Adrian Braissant

Delta: 19. Im Aufwind

In dieser Nacht wurde Andy von vielen Träumen heimgesucht. Er träumte so intensiv, daß er bald nicht mehr wußte, ob er wirklich schlief oder bereits hellwach war. Mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit schossen ganze Geschichten an ihm vorüber wie die Bilder aus einer Zeitrafferkamera. Kaum hatte ein Abenteuer begonnen, war es auch schon wieder zu Ende und ein neues brach an.

Einmal war ihm heiß und in derselben Sekunde fror er in entsetzlicher Kälte. Feuer und Eis verschmolzen in den Träumen nahtlos zu einem Ganzen. Ängste und Wünsche wirbelten in kunterbuntem Wechselspiel durcheinander wie dürres Laub in warmem Herbstwind. Andy lachte und weinte viele Stunden lang - ihm kam es wie eine Ewigkeit vor.

Am frühen Morgen saß er dann kerzengerade in seinem Bett und rieb sich schlaftrunken die Augen. In seinem Kopf schwirrte ein ganzes Bienenvolk herum. Er konnte sich an rein gar nichts mehr erinnern. Lediglich sein wild pochendes Herz zeugte vom letzten Traum, der ein so aufregend schönes Gefühl hinterlassen hatte, daß er darum trauerte, ihn verlassen zu haben.

Hin- und hergerissen von unzähligen Eindrücken und Erlebnissen, erinnerte sich Andy nur quälend wieder daran, wer er war, wo er war und warum es so war.

Müde kämpfte er sich unter der Decke hervor und setzte sich auf den Rand des Sofas. Waren es nun mehrheitlich gute oder böse Träume gewesen? Was war, wenn er nun noch immer träumte?

Er schüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über den Verband und preßte die Lippen zusammen. Konnte sein Bein denn so schmerzen, wenn es ein Traum war?

Andy wußte es nicht sicher. Im Moment fielen ihm auch keine über- zeugenden Argumente ein, weder dafür, noch dagegen. Mit dem Grübeln kehrte die Beklommenheit zurück. Er fürchtete sich so sehr, wieder gefoltert zu werden und Schmerzen zu haben. Konnte es tatsächlich so sein, hatte Tom ihn wirklich verraten? Tom, sein Freund...

Andy stutzte. Er hörte Schritte über sich und verfolgte sie angestrengt. Bald würden sie ihn holen und oben wieder auf diesen gräßlichen Stuhl binden.

Verzweifelt fuhr er sich in die Haare und krallte die Hände darin fest. Würde er es nochmals durchstehen? Angst erfüllte ihn, er fühlte sich so allein und verloren in einer Welt, in der das Böse regierte, das jeden Hoffnungsschimmer zu erdrücken drohte.

Andy schüttelte die Gedanken fort. Seine Jeans klebten ihm an den Beinen und das Hemd war noch immer feucht. Schon begann er seinen Körpergeruch wahrzunehmen und fand sich so unendlich schmutzig, abstoßend, einfach widerlich.

Das Türschloß klickte. Aufs Schlimmste gefaßt, starrte Andy zur Türe und konnte kaum glauben, was ihm seine Augen zeigten.

"Morgen. Hier Frühstück", flüsterte Charlie munter, rauschte herein und stellte ein Tablett auf den Marmortisch.

Andy merkte sofort, daß Charlie irgend etwas fürchtete. Er hatte nur sehr leise gesprochen und sich dauernd umgesehen. Mit dem Rücken zum Flur, zog er sich dann auch schnell wieder zurück und verschloß hastig die Tür.

Vielleicht war es ja doch nur ein Traum, dachte Andy etwas verwirrt, er hatte aber keine Lust, darauf zu warten, bis er es herausgefunden hatte. Gierig stürzte er sich auf das Sandwich und schlürfte den heißen Schwarztee aus der Blechtasse. Bereits Sekunden später flog die Kabinentür erneut auf und schlug krachend gegen die weiße Stahlwand.

"Los, raus da! Wer hat dir erlaubt, zu frühstücken?" schrie Jack und fegte mit einem kräftigen Schwinger das Tablett vom Tisch. Klirrend flog es in die Ecke, der restliche Tee ergoß sich dunkel über den roten Teppich.

