Adrian Braissant

Delta: 18. Verrat

Andy begann zu begreifen, und mit dem Erkennen wuchs die Angst. Was heute früh wie ein spannendes Abenteuer begonnen hatte, war auf einmal zur tödlichen Bedrohung geworden. Delta wußte von seinem Rachefeldzug. Sie hatten jeden seiner Schritte genau verfolgt. Es war Delta sogar gelungen, alle auszutricksen, selbst die Polizei. Oh, Tom hatte ihn ja gewarnt. Delta war noch nicht am Ende, so wie er es gehofft hatte.

Andy wurde es unendlich kalt. Die Angst grub sich immer tiefer in sein Inneres und rief eine plötzliche Übelkeit hervor. Für den Moment glaubte er, sich im nächsten Augenblick übergeben zu müssen. Er beugte sich nach vom. Säuerlich floß ihm der Speichel im Mund zusammen, und sein Magen gurgelte aufrührerisch. Reflexartig langte er zum Türöffner.

Herr Meier hob den Blick und grinste breit: "Keine Chance, Junge. Charlie hat die Türen zentral verriegelt."

Andys zittrige Hand zuckte jäh zurück. Er hatte das Gefühl, gerade einen elektrischen Schlag gekriegt zu haben. "Zentral verriegelt?" dachte er verwirrt und stellte fest, daß er nicht in der Lage war, richtig zu denken. In seiner Angst wußte er nur eins ganz sicher: Er mußte zu Tom, nur bei ihm war er sicher. Er hatte solche Angst vor dem Sterben.

In blinder Panik packte Andy die Klinke und riß sie energisch nach innen. Widerstandslos glitt sie zum Anschlag und federte schlaff wieder zurück. Entsetzt stufte Andy auf sie und packte erneut zu, diesmal noch fester als zuvor. Es war, als hinge sie haltlos in der Luft. Andy zog nochmals und nochmals, doch die Türe wankte nicht.

"Du dummer Junge", hauchte Herr Meier kalt lächelnd. "Erst jetzt erkennst du die Dinge, weil das Ende naht. Genau wie dein Vater. Auch er glaubte, die Seite wechseln zu können, als es schon zu spät war. Er hätte so viel Geld verdienen können und würde noch leben..."

"Das ist nicht wahr!" schrie Andy auf. "Dad hat nie zu euch gehört, er war ein Held! "

"Oh, ja, gewiß sogar." Herr Meier blätterte gelangweilt im Magazin herum und sah mitleidig wieder auf Andy nieder. "Er hat unsere Geschenke gern angenommen, ohne danach zu fragen, woher sie kamen. Als es dann an der Zeit war, uns einen kleinen Gefallen zu erweisen, wollte er plötzlich alles zurückgeben. Tja, aus unserem Club kann keiner aussteigen. Wenn er nur wüßte, wie sinnlos sein Tod gewesen ist. Unser U-Boot hatte auf ihn gewartet. Wir wußten, er würde so handeln, eben wie ein 'Held'."

Andy kniff vor Wut die Augen zusammen. Ihn schmerzte die Ohnmacht, mit der er diesem Herrn Meier gegenüberstand. Er wünschte sich, ein Mann zu sein, dann nämlich hätte er die Kraft, diesem Schurken an die Gurgel zu springen und sie ihm herauszureißen.

Der Jaguar bremste und hielt vor einer Baustellenampel an. Draußen auf dem Gehsteig beobachtete Andy eine junge Mutter, die einen Kinderwagen vor sich her schob. Andy schaute sie flehend an und hoffte, sie würde ihn ansehen, doch sie tat es nicht. Er holte Atem und wollte um Hilfe rufen, aber dann hielt er inne. Bestimmt war der Jaguar schalldicht.

Nach einer halben Minute wechselte die Ampel von Rot auf Grün. Charlie gab Gas, der Jaguar beschleunigte scharf, und bald beherrschte das dumpfe Brummen des Motors wieder das Schweigen. Es erschien Andy immer unheimlicher, endgültiger, ja geradezu bedrohlich. Wie ging es nun weiter? War das wirklich das Ende?

