberuf. Ist er bei der Swissair?"

"Nein - bei der US Air Force.

Doktor Ärni mußte bremsen. Eine Kuhherde überquerte die Straße. Jedes Tier trug eine große Glocke an einem breiten Lederband um den dicken Hals. Ein anderer Wagen schloß hinten auf und blendete durch die Heckscheibe. Ein Junge mit einer Rute trieb die Kühe an. Andy schätzte, daß er vielleicht in seinem Alter sein konnte.

"Hoh - hoh!" hörte er ihn rufen und blickte ihm durch die trüben Seitenfenster nach.

Langsam kam der Wagen wieder in Gang. Dem Hintermann ging es wohl zu langsam. Er setzte zum Überholen an, mußte aber gleich wie- der abbremsen, weil ein Fahrzeug mit aufblinkenden Scheinwerfern entgegen kam. Eine ganze Weile klebte er wieder hinten an der Stoßstange, bis er endlich nach dem Dorf und zwei scharfen Kurven überholte.

"Ein richtiger Spinner", bemerkte Andy und rechnete eigentlich mit keiner Antwort.

"Er hat es eben eilig. Ich habe schon viele von denen zusammengeflickt. Sind die besten Kunden."

Es begann leicht zu nieseln. Der erdig nasse Geruch durchzog rasch das Fahrzeuginnere. Andy schnupperte und war sehr froh, aus trockener und warmer Entfernung herausschauen zu dürfen.

Mühsam quietschten die Wischer über die Scheiben. Es entstand ein schmieriger Film. Der Doktor betätigte die Scheibenwaschanlage. Es wurde wieder klarer.

"Wie gut, daß ich das Ding noch rechtzeitig hab reparieren lassen. Eine neue Pumpe mußte eingebaut werden. War auch ganz schön teuer.“

Doktor Ärni blickte in den Rückspiegel und schaute Andy an: "Ich störe dich doch nicht beim Schlafen?"

"Nein, nein. Ich bin nicht müde."

"Na fein. Brauchst dich nicht mehr lange zu gedulden, bald sind wir da. Ich hoffe nur, Schwester Martha hat das neue Besteck besorgt. Du wärst derjenige, der es einweiht."

"Was für ein Besteck?"

"Werkzeug, mein Werkzeug."

"Müssen Sie mich operieren?"

"Nein, nein. Aber wahrscheinlich nähen. Damit du später keine große Narbe hast. Mädchen mögen zwar starke Männer mit Narben, aber so wie du heute schon aussiehst, wirst du keine Narben brauchen, um bei den Mädchen Chancen zu haben."

Der Doktor schickte ein nettes Grinsen über den Rückspiegel und betätigte wieder die Waschanlage. Die Wischer kämpften sich mühselig über die Scheibe und schmierten schließlich den Dreck zur Seite.

Andy schaute etwas verlegen aus der Seitenscheibe und steckte prüfend die Hände in die Taschen. Bestimmt schon zum x-ten Mal während dieser Fahrt.

Wurst und Mappe steckten unverändert sicher, sogar das Brot lag noch in der Kapuze. Nur Ferdy lugte etwas zu vorwitzig über den Saum der Tasche. Andy nahm ihn und stellte ihn auf seine Brust. Lange betrachtete er ihn still. Schließlich schmiegte er ihn an sich und streichelte ihn.

"Hast du's von deinem Vater?"

"Ja. Als Andenken, weil er so weit weg ist."

"Hast ihn wohl sehr gern, gell."

"Er ist der Beste, den's gibt!" Andy sagte diese Worte mit besonderem Stolz und begann vor Aufregung sogar zu schwitzen.

Doktor Ärni bremste, stellte, den Blinker nach links und bog in die Auffahrt ein. Das Spital bestand aus mehreren Gebäuden. Doktor Ärni steuerte um die Blocks, am Lieferanteneingang und den noch leeren Besucherparkplätzen vorbei, den Eingang des neueren, kastenartigen Baus an. Andy erkannte ein Schild, auf dem groß geschrieben stand: "Notfallannahme“.

"Bin ich ein Notfall?"

"Ja, eigentlich schon. Kein lebensgefährlicher, aber es muß etwas geschehen", entgegnete Doktor Ärni.

"Guten Tag, Herr Doktor", sagte die sofort herbeigeeilte Schwester.

"Tag, Schwester Martha. Hab den Jungen von der Straße aufgelesen. Scheint eine böse Beinverletzung zu haben. Bitte bereiten sie alles vor."

„OP?“

"Nein, ich glaube nicht."

Schwester Martha war etwa vierzig, vollschlank mit einem lieben Mondgesicht. Sie kam an den Wagen, warf rasch einen Blick auf Andy, lächelte ihm zu und klapperte in ihren Sandalen zum Eingang.

Der Doktor öffnete die Tür und nahm Andy wieder auf den Arm. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn.

Eine junge, schlanke Schwester mit aufgestecktem, hellblondem Haar hielt am Eingang wartend die Glastür auf. Andy erschrak beim ersten Hinsehen, dann schaute er sie sehr lange und tief an.

"Beinahe wie Mum auf dem Foto", dachte er ergriffen.

Die Schwester führte die Tür ins Schloß, dann sah Andy sie nicht mehr.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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