Andy schreckte zurück und hielt die Arme schützend vors Gesicht. Jacks Hand sauste nieder, aber sie schlug nicht zu. Unmittelbar vor Andys Wange stoppte sie, so daß er den Luftzug deutlich spüren konnte.

"Oben werde ich dich weiter bearbeiten", sagte Jack grinsend, wobei sich seine schmalen Lippen strafften, ohne aber die Zähne freizulegen. "Schließlich will ich dich nicht rauf tragen müssen."

Jacks etwas hervorquellenden Augen glänzten besessen durch die runden Brillengläser. Andy konnte seinen üblen Atem riechen und wich angewidert zurück. Sofort schoß Jacks Hand vor und suchte ihn zu fassen, aber Andy wich ihr gewandt aus. Jack schien das Spielchen zu genießen. Er verfolgte Andy wie eine Raubkatze durch die ganze Kabine, bis er ihn schließlich in die Nische an das Waschbecken gedrängt hafte. Andy spürte den harten Rand in seinen Rucken stoßen und lehnte sich möglichst weit zurück, doch das half nicht viel.

"Los, Jack, bring endlich den Jungen rauf. Wir wollen nicht ewig warten.

Andy erkannte die Stimme, es war die Buchhalterstimme, die jetzt gekräftigt und ausgeruht klang.

Wie auf Knopfdruck gehorchte Jack dem Befehl. Sein Grinsen verflachte augenblicklich. Grob packte er Andy am Kragen und stieß ihn die Treppe hinauf. Andy hörte einige Nähte in seinem Hemd reißen, der oberste Knopf sprang ab und prallte grell an die Stahlwand im Flur, bevor er lautlos auf dem Teppichboden landete.

Im Salon war es stockdunkel. Überall waren die Vorhänge vorgezogen. Die Lampen blendeten wieder, Andy blinzelte. Während Jack ihn auf den Stuhl drückte, fesselte Herr Meier seine Arme mit den Riemen an die Armlehnen. Andy fühlte, wie sich das Blut in den Armen staute. Er starrte ins Licht und leistete keinen Wider- stand. Nur oberflächlich nahm er wahr, was mit ihm geschah. Er versuchte es zu verdrängen. Er ahnte, was ihm bevorstand und wollte vorbereitet sein.

"Nun", sagte Toms Stimme hart. "Willst du mir nicht etwas sagen?"

Mit versteinertem Gesicht, ohne die Augen zusammenzukneifen, durchbohrte Andys Blick das grelle Licht der Tischlampen. Es sah aus wie ein riesiger Trichter aus leuchtender Masse. Orange, gelbe und purpurne Leuchtkugeln wirbelten wie Seifenblasen darin hemm. Wenn er sich ganz fest anstrengte, gelang es ihm sogar, einzelne davon zu steuern, sie nach seinem Willen tanzen zu lassen.

Ein harter Schlag klatschte auf seine Wange. Andy fühlte den Schmerz brennen, aber er drang nicht vollkommen in sein Bewußtsein ein. Irgendwoher hatte er die Kraft, ihn zu verdrängen.

Ein weiterer Schlag sauste hernieder. Andy wurde heiß und kalt zugleich, er schwitzte Tränen, aber er hielt stand. Wieder hörte er Toms Stimme sprechen, doch er gab sich keine Mühe, sie zu verstehen. Als Folge trafen erneut schmerzhafte Schläge seine Wangen. Er zuckte jedesmal, versuchte sie aber nicht zu zählen.

 

"Verdammt, es gibt Ärger!" rief Herr Meier plötzlich verstört da- zwischen.

Die Worte rissen Andy aus seiner faden Gleichgültigkeit wie die Schulglocke ihn aus dem Sprachunterricht zu erlösen vermochte. Seine Pupillen weiteten sich, er warf den Kopf herum, dann verlöschen auf einmal alle Lampen.

"Los, Jack, bring den Jungen runter", gellte Herrn Meiers Befehl. Ein klopfendes Hacken kam immer näher. Andy war überzeugt, daß er diesem Geräusch den Aufschub verdankte und freute sich riesig darüber.