"Oh, nein", dachte Andy entschlossen und blickte steif aus dem Seitenfenster. Die Mappe war bei Fräulein Lücker in Sicherheit. So lange Delta dies nicht herausfand, konnten sie ihn nicht umbringen. Der Weg führte über ihn, ein Trumpf, mit dem er erst mal Zeit gewinnen konnte. Dann war da noch Kerstin, sie wußte alles und würde es Fräulein Lücker bestimmt sagen. Oh, nein, das Spiel war nicht zu Ende, es hatte erst begonnen.

Andy war fest entschlossen, hart zu bleiben und nicht zu reden, selbst wenn sie ihn dafür quälten. Er war überzeugt, auch die Polizei würde bald wissen, daß er entführt worden war. Und - vielleicht würde es sogar Tom irgendwie erfahren, es kam ja im Radio!

Der Gedanke an Tom verlieh ihm neue Kraft. Wenn Tom Bescheid wußte, dann hatte Delta gewiß nichts mehr zu lachen. Tom würde kommen, um ihn zu befreien, so wie er es schon mal getan hatte.

Beinahe grinsend schaute Andy zu Herrn Meier auf und dachte daran, wie dieser Herr Meier wohl aussah, wenn er in der Stunde seiner Rache um Gnade winselte.

Der Jaguar bog von der Hauptstraße ab und erreichte kurz darauf einen kleinen Hafen. Die Zentralverriegelung klickte, Charlie stieg aus und hielt Herrn Meier die Türe auf Gefühlvoll stieß er sie hernach wie- der zu, ging würdevoll um den Wagen und öffnete Andys Türe. "Du, jetzt aussteigen", hackte er mit französischem Akzent. Andy schob sich über die helle Ledersitzbank und belastete behutsam sein Bein. Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihn, als sich der Wadenmuskel spannte. Andy sank zurück und fuhr mit der Hand über den Verband. Das Bein war geschwollen.

"Charlie, die Krücken lassen wir im Wagen. Der Junge wird sie nicht mehr brauchen", rief Herr Meier so deutlich, daß Andy es auf jeden Fall hören mußte.

Charlie nickte vielsagend und reichte Andy die Hand zum Aussteigen.

Das Wasser des Thunersees war dunkel aufgewühlt und lebendig. Wellen spritzten aufschäumend an den Betonpier. Einige Segelboote hingen wankend wie verlorene Seelen an ihren Tauen. Der stetige Wind aus West riß an den Takelagen und schlug sie wütend an die Aluminiummaste, so daß ein klingelndes Läuten ertönte.

"Mach an", fauchte Charlie und stieß Andy vor sich her zu einem schwarzen Zodiac-Schlauchboot mit aufgeklapptem Johnson-Außenbordmotor.

Charlie zwang Andy mit brutaler Gewalt, sich im Boot neben den roten Benzintank auf das Bodenbrett zu setzen.

"Fahren Sie ihn hinaus. Ich muß noch was erledigen. Kommen Sie etwa in einer Stunde wieder", befahl Herr Meier, ging zum Jaguar und setzte sich ans Steuer.

"Ok, Chef“, bestätigte Charlie und riß am Starterseil des Außenbordmotors.

Der Motor sprang erst nach dem zweiten Versuch an, tuckerte unregelmäßig bockend und nahm schließlich das Gas widerwillig an. Gurgelnd glitt das Boot über die Wellen aus dem Hafen. Weiter draußen gab Charlie Vollgas. Das Boot bäumte sich vorne auf und schlug hart wie ein Brett rhythmisch auf die Wellen.

Andy hielt sich am Haltetau, richtete sich langsam auf und schaute auf den Thunersee hinaus. Zwei oder drei Fischerboote sah er draußen liegen, ein Kiesschiff tuckerte gemächlich dahin und stieß eine braune Abgaswolke aus dem vertikalen Auspuffrohr. Dann kam dahinter eine große Yacht zum Vorschein. Sie hatte eine wunderbar schlanke Linie, war komplett weiß gestrichen und lag fast still mitten auf dem See. Andy fiel auf, daß sie viel größer war, als die normalen Seeyachten hier, und sie sah auch viel teurer aus. Bestimmt konnte sie mühelos einen Sturm auf hoher See überstehen, dachte er, dann spritzte ihm Gischt ins Gesicht.

"Du nicht aufstehen!" rief Charlie und fuchtelte mit der linken Hand herum.

Andy verstand schon und setzte sich wieder hin. Sein Blick wanderte nun über die Wellen zurück zum Ufer. Der Außenborder schlug eine weiße Schaumspur ins dunkle Wasser, die sich nur langsam auflösten. Die Maste der im Hafen liegenden Segelboote wankten und wurden immer kleiner, bis sie schließlich nicht mehr auszumachen waren. Andy begann wieder zu frieren, als ihm der frische Herbstwind durch Pullover und Hemd blies.

Charlie fuhr erst eine Kontrollrunde um die Yacht, bevor er am Heck anlegte. Es schien niemand an Bord zu sein. Andy bestaunte die vielen Antennen auf dem Brückendeck - wofür die wohl gut waren?

"Du aussteigen", befahl Charlie. Andy kletterte die MeW1eiter empor an Deck-. Charlie band das Boot mit einem Nylonseil am Chromgeländer fest und stieß ihn vor sich her in den Salon. Offenbar hatte hier kürzlich eine Party stattgefunden, überall auf den Tischen standen überquellende Aschenbecher und jede Menge zum Teil noch halbvolle Kelchgläser. Der süßliche Duft von Likör durchzog schwer den Raum.

Weiter stieß Charlie ihn eine schmale Treppe hinunter zu den Kabinen, dann schloß er eine Tür auf und schubste ihn in eine Zweierkabine. Überhastig schloß er die Tür hinter ihm wieder ab und polterte die Stiege zurück nach oben.

Obwohl sehr eng, fand es Andy eigentlich ganz gemütlich hier drin, nur leider etwas dunkel. Mit zwei kleinen Bullaugen als Fenster konnte man wohl ohne zusätzliches Licht bei strahlendem Sonnenschein viel- leicht gerade ein Buch lesen.

Zwei Sessel standen um einen rechteckigen Marmortisch, der am Boden fest verschraubt war. Ein weinroter Faserteppich zog sich wie eine lange Zunge durch die Kabine und reichte an den Wänden ungefähr bis auf Knöchelhöhe empor. Das Sofa konnte laut Anleitung Mit wenigen Handgriffen in ein Doppelbett umfunktioniert werden. Ein Waschbecken hatte in der Nische hinter der Kabinentür Platz.

Andy warf sich auf das Sofa und zog Schuhe und Socken aus. Die Jeans schlug er sorgsam über die Lehne eines der Polstersessel, und seinen Pullover und sein Hemd hängte er an die Armlehnen. In der großen Schublade unter dem Sofa fand er Decken und Kopfkissen. Er bettete sich ein und rutschte so weit wie möglich unter die Steppdecke, so daß nur noch seine Nasenspitze hervorschaute. Erst jetzt wurde ihm langsam warm.

Nun hörte Andy über sich Charlie herumlaufen. Wahrscheinlich räumte er den Salon auf. Wo war bloß die Besatzung? Gab es überhaupt eine? Andy schlug die Decke über den Kopf, es wurde dunkel. Was war, wenn er das alles nur träumte? Vielleicht konnte er sich schon in einer Minute nicht einmal daran erinnern.

Von der Yacht gab es kein Entfliehen, sie war wie eine vergessene Insel. Zwar war er ein ganz guter Schwimmer, doch bis zum Ufer war es eine riesige Entfernung, die selbst ein Weltmeister kaum schaffte. Es gab nur diesen einen Weg: mit dem Boot. Delta hatte sich das sehr gut ausgedacht, sie brauchten ihn nicht zu bewachen und konnten dennoch an Land gehen, er saß in der Falle.

Andy atmete tief. Die Decke roch frisch nach Sonne, genau wie bei Omi früher. Er schloß die Augen und erinnerte sich, wie er, wenn er mal krank war, bei Omi im Wohnzimmer hatte auf dem Sofa liegen dürfen, um nicht allein zu sein.

Es polterte, Charlie verließ die Yacht. Andy hörte den Außenborder schnurren, dann sah er das Schlauchboot dem Hafen zurasen. Jetzt war niemand mehr an Bord, außer ihm. Er war allein.