Jack riß die Riemen auf und wollte ihn am Nacken packen. Andy je- doch wich geschmeidig aus und warf sich hinter einem Tisch zu Boden in die Dunkelheit.

Fluchend zerrte Jack die Vorhänge auseinander, seine Blicke schossen wie Feuerkugeln durch den Raum. Für einen kurzen Moment lenkte ihn das ohrenbetäubende Knattern aber so sehr ab, daß er durchs Fenster in den Himmel schaute.

Gerade diese Gelegenheit nutzte Andy, kroch behende unter dem Tisch hervor und stürzte auf eine Schiebetüre zu, die hinaus aufs offene Deck führte.

Jack brüllte im Zorn wie ein Stier und rannte dem Jungen hinterher. Dabei stieß er mit einem der Tische zusammen. Stahlbeine scharrten quietschend über den glatten Boden, Jack fluchte.

Andy sprang an die offene Reling und blickte in den Himmel. Ein riesiger Helikopter schwebte fauchend wie ein Drache über der Yacht. Farbige Drehlichter blitzten grell, es sah gespenstisch aus.

Glühend flehte Andy darum, nicht zu träumen, als er die große Aufschrift "UNITED STATES AIR FORCE" am Rumpf entdeckte. Es schnürte ihm die Kehle zu, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf Er konnte es kaum glauben, er mußte es wieder und wieder lesen.

"Tom! " rief er so laut er konnte und schwenkte freudig die Hand. Der Pilot stieß die Kabinentüre auf und gab Zeichen. Andy verstand schnell, der Pilot wollte, daß er über Bord ins Wasser sprang.

Ohne Zaudern schwang Andy sich auf die Reling. Da keuchte Jack heran und riß ihn brutal zurück. Andy verlor den Halt und fiel zu Boden. Mit Schrecken sah er, wie Herr Meier mit einem Gewehr auf die Brücke stürzte und auf ihn zielte!

Der Hubschrauber drehte ab und fauchte in niedriger Höhe über die Yacht hinweg. Herr Meier verlor das Gleichgewicht und fiel, dabei löste sich ein Schuß aus seinem bereits entsicherten Gewehr. Wie ein Hammerschlag prallte er gegen die Reling und pfiff dicht an Andys Ohr vorbei. Jack wich erschrocken zurück. Andy faßte sich sehr schnell und nutzte die Verwirrung. Behend überkletterte er die Reling und stieß sich vom Schiff ab in die Fluten. Wie ein Pfeil tauchte er ins eisige Wasser, der Schock war fast unerträglich. Andy folgte seinem Instinkt und schwamm in der Tiefe wie noch nie in seinem Leben. Als er das erste Mal zum Luftholen auftauchen mußte, befand er sich bereits ziemlich weit von der Yacht entfernt. Erneut peitschte ein Schuß durch die Luft und bohrte sich dicht neben seinem Kopf ins Wasser. Sofort tauchte Andy wieder unter. Diesmal hielt er es aber nicht mehr so lange unter Wasser aus. Langsam ließ er sich an die Oberfläche treiben und schaute sich keuchend um, da zerriß ein zischendes Kreischen die Luft. Ver- zerrt durch das viele Wasser in seine Augen, sah er einen grellen Feuerschweif sich vom Helikopter lösen. Eine Sekunde später schoß eine gewaltige Feuersäule aus der Yacht und riß sie augenblicklich auseinander.

Brennende Wrackteile wirbelten sirrend durch die Luft. Einige da- von regneten in Funkenschweifen wie Feuerwerkskörper vom Himmel und stachen zischend ins Wasser. Braunschwarz trieb eine gewaltige Rauchsäule über den Thunersee, die Explosion verhallte wie ein Donnerschlag.

Der Hubschrauber hing still über dem Rauch. Wo einst die Yacht gewesen war, schäumte das Wasser weiß auf, bald schon war nichts mehr zu sehen.

Kaum hatte sich der Rauch verzogen, schoß der Helikopter heran und hängte sich direkt über Andy in die Luft. Der Rotorwind peitschte Wellen auf, aber Andy blickte winkend nach oben und jauchzte vor Freude, bis seine Stimme versagte.