Aufgeregt schlug er die Decke zurück und tappte über den weichen Teppich zur Kabinentür. Er hängte sich an die Klinke und rüttelte. Aus sachtem Ziehen wurde bald ein kräftiges Reißen, aber dennoch tat sich nichts weiter. Schließlich stemmte er mit aller Gewalt an der Klinke. Er biß die Zähne zusammen und ließ nicht nach, bis der Schmerz im Bein ihn zum Aufgeben zwang.

Resigniert trottete er zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und betrachtete sich forschend im Spiegel. Wie verwahrlost er schon aussah. Das Haar hing ihm wild in die Stirn, und sein Gesicht war verweint und schmutzverschmiert.

Zaghaft begann er, eine Grimasse zu schneiden, er konnte aber nicht darüber lachen. Omi hatte darüber immer gelacht. Tom hatte sogar mitgeholfen, und sie hatten einen Mordsspaß miteinander gehabt, aber nun? Nun war er ein Gefangener, ausgeliefert und wußte nicht, wie es weitergehen sollte. Andy wusch sich die Hände und das Gesicht. Irgendwie fühlte er sich allein dadurch schon etwas besser.

"Was auch immer geschieht, du mußt anständig und gepflegt aussehen. So wie die Leute dich sehen, so werden sie dich beurteilen", hatte Omi immer erinnert.

"Oh, Omi", seufzte Andy. Liebend gern würde er nochmals in den blöden Kindergarten gehen, wenn er nur Omi dafür wiederhaben könnte.

Wie das klare Wasser ihm so über die Hände plätscherte, fühlte er sich plötzlich unendlich durstig. Er beugte sich nieder und hielt den Mund in den Strahl, spuckte dann aber angewidert ins Waschbecken. Das Wasser schmeckte abscheulich brackig, abgestanden, faulig wie aus einem morastigen Tümpel. War es nicht Seewasser, kam es bestimmt aus einem Tank, dachte Andy. Tom hatte immer wieder geraten, an fremden Orten kein Wasser zu trinken, es sei denn, jemand sage ihm ausdrücklich, daß es Trinkwasser sei. Doch das hier war mit Sicherheit keines. Andy überwand den Durst, drehte das Wasser ab und trocknete das Gesicht mit dem Handtuch. Nachdenklich wandelte er hernach durch die Kabine, es mußte einfach einen Ausweg geben, es gab immer einen, er mußte ihn nur finden.

Die Zeit verrann. Andy setzte sich in einen Polstersessel und starrte auf die matte Marmortischplatte vor ihm. Er hatte keine Ahnung, wie viele oder wie wenige Minuten inzwischen verstrichen waren, jedoch eines war ihm klar, keine davon kam je wieder. Jede Sekunde, die er tatenlos herumhockte, war verloren. Wo nur lag der Ausweg?

Beinahe eine Stunde später tobte draußen wieder ein wilder Herbststurm. Heulend fegte er um die Yacht und peitschte Wellen auf Andy schlitterte aus leichtem Schlaf, döste eine Zeitlang vor sich hin und wachte schließlich vollends auf Mühsam erhob er sich aus dem Sessel und wankte zu einem Bullauge. Wassertropfen zogen schillernde Bahnen über das trübe Glas. Graue Regenwolken jagten in zerzausten Fetzen über den Abendhimmel, am Ufer blinkte Sturmwarnung.

Sogar die große Yacht begann mehr und mehr zu rollen und zu stampfen, leicht nur, aber Andy reichte es vollkommen, er hatte bereits ein flaues Gefühl in Magen. Er lehnte sich an den fensterbrettartigen Vorsprung unter den beiden Bullaugen und stand in Grätschstellung. Die sanften Bewegungen des Schiffes glichen ein wenig jenen eines Busses im Stadtverkehr.

Andy vernahm ein unheimliches Ächzen im Rumpf und schreckte auf. Hilfesuchend sah er sich um. Wenn nur die Ankerkette hielt, dachte er schaudernd und tappte etwas schlaftrunken zurück zum Sessel und zog seine feuchten Kleider wieder an. Was war, wenn die Yacht nun plötzlich unterging? Er hätte keine Chance, sich zu retten. Wie ein Galeerensträfling an der Kette, so saß er hier in seiner Kabine rettungslos gefangen.

Mit einem Mal vibrierte der ganze Boden unter seinen Füßen, und ein schweres Tuckern übertönte jegliches Sturmgeheul. Die Ankerkette rasselte, die Yacht nahm langsam Fahrt auf.

Neugierig hastete Andy zum Bullauge und starrte ungläubig hinaus. Wie war das nur möglich? Wie konnte ein Schiff losfahren, ohne daß jemand auf der Brücke stand, der es steuerte? Er war ganz sicher, keiner konnte inzwischen an Bord gekommen sein, das war einfach unmöglich, er hätte es auf jeden Fall hören müssen. Und wenn Delta ihn nun auf ein Geisterschiff gebracht hatte?

"Quatsch", dachte er, für alles gab es eine Erklärung. Oder etwa doch nicht? Und wenn es hierfür keine gab?

Andy konnte sich auf Anhieb an ein gutes Dutzend Geschichten erinnern, von denen ihm Herr Fuchs, der Gärtner im Sonnegg, erzählt hatte, wo auch unheimliche Dinge geschehen waren, die niemand zu erklären wußte. Oh, es gab sie, die überirdischen Kräfte, er war felsenfest davon überzeugt. Wer nicht daran glaubte, mußte verrückt sein.

Irgendwann später erinnerte er sich wieder an die vielen Antennen, die er zuvor auf dem Brückendeck bestaunt hatte. Womöglich konnte Delta das Boot fernsteuern? Ja, genau das war's. Wenn man ein Modellboot schon fernsteuern konnte, mußte so was doch auch möglich sein.

Die Yacht lief geradewegs in den nächstliegenden Hafen und legte millimetergenau an. Andy sah den Regen in unregelmäßigen Böen über den Asphalt peitschen, und im nächsten Moment entdeckte er den Jaguar am Pier stehen. Die Innenbeleuchtung war eingeschaltet. Nun stiegen vier Männer in dunklen Anzügen aus. Sie mummten sich in dunkelblaue lange Mäntel, schlugen die Kragen hoch und setzten breitrandige Regenhüte auf. Ein jeder trug außerdem einen schwarzen Aktenkoffer in der Hand, alle sahen sie genau gleich aus. Andy sah den Männern nach, bis sie die Yacht bestiegen. Nur wenig später hörte er sie dann über sich im Salon herumtrampeln.

Die Scheinwerfer des Jaguars flammten auf. Er fuhr die schmale Rampe hoch, die hinunter zum Pier führte, und verschwand hinter dem nächsten Haus. Währenddessen nahm die Yacht wieder Fahrt auf und steuerte geradewegs hinaus in die Dunkelheit.

 

Einige Minuten später vernahm Andy Schritte im Flur, die sich schnell näherten. Sein Herz klopfte vor Aufregung und er wich in die hinterste Ecke zurück. Die Tür sprang auf und das Licht ging an, dann stand Herr Meier wieder vor ihm.

"Los, komm raus. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei", sagte er schroff, riß ihn am Arm und zerrte ihn die Treppe nach oben. Im Salon zwang er ihn grob auf einen unbequemen Holzstuhl und band ihm die Arme mit Lederriemen an den Armlehnen fest.

Andy blinzelte gequält in die auf ihn gerichteten Tischlampen, in denen wohl um vieles stärkere Birnen brannten, als das gewöhnlich der Fall war. Erst nach kurzer Gewöhnungsphase gelang es ihm einigermaßen zuverlässig, die Umrisse zweier Tische zu erkennen, die in V- Form aneinandergestellt standen und deren Spitze genau auf ihn zeigte. Drei Männer saßen dahinter, aber es war unmöglich, ihre Gesichter zu sehen. Andy brannten die Augen. Er mußte sie schließen.

"Nun, Junge, du weißt, warum du hier bist."

Die Stimme klang dumpf und war nicht tragend. Sie klang wie die eines Buchhalters, der den ganzen Tag über kein Wort geredet hatte.

"Wo ist die Mappe, die dir Frau Kasens gab?"

"Welche Mappe?" fragte Andy stur zurück und rieb sich die Wange am linken Oberarm.

"Na gut, wie du willst", sagte die Buchhalterstimme scharf.