Ein Kranarm wurde ausgeschwenkt und daran ein Seil mit einer Rettungsschlinge herabgefahren. Andy schwamm in die Schlinge, streifte sie sich über und fixierte sie unter seinen Armen. Dann, auf sein Handzeichen hin, ging es wie von Geisterhand gehoben aufwärts Eine Zeitlang berührten seine Füße gerade noch die Wasseroberfläche. Andy hatte dabei das Gefühl, wie Petrus über das Wasser laufen zu können. Aber schon ging es höher und höher, während unten die Wellen immer kleiner wurden. Lange beobachtete Andy, wie Wasser aus seinen Hosenbeinen rann und von den Böen der Rotorblätter in alle Winde zersprüht wurde. Der klopfende Rotorenlärm und die heulende Turbine kamen immer näher, es roch warm nach Kerosin.

"Sam!" schrie Andy begeistert durch den fauchenden Lärm.

Sam fuhr den Schwenkarm ein und half Andy an Bord. Sie umarmten sich.

"Ist Tom auch da?" brüllte Andy außer sich vor Freude und reckte den Kopf, um in die Kanzel zu sehen.

"Was denkst du denn, wer da vorne sitzt?" schrie Tom zurück und grinste.

Andy wollte sich sogleich in die Kanzel stürzen, aber Sam hielt ihn zurück: "Halt, halt - mein junger Freund. Er hat jetzt alle Hände voll zu tun. Nimm die Sprechgarnitur. Damit kannst du mit ihm reden. Zum Sprechen immer die rote Taste da im Kabel drücken." Sam stülpte ihm einen dunklen, viel zu großen Helm mit aufgeklapptem Visier über und begann Andy so warm wie möglich in Decken zu verpacken.

Es kratzte in den Kopfhörern. Andy umklammerte die Sprechtaste und drückte sie langsam nach innen, bis ein leichtes Knacken ertönte. Er setzte zum Sprechen an, doch seine Stimme brachte keinen Ton heraus. Es war wie verhext, die Worte blieben ihm einfach in der Kehle stecken. Andy schluckte, sein Hals schmerzte vor Aufregung.

Sam sah es. Er legte ihm seinen Arm um die Schultern und nickte ihm aufmunternd zu: "Nichts überstürzen, Andy. Nur langsam, es geht schon.“

Andy holte tief Atem und versuchte es wieder: "Ich bin's...“, stammelte er leise und schluckte.

"Andy? Bist du gesund? Geht es dir gut?" fragte Tom ganz besorgt und warf einen Blick über die Schulter. "Ich hab' dich im Wasser treiben sehen. Sie haben auf dich geschossen. Ich konnte nicht anders, ich mußte die Yacht zerstören, um dich zu retten. Wie bin ich froh, daß dir nichts geschehen ist. Oh, Junge, es tut so wohl, dich zu hören..."

Andy brachte zwischen Schluchzern nur noch Wortfetzen heraus. Immer wieder fuhr er sich mit dem Ärmel über die Augen und wollte dann einen neuen Anlauf nehmen, aber es ging unendlich schwer.

"Dad - ich, ich meine Tom..." Andy rang nach Luft. „ich hab' dich überall gesucht."

"Ich weiß", sagte Tom. Seine Stimme klang warm und lieb, aber sehr müde. "Was hast du bloß auf dich genommen. Jetzt wird alles gut. Ich verspreche es dir. Ich bin sehr stolz auf dich."

Mit klopfendem Rütteln schraubte sich der Helikopter in die Wolken. Andy befiel ein Gefühl, als säße er in einem superschnellen Fahrstuhl. Er richtete sich auf und reckte den Kopf. Tom saß rechts in der Kanzel und zog den Hubschrauber in einer engen Kurve über den Thunersee. Das harte Klopfen verstärkte sich und endete in trockenem Knallen, ähnlich dem einer Peitsche. Sam zog ihn sanft wieder zurück und sagte: "Du mußt schon etwas Geduld haben. Bald wirst du ihn sehen."