Im nächsten Moment trat ein großer Mann mit hellblondem Haar und runder Drahtbrille aus der Helligkeit. In seinem maskensteifen Gesicht saß ein breites, eisiges Grinsen. Blitzschnell schlug der Blonde mit dem Handrücken Andy hart ins Gesicht. Andys Kopf kippte zur Seite, der Schlag brannte wie Feuer auf seiner Wange. Mit Tränen in den Augen biß Andy die Zähne zusammen und schnupfte, er durfte nicht zeigen, wie weh es tat.

"Fällt es dir vielleicht jetzt wieder ein?" schnarrte die Buchhalterstimme aus dem Licht.

"Nein!" schrie Andy zurück. "Ihr habt Dad umgebracht. Ich werde Euch nichts sagen."

Die Faust des Blonden schoß vor und fuhr ihm in den Magen. Hustend und um Luft ringend, knickte Andy zusammen. Er spürte einen starken Schmerz in der Magengegend.

"Genug jetzt, Jack", hörte Andy Herrn Meier sagen.

Der Blonde trat zur Seite und verschwand wieder im hellen Licht der Lampen.

"Stell dir vor, Frau Kasens hatte letztens einen kleinen, bedauerlichen Unfall. Ihr ist eine Kerze heruntergefallen und schon stand das ganze Haus in Flammen. Eigentlich schade darum, es war so schön eingerichtet, fandest du nicht auch? Tja, sie war eine gute Mitarbeiterin, wir werden sie nie vergessen", sagte Herr Meier mitleidig.

"Was habt ihr getan?" keuchte Andy zwischen zwei Hustern.

"Wir?“

Eine, wie Andy schien, endlose Pause folgte.

"Hallo Andy", sprach plötzlich eine vertraute Stimme zu ihm.

"Tom!" Andy blinzelte ins grelle Licht, hob den Kopf und hustete verkrampft.

"Ja, genau. Schön, daß du mich noch nicht vergessen hast. Wie geht es dir?"

"Nein! Das ist nicht wahr!" schrie Andy sich die Kehle aus dem Hals. "Du bist nicht Tom!“

"Sag so etwas nicht. Ich will dir doch nur helfen. Sieh mal, die anwesenden Herren hier sind alle ehrenwerte Geschäftsleute. Sie bekommen immer, was sie wollen. Wie du erfahren hast, sind sie in der Wahl ihrer Methoden nicht gerade zimperlich. Ich konnte sie jedoch so weit bringen, daß sie mir versprachen, dich am Leben zu lassen, wenn du mir die Mappe gibst. Wolltest du sie mir nicht sowieso bringen?"

"Tom würde mich niemals verraten - niemals!" schrie Andy und stockte, als Jack wieder aus dem Licht trat.

Jack ließ seine Hand niedersausen. Ein feuriger Schmerz explodierte auf Andys Wange. Andy stieß ein unterdrücktes Wimmern aus. Nach dieser Ohrfeige hörte er eine Zeitlang sämtliche Glocken der Welt in seinem Ohr dröhnen, aber er weinte nicht. Er wollte ihnen dieses Vergnügen nicht bereiten.

"Überlege gut", sprach Toms Stimme weiter. "Ich werde es nicht verhindern können, daß sie dich töten, wenn du nicht vernünftig bist. Sage mir, wo du die Mappe versteckt hast. Sag's mir. Sag es! Oder sollten wir vielleicht Kerstin danach fragen?"

"Du kannst nicht Tom sein."

"Du weißt aber, daß ich es bin. Ich habe dir geschrieben, hast du's etwa schon vergessen? Ich habe auch die Fotos mitgebracht..."

Andy schüttelte energisch den Kopf und spürte, wie ihm warmes Blut aus der Nase tropfte. Er schnupfte und zerrte verzweifelt an seinen Fesseln.

"Du bist bestimmt müde vom langen Tag. Damit du siehst, daß ich es nur gut mit dir meine, wird Herr Meier dich jetzt wieder nach unten bringen. Schlaf über alles. Morgen früh sehen wir dann weiter, einverstanden?" schlug Toms Stimme vor.

Herr Meier trat herbei, löste die Riemen und führte Andy wieder nach unten in die Kabine.

Erschöpft und völlig niedergeschmettert warf sich Andy auf sein Bett, vergrub das Gesicht im Kissen und schluchzte verzweifelt.

"Nein, nicht Tom. Er ist es nicht. Er ist doch mein Freund, mein bester Freund..."

Andy schlief ein, noch ehe er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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