Überglücklich hockte Andy neben Sam an der mit dunklem Nylonstoff bezogenen Trennwand und konnte seine innere Unruhe kaum bändigen. Er sehnte sich so sehr danach, Tom zu umarmen. Es war beinahe, wie in einem der schönsten Träume, aus denen er nicht erwachen wollte. Andy korrigierte sich schnell: Dies war viel schöner als jemals ein Traum gewesen war, denn dies war wirklich! Nun brauchte er keine Angst mehr zu haben, aufwachen zu müssen, es war echt und Tom saß da vorne in der Kanzel und steuerte den Jet Ranger, sie waren wieder zusammen.

 

Kurze Zeit später hörte Andy ein Krachen im Kopfhörer und lauschte gespannt.

",Andy?" fragte Tom.

"Ja?“

"Hast du eine Ahnung, wo wir jetzt hinfliegen?"

Andys Gedanken wirbelten wild durcheinander wie Schneeflocken im Wind: "Weiß nicht..."

"Na, komm, rate mal", bat Tom.

Sam sah zu Andy, lachte breit und zeigte seine blitzweißen Zähne.

"Ich - ich weiß wirklich nicht", stammelte Andy verlegen.

"Na, sag mal, du hast doch sonst so viel Phantasie", drängte Tom.

"Zum Sonnegg?"

Andy hörte ein fröhliches Lachen im Kopfhörer und schwitzte vor Aufregung.

"Jetzt paß mal auf', begann Tom, "und sag Sam, er soll dich festhalten: Nächste Station ist Thun. Schon in wenigen Minuten werden wir dort landen. Als erstes lassen wir gleich deinen Verband erneuern und...“

Tom stieß einen gedehnten Seufzer aus und strapazierte Andys Geduld damit aufs Äußerste. Andy saß mit angezogenen Knien da, umklammerte mit beiden Händen die Kapsel mit der Sprechtaste im Spiralkabel zum Helm, das ihm wirr über die Knie hing, und zerdrückte sie beinahe vor Spannung.

"Tja", fuhr Tom schließlich fort. "Wenn wir dich ordentlich herausgeputzt haben, bestellen wir uns ein Taxi und sausen im Eiltempo zu Jolanda. Sie hat dir doch ein Mittagessen versprochen?"

"Was! Fräulein Lücker?" rief Andy überwältigt.

"Ich würde annehmen. Sie kocht wirklich sehr gut", hakte Sam mit übertrieben ernster Miene ein und rieb sich den Magen.

"Ja", bekräftigte Tom nachdrücklich, "Sam hat gestern so reingehauen, daß ihm heute schlecht davon ist."

Grinsend sah Andy Sam an. Dieser zog die Augenbrauen hoch und schüttelte mit zusammengezogener Stirn den Kopf.

"Aber woher kennt ihr Fräulein Lücker?" forschte Andy.

"Sie hat mich angerufen, weil sie sich so große Sorgen um dich gemacht hatte. Die Mappe - du hattest sie doch bei ihr vergessen. Dort stand meine Adresse drin. Ich bin natürlich sofort wie ein geölter Blitz zu Sam. Er saß gerade in einem Bad und genoß den Feierabend."

"Ja, ja, dein Tom kann ganz schön hartnäckig sein. Es war damit nicht genug, daß er sich meinem Befehl widersetzte und dir trotzdem geschrieben hatte. Nein, er drohte mir, wenn ich ihm nicht auf der Stelle einen Jet Ranger besorgen würde."

"So flogen wir noch gestern abend nach Thun und übernachteten bei Jolanda. Sie ist eine ganz wunderbare Frau."

"Wahnsinn!" sagte Andy begeistert und konnte es kaum fassen.

"Kerstin hat mich übrigens sehr darum gebeten, dich nochmals wegen des Autogramms anzugehen. Ich finde, sie hat es sich wirklich verdient. Denk nur, sie hat ihre ganze Klasse zusammengetrommelt, alle haben sie nach dir gesucht, wie nach der Stecknadel im Heuhaufen, bis sich ein Zeuge fand, der dich gesehen hatte. Da noch nicht überall bekannt war, daß du schon wieder vermißt wurdest, hatte Kerstin große Mühe, die Hafenpolizei zu überreden, per Funk eine Anfrage an alle Schiffe zu richten, ob dich vielleicht wer gesehen habe. Es war ein Volltreffer, der Kapitän eines Kiestransporters meldete sich, konnte alles genau beschreiben. Ihrem Einsatz verdankst du es, daß wir dich so schnell gefunden haben", sagte Tom.

“Kerstin...“

„Oh, sie ist sehr beeindruckt von dir", sagte Tom weiter. "Ich habe mir deshalb gedacht, wir laden sie und ihre ganze Klasse zu deiner Filmpremiere ein, die übermorgen in München stattfinden soll. Dies natürlich nur, wenn du auch wirklich einverstanden bist."

Andy wollte was sagen, würgte krampfhaft herum und brachte dann doch kein richtiges Wort heraus.

"Hab' ich's mir gedacht", sagte Tom warm. "Ich wußte, du würdest dich darüber freuen.“

Wenig später landete der Hubschrauber auf der Thuner Allmend. Gegen Mittag dann standen Tom und Andy Hand in Hand vor Fräulein Lückers Haustüre und warteten. Sam drückte die Klingel. Aber eigentlich wäre dies gar nicht notwendig gewesen, sein Finger drückte noch auf den Knopf, als die Haustüre aufflog.

"Andy!" rief Jolanda mit offenen Armen. "Haben sie dich tatsächlich gefunden. Ich hatte solche Angst um dich, als ich eine Explosion hörte ...“

Überwältigt blieb Andy stehen und blickte mit großen, erstaunten Augen in die offenen Arme. Wie sehr hatte er sich doch immer gewünscht, so lieb empfangen zu werden. Nun wurde es Wirklichkeit!

Er stürzte los, so schnell er konnte, und warf sich in Jolandas Arme. Beinahe mußte er weinen und schämte sich ein wenig dafür. Er vergrub sein Gesicht tief in ihrer weißen Schürze, ein leises Schluchzen entfuhr seiner Kehle.

"He - he - he, Andy... Wirst du so schnell untreu?" sagte Tom und tat so, als wolle er wieder gehen.

Andy riß die Augen weit auf und fuhr herum. Er hatte jetzt keine Zeit mehr, sich darum zu kümmern, was ihm der Arzt im Krankenhaus geraten hatte. Er stürmte los und sprang Tom mit solcher Kraft in die Arme, daß dieser beinahe das Gleichgewicht verlor.

"Tom - bitte geh' nie, nie mehr von fort", flüsterte er ihm ins Ohr und schlang seine Arme fest um seinen Hals. "Ich habe dich doch so lieb."

"Ich dich auch, Junge - ich dich auch", sagte Tom, gab ihm einen dicken Kuß auf die Stirn und drückte ihn wieder fest an sich.

"Nun kommt schon rein, oder wollt ihr etwa da draußen Wurzeln schlagen?" drängte Jolanda gerührt und flüchtete ins Haus.

Von nun an ließ Andy Toms Hand nicht mehr los. Gemeinsam betraten sie das Haus und standen wenig später schon in der Halle. Andy zog die Schuhe aus und genoß den wunderbar kräftigen Duft, der die gemütliche Wohnung erfüllte. Bestimmt schmorte der beste Braten der ganzen Welt in Fräulein Lückers Ofen. Andy lief das Wasser im Mund zusammen. Er kämpfte gegen das Raubtier in seinem Magen, das wie wild nach Futter knurrte.

"Na, hast du Hunger?" fragte Tom und zerzauste ihm das frischgewaschene Haar.

"Und wie!" sagte Andy und sah Tom glücklich an. Tom lächelte ihm zu und knurrte wie eine Raubkatze. Andy konnte sich kaum noch einkriegen und kicherte freudig.

"Macht schon, ihr Löwen, das Essen wird kalt", mahnte Jolanda die beiden.

"Los, komm", sagte Tom und führte Andy ins Eßzimmer. "Es ist noch viel zu früh, aber Jolanda fand, sie müsse es tun."

Überall hingen glänzende Weihnachtskugeln von der Decke. Auf dem Sideboard an der Wand leuchtete ein buschiger Blumenstrauß und aus dem Hängeschrank darüber quollen bunte Papierschlangen, die wie Haare herabhingen.

Sam saß bereits am herrlich gedeckten Eßtisch. Andy bewunderte die strichen Gedecke auf dem Damasttafeltuch. Schließlich fiel ihm ein ganz besonderer Stuhl auf. Sein Herz tat einen großen Freudensprung. Das war sein Anorak, der da um die Lehne hing!

Heftig riß Andy Tom an der Hand und trabte mit ihm zu seinem Platz hin. Überglücklich zeigte er ihm Ferdy und die Mappe und sagte: "Alles da, siehst du, Tom." Er nahm Ferdy und drückte ihn an sich.

 

Sam hatte nicht zuviel versprochen, das Essen schmeckte wirklich königlich. Aber Andy war so aufgeregt, daß er kaum richtig essen konnte. Er mußte so viel erzählen und bemerkte kaum, wie schnell die Zeit verging. Als Jolanda den Nachtisch brachte, klopfte Tom feierlich an sein Weinglas und räusperte sich:

"Liebe Jolanda, lieber Andy. Dies ist bestimmt einer der schönsten Tage in meinem Leben. Gerade deshalb dränge ich nur sehr ungern. Aber Andy und ich haben heute Nachmittag in Bern noch einen wichtigen Termin einzuhalten, der sich unmöglich verschieben läßt..."

Wieder räusperte sich Tom, tat so, als müsse er nach Worten suchen und sah Andy dabei tief in die Augen.

"Warum?" fragte Andy schließlich aufgeregt.

"Na, was kann er da schon groß wollen?" fiel Sam ein und nippte an seiner Kaffeetasse.

Andy grübelte: "Urlaub vom Sonnegg, wegen der Filmpremiere?"

Tom grinste und Jolandas Augen leuchteten wie eine der Weihnachtskugeln.

"Die Vormundschaftsbehörde will mit dir ein ernstes Wörtchen reden", sagte Tom schließlich.

"Mit mir?" stieß Andy erschrocken hervor und hatte das Gefühl, aus dem neunzigsten Stockwerk in eine endlose Tiefe zu stürzen. "Werden sie mich bestrafen?"

"Du mußt ihnen etwas versprechen. Du mußt ihnen ganz fest versprechen, nie, nie wieder wegzulaufen, denn..."

Andy sah ernst zu Boden und sagte: "Jetzt habe ich alles vermasselt, nicht wahr?"

"... ab morgen unterstehst du meinem Kommando - sofern du einverstanden bist."

"Was?!" Andy fuhr hoch, sah Tom mit geweiteten leuchtenden Augen an: "Ist das wirklich wahr? Kann ich jetzt für immer bei dir bleiben - wirklich für ganz immer?!"

"Worauf du dich verlassen kannst", sagte Tom und schloß Andy in seine Arme.

Es klingelte an der Türe. Jolanda Lücker lächelte beim Herausgehen, Andy hatte es genau gesehen.

"Tag Andy", sagte Kerstin als sie eintrat scheu. "Wie geht es dir?"

Andy wandte sich überrascht ihr zu, zuckte die Achseln: "Danke, eigentlich ganz gut.“

"Habe mir gedacht, vielleicht magst du Plätzchen." Sie hielt ihm eine Blechdose hin. "Es sind keine verbrannten dabei."

"Oh danke! Danke für alles", stotterte Andy verlegen.

"Schätze, nun mußt du ihr das Autogramm geben", mahnte Tom und hielt ihm seinen Kugelschreiber hin.

Andy nahm ihn. Kerstin hatte ein Foto von ihm dabei. Andy sollte da unterschreiben, wo sie hinzeigte. Es entstand mehr ein Gekrakel. Andy war zu aufgeregt.

"Was wirst du jetzt machen?" fragte Kerstin weiter.

"Stell dir vor, Tom wird mein Dad. Wir ziehen zu ihm!"

"Wer ist hier wir?" forschte Sam mit angehobener Augenbraue.

„Na...“

"Halt, halt - Andy", bremste Tom lachend. "Darf Jolanda dazu auch noch was sagen?"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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